Neues im DFB-Skandal

17. November 2015

Die Welt titelt:
NATIONALMANNSCHAFT Löw und Co. werden mit Maschinenpistolen bewacht

Die Kulturellepraxis ruft diesen Bewacher*innen zu:

Fight the game, not the player!


Kulturellepraxis live

18. Januar 2014

„Aber Du bist doch eine Frau?“ – „Nö, ich bin kein abstrahierendes Konzept“


Parolen mit Fußnoten

14. Dezember 2013

Hoch1 die2 „inter“nationale3 Solidarität4!


1 Obwohl diese tote Metapher aus Verständlichkeitsgründen nutzend, distanzieren wir uns hiermit entschieden von vertikalistischen Ideologien und wollen keine Wertigkeit durch Höhe implizieren. Die Alternative „Es lebe“ schien uns allerdings untotenfeindlich und mögliche Bündnispolitiken im Falle einer Zombiekalypse unnötig einzuschränken.

2 Das ebenfalls aus Verständlichkeitsgründen genutzte grammatikalische Geschlecht soll keinerlei gegenderte Konnotationen für „Solidarität“ evozieren. Aus Entschlossenheitsgründen wird in dieser Parole der bestimmte Artikel genutzt, doch soll damit keineswegs eine konzeptuelle Schließung oder Anspruch auf absolute Deutungshoheit über impliziert werden.

3 An dieser Stelle müssen wir uns auf Schärfste von völkischen Antiimperialismen distanzieren. „International“ soll eine Aufhebung von Entsolidariserung projektieren, welchen Subjekte durch nationalistische Ideologien und deren Materialisierungen – Grenzregimes, postkoloniale Tendenzen – ausgesetzt sind. Als äußerst problematisch erweist sich hierbei das „Inter“, da dies allzu leicht nationalstaatlichen Gebilde zum Gegenstand der Solidarität zu machen droht, also eine Emanzipation des Subjekts von nationalen Subjektivierungen a priori verunmöglicht. Die Diskussion ob möglicherweise „transnationale“ eine geeignete Ersetzung wäre, konnte bedauerlicherweise zum Zeitpunkt dieser Demonstration zu keinem konsensuellen Ergebnis gelangen. Wir bekennen uns jedoch entschieden zu dem Satz „All nationalisms are gendered, all are invented, and all are dangerous.“ aus McClintock, Anne: „No Longer in a Future Heaven“: Women and Nationalism in South Africa; in: Transition 15 (1991) S. 104-123, S. 104.

4 „Solidarität“ sollte keinesfalls als Szenesprache verstanden werden oder einseitiges Einfordern von Privilegien im Namen „der Bewegung“ (siehe). Vielmehr soll dieser Begriff mit neuem Inhalt gefüllt werden. Konzeptuell berufen wir uns hierbei auf Haraways Konzept einer Gemeinschaft ohne Totalität (vgl. Haraway, Donna Jeanne: A Cyborg Manifesto – Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century; in: Socialist Review 80, 1985. Digital verfügbar und in deutscher Übersetzung vertont) und Elams „Groundless Solidarity“, d.h. grob umrissen dekonstruktivistische Solidarität ohne Identät (vgl. Elam, Diane: Towards a Groundless Solidarity, in: (dies.): Feminism and deconstruction; London (u.a.) 1994; S. 64-88.).


Kulturellepraxis live: Typo

7. Dezember 2013

„Führer war alles besser“


Toller Artikel?

13. November 2013

D* Autor*in ist inhaltlich unentschlossen angesichts der Privilegiendebatte. Insofern sind anregende und durchdachte Artikel hierzu als Denkfutter höchstwillkommen.

Tl;dr: Leo Fischer – „Repression für alle“ mag ein Highlight stiilistischen Handwerks sein, zu inhaltlich gelungenem zählt er nicht. Hatte sich die Kulturellepraxis schon in der Vergangenheit über rein auf Gesinnungsapplaus heischende Konkretartikel aufgeregt, dieser wird nicht nur von den üblichen Verdächtigen durchaus positiv bewertetet. Der Artikel funktioniert deutlich differenzierter, bring aber letztlich doch nur Gegensätze in Stellung.

Da stellen wa uns ma ganz dumm und gehen den Artikel nach Argumenten und Begründungen durch; kurzgesagt: Zwei Argumente und zweieinhalb Quellen auf drei Seiten; immerhin.

