WM immernoch

27. Juni 2010

Zum heutigen Spiel empfehlenswert: Ten German Bombers, sogar in doppeltem Sinne. Wir wissen ja, RAF kämpft für Deutschland. Wobei anzumerken ist, daß im verganenen Jahrhundert Deutschland nun wirklich mehr als genug geschossen hat. Und wer zwei Kriege in den Sand gesetzt hat, kann auch noch die WM verlieren. In sofern ist die Spielzeit ein gutes Omen, 2×45, einmal hat ja offensichtlich nicht gereicht. Wir stellen uns die Reichsparteitags-Kommentare vor: „Bis zur 43. lief es ja noch ganz gut“ und gehen davon aus, daß die Mauer in der 89. nicht hält. Indessen titelt ein Boulevardblatt mit „Krieg“ vor Schwarz-Rot-Senf (falsche Fahne?). Bei genauerem Hinsehen fiel auf, es ging nur um eine humanitäre Nerven-Mission, allenfalls einen bewaffneten Nerven-Konflikt.

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Optimismus

23. Juni 2010

Das Vorrundenaus – möge es allen Fans ein inneres Stalingrad werden – ersehnend, wird dies hoffentlich der vorerst letzte Artikel zu dem Thema.

Ein Kind mit Deutschlandfahne, Mutter erklärt die Stolpersteine. Für einen Moment steht die ganze Fußballgedönsablehnung in Frage. Doch am gegenüberliegenden Bahnhof tauchte eine Gruppe von weiblich subjektivierten Personen auf, welche Schwarz-Rot-Senf Hasenohren tragen, wie zur Erinnerung: „All nationalisms are gendered, all are invented; and all are dangerous“!1 Ohne jetzt – angesichts von Heteronormativität und Nationalismus – gleich von Biopolitik auszugehen, zumal es mittlerweile  auch Schwarz-Rot-Senf Taschentücher gibt. Das neoliberale „Anything sells“ zuende gedacht war ohnehin schon verwunderlich, weshalb kein nationalfarbenes Lokuspapier für Deutschlandmuffel vermarktet wird.

Allerdings scheinen die Fahnen bereits weniger geworden zu sein und es bleibt unklar, ob dies Indikator für gebremsten Nationalismus des antizipierten Ausscheidens oder das Werk gesetzeswidriger2 Handlungen von Antinationalist*Innen ist. So ließen sich einige Gesprächsfetzen von Personen, die einige für „Links“, andere für „Spalter“ hielten nicht überhören: „Nee, das knackt zu laut“ – „Nimm doch die Zange“ (Nerds3 ftw!) oder am absurdesten: „Du, das Plastik von der Fahne tropft auf das Palituch“.


1McClintock, Anne; Mufti, Aamir; Shohat, Ella (hrsg.): Dangerous Liaisons : Gender, Nation, and Postcolonial Perspectives; Minneapolis (u.a.) (4)2004; c.4, S. 89-112; S. 89.

2 Selbstverständlich lehnt es die Kulturelle Praxis soetwas aus rechtlichen Gründen ab, Punk ist mit Deinem Geist gegen das System. Sollte soetwas dennoch vorkommen, empfehlen wir o.g. Taschentücher gegen die Tränen der Kränkung und vergeben hiermit eine Runde Mitleid: o.

3 Viele Nerds geben sich unpolitisch, einige betreiben ganz merkwürdige Identitätspolitik, die  restlichen können als bedeutend für jede Bewegung gelten – sei es auch nur, GPG zu installieren.


Vuvuzela

18. Juni 2010

Fanfaren überall, es gibt kein Entkommen vor der geistigen Monokultur. Dabei wissen wenige, daß mit „Horn von Afrika“ keine Vuvuzela gemeint ist, ein Mißverständnis, das Antiterroreinsätze auszulösen vermag. Als nicht gewaltaffin1 bleibt nur, das Beste daraus zu machen; beispielsweise freie Radios hören. Halten wir uns vor Augen, daß die WM (hoffentlich) irgendwann zuende ist und daß sich zahllose Möglichkeiten bieten, den Spieß umzudrehen. Wir definieren vorläufig den provisorischen 23-Code 23-700 := „TRÖÖÖT„.

Warum z.B. nicht mal die Ausflaggung2 von Fahrzeugen in Bricolage recodieren3 oder Springtime for Hitler and Germany als „Fan“gesang? Und wenn jetzt schon alte Achsen reaktiviert werden, sei zu bedenken gegeben, daß Japan und Italien – wie damals – auch Mannschaften geschickt haben.


1 Ein hier nicht zu verpetzendes Medium setzte im Gegensatz dazu gar die Parole „Fußball – Wir wissen wo Dein Auto steht“ in die Welt.

