Klimawissenschaftspraxis

12. November 2020

Friedrich Merz kritisiert Greta Thunberg und co: Klimaaktivisten fehle Kompromissbereitschaft.

Linda Teuteberg (FDP, MdB) fügt einer Kritik Luisa Neubauers an dieser Kritik hinzu: „Weder mit dem Grundgesetz noch mit einem aufgeklärten Wissenschaftsbegriff vereinbar.“

Eigentlich scheint es müßig auf solche Kommentare einzugehen, da sie offensichtlich nicht durch ernsthafte Wahrheitssuche motiviert sind, sondern lediglich eine Gruppe mit ihren – wissenschaftlich fundierten – Forderungen abzuwehren versuchen. Doch verweisen sie auf zu interessante Probleme um sie unkommentiert zu lassen: Wie ist das Verhältnis der Politik zu wissenschaftlichen Fakten? Und spricht ein antiessenzialistisches und antirealistisches Verständnis von Wissenschaft – wie es auch die Kulturellepraxis entschieden vertritt – gegen den Umgang mit Fakten zum Klimawandel der Fridays for Future Bewegung?

Zunächst einmal kommt „Fakt“ von „facere“, auch Tatsachen sind gemacht. Dabei fließt auch Soziales mit ein, sie sind nicht metaphysisch letztbegründbar und v.a. niemals als endgültig zu betrachten. Da es aber schwer fällt Fehler einzugestehen und häufig Wiederholtes den Anschein von Wahrheit bekomnmen kann, läßt sich Letzteres kaum überbetonen, genauer: Einer Metaphysik der entgültigen Wahrheiten sollte ein Verständnis veränderbarer Wissensstände gegenübergesetzt werden. Das bedeutet nicht, Fakten wären beliebig, also eine Annahme sei so gut wie jede andere. Entscheidend ist der Prozeß und damit die Methoden ihrer Entstehung.

Modelle zum Klimawandel wurden im wissenschaftlichen Betrieb immer wieder getestet und ihre Prognosen sind beängstigend nahe am – nämlich häufig unterhalb des – Eintreffenden. Damit sind diese bei aller Vorläufigkeit und Unsicherheit härter als Resultate unseres Alltagsverstands. Es herrscht innerwissenschaftlich über die von FFF verwendeten Fakten extrem wenig Disput. D.h., so interessant es sein könnte mit Aktivist*innen über Wissenschaftstheorie zu diskutieren, an der Richtig- und Wichtigkeit ihrer Forderungen ändert das nichts.

Das Coronavirus, der Klimawandel, Mitch McConnell und andere Naturkatastrophen gehen keine Kompromisse ein. Merz fordert dennoch von Klimaaktivist*innen offen Kompromißbereitschaft. Viele Maßnahmen gegen Covid19 – so Schulschließungen zu vermeiden – scheinen halbherzig bis widersprüchlich in dem Sinne, daß ihnen keine konsistenten Annahmen über das Virus zugrunde liegen können. Es scheint, das Wahrheitsspiel des Systems Politik lege keinen Wert auf Konsistenz der handlungsanleitenden Annahmen und Inputs hätten die Form von Interessen oder Meinungen, zwischen denen dann im Laufe des politischen Prozesses eine möglichst ausgleichende Lösung gefunden werden müsse. Dann ließe sich allenfalls kritisieren wer warum wie viel Einfluß hat.

Eine Wahrheitssuche wie sie die Erkenntnis- oder Wissenschaftstheorie vorschlägt ist somit weder vorgesehen noch zielführend. Das Handeln nur auf gesicherte Fakten basieren zu wollen – möglicherweise gar auf einer Vorstellung unverrückbarer – und unterschiedliche Interessenspositionen zu ignorieren verunmöglicht den politischen Prozeß. Hinzu kommt, daß Fakten nicht für sich sprechen, sie müssen in den Prozeß eingebracht werden. Damit haben sie ersteinmal die äußere Form von meinungs- oder interessengeleiteten Eingaben oder erreichen gar die Politik häufig nur im Rahmen von solchen. Sie können sich – gerade bei laufender Forschung zu etwas neuen wie Covid19 – ändern und Wissenschaftler*innen sind nicht immer gleicher Ansicht, weshalb stets eine ungerade Anzahl an Expert*innen eingeladen wird. Da nur eine begrenzte Anzahl von Expert*innen gehört werden kann, braucht die Streuung und Verdichtung der Aussagen nicht der im Wissenschaftsbetrieb entsprechen.

Dies ist nicht nur ein Problem der Repräsentation des wissenschaftlichen Diskurses. Eine wissenschaftliche Eingabe kann als spezielle Art der Information betrachtet werden. Wissenschaftliche Fakten verändern sich anders und bisweilen deutlich schneller als politische Positionen. Wissenschaftler*innen und Wissenschaftskommunikator*innen können Laien nur eine unterkomplexe Darstellung ihres Wissens, nicht das Wissen selbst präsentieren. Damit können wissenschaftliche Fakten nicht dem eigenen Urteil in einer Weise – so dem vielbeschworenen GMV –  unterworfen werden in der es für andere Informationen gewöhnlich oder gar geboten wäre. Wissenschaftliche Tatsachen sind komplett anderen Prozessen inkl. Grenzen der Aushandlung unterworfen als Laien zugängliche.

