Avatarregeln

14. Juni 2016

Nun häufen sich leider mal wieder die Anschläge daß die Socialmediagemeinden gar nicht mit dem Betroffen-sein hinterherkommen. Selbst den alten Kassierer Song „Rund um die Uhr betroffen sein, betroffen wie ein Warzenschwein“ vernehmen wir nur vereinzelt.

Das Treitschke-Institut für geisteswissenschaftliche Nutzenoptimierung arbeitet laut Exclusivberichten der Kulturellenpraxis deshalb gerade an einem automatisierten Bewertungssystem für Trauerfälle. Als Basiswert für avataränderungswürdige Vorfälle gilt eine Standardabweichung mehr Todesfälle als bei gewöhnlichen Anschlägen dieser Art; durch diese relative Größe brauchen wir dem alltäglichen Geschehen in Kriegsgebieten oder Mittelmeer beispielsweise weiterhin keine Bedeutung zumessen. Modifiziert wird dieser Wert dann durch mehrere Faktoren, darunter Grausamkeit der Todesfälle, Sympathie mit der Opfergruppe, Gegnerschaft zur Tätergruppe. Schwierigkeiten bereitete hierbei zunächst die Frage, ob „unmarkiert“ als Gruppe gilt. Die Lösung ist einfach wie elegant: nur bei Opfern, nicht bei Tätern, also beispielsweise Breivik weiterhin ein Einzeltäter bleibt, Anschläge auf weiße aber deutlich schlimmer sind als auf andere, Anschläge in Industrienationen schlimmer als anderswo.

Ein Sprecher des Instituts über die Umsetzung: „Natürlich veröffentlichen wir ein Trauerhandbuch zu Fachbibliothekspreisen, der gewöhnliche Nutzer kann aber unser Angebot durch den praktischen Online-Rechner nutzen, den wir über Werbung finanzieren. Auch steht eine kostenpflichtige App zur Verfügung, die die Präferenzen aus bisherige Social-Media Posts bereits vorberechnet. Wir hoffen, so der Doppelmoral beim Trauern und Vorwürfen, daß zuviele Leute willkürlich zwischen betrauer- und nichtbetrauerbaren Opfern unterscheiden entgegenwirken zu können. Premiumkunden mit wenig Ressourcen zur Betroffenheit können übrigens auch einige unserer professionell betroffenen Mitarbeiter engagieren.“


Existenzverteidigung

13. Juni 2015

In diesem Flugblatt stolperten die Freunde der U-Boote für Israel (FUI) – neben Unnötigkeit der Häufung von Nominalstilkonstruktionen[1] – über folgenden Satz:

„Mit diesen Zeilen soll die Existenz des Staates der Jüdinnen und Juden verteidigt werden.“

Israel von Hamburg aus mit Zeilen gegen ein – zugegebenermaßen beknacktes – Szeneevent verteidigen; daß die IDF noch nicht darauf gekommen sind. Und das bei Gegner*innen, welche gleich losplatzen wenn ihnen was – so die Existenz[2] dieses Staates und v.a. seiner Einwohner*innen – nicht gefällt.

Wie können wir uns den Entstehungsprozeß eines solchen Flugblattes vorstellen? „Die Existenz Israels ist bedroht“ – „Das erfordert eine sofortige Diskussion!“[3]

Nun dürfte Selbstüberschätzung hilfreich sein, als Linke* – zumal wenn szene- & volksgemeinschaftskritisch – überhaupt morgens aus dem Bett zu kommen. Dennoch seien Indivuduen, die folgende Frage nicht beantworten können aufgefordert, nach der Lektüre dieses Artikels 100 mal (ohne copy-pasten!) in die Kommentare schreiben: „Deutsche Israel-Diskurse haben nichts mit der Situation vor Ort zu tun“[4]:

Womit läßt sich die Existenz eines Staates in kriegsartiger Situation[5] verteidigen? (a) oder (b)[6]?



