Alte und Kranke

1. Januar 2013

Mit Odradek

Zur „Pflege“ der „Populationsdynamik“ gilt die Jagd vielen aus „ökologischen Gründen“ als legitim. D.h., alte und kranke Tiere dürfen, sollen vom Hochsitz aus abgeschossen werden, um den Bestand zu sichern und unter Kontrolle zu halten. Da es sich nach neuesten biologischen Erkenntnisse bei Menschen aber auch um Tiere handelt, setzt das Forstamt künftig Sniper in Fußgänger*innenzonen ein, um Rentner*innen, von Behinderung betroffene Menschen und Wesen mit Erklältung zu Erschießen. Ein Honk aus aus Mannheim hierzu: „Natürlich war das für einige eine Umstellung. Katholiken hatten hier einen Vorteil, sie waren es gewohnt, (transsubstituiertes) Menschenblut und -fleisch zu verzehren. Der größte Vorteil an dieser Neuregelung ist, daß mit ihr endlich eine Anerkennung von Veganismus als Krankheit einherging. Wer also unsere Jagdgesellschaften stört, gilt künftig als Freiwild.“

Seit mit der Banken-/Finanzkrise verkürzte Kapitalismuskritik erstaunlich weite Kreise zieht, gelten Investmentbanker mittlerweile auch als Schadwild; allen Angehörige der RAF wurden aufgrund ihres Innovativen Ansatzes der Bestandspflege – einzelne Exemplare zugunsten der Gesamtpopulation abzuschießen – die Deutsche Jägermedaille am Band verliehen.

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Humanismus abschaffen oder doch lieber dekonstruieren?

31. August 2012

Mit Odradek

Am Eingang des Supermarktes das Bild eines Hundes (Messerwetzen durch Odradek) „Wir müssen draußen bleiben“.

Indessen in diesem Supermarkt: Als Angestellte* dieses Supermarktes ist mensch [sic!] verpflichtet bzw. dazu angehalten, Ungeziefer im Interesse des Unternehmes zu vernichten: z.B. Fliegen im Kuchentresen, Wespen in der Obstabteilung, Getreidemotten beim Mehl etc.

Wieso?

Nein, liebe unkritischen Kritiker, das ist nicht nur der böse Kapitalismus, den da die/der Chef*In des Unternehmens verkörpert und die/der seine Angestellten zum Schutze des Eigentums und Umsatzes zum Fliegenklatschen anstiftet („Wenn die Fliegen das Obst anknabbern, kann ich das nicht mehr verkaufen!“)…sondern es ist auch die Versicherungsproblematik (Versicherung, wo – menschlicher? – Verstand zugunsten des Formalismus zurücktreten muß), die aus der Produktion von potenziellen Risiken und Gefahren für Leib und Seele hervorgeht, welche wir wiederum getrost mit biopolitischen und persönlichkeitsrechtlichen Diskursen in Verbindung bringen können: „Wenn die Wespen die Kunden stechen, dann haben wir eine Klage alá „McDonalds Kaffeebecher“ am Hals.“ „Die Fliegen sind eine Gefahr, denn sie verteilen Keime!“ Und die Keimbekämpfung ist EU-Vorschrift. Jede Gesellschaft hatte Reinheitsdiskurse.

Wenn ein*e Kund*In allerdings eine halbe Melone plumpsen lässt oder in der Brotabteilung sämtliche Brote betoucht, dann darf ich den/die nicht totschlagen, obwohl das doch auch umsatzschädigend ist: „Kann ich nicht mehr verkaufen, weil die Melone ist Matsch, weil die Keime von der/dem sind jetzt auf allen Broten verteilt. Igit!“

WILLKOMMEN ALSO IM HUMANISMUS!!!!

Da wo im Interesse der Menschen (gut, liebe unkritischen Kritiker*: auch im Interesse eines Unternehmens, diesen Zusammenhang sehen wir und betonen wir gerne) nichtmenschliche Tiere einfach ohne großes Nachdenken eliminiert werden, und Menschen andere Menschen nicht eliminieren dürfen.