Es sollten also Unterschiedliche Informationsarten angenommen werden, die grundlegend – also unabhängig vom konkreten Inhalt – unterschiedlich behandelt werden müssen. Das können wir als Ontologie bezeichnen. Damit ist in diesem Sinne keine metaphysische Überlegung über das So-sein der Welt gemeint, sondern Voraussetzungen die Welt wahr-zu-nehmen und über diese Wahrnehmung zu kommunizeren benennen und überdenken zu können, auch gerade welche Ontologie wir für spezielle Ziele – so z.B. Umgang mit einer Pandemie – brauchen.

So ließe sich zusammenfassen, daß im politischen Umgang mit Covid oder dem Klimawandel eine unzureichende Ontologie für wissenschaftliche Fakten zu beobachten ist. Darüber hinaus viel Bedarf nach guter Wissenschaftskommunikation – inkl. Vermittlung von weniger unterkomplexen Wissenschaftsvorstellungen – besteht, Repräsentation ein Problem ist und es einen Ort geben sollte, für den Wahrheitssuche – Faktenproduktion – im Vordergrund steht – das ist auch ein Ansatz zu Kritik am derzeitigen Wissenschaftsbetrieb und seiner Finanzierung -, eine unbedingte Universität.


Geschlosene Geschichten

22. September 2020

Ein Artikel oder Vortrag kann als didaktisch gelungen gelten wenn keine verwirrenden losen Enden vorhanden sind, gerade wenn der Gegenstand vor dessen Aufarbeitung arg zerfranst wirkte. Aus sich heraus verständlich zu sein ist auch gerade für journalistische Erzeugnisse ein Qualitätsmerkmal. Daß es immer mehr gibt müßten schließlich die meisten wissen.

Doch üben wir dadurch ein Verständnis von Beschreibung und damit von Welt ein, in der es glatte Oberflächen gibt. Dies erweist sich als Hindernis zum Weiterdenken. Nicht nur fehlen die Anschlüsse – so an den losen Enden -, auch entsteht der Eindruck, das Wissen verändere sich nicht grundlegend – nur noch in Details und in der Menge – mit mehr Kenntnis. Sich mit dieser Wissensform gegenseitig Kompetenz zu simulieren ist Halbbildung, nicht halbe Bildung, sondern das Gegenteil davon. Schlechte Didaktik fördert somit im Namen der Einfachheit Halbbildung und erweckt schlimmstenfalls den Eindruck, ein Anrecht auf einfache und geschlossene Erzählungen zu haben. Dies erschwert, tiefere Kenntnisse zu erlangen und verunmöglicht schlimmstenfalls kritische Auseinandersetzung mit dem vorliegenden Wissen oder reduziert solche scheinbar auf das Niveau von willkürlichen Meinungen. Von daher können auch Erwartungen nicht das entscheidende Bewertungskriterium für Didaktik sein, so verstandene „Feedbackkultur“ regelt die Qualität des Evaluierten runter, es geht ja gerade darum, daß sich die Erwartungen im Laufe des Lernprozesses ändern sollten.

Im Rhizom – das vielleicht besser durch ein Myzel figuriert würde – gibt es keinen Anfang, kein Ende, nur Mitte und Kontext. Auch wenn wir nicht ohne Emplotment auskommen, geschlossene Geschichten sind gefährlich.

Wie sehen die Alternativen aus? Komplett auf Zugänglichkeit zu verzichten wäre eine offensichtliche, aber sicherlich nicht gute Reaktion. Wenn alles mit allem verbunden ist, können wir das resultierende Gefüge nicht mehr von Entropie unterscheiden, a difference makes the difference. Also können wir – verstandene – Komplexität nur mit Komplexitätsreduktion aufbauen.

Eine Möglichkeit wäre praktizierter Antiessenzialismus: Bei möglichst vielen Konstrukten ihre Konstruiertheit – und damit auch ihre Kontingenz – durchblicken lassen, daß zu keinem Zeitpunkt der Eindruck entsteht, unser Bild von einem Gegenstand sei ein Abbild oder die Konstruktion sei eine Reibungsfreie. Ohnehin beginnt das Verständnis für ein Themengebiet erst, wenn die Fachkontroversen begriffen werden. Somit ist es auch ein Qualitätskriterium für Wissenschaftskommunikation, ob Unsicherheiten und Kontroversen vorkommen. „Forschungsstand“ und Methodenteil sind somit kein „Cargokult“, sondern Kontingenzmanagment und Öffnung der Erzählweisen.

Fazit: Auch wenn unnötige Kompliziertheit vermieden werden sollte, eine gute Darstellung sollte immer vermitteln, daß der Gegenstand komplexer ist als die Darstellung, also über sich hinausweisen. Als Modell für Lernen kann damit nicht das „Abholen“ auf einem „kleinsten gemeinsamen Nenner“ gelten, Überforderung – im Optimalfall kontrollierte – ist für Lernen das diese Bezeichnung verdient nie ganz zu vermeiden.


