Kulturellepraxis live: Antwort

11. November 2018

„Ey, biste schwul?!?“ – „Da diese Frage höchstproblematische Präsuppositionen enthält – allen voran die Annahme einer diskreten Zweigeschlechtlichtkeit, so wie eines auf gewisse Abstraktion von Körperformationen gerichteten Begehrens – kann die Anwort nur lauten: Mu


Hinweis: Für derartige Antworten bei derartig fragenden empfiehlt sich eine Kampfkunstausbildung und/oder Bewaffnung – so z.B. griffbereites Tierabwehrspray – als Argumentationshilfe bei zu erwartenden … Folgefragen.

Advertisements

Psychoanalyse gegen Nazis?

24. Oktober 2018

Mal wieder Kommentar zu einem Fundstück, dieses mal dieser Heise-Artikel via @MaditaPims

Kurz zusammengefaßt: Eine Studie am DIW widerlege mit statistischen Mitteln den Mythos daß es sich bei AfD Anhänger*innen um „Modernisierungsverlierer“ oder „Abgehängte“ handele. Das Durchschnittseinkommen sei überdurchschnittlich, deutlichste Korrelation ist die zu „Ausländerfeindlichkeit“[1]. Daß andere Studien einen unterdurchschnittlichen IQ unter AfD Anhänger*innen festgestellt haben stehe in keinem Widerspruch dazu, deute vielmehr auf geringe soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems hin, Klasse werde vererbt. Dies ist nicht von Interesse für den Artikel, aber viel zu wichtig um es zu verschweigen.
Eine davon unabhängige Umfrage bei einem Dating-Portal – hier ein weiterer Artikel dazu, auf den wir uns im folgenden beziehen- ergab, daß Anzeichen für sexuelle Frustration unter AfD Anhänger*innen – speziell gegenüber solchen „linker“ Parteien – extrem hoch sei. Dies wird psychoanalytisch – u.a. mit Wilhelm Reich – erklärt, daß autoritäre Erziehung zu Triebunterdrückung führe, die wiederum in Haß und letztlich „Faschismus“ münde.

Zunächst einmal scheint dies das beste der großen Psychologieansätze von experimental-statistischer und psychoanalytischer Methode zu kombinieren: Wir haben eine Erhebung von Daten (n=700), statistische Korrelationen sagen aber nichts über Kausalitätsrichtungen aus, es folgt aus so etwas also keine Erklärung, auch wenn solche Ergebnisse bisweilen extrem suggestiv wirken und bisweilen in solcher Absicht erhoben werden. Wenn aber jetzt die Psychoanalyse eine Prognose trifft die zu diesen Ergebnissen paßt, scheint das deren Erklärungsmodell zu erhärten, quantitative und qualitative Forschung arbeiten zusammen und wenn wir die aggressiv-misogyne Incebewegung oder auch ein gewisses Bild von „Islamisten“ hinzunehmen scheint diese Erklärung einiges über die ursprüngliche Anwendung hinaus zu leisten.

So viel Truthyness sollte einen Skepsisalarm auslösen.

Versuchen wir es systematisch: Bei solchen Erhebungen haben wir mindestens drei Ansatzpunkte: 1.) Welche Unterscheidungen werden eingangs getroffen, was sind die Voraussetzungen und Vorannahmen hinter die die Messung nicht mehr zurück kann? Bedenken wir hierbei auch die Duhem-Quine These! 2.) Wurde die Erhebung und ihre statistische Auswertung methodisch sauber durchgeführt? Gerade im Zuge der „Reproduktionskrise“ u.a. in der Psychologie rückt v.a. diese Ebene immanenter Kritik in den Blick. 3.) Was folgt aus den Ergebnissen? Zwar können die meisten aufsagen daß Korrelation nicht Kausalität bedeute – fieselosophen fragen gar, wie sich Kausalität überhaupt beobachten ließe -, nehmen aber dennoch wenn es um Anwendung geht eine Kausalitätsrichtung an, die nicht direkt aus den Daten folgt; wir dürfen dabei auch nicht vergessen daß sich selbst beispielsweise die Newton’schen Gesetze nicht aus reiner Messdatenauswertung herleiten lassen. Das heißt nicht daß wir zu keinen Ergebnissen kommen können, es heißt nur daß diese Methode nicht ausreicht und vor vorwissenschaftliche Deutungen solcher Daten gewarnt werden muß, die Deutungskette ist nicht nur so schwach wie ihr schwächstes Glied, sondern wie alle Schwächen kombiniert.

