Nervige Zwangskollektive

14. Mai 2011

Nach Michael Schumachers Siegen hingen in vielen Schrebergärten Fahnen in Schwarz-Rot-Senf (damals, vor der Ableois-Männer-Fußball WM 2006 noch überwiegend verschämt mit Rallye Streifen); wohlgemerkt keine Schweizer. Dabei gibt es doch noch andere zwangskollektivistische Zuschreibungen, wieso nicht z.B. Jutta Kleinschmidts Siege als Anlaß für Lila Fahnen?

Wir sind also gespannt, was uns die Ableoid-Frauen-Fußball WM dieses Jahr an Ausflaggung bringt (Bastelidee: Ghillie Suit aus Fahnenstücken) und v.a. wann endlich auch mal Blindenfußball nationalistisch ausgeschlachtet wird.

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Waka Waka

6. November 2010

Dieses ‚offizielle Lied der (letzten) Fußball-WM‘ nicht mehr aus dem Ohr bekommend, sei das damit verbundene Gegrantel mit unseren verehrten Leser*Innen geteilt. Daß es sich wohl ursprünglich um ein Soldatenlied aus Kamerun handelte, sei vorweggeschickt.

Kritik, daß in bester Kolonialtradition eine weiße für „Afrika“ sprach,1 soll zur nächsten WM aufgegriffen werden, im Gespräch als Stimme Amerikas soll nach uns nicht vorliegenden Informationen die Sängerin Jewel sein, da sie aus Alaska stammt; sie wird „Die Wacht am Rhein“ in Samba-Rhythmen2 neu interpretieren.

Übrigens: Sollte die WM 2018 in China stattfinden, brauchen wir eine Stimme Asiens, deshalb sollte ein Muezzin aus dem Iran engagiert werden, der bei der Eröffnungsfeier auf einem im Stadion errichteten Minarett die WM-Hymne darbietet (im Sinne der versöhnlichen Ideale des Sports, regt die Kulturellepraxis die Melodie der Moldau an.) Das Minarett sollte so hoch sein, dass es in der gesamten Schweiz – und nicht nur für Sepp Blatter – zu sehen ist.


1Zur Trope „Wer spricht für“ Vgl. Haraway, Donna Jeanne: The Promises of Monsters : A Regenerative Politics for Inappropriate/d Others; in: dies.: The Haraway Reader; New York (u.a.) 2004; S. 63-124; S. 86-88.

2 Wer bereits in die mißliche Lage kam, mit einem Unix-System eine Kommunikation zur Windowsinterpretation des Server-Message-Block Protokolls aufbauen zu müssen, wird sich bei Samba-Rhythmen nichts Angenehmes vorstellen …


Rückblick: Eine rassige WM

12. Juli 2010

Die WM ist vorbei, deshalb wollen wir noch einmal die größten Momente der letzten Wochen Revuepassieren lassen.
An dieser Stelle soll nochmal ein Lob ausgesprochen werden, für all die Experten, die uns während der WM mit tiefgehenden Analysen einmal mehr den Fußball erklärten und mit interessanten Hintergrundinformationen und Statistiken versorgten. Mit den folgend aufgelisteten WM-Kommentaren begründen sie uns, warum die einzelnen Teams so unterschiedlich spielen:

Mehmet Scholl über die Vuvuzela und die Atmosphäre in den Stadien: „Die Leute hier sind halt anders.“

13.06. Nachbericht zum Spiel Serbien – Ghana:
„Die Hoffnungen eines ganzen Kontinents ruhen auf Ghana.“
„Ghana macht das Tor. Afrika jubelt.“ (Ja stimmt! Ich wette, sogar die Beduinen haben Rast gemacht und ihre Handfernseher rausgeholt.)

14.06. Günther Netzer in der Halbzeit von Japan – Kamerun über Nervosität und Selbstbewusstsein:
„Afrikaner sind in beide Richtungen anfälliger als z.B. Nordeuropäer.“

16.06. Der sogenannte ZDF-Fan-Experte Dennis Wiese (Vorbericht zum Spiel Brasilien – Nordkorea):
„Also den Rhythmus haben die Brasilianer ja im Blut, das wissen wir…“
Kommentator Bela Reti beim Spiel der beiden Teams: „Es ist die erste WM-Teilnahme des dunklen Reichs um Kim Jong-Il seit…“ (Bei Tolkien lag das dunkle Reich auch im Osten, nicht?)