Plüschie Theorie #10: Avantgarde

17. Juni 2020

„Vielleicht ist es ja schon offensichtlich, aber da ich es gerne sagen möchte: Ich scheiße auch auf die revolutionären Avantgarden des ganzen Planeten.“ –Subcommandante Marcos, zitiert nach @elquee

Doch muß eins um auf die Avantgarde scheißen diese hinter sich gelassen haben. Doch wie und wo das geht hängt davon ab wie der theoretich-aktivistische – Plüschtier– & Barbiebilder mal als cutenessrevolutionärer Aktivismus verstanden – Raum strukturiert ist; gerade wenn wir ihn mit unserer Arbeit de- oder restrukturieren wollen.

Denn letztlich sind wir in Gefügen/Netzen/Mannigfaltigkeiten immer in der Mitte, von der aus wir den Verbindungen zu allen Seiten folgen können. Flausch streckt die Fasern nach uns aus und umschließt uns, es ist damit Teil der Circlusphere. Es geht ja gerade darum von hierarchischen, baumartigen Strukturen wegzukommen – weary of holism, but needy for connection -, über neue narrativen zu neuen Denk-, Wissens- und Gemeinschaftsstrukturen zu kommen.

D.h. was nahe(liegend), was fern, was vorne, was hinten ist hängt von den Verbindungen ab die wir knüpfen. Damit sind die Plüschtierstudies „vorne“ da sie die ersten sind die so etwas – strategisch offen gelassen was die Alleinstellungsmerkmale dieses „etwas“ sind – produzieren und „vorne“ daß sie einladen ihnen zu folgen; oder geben sie Impulse in eine Richtung? Dann wären sie aber schon wieder hinter dem was sie anschieben! Kümmmern wir uns also beim Tanzen nicht so sehr darum wann wir nun gerade wo stehen, sondern lassen uns auf die Bewegungen ein!


Mit Philosophie gegen Covid-19?

7. Mai 2020

Verschwörungstheorien1 zur Coronasituation waren zu erwarten. Doch scheint die Gruppe der Leute, welche die Seuche nicht ernst nehmen bzw. die Maßnahmen dagegen für maßlos übertrieben halten sich nicht ausschließlich aus jenen zu rekrutieren, Verbindungspunkte wie Jakob Augstein sind keine hinreichende Erklärung bei Leuten denen wir selbstständiges Denken zugetraut hatten. Nach Erklärbärtriage haben wir es nicht nur mit hoffnungslosen Fällen zu tun. Bei aller Haßliebe zu Sir Karl Raimund P.: Sich und anderen die Frage zu stellen wann eine These gescheitert ist, kann zu den gedanklichen „Powertools“ gehören, sei es auch nur um sicherzustellen daß eine Diskussion wirklich sowas wie einer „Wahrheits“2suche dient.

Damit sind plötzlich „philosophische“ Fragen – etwa wie wir im Alltag zu unseren handlungsrelevanten Urteilen kommen – plötzlich überlebensrelevant. Doch genauer: Auch wenn es sich um „Philosophie“ im umgangssprachlichen Sinne handelt, sind wir bei solchen Fragen auf Interdisziplinarität angewiesen. Alleine die Frage was warum überzeugt reicht von Erkenntnistheorie über Psychologie bis zur Rhetorik und hat mit Sicherheit soziale, damit also sozialwissenschaftlich zu fassende Aspekte.

Die Ausgangslage ist eine „postmoderne“3: Es herrschaft kein Mangel, sondern ein Übermaß an Informationen, aber keine davon ist unbeschränkt vertrauenswürdig. Diese müssen für das Handeln bewertet werden, möglichst in einer unaufwendigen Weise; es wäre etwa zu viel verlangt, sich vor einem handlungsleitenden Urteil über die Lage biologisches und medizinisches Grundlagenwissen, so wie einen Überblick über den Forschungsstand zu verschaffen. Damit dürfen wir epistemische Arbeitsteilung für unser Denken nicht unterschätzen. Dies heißt auch: Von der Glaubwürdigkeit von Wissenschaftskommunikation hängen Menschenleben ab #nopressure!

Fazit: „Coronaskeptiker“ ohne verschwörungstheoretischen Hintergrund stellen uns vor die Aufgabe das Alltagsdenken grundlegend zu untersuchen und hoffentlich auch zu verbessern. Dies setzt aber Bereitschaft zu lernen von allen beteiligten Seiten voraus, so wie ein Wahrheitsverständnis das das – brüchtige -Zustandekommen betont statt sich Wahrheit als „isso“ zu modellieren. Auch bei geisteswissneschaftlichen Problemen geht es um Menschenleben – packen wir’s an!


1 Auch wenn Entschwörungstheoretiker Kulla längst zu anderen Sachen arbeitet sei hier eine Hoffnung geäußert, er dekliniere seine Thesen nochmal an diesem Fall durch.
Update: Dies ist bereits geschehen und hier zu sehen. Vielen Dank!