Der erste Absatz hält weitgehend die Konventionen einer Meldung ein, betrachten wir ihn als nüchterne Bestandsaufnahme. Wobei: Besonders elegant ist die Formulierng „durchgeknallteren Teil der queerfeministischen Szene“: Wenn das schon nicht die Kritiker*innen spaltet, mit solch einem Entgegenkommen, kann dem Artikel so einfach kein Queerbashing mehr vorgeworfen werden; und so überschrieb die Kulturellepraxis dieser Artikel nicht mit „Flachzangen im Sonderangebot“ …

Der zweite Absatz brennt ein stilistisch-metaphorisches Feuerwerk ab, davon abgesehen aber nur mit der bloßen unbelegten Behauptung, Verwendung  des „Privileg“ienbegriffs sei inhaltsleeres Resultat der[?] Bildungskatastrophe. Vorwürfe wie „tu quoque“ oder „style over substance“ würden sich auf jenes Niveau begeben.

Umso angenehmer ist die Überraschung, daß der dritte Absatz  gleich zwei Qualitätsmerkmale erfüllt: Ein Argument (daß die Vorstellung verdienter Stärke und unverdienten Privilegien eine zu kritisierende gesellschaftliche Struktur absolut setzend affirmiert) – welches selbstverständlich durch den restlichen Artikel gezogen wird -, doch v.a. erfreulich ist, daß sogar Roß und Reiter*in genannt werden: McIntosh: „Unpacking the Invisible Knapsack“, gar mit Link auf den Artikel. Daß auch Lantzschi in o.g. Artikel kritisiert, sei nicht nur zu Verwischung identitär inszenierter Abgrenzungen und Zeichen erwähnt, sondern auch als Hinweis gelesen, daß die Quellenauswahl Schwächen ausweisen könnte. Fischer – wie zugegebenermaßen viele Szenenasen der anderen Seite – befindet sich also nicht auf dem Top-Stand der Debatte befindet.

„Identitätspolitik“ wird im vierten  Absatz – sogar als Ideologie – erwähnt; bleibt aber den Artikel hindurch undefiniert. Auf Kritik – oder Kritik der Kritik, es handelt sich um eine komplexe und durchaus wichige Debatte – der Identitätspolitik wird nicht näher eingegangen. Das o.g. Argument wird indessen zur Unterstellung ausgebaut, Subjekt der Theorie seien nur ehrliche Marktteilnehmer*innen, narrativ geschmeidig schleicht sich die Trope des strukturellen Antisemitismus an. Eine Verknüpfung von dem Rechtssystem immanenter Ungerechtigkeit und der kapitalistischen Produktionsweise wird angesprochen, dieser – ohne an dieser Stelle Exisenz eines Zusammenhanges zu bezweifeln – scheint der Zielgruppe jener Zeitschrift so geläufig sein zu müssen, daß nicht auszuführen oder zu begründen.

Im fünften Absatz taucht wieder sowas Ähnliches wie ein Argument auf: Eichmaß solle positive Befreiung, nicht Bekämpfung der mit „Privilegien“ thematisierten Ungerechtigkeit sein. Inhaltlich lassen wir das mal unkommentiert, können uns aber nicht den Hinweis an dieses sich bisweilen als „Außenministerium der Linken“ gebärdende Medium sparen, daß Eichung per definitionem von staatlichen Stellen durchgeführt wird. Ebenfalls im fünften Absatz taucht ein Unverständnis des Begriffs „Homonormativität“ auf; dabei folgt das Kritik-Konzept „Homonormativität“ den zarten Argumentationsansätzen des Artikels, sich nicht isoliert gegen einzelne Diskriminierungsverhältnisse wenden zu sollen, ohne die Gesamtscheiße zu thematisieren (und nein, I could teach you, but I have to charge). D.h., hier haben wir einen handfesten Widerspruch: Bei „Homoehe“ scheinen kleine Verbesserungen ohne Thematisierungen des Ganzen unbedingt zu verteidigen sein, bei der Thematisierung von Privilegien des Teufels zu sein.

Dies setzt sich auf den nächsten Absatz fort: Einschreibungslogik ins problematische Ganze scheint nur problematisch, wenn es Privilegienbegriff nutzende fordern Auch wird in diesem Absatz die finale Halse eingeleitet: Unterstellung von lustfeindlicher Neidkultur und Protestantismus. Psychoanalyse hilft ungemein in Gestaltung einer Unterstellungskultur.