1.) Gar nicht so sehr auf grundlegender Ebene in die Tiefe gehen wollend sei hier nur kurz darauf hingewiesen, daß „Frustration“ ein Begriff aus der Psychoanlyse ist – obwohl es experimentaltaugliche Operationalisierungen gibt – und gerade „sexuelle Frustration“ damit schon implizite Annahmen über Sexualität enthält. Die konkreten Fragen waren u.a. ob die Befragten in der Liebe schon „verarscht“ worden seien (wir nehmen an daß damit eine Art von Täuschung und nicht geschlechtsunabhängig anwendbare Sexualpraktiken gemeint sind), über ihr Liebesleben „verbittert“, Liebe an sich eine Lüge oder allgemein „liebevoller Umgang“ miteinander wünschenswert sei. Irgendwie scheinen diese Items zusammenzugehören, doch wie sie zusammengehören, bzw. was genau wir mit diesen Messen erweist sich bei näherer Untersuchung als nicht so einfach. „Sexuelle Frustration“ scheint wie eine gute Erklärung, aber gerade in dieser Phase des Experimentalaufbaus sollten wir uns vor voreiligen Erklärungen hüten.

2.) Sachkundige Ergänzungen hierzu willkommen. Es wäre v.a. zu fragen wie repräsentativ die Gruppe und die Anzahl der Versuchspersonen ist. Demoskopie geht m.W. davon aus daß Umfragen ab 2000 repräsentativ für die Wahlberechtigten in Schlandland sind, psychologische Studien fangen schon ab 31 an Statistik draufzuwerfen. So klingt für psychologische Verhältnisse =700 nach recht viel. Auf einem Dating-Portal findet sich sicherlich kein repräsentativer Schnitt zum Thema sexuelle Frustration: mindestens Leute die zufrieden mit ihrem Beziehungsstatus sind würden sich nicht dort anmelden. Wie sicher gestellt wurde daß Leute nicht mehrfach und Leute ehrlich abstimmten sei dahingestellt, es ist möglich daß das Studiendesign das berücksichtigt.

3.) Auch wenn bei Gelegenheit auf diesem Blog Kausalitätsbegriffe dekonstruiert werden sollten, für Naturwissenschaften – und solche die sich dafür halten – sind diese (wackelige?) Grundlage, wir lassen sie ersteinmal. Innerhalb des Kausalitätsparadigmas haben wir bei einer Korrelation drei möglichkeiten: Das Eine bewirkt das Andere, das Andere bewirkt das Eine, beides wird von etwas Drittem bewirkt.
So schön es wäre wenn rechte Überzeungungen sexuelle Frustration bewirkte – kein Sex mit Nazis -, so unwahrscheinlich klingt es leider.
Dafür daß sexuelle Frustration rechte Gesinnungen bewirkt spricht, daß es von Wilhelm Reich erklärt und damit indirekt vorhergesagt wurde. Nur haben wir psychoanalytisch eine alternative Hypothese, nämlich daß Nationalismus und Narzißmus zusammenhängen: Wegen krankhafter Sucht nach Selbstbestätigung wird sich mit Konstrukten wie „Nation“ aggressiv identifiziert, inkl. Erfolgen an denen die einzelne Person i.d.R. keinen Anteil hat. Da Freud auch einen Zusammenhang zwischen Narzißmus und Homosexualität vermutet und trotz Homofeindlichkeit Männerbündeleien und Hypermaskulinität in rechten Kreisen beliebt ist, wird daraus auch gerne ein Zusammenhang zwischen unterdrückter männlicher Homosexualität und Rechtsradikalismus abgeleitet. Zwar ließen sich diese Hypothesen alle geschickt kombinieren, doch geht es hier nicht um Heuristik, sondern um Bestätigung/Widerlegung. Und da können wir festhalten daß psychoanalytische Erklärungen offenbar keine präzise Wissenschaft sind und also eine mögliche Erklärung noch nicht allzu viel besagt.[2]
Die letzte Möglichkeit, daß die politischen Überzeugungen und die „sexuelle Frustration“ beide von etwas Drittem verursacht werden nimmt auch Studienleiter Gebauer an: Manche Menschen mit Beziehungsdefiziten begäben sich in eine Opferrolle und suchen „Sündenböcke“ für ihre Situation. Oder Theorie aus den gegenwärtigen Queerstudies draufwerfend: Eine Überzeugung eigenen Entitlements – bei gleichzeitiger Objektivierung potentieller Sexualpartnerinnen zu gesellschaftlichen Ressourcen – bewirkt sowohl Frustration dieser schrägen Erwartungen, als auch eine politische Gesinnung, die für Privilegien der eigenen Position kämpft und das ganze natürlich auch noch blumig essenzialisiert.