2 Was auch immer das ist. Aber daß das Gesuchte nicht auffindbar ist, kann ja auch das Ergebnis einer Suche sein.

3 Statt sich in Grundsatzdebatten zu verzetteln oder auf kohärenzarm verplattete Standpunkttheorien zu setzen sollte Grundlagenarbeit geleistet werden. Die Produktionsbedingungen und die Verfügbarkeiten von Informationen haben sich seit dem 19. Jahrundert geändert, „Postmoderne“ hieße damit auch, einen erkenntnistheoretischen Umgang damit zu suchen!


#Cutenessrevolution anderswo #6: Podcast zur Teddybärgeschichte

7. Dezember 2019

Der zugegebenermaßen recht knapp gehaltene und auch nicht nur durch die Werbepausen recht kommerziell klingende Podcast „Pessimists Archive“ beschäftigt sich mit Teddybären. Da können die Plüschtierstudies natürlich nicht weghören.

Die oberflächlichen Aspekte – Steiff und Michtom bringen beide 1902 Spielzeugbären heraus, nach einer Jagdgeschichte über Theodore Roosevelt (Roosevelt der 26.) setzt sich die Bezeichnung „Teddy Bear“ für soetwas durch – wurden ja auch in unseren Plüschstudies erwähnt, doch dieser Podcast spricht einen weiteren Aspekt an: 1907 wurden „Teddybären“ im US Amerikanischen Blätterwald kontrovers diskutiert, in einer Weise, die für diskursgeschichtliche Herangehensweisen1 äußerst fruchtbar2 scheint.

Da auch im Podcast darauf hingewiesen wird, daß es nicht viel Forschung zu Teddybären gibt, sei an dieser Stelle nochmal darauf hingewiesen: Die Plüschtierstudies könnten eine interdisziplinäre Dissertationsfabrik werden, wenn nur internationale Konferenzen und ein Institut finanziert würden *prettypleasewithcherryontop*!

Zum Inhalt: Da Teddybären zunächst als Jungendspielzeug gedeutet wurden und da befürchtet wurde, sie könnten Puppen – die als Mittel Mädchen zur Häuslichkeit zu erziehen gesehen wurden – verdrängen, gab es panische eugenisch durchsetzte Warnungen von Konservativen daß Teddybären eine Gefahr für die Gesellschaft seien; es kristallisierten sich also Diskurse zu Race und Gender an diesen – damals gar nicht mal so – kuscheligen Companions. Dies ließe sich weiter spinnen zur These daß Plüschtiere eine subversive Kraft besäßen und zeigt, daß auch Feminismus und Plüschstudies ein längst nicht zuende gedachtes Thema sind, also ihre hier dargestellte Anschlußfähigkeit an Haraways Cyborgfeminismus nur eine erste Schneise durchs Themenfeld sind.

Am Ende wird erwähnt, daß Teddybären im Laufe ihrer Entwicklung immer stärker in Richtung Niedlichkeit optimiert wurden. Doch da es über „Kindchenschema“ und Evolution von Konsumprodukten gedeutet wird, bringt uns das erstmal leider nicht über einen Funfact hinaus und zeigt, daß bei allen interessanten Informationen nicht ums selbst Denken und Forschen herumkommen, solche Podcast mögen zwar bisweilen anregen, werden es uns aber nicht abnehmen.


1 Früher hätten hier Hinweise auf die einschlägige Literatur gestanden. Daß Landwehr und Sarasin gute Einführungen dazu geschrieben haben nur am Rande. Leider nicht mehr auf dem Laufenden seiend, sei statt einer Bibliographie ein willkürlich gewähltes Beispiel aus jüngerer Zeit wie sich sowas an einem anderen Thema praktisch aufziehen läßt präsentiert.

2 Mythenmetz’sche Abschweifung: Im Podcast wird kurz erwähnt, daß umstritten ist, wie alt das Konzept von Kindheit ist. Ließe sich „reaparieren“ mit der Aussage, daß das heutige Konzept – inkl. v.a. der Abgrenzungen – erstaunlich neu und erstaunlich veränderbar ist – und ja, diese Veränderungen auch im Zusammenhang mit den Produktionsverhältnissen stehen -, aber ein plattes „gab es nicht“ für frühere Verständnisse etwas kurz greift; Puppen sind bereits in der Antike nachgewiesen. Hier hilft Foucault, bzw. diskursgeschichtliche Methodik weiter: Was etwas vor der diskursiven Überformung ist läßt sich nicht sinnvoll sagen, das Wissen darüber wurde immer in vermachteten Prozessen hervorgebracht, in sofern macht es Sinn statt einem „Ding an sich“ nachjagen zu wollen, sich anzuschauen, wie sich beispielsweise das Sprechen über den Gegenstand geändert hat. Das heißt auch, daß die gesellschaftliche/kulturelle/sprachliche/usw. Bedingtheit unseres Wissens und Denkens zu hinterfragen mehr und anderes bedeutet als einfache „ist konstruiert“ oder „gibt es nicht“ Aussagen, sondern einen methodischen Aufwand erfordert; also vorsicht vor den falschen Denkabkürzungen!