17.06. Oliver Kahn in der Halbzeitanalyse Südkorea – Argentinien im ZDF:
„Die Südkoreaner haben viel zu viel respekt vor ihrem Gegner. Das ist eine typische asiatische Eigenschaft, respekt zu haben vor …[kurze Pause] ähhm, den Argentiniern.“ (Dieses Argentinien-Respekt-Gen wurde kürzlich von einer nordgrönländischen Wissenschaftlerin entdeckt und unter dem Namen „Paradonna“ bekannt.)

Ein Nachbericht zur Niederlage Südafrikas gegen Uruguay (ZDF):
Ein Fan auf der Straße äußert sich: „Eine Schande für uns und eine Schande für Afrika.“ (Recht hat er!)

23.06.: Halbzeitanalyse Frankreich – Südafrika, ZDF-Experte sagt:
„…typisch Afirkaner, wenn die einmal auf der Welle der Euphorie schwimmen, können die auch Frankreich mit 4, 5, 6:0 weghauen.“

23.06.: Löw im Interview: „Physisch haben die Afrikaner vielleicht durch ihre Genetik allen anderen etwas voraus.“ (mehr dazu hier) (Zu diesem afrikanischen Physischen-Voraus-Gen arbeitet die nordgrönländische Wissenschaftlerin derzeit in der Nachfolgestudie)

25.06.: Bela Reti während des Spiels Chile – Spanien: „Die Chilenen haben etwas zu losgelöst, zu unkontrolliert gespielt, das liegt aber zum Teil an ihrem Naturell.“

27.06.: Jürgen Klinsmann, Halbzeitpause Argentinien – Mexiko, über einige wütende Mexikaner, die auf Grund einer Fehlentscheidung den Schiedsrichter anschreien: „Die Mexikaner müssen jetzt aufpassen. Ich erlebe sie bei mir zu Hause in Kalifornien immer in der Nachbarschaft“, (lacht): „Die Leben aus dem Bauch heraus.“ (Nur mittags nicht, da machen sie Pause von der Arbeit in der Nähfabrik, setzen ihre Sonbreros auf und halten eine ausgiebige Siesta.)

28.06.: Bela Reti schließt seinen Kommentar zum Spiel Brasilien – Chile folgendermaßen: „Das war’s hier vom Reporterplatz aus dem immer kälter werdenden St. Ellis-Park. Es ist inzwischen 6 bis 7 Grad, den heißblütigen Brasilianern macht das nix aus. Brasilien – Chile: 3:0.“

Günther Netzer über das Ausscheiden von Ghana: „In Afrika wird mehr gelitten und mehr abgestraft als es in unseren Regionen der Fall ist.“ (Ohh, diese Barbaren!)

In einer Stadionrede vor dem Spiel Spanien – Paraguay wurde, im Zusammenhang einer Kampange gegen Rassismus, verkündet, dass alle Rassen sich tolerieren müssten. (Das muss schon sein: andere Rassen respektieren. Eigentlich sind wir ja alle gleich, aber es gibt halt Unterschiede und das ist gar nicht böse gemeint. Wenn ich etwa sage:“Der da morgens das Unigebäude reinigt, ist doch ein Neger“, oder: „Die da beim Tanzen so schön mit ihrem Hintern wackelt, ist eine heißblütige Brasilianerin“, bezieht sich das eben auf objektiv vorhandene Tatsachen, die sich beobachten und schlichtweg nicht leugnen lassen: die Haut des Putzmannes ist numal schwarz, das sieht man doch! Und: Tanzen können die Latinos alle so gut, weil sie eben emotional nicht so kühl sind, wie wir Europäer. Übrigens: wenn ich den Putzmann morgens im Fahrstuhl treffe, lacht der immer so schön. Eine echte Frohnatur. Ich mag den. Deshalb bin ich ja auch kein Rassist.)

10.07. (ARD): Im Zusammenfassungsbericht wird die Spielweise der „Mannschaften vom afrikanischen Kontinent“ (die Wendung „WM auf dem eigenen Kontinent“ fällt ebenfalls) als „undiszipliniert“ beschrieben.

—–


achja

10. Juli 2010

Heute ist ja wieder ein Spiel; doch die grantelnd-satirische Luft ist etwas ‚raus, nachdem Mittwoch die Fußballbegeisterung doch noch einsetzte und tanzend die spontane Freude über die deprimiert blickenden Fußballfans kundgetan werden mußte.

Von daher an dieser Stelle nur Funstücke aus der Kategorie „Chapeau!“: Kloß & Spinne im Fußballfieber und aus der Traum. Auch empfehlenswert ist der Kurz-Interview-Film Schland ist das Land vom antirassitischen Netzwerk Kanak Attack.


