Flachzangen immer wieder

23. August 2018

Dank an @momorulez für den Hinweis

Gut eingebubblet um wenig davon mitzubekommen und keine Motivation für lau ausführlich zu recherchieren – Unsinn ist ohnehin leichter in die Welt zu setzen als zu widerlegen – ließ es sich dennoch nicht vermeiden neueste Tiefpunkte die im Assoziationsraum „Postmoderne“ verbreitet werden schmerzlich wahrzunehmen.

Die Gefährdung durch die Postmoderne™ wurde anscheinend von „neoliberal“ auf „faschistisch“ hochgestuft. Im Rauschen des Diskurses sind Essenzialismusvorwürfe an den Poststrukturalismus zu vernehmen. Nach Jahrzehnten der ermüdenden Relativismusdebatten und „killing the messenger“ für vorhergesagte „postfaktische“ Politikstrategien nun auf einmal Essenzialismus?!?

Dahinter scheint eine Assoziationskette von „Poststrukturalismus = Postmoderne = Critical Whiteness = Ethnopluralismus“ zu stehen.

Daß diese Gleichsetzungen nicht zutreffen und darüber hinaus die einzelnen Positionen lediglich durch Gerüchte beschrieben werden wurde – u.a. hier – schon so häufig erklärt, daß wir uns damit nicht weiter aufhalten sollten. Viel mehr beängstigt diese Ignoranz, zumal wenn wir genauer untersuchen wie diese funktioniert: Wir haben gestapelte Assoziationsketten, Gerüchte, welche sich zu Wahrheitswirkungen verdichten, ein wir:die-Schema, bei dem auch noch die Gegner*innen alle irgendwie zusammenhängen und nur erfolgreich sind indem sie falsch spielen. Das sind Muster von Verschwörungstheorien und dennoch gehen sie in sich als links verstehenden Kreisen als Theoriediskussion durch.

Zusammenhänge von Verschwörungstheorie, Antiintellektualismus und Antisemitismus aufzuzeigen sei den Leser*innen als einfache Hausaufgabe überlassen.

Bei theoretische Positionen kann eins schonmal unterschiedlicher Ansicht sein – wir kommen nur mit Irrtumslizenz weiter. Die Unis bieten auch nicht mehr so viele Freiräume, womit theoretisch in die Tiefe zu gehen schwieriger geworden ist. Auch wenn Leute sich in ihren Kämpfen nicht so sehr in diese theoretische Tiefen gehen wollen ist das nachvollziehbar; gleichwohl das – äußerst bewegliche – Verhältnis von Kämpfen und Theorie gründliche Reflexion vertragen könnte, doch wird gerade sowas durch haltlosen Behauptungen erschwert.

Verschwörungsdenken und Desinformationen um andere anzugreifen ist unter keinen Umständen emanzipatorisch.

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Eine Lanze für #9 Fallacyforschung

19. Juli 2018

“Eine Lanze für … : Hantologische Streifzüge zu totgesagten Konzepten, in theoretischen Abfällen containernd”, Teil 9: Eine Lanze für Fallacyforschung

Dieser Ansatz erscheint zunächst so fruchtbar und undogmatisch, da er nicht vorschreibt was oder wie zu denken sei, sondern nur offensichtliche Fehler bekämpft. Bedenken wir zudem die Beobachtung daß der s.g. „Rechtspopulismus“ keinen Wert auf logische Konsistenz oder Kohärenz legt, scheint es geradezu wie ein Gebot der Stunde für weniger fehlerhaftes Denken einzutreten. Umso mehr wenn wir diese Denkfehler als Alltagsdenken identifizieren, also die Mechanismen und Problemlösungsstrategien die uns ohne den Kopf zu sehr anzustrengen durch den Alltag bringen – ich überprüfe nicht erst die Falsifizierbarkeit meiner Annahmen um den Abwasch zu machen.

Kollateralnutzen sich eine gewisse Kenntnis im Bereich der Argumentationsfehler zuzulegen ist, diese schneller zu erkennen und damit – so sich diese häufen – auch schneller zu erkennen wenn eine Diskussion nicht ernsthaft geführt wird, sondern lediglich als Durchsetzungsstrategie genutzt wird.