Hörflausch – Plüschtierstudies als Podcast

9. Oktober 2019

Eigentlich sollte nur der Plüschtiervortrag gesendet werden, jetzt wurde es dank Fiction for Fairies & Cyborgs doch eher ein Beispiel dafür was Freies Radio alles kann.

Fauchi Stormborn bei einem früheren Vortrag

Die freie Version findet sich Bei freie-radios.net und auf der soundcloud, doch aufgrund der CC-Lizenz können die Dateien ja auch weitergegeben oder woanders gespiegelt werden.

Mobile Abschlußkonferenz der Kulturellenpraxis zur Sendung


Lehrnarrativ

9. September 2019

Skepsis gegenüber Zweierteilungen ist wichtig, denn sie erweisen sich häufig als Denkfalle die die Welt nur scheinbar sortieren. Sie sind aber auch die einfachste Form der Differenz, also nach (post)strukturalistischem Sprachverständnis eine einfache Form etwas auszudrücken. Und unsere treuen Leser*innen kennen sich sicherlich hinreichend mit Dekonstruktion, negativer Dialektik etc. aus ihr Denken nicht von solch einer Spar-Differenz einfangen zu lasesen.

Nach Heinz von Foerster sei eine legitime Frage eine auf die eins die Antwort nicht wisse, aber wissen wolle. Somit wirkt es unredlich wenn eine Aussage als Frage, Mitmacharbeit oder Ähnliches verschleiert wird. Das ist keine Didaktik – im Sinne der Kunst etwas nicht unnötig schwierig darzustellen -, das ist Knabenführung (Pädagogik). Zwar gibt es Fähigkeiten die nur in Anwendung erworben werden können, aber dies zum einzig gültigen Paradigma zu erklären wäre etwas beschränkt. Das mag auch als Verteidigung des verrufenen „Frontalunterrichts“ verwendet werden, speziell für Leute die sowas wie „Ehrlichkeit“ für einen Wert halten.

Das was jetzt „frontal“ vermittelt werden soll weist zwingend gewisse Strukturen auf, auch wenn die Fragen was, wie und warum strukturiert werden soll auf einem anderen Blatt steht. Probieren geht da ausnahmsweise tatsächlich mal über studieren um dem Methodenfetisch zu entkommen.

Ein zentripetales Narrativ zu wählen hilft bei vielen Anforderungen an gängige Unterrichtssituationen: es ist schneller nachvollziehbar, es produziert leichter abfragbare – und abgestuft bewertbare – Antworten. Das prägt wiederum eine Erwartung wie eine Lernsituation auszusehen hat, also prägt auch die Erwartungen des Publikums. Dies hat Grenzen, beispielsweise Deterritorialisierungsbemühungen können wir dabei knicken. Und auch wenn es ein Widerspruch wäre kritisches Denken lehren zu können, Hilfestellungen um mehr als Informationskonsument*innen zu sein lassen sich so auch schlecht bieten.

Von daher sei dem ein Bild des zentrifugalen Narrativs – wie dem der Plüschtierstudies – entgegengesetzt: das Wissen wird nicht zu einem Kernpunkt hin zugespitzt, viel mehr liegt der Ausgangspunkt in einer verschiebbaren Mitte vieler weiterer Bezüge. Die Welt wird komplexer und größer; statt beherrschbarer. Damit werden aber – günstigenfalls intendiert – gängige Vorstellung von Lernen durchkreuzt, so jenes, das von einer fairen Prüfung aus gedacht die geschlossenen Narrative – also das Gegenteil der zentrifugalen narrativen Bewegung – anstrebt. Damit kann der Eindruck entstehen weniger zu lernen und daß diese Art des Lernens kompliziert und zu fortgeschritten sei. Sicherlich liegt – wie erwähnt – ein Moment des Ernstnehmens darin und die Überzeugung, daß „durch Nulpen dividieren“ niemanden dazu bringt das eigene Potential zu entwickeln. Aber auch wenn praktisch gerne so vorgegangen wird diese Denkbewegung weit Fortgeschrittenen zu reservieren, auch wenn auf einige gewohnte Erfolgserlebnisse verzichtet werden muß, letztlich basiert diese Vorstellung auf einem Kategorienfehler.

Denn eine zentrifugale Erzählweise bedeutet hohe Anforderungen an d* Lehrende*, so hoch daß auch der Kontrollverlust – gerade wenn in anderen Bereichen Kompetentere im Publikum sind – in Kauf genommen werden muß. Und etwas nicht unnötig kompliziert zu präsentieren schließt nicht aus sich mit der Komplexität des Gegenstands auseinandergesetzt zu haben. Auch wenn – Stichwort: Halbbildung – sich gegenseitig zu bestätigen daß gängige Vereinfachungen ein Zeichen von Kenntnis seien praktische Funktionen der Bildung – nicht zuletzt kulturelles Kapital – besser erfüllt als sich zentrifugal auf einen Gegenstand zu stürzen.