Der folgende Absatz macht das Faß von Selbstreflexivität und Aufklärungskritik auf; inhaltlich wollen wir an dieser Stelle nicht schon wieder darauf eingehen, Interessierte sollten mal mit Situated Knowledges und Haraways Kritik am Reflexivitätskonzept lesen. Polemiker*innen würden darauf hinweisen, daß Fischer ein Interesse daran haben könnte, Kritik an Mackerei im Namen der Vernunft zurückzuweisen.

Einen Absatz weiter – wir haben es fast geschafft. Daß ausgerechnet ein offenbar Adorno naher Autor Utopie einfordert sei wohlwollend als undogmatisch gedeutet. Dagegen ist „Zumindest Teile der Bewegung“ eine Wieselformulierung, vgl. oben: „durchgeknallteren Teil der queerfeministischen Szene“.

Vorletzter Absatz: Zu Magnus Klaues Artikel siehe, zur Knutschverbotsdebatte siehe woanders. Der letzte Absatz schließt die Küchenpsychoanalytischen Gleichsetzungen und bringt das unvermeidliche Adorno-Zitat.

Stilistische Brillanz ist Leo Fischer wahrlich nicht abzusprechen. Doch vielleicht sollte guter Journalismus mehr bieten. Zumal speziell bei diesem Thema die Polemiknische hoffnungslos übervölkert ist. Im Gegensatz zu manch anderen Beiträgen tauchen zwischen den Behauptungen und Unterstellungen auch Argumentansätze auf, welche sich aber nicht als sonderlich originell erweisen. Es taucht ein argumentativer Widerspruch auf und das principle of charity wurde massiv vernachlässigt. Quellen wurden genutzt, doch ist die Auswahl zu unvollständig und suggestiv, um halbwegs wissenschaftlich denken könnende Menschen ansatzweise zu überzeugen. Die psychoanalytische Unterstellungsmaschinerie könnte unterstellen, daß manche Dudebros einfach nicht mit der Einsicht klarkommen, auch Teil des Problems zu sein. Wenn dem so wäre, hätte der Privilegienbegriff zumindest eine sinnvolle Funktion: Diese Leute zu trollen.

Aus dem Ausdruck des Artikels falte ich einen Papierflieger und lasse ihn mit einem gähnenden „Meh“ in die Rundablage gleiten.


Körperliche Philosophie

2. November 2013

Mein Rücken ist härter als Deine Argumentation, denn Deine Kritik ist verkürzter als meine Sehnen (sind).


Die meinen es wenigstens nicht gut

29. Oktober 2013

Sicherlich entwickeln die meisten Spezialisierungen einen gewissen Fachjargon. Sicherlich läuft dessen Verwendung soweit unbewußt ab und prägt das Denken soweit, daß diese im Alltag fortzusetzen höchstens mit größerer Anstrengung zu vermeiden ist. Zumal – im Gegensatz etwa zum Vokabular mancher neologismusreicher Philosophierichtungen – viele Fachbegriffe den Eindruck erwecken, als wären sie dem Worte nach zu erschließen. Leider begehen bisweilen auch einige Nutzende solcher Begriffe und gar Konzepte diesen1 Fehler. Hinzu kommt, daß Leute, welche den Linguistic Turn und dessen Folgen ablehnen und/oder nicht zur Kenntnis nehmen häufig nicht überblicken, wie verräterisch Sprache für eine halbwegs geschulte Person sein kann.

Möglicherweise Pet Peeve d* Autor* ist pädagogisches Vokabular, speziell wenn dieses ins Humanistische oder gar Esoterische abdriftet (Beispiele: „Mein Eindruck ist“ – oder generell inflationärer Gebrauch von Ichaussagen an Stellen, an denen es pragmatisch keine sind, „Anschlußfähigkeit/abholen“,  „Achtsamkeit“).

Dies soll keine Lanze für die positivistische Psychologie brechen. Doch diese meint es wenigstens nicht gut.


1 Z.Zt. beliebtes Beispiel: Verkürzte Verwendungen und verkürzte Kritik dieser verkürzten Verwendungen des Begriffs „Privilegien“.