Ziehharmonikatheorie

18. März 2019

Idee: Baron René Garde

Schlechte Nachrichten: Die Reparatur wird deutlich aufwendiger als wir gehofft hatten. Anfangs sah es so aus als wären nur die Ränder nur ein wenig verbogen – war zu der Zeit alles ein bißchen düster hier um das genauer zu erkennen -, wir nannten das die Hufeisentheorie. Aber das ist nicht nur verbogen, das ist ziemlich angedetscht, wir nannten das dann die Extremismustheorie. Gut, das dingsens an der rechten Seite ist ziemlich aggressiv, sehen Sie, alles offem da drüben – Haß, Gewalt, _ismus – das ist nicht schön, das muß erstmal dringend raus. Aber aber sehen Sie wie weit sich das rüberfrißt. Einige wollten wenigstens den linken Teil dann noch mit einem Fishhaken retten. Wir haben erstmal gemessen wo genau auf Ihrem politischem Spektrum sich die _ismen häufen und fanden heraus: Die X-Achse ist komplett hinüber! Wir nennen das die Ziehharmonikatheorie.

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Fefe und der Standort

31. Januar 2019

Über Fefe zu lästern gibt immer gute Klicks. Im Ernst: Wenn wir ihn diskursiv repräsentativ für eine gewisse Subgruppe von Nerds sehen und wenn wir beachten daß bei seinen Gegner*innen gerne auf „Denkmethoden“ abhebt, selbst dabei aber häufig reinfällt ist es vielleicht einen Kommentar wert.

Was ist passiert? Eine Farbbeutelaktion gegen das berliner Amazon Büro; interessanter Clou: Der Werkschutz wurde mit einem Fahrradschloß eingesperrt. Fefe fragt was das für einen Nutzen haben soll und schließt die Frage an was es bringen soll falls die ganzen Tech Firmen aus Berlin verschwinden.

Was Denkmethoden angeht sei an dieser Stelle wärmstens für das „Principle of Charity“ geworben: Elliptische Argumente sollten ersteinmal in stärkstmöglicher Form ergänzt werden bevor sie kritisiert werden.
Die Kulturellepraxis weiß auch nicht was der genaue Zweck war – weist aber darauf hin daß die meisten linken Bekennerschreiben dringend professionell lektoriert werden sollten, in sofern vielleicht besser daß es hier anscheinend keines gab; das Szeneconsulting des Instituts für geisteswissenschaftliche Nutzenoptimierung wird soetwas anbieten. Doch ergänzt Fefe hier etwas das stark nach „Standort“1 Logik klingt, d.i. nationalistische oder provinzielle Denkweisen mit der Scheinrationalität von „die Wirtschaft“ Argumenten zu versöhnen.

Hypothesen gegen Alternativhypothesen zu testen gilt zwar gerade unter Naturwissenschaftsfans als Standardmethode, aber woher nehmen und nicht stehlen? Nicht nur ist „Alternativhypothese“ arbiträr – also diese Beliebigkeit die den Geisteswissenschaften gerne vorgeworfen wird -, auch stoßen wir auf eine weitere Denkfalle positivistischer Methodik, daß das Naheliegende – leicht messbare, diskursiv etablierte usw. – konkret scheint. Dennoch seien mal ein paar aus dem Hintergrundwissen gezogen.

Aus dem Komplex der leider mit dem ungenauen und wertenden Begriff „Terrorismus“ bezeichnet wird können wir einiges lernen. Zunächst einmal daß Gewalt auch „kommunikativ“ angewendet werden kann, also nicht auf die „materiellen“ Effekte ausgelegt. Ein schönes Beispiel wären die Schlandlappen zur Fußball WM, welche „wir alle sind für Schlandland“ verkünden, während diese illegal zu entfernen ein klares „Nein!“ sichtbar macht. Nur dürfte bekannt und v.a. sagbar sein wie böse Amazon ist – es sei denn diese Bedenken werden durch Standortlogik wegrationalisiert.
Hintergrund „Terroristischer“ Akte ist häufig so etwas wie Autopropaganda; d.h. daß die Motive möglicherweise psychologischer und nicht politischer Natur sind. Sei es einen klaren Gegner haben und angreifen zu wollen, sei es Frust von ausgebeuteten Angestellten oder Ex-Angestellten – Gründe Amazon ohne ein langfristiges Ziel schaden zu wollen lassen sich jedenfalls einige vorstellen. Daß anscheinend die Schwelle politische Motive zu unterstellen bei möglichen linken deutlich niedriger als bei möglichen rechten zu sein scheint nur am Rande.