Es ist vollbracht

8. Juli 2010

Im Finale spielen Spanien-Niederlande, fragt sich nur gegen wen. Und wir folgen endlich der Aufforderung, uns an der Feierstimmung zu beteiligen:

„Ganz Deutschland beklagt sich
Immerwieder und man fragt sich
Wie es weitergehen soll

Freudentaumel zieht durchs Land
Vom Fernsehturm durchs FSK-Band
Alle singen Hand in Hand:
Deutschland hat verloren!“


WM-Materialsammlung

7. Juli 2010

Da die Satireideen zur WM langsam dünn werden, wir aber nach wie vor der Ansicht sind, es könne nicht genug Anti-WM Texte geben – gleichwohl die AG Queer Studies einen sehr guten anbietet -, stellen wir eine Materialsammlung mit Argumenten gegen den Fußballwahn zur Verfügung. Deshalb steht dieser Artikel unter CC-by (der restliche Blog bleibt – so nicht anders angegeben – CC-by-nc-sa).

Die Qualität der Argumente variiert, auch sind die Belege dünn und wenn überhaupt vorhanden, so über die restlichen Artikel zu diesem Thema verteilt. Fühlt Euch zu Ergänzungen ermutigt, hier soll möglichst breit zusammengetragen werden.

1.) Zitate

  • All nationalisms are gendered, all are invented; and all are dangerous“ –McClintock, Anne; Mufti, Aamir; Shohat, Ella (hrsg.): Dangerous Liaisons : Gender, Nation, and Postcolonial Perspectives; Minneapolis (u.a.) (4)2004; c.4, S. 89-112; S. 89.
  • „Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er  verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.“ — Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit, Kap. IV, Von dem, was einer vorstellt
  • „Die Leugner des Zufalls. – Kein Sieger glaubt an den Zufall.“ Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft; Leipzig 1882; c. 258.
  • „Sport is like praying, eating, and the feeling of warmth and coolness. It is stupid for crowds to enter a restaurant just to look at a person or a group of persons eating.“ Muammar al-Gaddafi: The Green Book III; Tripoli 1975; S. 53.
  • [Angeblich auf Reemtsma zurückgehend, aber leider nicht gefundener Vergleich gegenüber dem angeblich im internationalen Vergleich „normalen“ Nationalismus: Wenn jemand aus der Psychiartrie war, weil er_sie ein furchtbares Verbrechen begangen hat und nach der Entlassung ständig davon redet, wie „normal“ er_sie jetzt ist, wäre das wohl eher beängstigend …]