Nun soll die Wertung – laut Derrida ja einer der Gefahren solcher Zweiergegensätze – hier nur als umkehrbar dargestellt werden, ohne zu verleugnen daß beispielsweise „Komplexitätsreduktion durch Komplexitätsaufbau“ auch ein wertvolles Lernkonzept sein kann, wenn dadurch die Komplexität des Gesamtgegenstands nicht aus dem Blick gerät. Auch sind Informationen sicherlich eine wichtige Grundlage zum Denken, also sei hier nur v.a. vor Einseitigkeit gewarnt.

Seien wir – mit Haraway – also auch bei De- und Reterritorialisierungsprozessen im Lernprozeß lustvoll im Verwischen und verantwortungsvoll im Ziehen von Grenzen!


Intellenz

8. September 2019

Ist es – unter Berücksichtigung des „falschen Ganzen“1 herrschender Verhältnisse – intelligent die verfügbare Intelligenz zu nutzen um sich das Leben einfacher2 zu machen oder schwieriger?

Plüschschwein Sokrates3, alias „Sokra-Pig“


1 Schließungen des Möglichkeitsraums trotz scheinbarer Widersprüche – genauer: Gegensätze – innerhalb wird bezeichnet mit dem aus fortgeschrittenen Dialektikarten entlehnten wissenschaftlichen Fachbegriff „Gesamtscheiße“

2 „Einfacher“ heißt auch, die vorhandenen Handlungsoptionen hinzunehmen und somit die „Gesamtscheiße“ aus der sie entstammen dadurch performativ zu festigen, ein Phänomen was die Kritische Psychologie als „restriktives Handeln“ zu fassen sucht, welches dem Subjekt dieser Theorie zu Folge letztlich immer schade

3 „It is better to be a human dissatisfied than a pig satisfied; better to be Socrates dissatisfied than a fool satisfied. And if the fool, or the pig, are of a different opinion, it is because they only know their own side of the question.“ —John Stuart Mill


Eine Lanze für #10 Glitzer

20. August 2019

“Eine Lanze für … : Hantologische Streifzüge zu totgesagten Konzepten, in theoretischen Abfällen containernd”, Teil 10: Glitzer & Cuteness

„Die Horden der Finsternis glitzern nicht“ –Fauchi Stormborn

Vielleicht sollte Anwürfen aus dem küchenpsychoanalytischen Storygenerator nicht noch Aufmerksamkeit gewidmet werden und nicht die drölfzigste Widerlegung geschrieben werden. Vielleicht ist es aber auch ein guter Anlaß ein paar Dinge zu bärklären.

Dieses mal geht es um Cuteness- und Glitzerästhetiken. Diese seien ein Teil von Selbstinfantilisierung und zeigten daß die nutzenden harmlos gegenüber den herrschenden Verhältnissen sein wollen. Der Einwand daß feminine Ästhetiken abzuwerten misogyn motiviert sei reproduziere Rollenerwartungen. Und wir dachten die Rollentheorie wäre längst zerbröselt und durch Performanztheorien ersetzt..

Zunächst einmal müssen wir klären: Einhörner, Glitzer und Cuteness sind sicherlich streng Opt-In-Only! Wer es nicht versteht muß nur verstehen es nicht zu verstehen. Also müssen keine moralischen Verbindlichkeitsansprüche abgewehrt werden. Von daher scheint es verwunderlich daß überhaupt darüber kontrovers diskutiert wird. Ob so viel polarisierendes Potential bereits auf subversives hindeutet sei mal dahingestellt, aber anscheinend geht es zumindest nicht um Wirkungs- oder Bedeutungsloses.

Als Opt-In Modell müssen wir uns eigentlich auch nicht mit dem Problem beschäftigen, daß Subjektivierung ja nicht im luftleeren Raum stattfindet, also diese „Erwartungen“ nicht nur äußerliche sind, sondern sich dazu irgendwie zu ihnen verhalten und verhalten zu müssen Teil des Subjekt-Seins ist. Ohnehin bereitet das Dilemma daß einerseits jede Wiederholung eine Norm festigt, andererseits Ausdrucksmöglichkeiten pauschal herabzuwürdigen – zum Anderen, zum Untergeordneten machen – wiederum Teil dieser zu bekämpfenden Norm ist nur dann unlösbare Probleme wenn auf jegliche Ambiguität verzichtet wird. Nun ist es aber gerade Grundprogramm einiger poststrukturalistischer Queerverständnisse kleine Uneindeutigkeiten zu großen Möglichkeitsräumen ausweiten zu wollen. Hier fügen sich Cutenessästhetiken gut ein. Wenige Leute laufen anlaßlos als japanische Maskottchen rum, d.h. als großer Trampler (Mensch, Cyborg u.ä.) reine Cuteness darzustellen ist schwer bis unmöglich. Cutenessästhetiken werden also meist mit anderen Stilen kombiniert. Nun sind aber gerade ungewöhnliche Kombinationen die Seh- und Denkgewohnheiten durchkreuzen geradezu ein fast schon langweiliger Grundbaustein dieser Ecke von queerer Ästhetik. Da Cuteness aber als unmännlich und unerwachsen gilt können damit beispielsweise Selbstinszenierungserwartungen unterlaufen werden. Sich nicht zu ernst nehmen als politisches Programm.