[2] Sophistereien über den Existenzbegriff seien den Leser*innen ausnahmsweise erspart

[4] Die Redaktion ist sich relativ sicher, daß Hermann Gremliza mal dafür angefeindet wurde, was ähnliches gesagt zu haben, macht sich aber – auch angesichts online nicht verfügbarer Volltextausgaben der Konkret – nicht die Mühe, dem genauen Zitat nachzujagen

[6] Die höhenangstlösende Wirkung von Tavor gilt als belegt


Fat-[whatever]

1. Juni 2015

Faszinierender Fail, präzise am Problem vorbei:

„Persönlich fände ich es gut, wenn es eine Bewegung gäbe, die die gesundheitlichen Gefahren von Unter- und Übergewicht anerkennt und darüber aufklärt und sich gleichzeitig dafür einsetzt, dass Menschen frei über ihren Körper entscheiden. Ich denke auch, eine wirklich freie Entscheidung ist nur mit allen Informationen möglich.“[1]

Genau bei „allen Informationen“ liegt doch das Problem, welches darüber zu diskutieren unmöglich macht. Genauer, daß es nicht um alle Informationen geht – die dürften bei sich damit jahrelang beschäftigenden weitgehend auf dem Tisch liegen -, sondern genau die kontroverse Frage, wie diese zu bewerten seien.

Scheinbar ‚objektive medizinische wahrheiten‘ werden gegen gewisse Körper in Stellung gebracht. Die Anrufung, die gesundheitlichen Gefahren anerkennen zu müssen ist genau das Mittel, gegen das gekämpft wird, um ein Stück Deutungshoheit über den eigenen Körper zurückzubekommen; freilich bisweilen mit dem Resultat ‚das Ziel ist im Weg‘.

Wiesehr scheinbar wissenschaftlich fundierte Hoffnungen (siehe hierzu z.b. diesen großartigen Artikel), durch Ernährungsänderungen das wohlbefinden zu steigern aberglaubensähnliche Züge annehmen ist ein Faß, daß hier nur gezeigt sei, aber ungeöffnet bleibt.

Nun könnten wir versuchen, „Gewißheiten“ zu isolieren, z.B., daß sich ständig über andererleute Gesundheitszustand zu verbreiten eine Form der Übergriffigkeit ist[2], das Problem bleibt dennoch: In einem Klima, in dem viele Gesundheitsprobleme unnötig auf die auffällige Abweichung „Übergewicht“ geschoben werden, ist es mindestens schwer zu beurteilen was “’gut“‘ für eins ist.3

Das wäre die erkenntnistheoretische Tücke hinter dem Problem: Es lassen sich Argumente für so ziemlich jede Position finden, daß sie bei derart umkämpften Themen keine Orientierung bieten. ‚Wissen‘ ist nichts Individuelles, entsteht immer in der Herde und da hier einiges auf Inkommensurabilität4 hindeutet, wird sich weder mit middleground, noch mit irgendwelchen unbestreitbaren „Fakten“ eine einfache Lösung finden lassen. Bleibt zu befürchten, daß sich Widersprüche gar nicht zum Höheren auflösen. Und dem Subjekt damit höchstens die Wahl bleibt, welchem bezugsgruppenbedinten Brett vor dem Kopf es sich unterordnet.5


3 Meine eigene gerade ganz gut funktionierende Lösung, auf Essen und Gewicht kein Wert zu legen, sondern Verbesserung (auch wieder so ein scheißneoliberales Konzept) des persönlichen Wohlbefindens in Kondition zu suchen – und mit jener als Kollateralnutzen auch noch ein wenig Geld zu verdienen – ist bestimmt nicht verallgemeinerbar.

4 Den üblichen Standards nach müßte an dieser Stelle eine Abhandlung mit einer oder zumindest eine Literaturliste stehen. Ätsch.

5 Und nein, wer behauptet, ganz individuell zu denken und keinen gruppenbedingten Standpunkt zu haben, vertritt meistens nur den unsichtbaren da unmarkierten Standpunkt.


Männer im Bildungssystem

29. Dezember 2014

Gastbeitrag von Hackerschorsch

Zu der angeblichen „Ungerechtigkeit im Bildungssystem“:

Bevor hier eine Ungerechtigkeit zweifelsfrei bewiesen ist, sollten wir keine voreiligen Schlüsse ziehen. Die Benotung in den Schulen erfolgt ausschließlich nach Leistung (und ist heute so gerecht wie nie zuvor!). Wir sollten uns einfach endlich eingestehen, dass Männer für geistige Aufgaben weniger geeignet sind. Das weiß doch eigentlich jeder: Jungs sind von klein an körperlich aktiver, interessieren sich für Bagger und Lastwegen. Sie sehnen sich nach einfachen körperlichen Tätigkeiten (Es gibt vielleicht Ausnahmen, aber werden die wirklich glücklich? Tut man denen einen Gefallen, wenn man sie lässt?).

Die Natur hat für den Mann eindeutig die einfachen körperlichen Tätigkeiten vorgesehen; Männer sind nun einmal kräftiger, das kann man nicht wegdiskutieren. Es ist daher schon in Ordnung, wenn Männer keine höhere Schulbildung bekommen.