Aber suchen wir lieber nach rationalen und planvollen Motiven: Wenn Betriebe die als besonders ausbeuterisch auffallen mit Angriffen rechnen müssen hat es einen Vorteil nicht zu diesen gezählt zu werden. Was möglicherweise einen Unterbietungswettbewerb im Scheiße-sein auslöst. Das ist zwar genau so spekulativ wie „aus Berlin vertreiben“, stellt aber die Täter*innen in einem vollkommen anderen Licht dar. Und heißt daß sie viel zu tun haben werden.

Auch wenn über Intelligenz spätestens seit den Sherlock Holmes Geschichten gerne erzählt wird mit der selben Datenbasis mehr herausfinden zu können und auch wenn schlecht eingesetzte Zweifel – angesichts der Tatsache daß sich alles irgendwie bezweifeln läßt – nicht fruchtbar sind, Skepsis bei dünner Informationslage ist vielleicht gar nicht so schlecht.


1 Doch unter uns: Unternehmen sollten sich im schönen Hamburg ansiedeln, die Szenelinken hier sind so zerstritten und von Spitzeln und Spitzelparanoia geplagt daß sicherlich weniger passiert als in Berlin, G20 war Knowhow von außerhalb und Versagen durch Selbstüberschätzung der Politik.


Flachzangen, immer wieder

26. Januar 2019

Mal wieder auf eine Materialsammlung von „Kritik“ an Queerfeminismus und allem was locker damit assoziiert wird gestoßen; will das nicht verlinken, will nicht in der tiefe analysieren – schon gar nicht für umme -, also beteilige ich mich einfach mal an dem Quatsch und rante inhaltsleer drauflos.

Letztlich wird mit Mitteln von Verschwörungstheorien gearbeitet, Gerüchte, Falschaussagen, Gewohnheitsaussagen und -deutungsmuster, Othering zwecks Selbstverständnisfestigung. Ohne jetzt abstreiten zu können oder wollen daß viel – gerade auf Anwendungs- & Populärebene – im Argen liegt macht soetwas sinnvolle Kritik noch schwerer. Um bessere Theoriebildung kann es also schoneinmal nicht gehen.

Wie konnte es so weit kommen, daß akademische und bewegungsinterne Konkurrenz auf diesem Niveau angegriffen wird? Und anscheinend geht das nicht auf „die Postmoderne“ zurück, da es ja ihre Gegner*innen offensichtlich noch stärker betrifft und die Angegriffenen kaum noch tote französische Menners mit ihren schwer lesbaren Büchern in den Mittelpunkt stellen. Also: Don’t kill the messenger!

Nehmen wir mal die Forderungen nach „Materialismus“ ernster, denn so können wir ausschließen, daß es sich einfach um Versagen einzelner handelt oder daß das zu bekämpfende Problem irgendwelche falschen Theorien bzw. Meinungen sind. Also mit solch einer Form von Kritik überhaupt irgendetwas auszurichten ist. Ohne uns allzu lange beim Beobachter*innenproblem aufzuhalten, „Materialismus“ heißt auch daß Konzept und Ding nicht das selbe sind. Wenn also behauptet wird durch eine „materialistische“ Position im Namen der Dinge sprechen zu können, haben wir es lediglich mit Material für die Rundablage zu tun.

Nehmen wir mal an Wasser fließe immer von oben nach unten. Das schließt nicht aus gegen den Strom zu schwimmen, macht das aber schwer und v.a. längerfristig aussichtslos. Tote Fische schwimmen nicht nur mit dem Strom, sondern auch oben. Also statt stolz Recht zu haben wäre zu fragen warum so viel Müll wahrheitsfähig ist, d.h. wieso keine Überprüfungsmechanismen greifen, die solche Verschwörungstheorien – und bei der Gelegenheit auch gleich dumme Queer-Verflachungen auf der anderen Seite – eingrenzen.

Woran liegt das? Ich weiß es auch nicht. Aber bedenken wir daß ein fluffig-metaphysisches Konzept von Wahrheit nie hinreichend für Theoriebildungen war, müßten wir uns die Strukturen der Wahrheitsproduktionsmaschinerie anschauen. Also z.B. die „~krisen~“gebeutelten Printmedien und die reformgeplagten Universitäten. Kurzgeasagt: die „materiellen“ ressourcen sind in beiden Kontexten knapper geworden. Die Universitäten boten vor einiger Zeit noch gewaltige Freiheiten – warum auch nicht, das ist deutlich billiger als uns zu hospitalisieren -, es wird die „Linksintellektuellen“ Nische übervölkert haben. Mittlerweile haben die Universtitäten einen Haufen von Veränderungen hinter sich, die gerne mit dem Wort „Bologna“ abgekürzt werden. Klar wird sich das auf die Theoriebildung ausgewirkt haben.