Wir haben also mehrere auf den ersten Blick plausible Erklärungen für ein Ergebnis. Und wir haben bei einigen massive Kollateralschäden wenn wir sie verallgemeinern – das Cliché vom „schwulen Nazi“ ist einfach nur homofeindlich, nicht nur aus moralischen Gründen scheint somit die queere Variante – turtle upon turtle of naturecultures all the way down – sympathischer, da sie mit weniger unbelegbaren Grundannahmen – wie dem Zirkelschluß daß Zweigeschlechtlichkeit, Fortpflanzung und Begehren sich bedingen, wobei etliche Fakten aus der Kurve fliegen – auskommt, was als wissenschaftliche Tugend gelten kann.

Auch in umgekehrter Richtung ist dieses Modell nicht wasserdicht: Auf Twitter befinden sich viele selbstidentifiziert sexuell unausgelastete, die dies aber v.a. in Form von Kalauern und #maturbatorpride[3] umsetzen. Sauberer argumentiert: Es gibt Asexuelle – das ist keine Krankheit – und ein psychoanalytisches Verständnis wie gesunde sexuelle Triebe zu funktionieren haben macht sie unsichtbar. Es gibt Leute mit Kontaktschwierigkeiten[4], die durch die lautstarke rechts-cismännlich-misogyne Incelbewegung übertönt werden. Solch eine Situation ist damit doppelt peinlich. Sie machen sich lieber unsichtbar, erst recht um nicht mit solchen Leuten identifiziert[5] zu werden. Es gibt homosexuelle Männer, die dies nicht offen zugeben mögen – auch solche die sich gerne maskulin[6] geben -, aber keine Nazis sind.

Und all diese Leute werfen wir mit voreiligen Erklärungen unter den Bus, obwohl die Erklärungen nicht zwingend sind, nur gut gestaltete Geschichten für höchstens einen Teil der Fälle. Und nur Korrelationen finden heißt: wir kennen die gesamte Kausalitätskette – so es soetwas überhaupt gibt – nicht, denn sonst könnten wir lückenlos und ein-eindeutig erklären, dies ist in psychologischen Bereichen einfach nicht möglich. Ob grundsätzlich, z.B. gar irgendeiner „Natur des Menschen“ oder nur praktisch, z.B: aufgrund von Komplexität bzw. Vielfalt an wirksamen Variablen sei dahingestellt.

Es führt also kein Automatismus von schlechten oder nicht vorhandenen sexuellen Erfahrungen zu Naziüberzeugungen. Sich in unangenehmer Situation auf Privilegien oder allgemeiner arschiges Verhalten zurückzuziehen (no free passes!) ist eine mögliche, aber keine zwingende Reaktion.

Also stehen wir wieder am Anfangspunkt: Wie deuten wir eine statistische Korrelation – so wir einfach einmal annehmen daß sie „hart“, also reproduzierbar ist? Was wollen wir überhaupt mit solchen Forschungen – vielleicht praktisch anwenden? Zu untersuchen ob sich Nazis durch Sex kurieren lassen wäre auf mehreren Ebenen unethisch. Alle Untervögelten unter Naziverdacht zu stellen erscheint absurd. Mit der Gebauer-Hypothese könnten versuchen für eine bestimmte Art von Kontaktschwierigkeiten und eine bestimmte Art politischer Gesinnung ähnliche Therapien zu finden, aber sollten wir politische Gesinnungen wirklich als Krankheiten einstufen? Nazis mit der Heilkraft der Pflastersteine kurieren?!?