2.) Argumentsammlung

  • Es ist unmöglich, sich der geistigen Monokultur des Ereignisses zu entziehen
    • Fahnen, Fans und öffentliche Übertragungen prägen den öffentlichen Raum
    • Es wird ein Recht auf und teils Beteilung am Ausnahmezustand wie selbstverständlich eingefordert
      • Beispielsweise darin, andere Termine wegen Fußballübertragungen abzusagen
      • Beispielsweise darin, daß StVO-widrige Autokorsos toleriert werden
  • Damit greifen die Mechanismen der Regime des Normalen
    • Grundlegendes Mißtrauen gegenüber Tendenzen des bedingungslosen „dazugehören wollen“ oder der Identifikation mit angeblichem So-Sein halten wir für angebracht
    • Haltungen und Verhaltensweisen werden als selbstverständlich behandelt
    • Rechtfertigungsumkehr: Die „Abweichung“, nicht die Normierung steht plötzlich unter Begründungszwang
    • Die Idee des kollektiven Feierns in der Masse beruft sich auf eine Gemeinschaft, damit eine implizite Idee der Gemeinsamkeit die zwar nur fiktiv, aber deshalb umso normierend wirkungsvoller ist
      • Eine solche Gemeinschaftsidee entsteht nicht voraussetzungslos und verschwindet sicherlich nicht mit Spielende
      • Konzepte der Unschuld sind eng verknüpft mit Urspünglichkeitserzählungen. Schönes Beispiel sind Kindheitserzählungen als Begründung Fußball schauen zu müssen
        • Mit derartigen Erzählungen wird Verantwortung verneint
        • Scheinbar individuelle Ursprünglichkeit geschieht in einem nie geschichtsfreien Kontext; Massenerlebnisse und Nationalismus können also speziell in diesem Land nicht als unschuldig gelten
    • Es wird festgelegt was zentral-unmarkiert, was abweichend-randständig ist
      • Das „zentral“-Unmarkierte gibt sich oftmals als standpunktloser Standpunkt (vgl. „culture of no-cultures, god-trick“)
      • Während das „abweichend“-Randständige unsichtbar wird. Dies soll deshalb ein gezielter Kontrast zum Fahnenmeer sein
      • „Fußball-WM“ wird gleichgesetzt mit „Ableoid-Männer-Fußball-WM. Es gibt den Begriff „Frauenfußball“, aber doch auch nicht den Begriff „Frauenleber“
      • Politisch/ethisch ist der Antinationalismus kaum sichtbar/meinbar
      • Fehlende Fußballbegeisterung gilt nicht als Option
      • Ausgeschlossen sind auch v.a. jene, die nicht zur imaginären Gemeinschaft Kollektiv gezählt werden
    • Normen und Ordnungen werden durch die (immer künstliche) Abtrennung vom „Anderen“, Verworfenem aufrecht erhalten
  • „Sportbegeisterung“ gilt meist nur als Vorwand
    • Zu erkennen ist dies daran, daß sportlich gleichwertige Ereignisse wie das Spiele des Fußballnationalteam der (Ableoid)Frauen weitaus weniger Beachtung finden, ebenso andere Mannschaften oder Fußballereignisse
    • Zu erkennen ist das an der exzessiven Verwendung von Nationalsymbolen
    • Probleme des Leistungssport, wie Kommerzialisierung oder Doping werden besonders im Nationalfußball unterbetont
  • Für beängstigende Effekte in/durch die Fußballrezeption kann eine Katharsishypothese mit Skepsis betrachtet werden
    • Für andere Debatten – wie die um Computerspiele – wird diese auch zugunsten lerntheoretischer Ansätze als veraltet dargestellt, was nach einer Form von Doppelstandard aussieht
    • Sowohl die psychoanalytische Katharsisidee, wie auch die neurowissenschaftliche Plastizitätsidee basieren auf Konjunkturen nicht unumstrittener Theorien
    • Gegen ein kontrolliertes Ausleben (zumal von Neigungen die nicht essenzialisiert werden können und sollten), spricht eine Zunahme von Nationalymbolen auch außerhalb derartiger Großereignisse, beispielsweise Kleingärten verstärkt mit Deutschlandfahnen, statt Sportvereinen oder Regionalwappen auszuflaggen
  • Heteronormativität im (Ableoid-Männer)Fußball
    • Bis heute bekannte sich noch kein männlicher deutscher Fußballspieler zu seiner Homosexualität
    • So ist „Ihr seid alle homesexuell“ als pejorativer Fangesang zu verstehen
    • So werden Schwarz-Rot-Gelbe Hasenohren zur erfolgreichen Selbstobjektivierung vermarktet
    • So dient Fußball einem gewissen Männlichkeitskult
      • „Initiationsritus“ Fußball als Männlichkeitsangebot und -pflicht („Jungensport“)
      • Gemeint sind auch nur Männer mit siegversprechenden Eigenschaften
  • Erklärbar könnte diese „Begeisterung“ mit einer Art Flucht vor anderen Problemen sein
    • Kompensatorisches „Gewinnen wollen“
    • Individuellen Mißerfolg in „Wir“ Identifikation und Gefühl der Verbundenheit entschädigen
    • Freisetzung von Emotionen & Abgabe von Verantwortlichkeit
    • Marginalisiertheit (selbst als Intellektuelle) nicht ertragen wollen, von daher Einschreibung in die große Gemeinschaft. Ein Hoch auf das Partielle und Unvollkommene seitens der Kulturellen Praxis
  • Leistungsdenken
    • Mit Cacaus Tor ging einigen – besser spät als nie – auf, daß „deutsch“ nicht an an Hautfarbe geknüpft sein muß. Doch wird Rassismus hier durch Leistungsdenken modernisierend ersetzt
    • Standardisierung der Regeln (Kontrollierbarkeit)
    • Autoritätshörige und hierarchische Strukturen innerhalb des Fußballs
    • Rollenvorbilds Fußballer: Leistungsbereite fröhlich-naive Anpaßung
    • Die Mehrzahl der Spielenden und die Mehrzahl der Mannschaften müssen zwangsläufig Verlierer sein
      • Identifikation nur mit den wenigen Gewinner*Innen
  • Sicherlich als Hauptkritikpunkt an diesem Rasensport kann seine Verknüpfung mit Nationalismus gelten. Das Feld der grundlegenden Kritik an Nationalismus und dessen deutschen Spezifka ist zu umfangreich, es hier im einzelnen aufzuführen. Deshalb sollen lediglich die Verbindungen zum Fußballnationalismus hergestellt werden
    • Als geradezu ikonisches Beispiel soll hierzu der s.g. „Pisser von Rostock“ dienen, am Rande rassistischer Übergriffe wurde eine Person beim Hitlergruß photographiert, welche ein Männerfußballnationalmannschaftstrikot mit Flüssigkeitsfleck in Lendengegend trug
    • Umso bedenklicher kann hierbei die Farbgebung des aktuellen Trikots gelten, bei welchem die Farbe gelb praktisch nicht mehr zur Geltung kommt, was an Traditionen schwarz-weiß-roter Farbgebung anknüpft
    • Derartige Anknüpfung nimmt unerträgliche Ausmaße an, wenn „Fans“ – wird leider immer häufiger berichtet – die erste Strophe des Deutschlandliedes anstimmen oder gar „Sieg Heil“ brüllen
      • Einigkeit gewinnt ihren Platz vor den Sekundär- und Tertiärtugenden („Recht & Freiheit“)
    • Rassistische und nationalistische Kommentierungen sind zahlreich, diese WM ist uns ein äußerer Reichsparteitag
    • Beliebte Verwendung von Kriegsmetaphern kann als problematisch betrachtet werden; gerade soetwas nicht nicht ausufern zu lassen ist Grundkonzept von „Sportlichkeit“ gesehen werden, doch scheint diese keine gleichwertige Gegenkraft zu National- und Leistungsdenken zu sein
    • Sprachgebrauch des „wir“
      • Wer wird (auch unwillentlich) eingeschlossen, wer wird ausgeschlossen?
      • „Wir“ bedeutet in Nationaldiskursen bereits „Papst“, „Kanzlerin“ und „Deutschland“, sollte dann „wann spielen wir“ nicht heißen „wann treffen sich Merkel und Ratzinger zum Kanaster? Diese Frage verneinend kann geschlossen werden, daß auf ein zu untersuchendes Konstrukt von Deutsch-sein in der Identifizierung mit der Nationalmannschaft liegt
    • Derartige Großereignisse bieten einen medialen Windschatten, unpopuläre politische Beschlüsse in dessen Windschatten medial unbehelligt durchzusetzen
  • Der kritisierte Fußballnationalismus hat konkrete Folgen, welcher medial systematisch unterbewertet werden
    • Sexuelle, homophobe und v.a. im Falle von Niederlagen rassistische Übergriffe
    • So scheint die letzten Tage notwendig geworden zu sein, daß die Polizei ein Gebäude mit einem deutschlandfeindlichen Banner in St.Pauli vor aufgebrachten „Fans“ beschützt hatte