Ich habe keine Antwort und keinen optimistischen Spin für Euch, sondern schreibe nur Nullnummern im 31. Stock. Schreibt doch einfach ein eigenen Ende und laßt es vielleicht hier in den Kommentaren.


Kulturellepraxis live

18. Januar 2019

Mit Kai Denker

Wieso nur??? Können möchtegernlinksintellektuelle Honks nicht weiter bei Adorno bleiben?!?“ – „Weil man jede mögliche Dummheit über den schon gesagt hat.“


Gewaltfreie Kommunikation

28. Dezember 2018

Pro:
Erstaunlich viele Konflikte basieren auf Kommunikation. Sie ist Operationsweise unseren Miteinanders und ein besseres Miteinander ist das Α&Ω besserer Gellschaft. Bedenken wir, daß Autentizität ein zeichenbasiertes Konstrukt ist, also auch eine scheinbar unregulierte Kommunikation keine ursprüngliche oder natürliche ist, sondern nur anderen – durchaus kritisierenswerten und kritisierbaren – Strukturen folgt. Die Freheit der einzelnen endet schließlich bei der der anderen. Polemisch zugespitzt: Nicht jede Mackerei muß als edgy Diskussionsstil anerkannt werden.
Lassen wir uns also nicht von den schlimmsten Versuchen entmutigen.

Contra:
Wir können zunächst einmal die Beobachtung festhalten: Es funktioniert anscheinend nicht so wie angenommen bzw. erhofft; und macht viele aggressiv. Scheinbar „weichgespülte“ Gruppierungen können in der Sache überraschend hart und kompromißloslos werden. Die „Gewaltfreiheit“ droht bisweilen in ihr Gegenteil zu umzukippen.
Als mögliche Erklärungen können wir unterschiedliche Theorien darauf werfen.
Zwar bezog sich Tiefenpsychologie-Vorläufer Nietzsche explizit auf das Christentum, doch seine Denkfigur, daß Verdecktes, Uneingestandenes, Verdrängtes unter der Oberfläche umso stärker nachwirkt, zumal wenn es kollektiv kanalisiert wird greift auch gerade hier.
Dann gehört Kult um die „Ich-Aussage“ kritisiert: Ziel sollte sein, sich vom behauptet-objektiven Standpunkt zurückzuziehen um Raum zur Aushandlung zu lassen. Tatsächlich macht dieser Rückzug aber die eingenommene Position unangreifbar, einer Ich-Aussage läßt sich nicht sinnvoll widersprechen. Es geht darum einen gemeinsamen Bezugsrahmen zu schaffen; dieser ist nicht die Realität, aber im Endeffekt eine.
Mit Luhmann’scher Systemtheorie können wir darüber hinaus einwenden, daß die einzelnen Menschen nicht als Teil des Systems betrachtet werden sollten, sondern als Teil von dessen Umwelt, da sonst sie – und nicht nur ihre Inputs – systemgerecht gemacht werden müssen.
Sich auf Mittel statt Inhalte zu beziehen scheint zunächst neutral, doch können diese auch so gewählt werden, daß bestimmte Postionen unangreifbarer oder angreifbarer werden; also schlimmstenfalls werden z.B. Einwände nur in einer Form zulassen, wenn diese ineffizient bleiben können. Doch wie auch immer die Mittel konfiguriert werden, die Suche nach Mitteln setzt den mit ihnen zu erreichenden Zweck ersteinmal absolut, enzieht also diesen implizit der Aushandlung. Hier liegt ein zentraler Punkt: Was wird wie und warum der Aushandlung entzogen; wenn das implizit/unansprechbar passiert ist die Intuition es mit versteckt aggressiver Durchsetzung zu tun zu haben berechtigt, dann sollte „gewaltfreie“ Kommunikation aggressiv machen! Nicht daß in Metakommunikation nicht auch zur Ablenkung von der nötigen dienen kann; aber die Fallacyforschung lassen wir heute mal weitgehend aus.
„Suche“ nach Mitteln bedeutet zudem auch anzunehmen, daß es ein geeignetes Mittel geben müsse, ein fataler Fall von Methodengläubigkeit.
Anzunehmen oder zu fordern das Miteinander habe ein harmonisches zu sein birgt das Risiko, alles was als Störung der Harmonie wahrgenommen wird als außerhalb zu verorten, was sowohl bedeutet einzelne Personen oder Gruppen als ein Außerhalb oder Problemträger wahrzunehmen zu können als auch Verschwörungstheorien – also hinter jeder wahrgenommenen Störung versteckte böse Absichten von einem tatsächlichen oder Imaginären Gegner zu vermuten – begünstigt.
Wenn wir also überlegen wie wir unser Miteinander und dessen Operation, die Kommunikation gestalten wollen sollten wir die Warnung des Argumentationstheoretikers Harald Wohlrapp berücksichtigen: Handelt es sich bei unserer Theorie vielleicht um „Schönwetterrelativismus“?