Doch wie allgemein allzu große Hoffnungen daß Philosophie zu besserem Denken führe häufig durch konkrete Philosoph*n herbe enttäuscht werden, trifft dies besonders auf Leute zu, die besonders gerne Argumentations- und Denkfehlern – Kurz: Fallacies – nachjagen. Die Befürchtung, daß dieser Ansatz einfach zu formal ist und damit solch unordentlichen Sachen wie denken und Argumentieren nicht gerecht werden kann läßt sich hier leider nicht zerstreuen.

Nun fand sich aber auf Twitter ein Erklärungsversuch

People who are obsessed with logical fallacies suffer from the most severe fallacy: that disagreements are easily resolved. As though everyone secretly agrees, but half the population made a simple logical misstep and arrived at the wrong conclusion. —Existential Comics

Dann wäre aber nicht die Methodik das Problem, sondern implizite Annahmen ihrer Anwendung. Für die Argumentationstheorie, daß Konflikte auf einfachen Fehlern der Gegenseite beruhen, für die Erkenntnistheorie, daß die Wahrheit nur von einigen Fehlern verstellt sei, aber eigentlich einfach bzw. einfach zu erreichen sei.

Aus der Überzeugung daß genau das nicht der Fall sei wird es aber gerade interessant sich mit Verfahren der Erkenntnissuche – und also wo sie häufiger mal schiefgeht – zu beschäftigen:

„Wenn wir den Quellen der Erkenntnis nachforschen, begehen wir meist den Fehler, uns dieselben viel zu einfach vorzustellen“ –Fleck, Ludwik: Zur Krise der Wirklichkeit; in: Schäfer, Lothar (Hrsg.); Schnelle, Thomas (Hrsg.): Ludwik Fleck : Erfahrung und Tatsache; Frankfurt/M 1983; S. 46-58, S. 46.


Kritik der Kritischen HAS-Kritik – Wir sitzen immernoch in einem Boot

24. Februar 2016

Schon interessant: die Art in der einstmals der Poststrukturalismus (meistens als „Postmoderne“, wer da keinen Unterschied sieht ist Teil des Problems und möge sich als Flachzange bezeichnet sehen) kritisiert wurde findet jetzt Anwendung auf die Human-Animal-Studies (HAS). Gut, auch in diesen gibt es Pomobashende Adorniter*innen, aber dies nur am Rande, tu quoque als argumentum ad hominem wäre ein non sequitur.

Jedenfalls tauchte (mal wieder) ein Sokal-esker Hoax auf, dieses mal auf einer Konferenz zu den HAS; deren Thema war recht konventionelle Kulturgeschichte. Nun wurde bereits vieles zum Thema gesagt, so daß hier v.a. ein paar Links zum selber denken zusammengetragen werden sollen

Zusätzliche kommentierten die Kaffeehausdilettant*n auf FSK:

  • Daß Belege – inkl. Archivmaterial – gründlich gefälscht wurden und einige steile Thesen im Review für eine Konferenz erstmal nicht auffielen sagt nichts aus über wissenschaftlichen Anspruch. In Naturwissenschaften flogen oftmals gefälschte Mess“ergebnisse“ erst nach Jahren aufCitation needed; siehe auch
    • Welche Thesen der HAS wie steil sind ist Teil der Kontroverse, sollte also nach geisteswissenschaftlichen Qualitätsstandards keinesfalls implizit verhandelt werden
  • Auch im Bereich der Informatik sind bereits Scherz-Artikel (automatisch generierte Papers) auf Konferenzen angenommen wordenCitation needed ohne daß dies breit Theorien, Fachbereichen oder Wissenschaftsgattungen angelastet wurde
    • Anzunehmen, nur weil Forschung nicht Politik als Gegenstand hat sei ihre Wahrheitsproduktion unpolitisch ist (leider?) ein Kategorienfehler
  • „Kritik“ ist stets ein – meist die eigene Bedeutung hervorhebender – Zug im akademischen Betrieb
    • Es wäre zu klären, wie innerakademische Kritik nicht Teil des Problems sein kann
    • Ein Teil des Problems ist innerakademische Kritik stets, wenn er die eigene Ingroup als ungerechtfertigt um Ressourcen gebracht sieht: Wissenschaft ist ein Prozeß, nicht das Ergebnis, also sollte „Wissenschaftlichkeit“ keine Frage der Positionen sein
      • Es geht hart & ungerecht zu. Eine konkurrierende (oder gar schwächere) Gruppe für schuldig zu erklären erinnert uns an …?
    • In der Diskussion unterbelichtet bleibt die gewachsene akademische Konkurrenz. Diese schlägt sich auch in Evaluationsverfahren (z.b.: wieviel wurde wo publiziert) nieder. Evaluation produziert leider in erster Linie Evaluationsergebnisse, nicht Qualität
      • Daß im gegenwärtigen Peer-Review System der Wurm ist, ist eine BinsenweisheitCitation needed, dennoch klammerten die Fälscher*innen diese aus ihrer Kritik aus
    • Es wäre – geschichts- & sozialwissenschaftlich – zu untersuchen, inwieweit innerwissenschaftliche Logiken gegenüber außerwissenschaftlichen „Sachzwängen“ an Bedeutung verlieren; eine reine und nur auf Wahrheit ausgerichtete Wissenschaft hat es zu keinem Zeitpunkt und in keinem Fach gegebencitation needed
  • An den gesunden Menschenverstand (GMV™) zu appellieren ist unwissenschaftlich
    • Der GMV sagt: Die Erde ist flach
    • U.a. durch den Cultural Turn wurden Alltagsphänomene geistes-/kultur-/sozialwissenschaftlich untersuchbar, am Gegenstand ist der wissenschaftliche Anspruch nicht ohne weiteres zu erkennen
    • An einer Prämisse läßt sich selten die Qualität eines wissenschaftlichen Ansatzes zu erkennen
    • Autodeterminierung des Anwendungsbereichs: Im Gegenteil lebt der wissenschaftliche Prozeß davon, daß Ansätze auf unintendierte Bereiche ausprobiert werden. Alleine um zu prüfen ob sich Ansätze der HAS in der Forschungspraxis als fruchtbar erweisen oder nicht, muß ihnen erstmal eine Irrtumslizenz ausgestellt werden
  • Kommt.Uns.Nicht.Mit.Humanismus!
  • Die Rolle der Ethik in der Wissenschaft
    • It’s complicated

Kulturellepraxis live

25. Juli 2014

Gastbeitrag von IM Rübezahl

Niedrigohmiger Angestellter: Leitend, mit wenig Widerstand


Happy Halloween!

25. Dezember 2013

31okt=25dez


Das Kreuz mit den Privilegiendebatten

13. November 2013

Dieses Thema „Privilegien“ und die Frage ihrer richtigen Kritik ist kontrovers; insofern herrscht Bedarf nach mehr guten Artikeln und weniger schlechten Polemiken. Da die Kulturellepraxis dies gerade nicht zu leisten vermag, versuchen wir, wenigstens auf der Metaebene beizutragen und an dieser Stelle do-s & don’t-s vorzuschlagen, basierend darauf, was in bisheriger Lektüre an Käse unterkam.