Nichtfußballer*Innenschutz

3. Juli 2010

Aus der beliebten Reihe „Nazivergleiche zum Deutschlandspiel“:

Da Fußball die öffentliche Atomosphäre vergiftet – das Gesundheitsministerium warnt, Fußballschauen kann zu Verblödung führen -, wird ein Fußballverbot in allen Kneipen gefordert, Ausnahmeregelungen können für schallisolierte Hinterzimmer erteilt werden, sollten diese von außen abschließbar sein.

Nein, hier wird nicht (von allen) der Leitkultur neuer Selbstverständlichkeiten gefolgt, hier beeutet nicht jedes Spiel Ausnahmezustand, hier verstoßen Autokorsos gegen die StVO, hier ist Nationalismus1 etwas Hochproblematisches. Und wer guten Fußball mag, kann besseren von anderen Mannschaften oder der Frauenelf bekommen. Oder praktiziere diesen Kampfsport selbst.2

Dabei ist das eigentlich alles so unzeitgemäß, wenn wir der – seit der Seidenstraße zutreffende – Zeitdiagnose „Globalisierung“ folgen, müßten wir längst mit Konzernteams spielen; wobei viele Bundesligateams tatsächlich aus Werksmannschaften entstanden. Zeitgeister sind verdammt flüchtige und paradoxe Wesen.


1 Vgl. die anderen Artikel.

2 „Sport is like praying, eating, and the feeling of warmth and coolness. It is stupid for crowds to enter a restaurant just to look at a person or a group of persons eating.“ Muammar al-Gaddafi: The Green Book III; Tripoli 1975; S. 53. Wer nicht in ihrer Einflußsphäre leben muß kann einen gewissen ästhetischen Genuß aus exzentrischen Operettendiktatoren ziehen.