Vielleicht stoßen wir hier an Grenzen psychologischer Fragestellungen: Wie viel können wir mit Individualpsychologie überhaupt über gesellschaftliche Phänomene aussagen? Somit wäre der Wurm doch auf 1. Ebene – Vorannahmen der Fragestellungen – zu suchen.


[1] Gemeint ist wohl Rassismus, zumal Rassist*innen selten zwischen Ausländern und deutschen PoC unterscheiden. Die deutsche Sprache kennt unzählige Worte für „Nazi“ und „Rassismus“; keines davon ist „Nazi“ oder „Rassismus“. Leider wirkt ein Text zu monoton wenn immer das gleiche Wort verwendet wird.

[2] Flache psychoanalytische Stories bringen uns hier nicht weiter, sie geben uns zwar fruchtbar scheinende Erkärungsskizzen, wie wir diese aber testen – sowohl Überprüfung von abgeleiteten Einzelaussagen als auch Entsorgung *istischer Elemente in den Grundlagen – muß hier offen bleiben. Damit brauchen wir Psychoanalyse nicht grundsätzlich zu verwerfen – auch wenn es sicherlich einfacher ist das zu tun -, haben aber viel Methodenarbeit zu leisten, bei der uns wiederum die Psychologie mit ihrem sehr engen neopositivistischen Verständnis von Wissenschaftlichkeit nicht weiterzuhelfen vermag. Sprich: Bessere psychoanalytische Ansätze gerne in die Kommentare!

[3] Auch wenn dies zugegebenermaßen eine humorvolle Herangehensweise ist: Wenn wir ganz queer annehmen daß keine Sexualität als ursprünglicher oder natürlicher als andere konstruiert werden sollte und wenn wir beachten, daß zwischen männlich und weiblich identifizierten Leuten große Häufigkeitsunterschiede bei autosexueller Stimulation gibt, die sich nicht biologisch erklären lassen, sollte Enttabuisierung durchaus queerfeministisches Anliegen sein!

[4] Das Faß, ob Kontaktschwierigkeiten auch nicht ausschließlich individualpsychologisch anzugehen wären – und wenn nein wie – machen wir vielleicht ein anderes mal auf, auch das entzieht sich mal wieder einfachen Antworten. Irgendwie hängt es mit dem Miteinander zusammen, aber jede normative Aussage führt zu Absurditäten.

[5] Um das Ganze noch zu verkomplizieren: Widerlegungen des Incelbewegungs-Entitlement werden übergeneralisiert werden, nichtasexuelle Leute ohne Intimbeziehungserfahrungen gebe es demnach gar nicht – zumindest nicht Kontaktschwierigkeiten als legitimes Problem -, weil ja niemand ein Anrecht auf Beziehungen habe. Impliziter ableismus kann dabei nicht ausgeschlossen werden. Wegen der Incelbewegung läßt sich aber nicht konstruktiv über soetwas diskutieren und also können wir die „kein Sex“ als „Zone der Unbewohnbarkeit“ höchstens über Asexualität erforschen. Fuckers.

[6] Ohne bestreiten zu können, daß toxische Maskulinität und rechtsextreme Gesinnungen viele Berührungspunkte haben. Aber wie schwierig das ist aus einem Zusammenhang eine belastbare Theorie zu basteln ist ja Thema dieses Artikels. Daß es möglich sein sollte nicht-toxische, nicht-chauvinistische, nicht-zweigeschlechtliche, sondern spielerische und queere Formen von maskulinem Ausdurck zu konstruieren und wir sicherlich in einigen Schwulenszenen interessantere Ansätze dafür als im Heterobereich finden sei auf einen anderen Artikel verschoben.


Systemische Umwelt?

11. Oktober 2018

Dieser Artikel ist Teil dessen womit er ringt: Duschgedanken statt systematischer Herangehensweise. Die Frage lautet: Ist die Systemik zu unsystematisch?