Der „Selbstinfantilisierung“svorwurf ist nicht neu, von Safespaces bis zu ungeschickten Abkürzungen („Transpi“, „Lauti“) waren so manche Phänomene Aufhänger für diese kritischen Kritikversuche, doch nun hat die Autodeterminierung des Anwendungsbereichs endlich das (zu) offensichtliche Ziel gefunden: Ästhetiken die sich kindlich Konnotiertem bedienen. Dies zu verbinden bedient sich einer versteckten biologistischen Prämisse, nämlich Cuteness mit Kindchenschema und dieses mit „Nestpflege“ wegzuerklären; wie es leider auch in den Cuteness-Studies- das gibt es tatsächlich, allerdings mit zu nützlicher Ausrichtung um hier positiv beachtet zu werden – oftmals geschieht, daher heißt unser „postmoderner“ Gegenentwurf „Plüschtierstudies“, auch wenn er mittlerweile über Plüschtiere hinauszugehen vermag, aber nicht ohne sie vonstatten geht. Der Einwand das sei doch kindisch ist in diesem Fall so dermaßen naheliegend, daß davon auszugehen ist, Fans von Cutenessästhetiken hätten sich damit von sich aus auseinandergesetzt; sei es auch nur mit einem „na und!?“. Dies schließt zwar nicht aus daß unter Schichten von beispielsweise Ironie das offensichtlich Naheliegende versteckt sein kann, nur wären Leute die dies behaupten in der Pflicht solche – und andere – Schichten ersteinmal feinsäuberlich abzutragen.

Soetwas kann allerdigns schon deshalb nicht gelingen, weil wir es nicht mit einem klar umrissenen Ding zu tun haben, sondern einem dezentralen, bisweilen brüchigen und widersprüchlichen Gefüge. D.h. auch daß ähnlicher Ausdruck sehr Unterschiedliches bedeuten kann. Die eine, die eigentliche Bedeutung eines Zeichens festlegen zu wollen muß scheitern. Dies ist keine „postmoderne Beliebigkeit“, sondern eine Forderung nach gegenstandsangemessenen Methoden. Speziell politischer Ausdruck ist oftmals ein Move – im dreifachen Sinne von Spielzug, Bewegung zu und Absetzungsbewegung von – somit nicht ohne Absichten, Kontexte, Rezeptionen genauer zu untersuchen oder beurteilen. Beispielsweise Verunsicherungstaktiken – und mit diesen arbeitet „postmoderner“ Aktivismus ja gerne – können weder eindeutig, noch stabil sein. Ästhetiken lassen sich nicht vor Vereinnahmung schützen, das macht Cuteness so radikal, hier wird dies nichteinmal versucht.

Methodendiskussion in den Plüschtierstudies

Daß aber Cutenessästhetiken vermehrt auftreten und – in manchen Kontexten – un-verschämt gezeigt werden, die scheinbare Grenze zwischen Spiel und Ernst verwischend und gar politisch eingesetzt werden, wollen wir „Cutenessrevolution“ nennen, wohlwissend daß sie – wie vielleicht jede Revolution bei näherer und dogmensparsamer Betrachtung – eine Mannigfaltigkeit mit unterschiedlichsten Zielen ist. Eine Aufgabe für die Plüschtierstudies wird es sein die Cutenessrevolution im den Kontext queerer Ästhetiken zu untersuchen und ihre queerenden Potentiale zu fördern.

Es mag Cuteness- und Glitzerästhetiken geben, die einfach nur oberflächlich sind – von allen zu verlangen immer und überall subversiv zu sein wäre zu viel verlangt und führte zu Überforderung. Dieser wird dann oftmals mit Abwehrmechanismen begegnet, welche die Psychoanalyse so trefflich beforscht hat. Jedenfalls könnte es sinnvoll sein „Guilty Pleasures“ – sondern höchstens ihre Folgen – nicht als Politisch-Moralisches zu untersuchen, darunter leiden unnötig entweder die Pleasures oder die Theorien mit denen sie gerechtfertigt werden. Wenn etwas Wohlbefinden spendet ohne anderen dabei zu schaden kann es beispielsweise als Selfcare dienen: aufgerieben im Namen der Gutensache(tm) nützt d* beste Revolutionär*in niemandem; und das Gefühl daß nicht alles von Nützlichkeit abhängt – sei es auch die für die gutesache(tm) – ist auch etwas Wert. Wir halten also fest: Cuteness macht nur dann Spaß wenn sie nicht unmittelbaren Zwecken untergeordnet ist oder ein Eigenleben neben den Zielen führt. Affinität zu Cuteness besser leben zu können ist für manche eine Befreiung; kein gelöster Hauptwiderspruch, aber doch mehr Handlungsmöglichkeiten. Nicht zuletzt für Plüschtiere, die jetzt mehr unter die Leute kommen. Die Cutenessrevolution hat also subrevolutionäre Anteile, doch schadet dies nur in einem Entweder-Oder-Denken. Selbst das beste Schwert funktioniert nicht ohne stumpfe Teile.