2 LTI!

3 Wohlgemerkt: D.h. „gezielt umdeuten“, nicht Hammer-Zirkel-Ehrenkranz aufsticken!


80 Millionen Hooligans

11. Juni 2010

Wenn heute im Hendrik-Verwoerd-Gedächnisstation die WM im Lande des burischen Brudervolks eröffnet wird, gewinnt endlich die Einigkeit ihren Platz vor den Sekundär- und Tertiärtugenden („Recht & Freiheit“), sodaß deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang zum großen Fest der Geschichtslektionsüberwindung zusammenkommen. Es kann gar nicht überbetont werden, wir normal wir (…) mittlerweile sind! Nur bei Killerspielen gilt die Katharsishyothese nicht; da brauchen wir sie auch nicht auch noch bestätigen und unsere Kleingärten außerhalb der WM wieder mit HSV- oder Schumifahnen beflaggen. Nur einige Spielverderber*Innen – wie dieser Blog – ordnen sich nicht dem demokratischen Konsens unter und jammern, daß sie angeblich keinen Fußball mögen – welcher normale Mensch mag keinen Fußball, das schauen mittlerweile ja sogar Frauen – oder verunglimpfen das obligatorische bunte Fahnenmeer gar als „Naztionalismus“! Dabei wird noch die falsche Fahne geschwungen – nicht etwa weil Spötter*Innen behaupten, schwarz-rot-senf ergebe gemischt braun, nein – keine Flagge repräsentiert Einigkeit und erfolgreichen Siegeswillen sosehr wie schwarz-weiß-rot. Auch profitiert die Nation davon, daß endlich unpopuläre Maßnahmen ohne unnötige Debatten beschlossen werden können. Sich diesem Fest nicht entziehen zu können ist doch kein Einwand, es geht um Dinge, die alle rechtmäßig in diesem Lande lebenden einschließen (geht doch nach ‚drüben!). Die paar Einzelfälle von sexistischen, rassistischen und homophoben Übergriffen gehen durchgehend auf Provokation seitens der selbststilisierten „Opfer“ zurück – überhaupt, was lassen die sich überhaupt blicken – und werden glücklicherweise medial auch nicht an die große (Öl)Glocke gehängt.

Wir fordern deshalb, mittels DNS-Zensur folgende Medien aus dem Internet zu entfernen:


Sprache lässt Lücke_n

11. Juni 2010

Es heißt:
Wir sind Papst
Wir sind Kanzlerin
Du bist Deutschland

Wenn mich jetzt irgendwer (während der WM) fragt:
„An welchem Tag spielen wir?“
müsste ich dann, gesetzt der obigen Prämissen,1 nicht antworten, wann sich Benedikt und Angela zur gemeinsamen Canastarunde treffen?

Doch üblicherweise verstehen wir – trotz aller Ungenauigkeit (Sprache lässt Lücken) und der „Tatsache“, dass wir nicht Deutschland sind2 – dieses Sprachspiel.


1 Korrekt wäre demnach: „Wann spielst du?“
2 Ontologische Aussagen sind übrigens unwissenschaftlich.


Aus aktuellem Anlass 1: „Lena, Lena, LeNationalismus!“

31. Mai 2010

Was war das für ein erfolgreicher „deutscher“ Abend: Die DFB-Elf gewinnt ihr Testspiel gegen Ungarn mit 3:0 und Lena holt endlich wieder den Sieg für Deutschland beim Eurovision-Songcontest.

Bei einem nächtlichen Gang über die Hamburger Reeperbahn um ca. 0.30 Uhr (sonntagfrüh) ließ sich teilnehmend das volle Maß schwarz-rot-goldener Ausgelassenheit und Euphorie beobachten (nur ein kurzer Vorgeschmack auf die Wochen, die mit dem 11. Juni 2010 beginnen).

Nur wenige dieser Leute würden sich als Nationalisten bezeichnen, wähnen sich und ihre Einstellung womöglich eher im Geiste eines „aufgeklärten“, „gemäßigten“, „modernen“ oder „gesunden Patriotismus“. Das „Aufgeklärte“ dieses Patriotismus sei dabei das Vermögen, Events – wie den Songcontest oder die Fußball-WM – losgelöst von allen „alltäglicheren“ Erscheinungen zu behandeln. Es sei doch legitim, in bestimmten Fällen, d.h. in den „besonderen Momenten“ einfach mal ganz unbedarft zu sein. Es bestehe keinerlei Gefahr dieses Gefühl in den sonstigen „Alltag“ mitzunehmen, es ließe sich nämlich wieder rational/vernünftig regulieren und sogar abstellen.

Doch: „Kollektives Feiern unter sich“ bedarf einer emotionalen Verbindung, eine geteilte Verbindung von Gleichen, einem Miteinander. Wie soll dieses Miteinander nun mit einem Schlage aus dem Erdboden gestampft und mit einem zweiten wieder ins Nichts zerfallen? Wie bitte sei eine solche ad-hoc-Differenz möglich?


Zur Vertiefung

  • Derrida, Jacques (2004): Die Differánce, in: Engelmann, Peter 2004, S.76-113.
  • Hinweis: Auch dieser angeblich „neue“ (s.g. „positive“ Nationalismus „Patridiotismus“) schafft die alten Ausschlüsse; auf die Schnelle fand sich dieses Beispiel.
    Grundsätzlich hält das Autor_Innenteam jegliche Ausprägungen des Patriotismus für problematisch und betont, dass es keinerlei positive Form gibt.