Von Heinz von Foerster in philosophisches Denken gelockt, habe ich bis heute eine Schwäche für diese Ecke der Systemtheorie. Und jüngst stieß ich auf ein paar Vorlesungsaufzeichnungen von und über Luhmann. Nun wird ihm gerne vorgeworfen „Armchair Soziologie“ zu betreiben, auch wenn sich viele informelle Beispiele finden, das sei das doch keine harte empirische Forschung.

Nun, ein Wissenschaftsverständnis das nur quantitative Erhebungen gelten läßt weigert sich nicht nur grundlegende Überlegungen über sich und ihren Gegenstand anzustellen, für sie wirkt je konkreter desto leichter zu messen und an Annahmen rutschen am besten die unmarkierten durch – adornitisch formuliert: Der Positivismus hat immer eine Tendenz die bestehenden Verhältnisse zu affirmieren. Doch bleibt die Frage: Mit welchen „Möglichkeiten sich selbst zu überraschen“ (Luhmann über den Nutzen von Methoden) können wir die Luhmann’sche Theoriebildung bestätigen oder widerlegen?

Dazu können wir uns eines Verständnisses von geschlossenen Systemen bedienen: Die Welt (Umwelt) darf sich meist nur in bestimmter Form „äußern“, in der Geschichtswissenschaft beispielsweise über historische Texte – Quellen -, in der Psychologie meist durch quantitative Daten, die am besten in einem Experiment erhoben wurden. Auch wenn Erweiterungen dieses Zugangs – z.B. in der Geschichtswissenschaft Methoden für Bilddeutung zu entwickeln – oftmals als Fortschritte gefeiert werden, diese Begrenzung ist nicht nur praktisch für den Wissenschaftsbetrieb – ermöglicht u.a. Transparenz und Reproduzierbarkeit -, sondern bildet konstitutive Gesten für ein Fach. Z.B. in der Geschichtswissenschaft sich von Geschichtsphilosophie abzugrenzen, z.B. in Psychologie das Experiment zur Grundlage zu erklären, auch wenn sich – beispielsweise mit dem Behaviorismus oder der kognitiven Wende – das Verständnis wie genau zu experimentieren sei mehrfach stark geändert hat.

Damit ist Falsifizierbarkeit – mal wieder – ein viel zu grobes Instrument. In Luhmann’schen Rahmen wäre eher zu fragen: Wie kann die Umwelt das System stören? Kann es sich mit unerwartetem Input ändern oder kann es höchstens zerstört werden? Betreiben wir „Cherry Picking“, können nur das betrachten was die Theorie erklären kann oder kann es zu Anomalien – im Kuhn’schen Sinne: innerhalb der Theorie für wichtig gehaltenen Beobachtungen die sich der gewöhnlichen Erklärungsweise der Theorie entziehen – kommen?

Für Luhmann habe ich leider keine Guten Antworten darauf. Vielleicht kommt es auf die „Anschlußfähigkeit“ an, wo kann ich Produktives damit anfangen – die Theorie und der Anwendungsbereich finden sozusagen zueinander. Dies spräche für Theorien denen einzelne Ergebnisse oder Denkfiguren zu entnehmen wären ohne gleich auf das gesamte Denksystem wie auf eine Bibel schwören zu müssen (in your face, adornitische Totalität!).

Auch viele philosophische Ansätze regulieren zwar ihre Argumentationsweisen, aber nicht direkt den Zugang zu Fakten/Welt – auch wenn es Versuche gibt sich von Nachbarwissenschaften abzugrenzen, „reine“ Philosophie zu betreiben, sei diese als folgerichtig, aber inhaltsleer abgetan -, das kann einerseits vorwissenschaftlich sein, andererseits geht es auch ganz  ohne Armchair nicht: Die Bedingungen der Beobachtung können nicht direkt beobachtet werden, in Luhmann’scher Denkweise formuliert: Jedes Beobachtungssystem produziert seinen blinden Fleck.

Daß Luhmanns Zugang zur Umwelt erstaunlich informell ist kann also sowohl als Stärke wie Schwäche gesehen werden. Sich grundlegende und nicht auf kleine empirische Studien ausgelegte Gedanken zu machen scheint mir in positivem Sinne unzeitgemäß und das Potential der „unfinished revolution“ systemischer Ansätze – u.a. des oben genannten Heinz von Foersters und seines Umfelds – für diesen Bereich fruchtbar machen zu wollen sympathisch. Die Welt ist zu groß für nur eine geschlossene Theorie.