Die Plüschtierstudies grenzen sich gezielt vom Thema Kinder ab, gerade um die Assoziationskette Niedlichkeit:Kindlichkeit:Unschuld zu durchbrechen; dort geht es nicht um Unschuld, nichteinmal verlorener oder bekämpfter. Dies grenzt sich in zwei Richtungen ab: Zum einen gegen Kritik die – bestenfalls durch versteckte biologistische Prämissen, schlimmstenfalls durch Assoziationsschlüsse – den Cutenessästhetiken Kindlichkeit unterstellt, zum anderen bedeutet das auch eine Aufgabe für die Cutenessrevolution, die Elemente jenseits von Unschuld und platter Distanzierungsironie – beispielsweise durch ernstes Spiel – weiter zu entwickeln.

Doch erstaunlich viele die sich positiv auf derartige Ästhetiken beziehen haben in Abgründe geblickt. Somit läßt sich nicht ohne Weiteres erkennen ob hinter einer Affinität zu Cuteness Naivität, Wunsch nach Naivität oder das genaue Gegenteil, nämlich sich bewußt zur Ent-Täuschung dieser zu verhalten ist. Vielleicht gar dem irreparabel beschädigtem Leben vitale Fiktionen entgegenzusetzen.

Damit ließe sich im Stil der Küchenpsychoanalyse – und mit dessen deutungshoheitsgreifenden wie assoziativen Methoden – polemisieren, daß vor sich herzutragen Safespaces und Cutenessästhetiken nicht zu verstehen oder gar zu verachten zeige, die Gründe für Bedürfnisse danach nicht nachvollziehen zu wollen und können. Der Selbstinfantilisierungsvorwurf wäre dann als projektiv einzuordnen, wird er doch durch Naivität aufrecht erhalten und basiert auf der Abwehr der Befürchtung, die eigene Reife und Abgeklärtheit sei nur Simulation. Aber so zu argumentieren wäre weder methodisch noch moralisch vertretbar. Glücklicherweise ist ernsthafte Subjekttheorie weiter als solch feuilletonistischen Sparversionen.

Wie steht aber Cuteness jetzt zu Harmlosigkeit? Dies ist eine offene Debatte. Doch glücklicherweise ist dessen Ergebnis hier nicht praxisrelevant. Die Militanzdebatte steht nämlich auf einem anderen Blatt. Militanz ist keine Lebensform, keine Ästhetik – Ästhetiken können ohnehin keine festen Größen sein – und sollte die Frage nach den Beziehungsweisen nicht beantworten. Also wäre es ein fataler Kategorienfehler Cuteness mit irgendwelchen taktische Entscheidungen in Verbindung zu bringen. Nur so viel sei verraten:

Feder & Schwert (gut, Kugelschreiber und Multitool), die Waffen einer Punkprinzessin #cutenessrevolution

Fazit: Realität ist etwas für Leute die nicht mit Einhörnern klarkommen – Philosoph*n gegen Realität und Plüschtiere an die Macht!


Objektivität, Subjektivität

19. Juli 2019

Neben der Suche nach in Annahmen von „es ist so wie es ist“ verschütteten Möglichkeiten ist es u.a. Aufgabe eines guten Antiessenzialismsus aufzuzeigen wie hinter scheinbaren Objektivismen Willkür und/oder Standpunktgebundenheit steckt.

So weit so gut. Doch ist nicht viel gewonnen wenn wir jetzt auf Kritik an Objektivität auf den scheinbaren Gegensatz „Subjektivität“ zurückfallen. Auch hier läßt sich einfach dröge-methodisch vorgehen und aufzeigen daß hinter radikalen Subjektivitätsaussagen versteckte objektivistische Prämissen stecken, oftmal auch ein „Schönwetterrelativismus“, der im Falle von ersthaften Konflikten auf diese zurückfällt. Hinzu kommt, daß sich auch längerfristig Veränderliches – wie „Kultur“ oder „Natur“ – unmittelbaren individuellen Möglichkeiten zum verändern entzieht und wir uns weder das Subjekt noch das Objekt als etwas Einfaches oder etwas außerhalb von Wahrnehmung, Sprechen darüber usw.usf. vorstellen können.

Der Gegensatz „Objektivität:Subjektivität“ muß also wirklich überwunden werden um nicht zur Denkfalle zu werden. Nicht nur weggemittelt, nicht nur von Assoziationsmüll definitorisch gereinigt, nicht nur um ein vergessenes/vermittelndes Drittes angereichert, denn es sind keine sinnvollen Ausgangspunkte: das anzunehmen verschleiert daß sie Ergebnisse komplexer Prozesse sind.