Oder dürfen sie? Das Unternehmen Staat erteilt Ausnahmegenehmigungen, von denen die flächendeckendste „Krieg“ (oder „bewaffneter Konflikt“ oder „Friedensintervention mit rubustem Mandat“) genannt wird. Der s.g. „finale Rettungsschuß“ funktioniert nach oben angeführter Logik: Um (menschliche) Tiere  zu schützen kann, darf, muß eines getötet werden. Nicht so leichtfertig wie die Fliegen im Supermarkt. Hier werden Hierarchisierungen sichtbar, von denen die Mensch-Tier Trennung sicherlich eine der größeren ist, aber nicht die einzige. Die Angestellten werden nicht dazu angehalten, das erwähnte Hundeverbot auf gleiche Weise wie das Insektenverbot durchzusetzen. Rassistische Morde werden nicht mit der Vehemenz verfolgt wie klassistische. Auch dürfen zwar begrabbelnde Kund*n nicht getötet werden, Obdachlose aber vom Gelände vertrieben. Mit Derrida1 können wir festhalten, wer „Tier“ sagt, sagt was Dummes. Mit anderen Worten: die/der Obdachlose (oder noch weiter ausgedrückt: die zivilgesellschaftlich nicht ertragbare und verwahrloste Gestalt) fällt gleichbedeutend mit Hunden in die Zwischenstufe der humanistischen Hierarchie (ein Schild vor dem Supermarkt, das Obdachlosen genauso wie Hunden den Eintritt verwehrt, schickt sich aber nicht, dieser Auschlussmechanismus bleibt also zunächst unsichtbar). Jede Gesellschaft bringt ein Wahrheitsregime (Normen/Maßstäbe/Naturalisierungen/ethische Codes etc.) hervor, „das von Anfang an entscheidet, was eine anerkennbare Form des Seins ist und was nicht.“ 2

Zur Ordnung dieser Hierarchie: Ganz oben (und vollends human, privilegiert, vom Wahrheitsregime „anerkannt“) der/die brave, verantwortungsbewußte, engagierte, produktive Bürger*In; in der Mitte stehen die Unproduktiven, Verwahrlosten, Unterklassigen (ökonomisch/kulturell/sozial) sowie die ‚ethnisch‘, ‚geistig‘ und ‚körperlich‘ Abweichenden zusammen mit Haus- und Nutztieren; unten das Ungeziefer. Die Mitte der Hierarchie ist äußerst prekär und durchlässig nach unten.

Was mach ‚mer also jetzt? Humanismus abschaffen oder dekonstruieren? Denn essenzialistisch legitmieren lässt er sich nicht: „Menschen bringen Tiere um, das liegt in der Natur. Genauso wie andere Tiere andere Tiere töten.“ Gegenfrage: „Wenn es doch selbst in der sog. Natur Kannibalismus gibt, wieso darf ich dann nicht auch andere Menschen jagen und essen?“ Und „If they are our brothers, how come we can’t eat them?“ (1). Ach, Mist… Humanismus eben.

Kommen wir zum philosophischen Teil:

Der humanistische Grundannahme „der Mensch ist“ impliziert stets sein Gegenteil, Nicht-Menschen. Dies trifft der Spezies nicht zugeordnete deutlich härter, ist aber nicht auf diese beschränkt. In der obigen Hierarchie, stellen die Unproduktiven, Verwahrlosten, Unterklassigen das konstitutive Außen für die hegemoniale Subjektform, also die Form eines „kompletten Menschen“: Das unproduktive (oder unkreative) Subjekt, ohne Bereitschaft etwas zu bewegen und an sich selbst Arbeit zu leisten (personal growth), stellt beispielsweise das konstitutive Außen zum Subjekt der creative class.3 Das primitive Subjekt bildet seit dem 19. Jahrhundert (in unterschiedlichen Formen: zunächst die Kolonialvölker, heute sind es vor Allem die nach westlichen Standards politisch (und wirtschaftlich) unzivilisierten, nicht-demokratiefähigen, „chaotischen“ Regionen der Welt (akutelle Beispiele: Ägypten, Syrien)) das konstitutive Außen zum zivilisierten bürgerlichen Subjekt, ebenso wie die Unterklassigen (bspw. das Proletariat des 19. Jahrhunderts, heute vermischt sich Nicht-Gebildetheit mit der Anforderung des Kreativseins und wird zum neuen Subjekt der Unterklasse: die uncreative class?). Bedenken wir zudem die Bedeutung von Tier- und Naturvergleichen in allerhand Diskriminierungsformen.

Zur Kenntlichkeit verfremdet aus dem 13. Jahrhundert: „Das vollkommenste unter den Tieren ist der Pygmäe. Von allen macht er den meisten Gebrauch von seinem Gedächtnis und von Lauten, wenn er sich verständigen will. Deshalb imitiert er Vernunft, ohne sie wirklich zu besitzen. Vernunft ist das Vermögen der Seele, auf Grundlage der Erfahrung aus zurückliegenden Erinnerungen und durch syllogistische Folgerungen zu lernen, Universale abzuleiten und sie auf ähnliche Fälle in Kunst und Wissenschaft anzuwenden. Das aber vermag der Pygmäe nicht.“4 Wer glaubt solche Rassismen seien Geschichte, der führe sich noch einmal obige Hierarchie vor Augen: Die Grenzen werden heute lediglich anders gezogen. Diskurse wandeln sich.