Flachzangen immer wieder

23. August 2018

Dank an @momorulez für den Hinweis

Gut eingebubblet um wenig davon mitzubekommen und keine Motivation für lau ausführlich zu recherchieren – Unsinn ist ohnehin leichter in die Welt zu setzen als zu widerlegen – ließ es sich dennoch nicht vermeiden neueste Tiefpunkte die im Assoziationsraum „Postmoderne“ verbreitet werden schmerzlich wahrzunehmen.

Die Gefährdung durch die Postmoderne™ wurde anscheinend von „neoliberal“ auf „faschistisch“ hochgestuft. Im Rauschen des Diskurses sind Essenzialismusvorwürfe an den Poststrukturalismus zu vernehmen. Nach Jahrzehnten der ermüdenden Relativismusdebatten und „killing the messenger“ für vorhergesagte „postfaktische“ Politikstrategien nun auf einmal Essenzialismus?!?

Dahinter scheint eine Assoziationskette von „Poststrukturalismus = Postmoderne = Critical Whiteness = Ethnopluralismus“ zu stehen.

Daß diese Gleichsetzungen nicht zutreffen und darüber hinaus die einzelnen Positionen lediglich durch Gerüchte beschrieben werden wurde – u.a. hier – schon so häufig erklärt, daß wir uns damit nicht weiter aufhalten sollten. Viel mehr beängstigt diese Ignoranz, zumal wenn wir genauer untersuchen wie diese funktioniert: Wir haben gestapelte Assoziationsketten, Gerüchte, welche sich zu Wahrheitswirkungen verdichten, ein wir:die-Schema, bei dem auch noch die Gegner*innen alle irgendwie zusammenhängen und nur erfolgreich sind indem sie falsch spielen. Das sind Muster von Verschwörungstheorien und dennoch gehen sie in sich als links verstehenden Kreisen als Theoriediskussion durch.

Zusammenhänge von Verschwörungstheorie, Antiintellektualismus und Antisemitismus aufzuzeigen sei den Leser*innen als einfache Hausaufgabe überlassen.

Bei theoretische Positionen kann eins schonmal unterschiedlicher Ansicht sein – wir kommen nur mit Irrtumslizenz weiter. Die Unis bieten auch nicht mehr so viele Freiräume, womit theoretisch in die Tiefe zu gehen schwieriger geworden ist. Auch wenn Leute sich in ihren Kämpfen nicht so sehr in diese theoretische Tiefen gehen wollen ist das nachvollziehbar; gleichwohl das – äußerst bewegliche – Verhältnis von Kämpfen und Theorie gründliche Reflexion vertragen könnte, doch wird gerade sowas durch haltlosen Behauptungen erschwert.

Verschwörungsdenken und Desinformationen um andere anzugreifen ist unter keinen Umständen emanzipatorisch.


Eine Lanze für #9 Fallacyforschung

19. Juli 2018

“Eine Lanze für … : Hantologische Streifzüge zu totgesagten Konzepten, in theoretischen Abfällen containernd”, Teil 9: Eine Lanze für Fallacyforschung

Dieser Ansatz erscheint zunächst so fruchtbar und undogmatisch, da er nicht vorschreibt was oder wie zu denken sei, sondern nur offensichtliche Fehler bekämpft. Bedenken wir zudem die Beobachtung daß der s.g. „Rechtspopulismus“ keinen Wert auf logische Konsistenz oder Kohärenz legt, scheint es geradezu wie ein Gebot der Stunde für weniger fehlerhaftes Denken einzutreten. Umso mehr wenn wir diese Denkfehler als Alltagsdenken identifizieren, also die Mechanismen und Problemlösungsstrategien die uns ohne den Kopf zu sehr anzustrengen durch den Alltag bringen – ich überprüfe nicht erst die Falsifizierbarkeit meiner Annahmen um den Abwasch zu machen.