Fazit
False Dilemma. Habe ich gerade eine Diskussion mit mir selbst verloren?


Grenzwertige Aussage

18. November 2018

Die aktuelle Konkret hat einen Artikel zu Luhmann, noch dazu einen nicht ganz negativen – klar muß ich das lesen. Dazu vielleicht später mehr, aber auf der letzten Seite – Gremlizas Express – wird Sahra Wagenknecht zitiert mit:

„Eine Gesellschaft ohne Grenze ist keine Gesellschaft […] Grenzen können liberal und offen gestaltet werden. Aber mein Satz dazu ist. Man kann eine Grenze nur öffnen, wenn man sie hat.“ [Konkret 11/2008 S. 66. Auslassung von der Kulturellenpraxis]

Hermann Gremliza antwortet selbstverständlich geschliffener und pointierter als ich es je könnte, aber irgendwie fühle ich mich mit meiner Schwäche für Systemtheorie erwischt, die Aussage, daß sich ein System durch seine Abgrenzung zu dessen Umwelt definiert gehört doch zu den systemtheoretischen Grundlagen.

Nur was meint sie mit Grenze? Gegen eine Grenze wie zwischen Stadtteilen oder Postleitzahlenbereichen, die zu überschreiten eins selten merkt hat doch wohl niemand d* „no border“ ruft im Sinn, auch eine Grenze wie zwischen Bundesländern, in denen schon andere Gesetze wirksam sind, andere Behörden tätig usw. kann nicht gemeint sein. Gibt es nach Wagenknecht also überhaupt diesen Stadtteil, diesen Bezirk, dieses Stadtstaat-Bundesland? Selbst ein Autonomes Zentrum ist ein Raum der sich durch selbst gegebene Regeln von dem Unterscheidet was es nicht ist, aber niemand würde die Tür als „Grenze“ bezeichnen, selbst wenn ich dort einen Flyer mit den Hausregeln in die Hand gedrückt bekomme und Rechte diesen Raum als „Parallelgesellschaft“ bezeichnen.

Aber sie sagt ja was sie eingegrenzt sehen will, nämlich „Eine Gesellschaft“. Systemtheoretisch macht es schon Sinn Gesellschaft als System zu beschreiben das sich von dem was es nicht ist unterscheidet aber daß diese Abgrenzung mit einer Grenze einher geht, geschweige denn dem engen Verständnis einer Grenze zwischen Nationalstaaten folgt daraus nicht zwingend. Systemtheoretisch sauber formuliert müßte es also heißen: Bedingung für eine Gesellschaft ist, daß zwischen dieser Gesellschaft und ihrer Umwelt unterschieden wird. Und damit ist noch nichteinmal gesagt ob eine Person nicht auch mehreren solcher Systeme gleichzeitig angehören kann – verläuft die „Grenze“ dann in deren Kopf? Oder muß die Person ständig über eine Linie springen je nachdem wie sie gerade verortet wird?

Wir wurden also sprachlich aufs Glatteis geführt: „Gesellschaft“ und „Nationalstaat“, so wie „Unterscheidung“ und „Grenze zwischen Nationalstaaten“ werden gleichgesetzt. So gesehen läßt sich linksluhmannianisch nur fordern Schlandland zur Umwelt zu machen!

Was mit „Grenze“ gemeint sein soll ist so schwammig, daß die Bemerkung suggeriert es sei eine Äußerung zu Grenzpolitiken, aber jede konkrete Positionsbestimmung kann als Unterstellung abgetan werden.

Also haben wir hier ein schönes Expemplar für „populistische“ Vorgehensweisen: Sprachliche Irreführung und Assoziationsketten.

Bei aller Kritik an großen Erzählungen über Philosophie: Genau gegen solche Sophistereien wurde die Philosophie erfunden!


Kulturellepraxis live

29. Oktober 2018

„Da steht der Feind!“ – „Wo? Ich sehe nur einen Nebel aus Assoziationsketten …“