Vielleicht könnten wir hier Connell aus der Mottenkiste holen. Mit einem Theorietransplantat ersetzen wir in guter europäischer Tradition „Mann“ durch „Mensch“. Brauchbar ist hier vielleicht der Begriff „Komplizenschaft“, bedenken wir, daß „Mensch“ durch gewisse Anforderungen hergestellt wird, erfüllen die wenigsten alle Kriterien vollkommen – sie dürften auch Widersprüche enthalten: eine „Subjektkultur“ ist niemals rein, sondern beinhaltet „Friktionen“ und Kontingenzprobleme,5 Widersprüche und Alternativen bilden (neben dem kulturellen Außen) konstitutive Bestandteile. Jedoch bietet es dividendenartig dennoch Vorteile, sich in dieses Hierarchiesystem einzufügen.


 1 Derrida, Jacques: Das Tier, welche ein Wort!; in: Stiftung Deutsches Hygiene-Museum: Mensch und Tier : Eine paradoxe Beziehung (Begleitbuch zur Ausstellung “Mensch und Tier. Eine Paradoxe Beziehung”, Deutsches Hygiene-Museum Dresden, 22. November 2002 bis 10. August 2003); Ostfildern 2002; S. 191-210, S. 191.
2 Butler, Judith: Kritik der ethischen Gewalt. Frankfurt a.M. 2003, S.31.
3 vgl. Reckwitz, Andreas: Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne. Weilerswist 2008, S.500-630.
4 zitiert nach: Magnus, Albertus: De animalibus XXI. 1,2, S.1327; vgl. hierzu: Friedrich, Udo: Menschentier und Tiermensch. Diskurse der Grenzziehung und Grenzüberschreitung im Mittelalter. Göttingen, 2009, S.139.
5 vgl. Reckwitz, Andreas: Das hybride Subjekt, S.14ff.


Vegane/Antispeziesistische Sprichwörter #1

28. April 2012

Wir alle wissen als gute Diskurstheoretiker*Innen um die Macht von Sprache. Bitte erwartet  jetzt kein Referat über den Begriff „Sprache“, nehmt einfach hin, dass damit mehr gemeint ist, als die alltägliche Vorstellung von „Bla Bla Bla“ oder einfach nur Wörtern, die die Realität abbilden.

Also liebe Freund*Innen: Lässt uns eine neue Realität bilden [sic!] und nach dem WYNIWYC-Prinzip (what you name is what you create) eine gerechtere Welt schaffen [;-)], Leid verhindern [*hüstel]:

„Das ist mir total Wurst!“ -> „Das ist mir total Tofu!“

„Schwein gehabt!“ -> „Schwein befreit!“

„Alles Käse!“ -> „Alles Hefeschmelz!“

„Klappe zu, Affe tot!“ -> „Klappe auf, Affe lauf!“

„Da brat mir einer ’nen Storch!“ -> „Da frittier mir einer ’nen Broccoli!“

„Das Land, wo Milch und Honig fließen.“ -> „Die Gegend, wo Hafermilch und Agavendicksaft fließen.“

„So ein Quark!“ -> „So Ja Quark!“

„Da liegt der Hase im Pfeffer!“ -> „Daher läuft der Hase! Geh du doch dahin, wo der Pfeffer wächst!“

„Die kochen auch nur mit Wasser.“ -> „Die kochen auch nur mit Wasser.“

„Mit Geduld und Spucke fängt man eine Mucke!“ -> „Mit Geduld und Spucke rettet pers eine Mucke!“

„Don’t have a cow, man!“ -> „Don’t be a man, cyborg!“

„Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen!“ -> „Zwei Fliegen mit einem Glas herausgebracht!“

„Die Katze aus dem Sack lassen!“ -> „Die Katze vor dem Sack gerettet!“

„Wie ein heißes Messer durch Butter!“ -> „Wie ein heißes Messer durch Margarine!“

„Sei kein Frosch!“ -> „Fühl Dich in einen Frosch hinein!“

„Ja, bin ich denn hier im Zoo?“; „Ja, bin ich denn hier im Irrenhaus?“; „Wir sind hier doch nicht im Kindergarten!“ ; „Allein unter Wilden!“ -> werden zusammengefasst zum superintersektionalen Sprichwort: „Pure Vernunft darf niemals siegen!“


Veganes Ich: Ein Geständnis

9. Februar 2012

Ich1 als Veganer kann darüber sprechen2 und gestehe3, dass ich nicht so normal4 bin5, wie Andere6.
Ich habe
1. eine Essstörung (keine tierlichen Produkte).
2. einen Waschzwang (ich wasche nur mit Waschnüssen und veganen Seifen)
3. einen Fetisch (rein pflanzliche dress-codes)


1 vgl. Haraway, Donna: Modest_Witness@Second_Millennium.FemaleMan©_Meets_Oncomouse™. New York: Routledge, 1996.
2 vgl. Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2003.
3 vgl. Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1983, S.23ff.
4  vgl. Link, Jürgen: Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1997.
5 vgl. Hall, Stuart: Who needs Identity? S.1-17 in: Hall, Stuart & du Gay, Paul (Hg.): Questions of Cultural Identity. London: Sage, 1997.
6 vgl. Jacques Lacan: Seminar III. Die Psychosen (1955-56). Berlin/Weinheim: Quadriga, 1997, S.322.