  • Es sollte klar erläutert werden, was „Privileg“ bedeuten soll
    • Ebenfalls hilfreich: Im Blick zu behalten, was „Privileg“ bedeuten kann
    • Im falle der Rekonstruktion andererleute Verwendungen ist das principle of charity unbedingt anzuwenden
  • Klar herausstellen: Wird über verkürzte Lesarten oder das Potential einer Theoriepraxis gesprochen?
    • Wenn Ersteres der Fall ist: Wer nimmt diese Verkürzungen vor und wie verbreitet sind diese?
  • Es sollten Quellen genutzt werden, diese sinnvoll und nicht suggestiv ausgewählt, sowie offengelegt. Für diesen Artikel reden wir uns mal hierauf (sowie die dortigen Links) ‚raus.
  • Es sollte auf unnötige (küchen-)Psychoanalyse verzichtet werden: Derartige Debatten funkionieren oftmals – auch da es damit so einfach ist – über gegenseitige Unterstellungen versteckter/unbewußter niederer Motive. (z.B. „Lustfeindlichkeit“ vs. „Privilegienverteidigung“).
    • Sicherlich kann gerade in derartigen Debatten nicht die Deutungshoheit für die Motive einzelner Personen ihnen selbst überlassen werden
      • Gerade versuche, derartige Debatten durch „ich meine ja nur …“ und „die uns doch auch …“ artige Argumentationsfehler zu derailen trugen höchstwahrscheinlich massiv zur Verbreitung des Privilegienbegriffs als Gegenstrategie bei
      • Aus der ethischen Mottenkiste seien – leider mit dem äußerst problematischen Utilitarismus verbundene – konsequenzialistische Moralvorstellungen gefischt: Die Motive müssen nicht zwangsläufig ausschlaggebend zur Bewertung von Handlungen/Taten sein
      • Aus der psychologischen Mottenkiste sei die – leider mit dem äußerst problematischen Behaviorismus verbundene – Blackbox-Metapher gefischt: Wir können anderen Menschen nicht in die Köpfe sehen (und wenn doch: Es bringt nichts, wenn wir etwas über ihr Denken wissen wollen)
    • Die Psychoanalyse bietet einen mit etwas Wissen und Erfahrung gut zu bedienenden und Plausibilität erzeugenden Narrativgenerator
      • Gewarnt sei vor dem God Trick, die Psychoanalyse verleitet ganz besonders dazu
      • Oftmals kann mit einer „misanthropischen Unterstellung“ (Schulz von Thun) Kommunikation abgebrochen werden
        • Dies sei hier nicht generell bewertet, manchmal kann soetwas hilfreich sein. Nur sollten wir uns bewußt sein, es handelt sich damit lediglich um einen Zug in einem Macht-/Dominanzspiel, kein cat’s cradle (Haraway) gemeinsamer Wissensproduktion
      • Viele Ausprägungen der Psychoanalyse – auch die der Kritischen Theorie – sind heteronoramtiv und/bzw. homofeindlich. Siehe zur Psychoanalyse allgemein beliebige Lehrbücher, siehe zur Frankfurter Schule im Speziellen: Halle, Randall: Zwischen Marxismus und Psychoanalyse : Antifaschismus und Antihomosexualität in der Frankfurter Schule; in: Zeitschrift für Sexualforschung 9 (1996) S. 343-357.
      • Nahe am Kern der Theorie – also kaum durch kleinere Korrekturen behebbar – steht ein Modell unbewußter Triebe. Damit wird zumindest eine Art von Vorstellung über Begehren bzw. dessen Essenzialisierung nicht aus psychoanalytischer Theroriebildung loszuwerden sein. Welche impliziten Probleme/Ausschlüsse wir uns damit einhandeln sei am Beispiel von Asexualität verdeutlicht
    • Für die Erkenntnis, daß Motive nicht zwangsläufig bewußt und nicht zwangsläufig wie dargestellt sein müssen, sei auf Freud verzichtet – Koksen oder schreiben, eines von beidem hätte er lassen sollen – und auf den – gleichwohl nicht minder sexistischen – Nietzsche zurückgegriffen

Elendes Pack

24. August 2013

Siehe; Dank an Sanczny, Bewitchedmind & Runkenstein

„-Pack“ gilt als Klassismus reproduzierende Beleidigung, dies ließe sich gar am Duden – sowohl bei Bedeutung, als auch Etymologie – recht klar nachvollziehen. Dies heißt aber – wie bei vielen derartigen Erkenntnissen -, liebgewordene Sprachgewohnheiten ersetzen zu müssen

  • „Tetrapack“ -> „Tetra-Getränkekarton“
    • Für Verbalinjurien auch gerne in Kurzform: „Elende rechte Tetras“
  • „Ich packe meinen Koffer“ -> „Ich fülle meinen Koffer“
  • „Entpacker“ -> „Dateientkomprimierungsprogramm“ (siehe)
  • „Vollbepackt“ -> „Vollbeladen“
  • „Jetpack“ -> „Raketenbetriebene Einpersonenflugvorrichtung“
  • „Packstation“ -> „Postversandgutstation“
  • „Packung“ -> „Produktumhüllung“
  • „Pack“ -> 0,49079kg (SI ftw!)
  • „Pack“ -> Pneumatische Luftzirkulationsausstattung