Und überhaupt: Unser eigentliches Problem in Deutschland ist der Fachkräftemangel. Da kann man sich nicht aufhalten mit angeblichen Ungerechtigkeiten im Bildungssystem. Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, diejenigen, die besser geeignet sind für geistige und filigrane Tätigkeiten, also Frauen, effektiver darauf vorzubereiten.

Man muss als Mann ja gar nicht enttäuscht sein, keine höhere Schulbildung bekommen zu können, für unser Volk ist es auch wichtig zu baggern, zu schaufeln und schwere Sachen zu heben. Wir müssen den Männern nur genügend Anerkennung dafür zukommen lassen (ab und zu mal Schokolade und Blumen mitbringen!). Dann stört es sie auch nicht, wenn sie nicht studieren können.


Premiumsekten der Gegenwart (II)

11. Oktober 2014

Gastbeitrag von mr garde
Mehr zum Thema von der Redaktion siehe hier, hier und hier

Name: harte zeiten

Aktiv seit: 2005/1863

Hauptwerke: „Die Kunst des Geführtwerdens“, „Das fünfte Rad am Bobbycar“, „Der Rote Stuhl. 20 gute Haushaltstipps zum fortschrittlichen Abführen“

Wurde beeinflusst von: Ferdinand Lassalle, Liste LINKS, Ronald B. Schill, Olaf Scholz

Hat Einfluss auf: 1 (in Zahlen: einen) SPD-Parteitagsdelegierten

Verfeindete Denker: SPD-Landesparteitag, studentische Vollversammlungen, Ladenschlussgesetze

Beste Sätze: „Pie Jesu Domine, Dona Eis Requiem“; „Du betreibst doch die Politik des rechten Senats!“; „Wer keine Flugblätter verteilt, soll auch nicht essen!“

Wer harte zeiten mag, mag auch: Selbstkasteiung, intellektuelle Emetika, sozialliberale Koalitionen, Brotkrumen


Premiumsekten der Gegenwart

10. Oktober 2014

Gastbeitrag von mr garde
Mehr zum Thema von der Redaktion siehe hier, hier und hier

Name: Liste LINKS

Aktiv seit: 1993 (Gründungsakt in der Mensa), 1789 (längere Aufklärungstradition)

Hauptwerke: Zum Geleit (Teil I bis MMXIV); „Das ist doch Antikommunismus!“ – Wie man Kritiker (nicht nur) mundtot macht; Gestammelte Werke; Von Umbruch zu Umbruch: 1989 kleine Ratschläge für die kritisch-kooperative Lebensweise

Wurde beeinflusst von: Lawrenti Pawlowitsch Berija, Erich Mielke, Ronald B. Schill, „Rhymin‘ Simon“.

Hat Einfluss auf: Das Versmaß, Mensa-Currysoucen, Das Waldsterben, AOK-Beitragssätze

Beste Sätze: „Freude sei (sic!) der Maßstab des Gelingens!“; „Knackfrisch vom Bäcker / nicht zu groß, nicht zu klein / so muss ein wahrlich / linkes Brötchen sein“; „Das ist doch Antikommunismus!“

Wer Liste LINKS mag, mag auch: Nudeln vom Vortag, Schlafentzug, Good Cop/Bad Cop-Spielchen, Lobotomie

 


Die Kulturellepraxis warnt: Kapitalismuskritische Beugekontraktur

8. Juni 2014

Wie Sehnen verkürzt sich auch Kapitalismuskritik, wenn diese nicht ständig in Bewegung bleibt. Die schlimmste Ausprägung hierbei ist die kapitalismuskritische Beugekontraktur, bei der die Kritik schräger Art und komplett versteift ist.

Ganz besonders hoch ist das Risiko im Zusammenhang mit zu lange ruhiggestellten historischen Brüchen, wie der Nationalsozialismus oder das Scheitern von 68; Geschichte in diesem Sinne ist, wenn es anders kommt als alle dachten. Aber auch organische Ursachen im Weichbirnengewebe können eine solche Verkürzung auslösen, jedoch ebenfalls in diesem Fall treten sie lagerbedingt auf.

Prophylaxe ist in diesem Fall besonders wichtig, da eine erstmal aufgetretene Beugekontraktur der Kapitalismuskritik nur kompliziert und langwierig mit Dialektik- oder Dekonstruktionstherapie behandelt werden kann, was auch nicht immer zum Erfolg führt.