Kollateralnutzen sich eine gewisse Kenntnis im Bereich der Argumentationsfehler zuzulegen ist, diese schneller zu erkennen und damit – so sich diese häufen – auch schneller zu erkennen wenn eine Diskussion nicht ernsthaft geführt wird, sondern lediglich als Durchsetzungsstrategie genutzt wird.

Doch wie allgemein allzu große Hoffnungen daß Philosophie zu besserem Denken führe häufig durch konkrete Philosoph*n herbe enttäuscht werden, trifft dies besonders auf Leute zu, die besonders gerne Argumentations- und Denkfehlern – Kurz: Fallacies – nachjagen. Die Befürchtung, daß dieser Ansatz einfach zu formal ist und damit solch unordentlichen Sachen wie denken und Argumentieren nicht gerecht werden kann läßt sich hier leider nicht zerstreuen.

Nun fand sich aber auf Twitter ein Erklärungsversuch

People who are obsessed with logical fallacies suffer from the most severe fallacy: that disagreements are easily resolved. As though everyone secretly agrees, but half the population made a simple logical misstep and arrived at the wrong conclusion. —Existential Comics

Dann wäre aber nicht die Methodik das Problem, sondern implizite Annahmen ihrer Anwendung. Für die Argumentationstheorie, daß Konflikte auf einfachen Fehlern der Gegenseite beruhen, für die Erkenntnistheorie, daß die Wahrheit nur von einigen Fehlern verstellt sei, aber eigentlich einfach bzw. einfach zu erreichen sei.

Aus der Überzeugung daß genau das nicht der Fall sei wird es aber gerade interessant sich mit Verfahren der Erkenntnissuche – und also wo sie häufiger mal schiefgeht – zu beschäftigen:

„Wenn wir den Quellen der Erkenntnis nachforschen, begehen wir meist den Fehler, uns dieselben viel zu einfach vorzustellen“ –Fleck, Ludwik: Zur Krise der Wirklichkeit; in: Schäfer, Lothar (Hrsg.); Schnelle, Thomas (Hrsg.): Ludwik Fleck : Erfahrung und Tatsache; Frankfurt/M 1983; S. 46-58, S. 46.


Kritik der Kritischen HAS-Kritik – Wir sitzen immernoch in einem Boot

24. Februar 2016

Schon interessant: die Art in der einstmals der Poststrukturalismus (meistens als „Postmoderne“, wer da keinen Unterschied sieht ist Teil des Problems und möge sich als Flachzange bezeichnet sehen) kritisiert wurde findet jetzt Anwendung auf die Human-Animal-Studies (HAS). Gut, auch in diesen gibt es Pomobashende Adorniter*innen, aber dies nur am Rande, tu quoque als argumentum ad hominem wäre ein non sequitur.

Jedenfalls tauchte (mal wieder) ein Sokal-esker Hoax auf, dieses mal auf einer Konferenz zu den HAS; deren Thema war recht konventionelle Kulturgeschichte. Nun wurde bereits vieles zum Thema gesagt, so daß hier v.a. ein paar Links zum selber denken zusammengetragen werden sollen

Zusätzliche kommentierten die Kaffeehausdilettant*n auf FSK:

  • Daß Belege – inkl. Archivmaterial – gründlich gefälscht wurden und einige steile Thesen im Review für eine Konferenz erstmal nicht auffielen sagt nichts aus über wissenschaftlichen Anspruch. In Naturwissenschaften flogen oftmals gefälschte Mess“ergebnisse“ erst nach Jahren aufCitation needed; siehe auch
    • Welche Thesen der HAS wie steil sind ist Teil der Kontroverse, sollte also nach geisteswissenschaftlichen Qualitätsstandards keinesfalls implizit verhandelt werden
  • Auch im Bereich der Informatik sind bereits Scherz-Artikel (automatisch generierte Papers) auf Konferenzen angenommen wordenCitation needed ohne daß dies breit Theorien, Fachbereichen oder Wissenschaftsgattungen angelastet wurde
    • Anzunehmen, nur weil Forschung nicht Politik als Gegenstand hat sei ihre Wahrheitsproduktion unpolitisch ist (leider?) ein Kategorienfehler
  • „Kritik“ ist stets ein – meist die eigene Bedeutung hervorhebender – Zug im akademischen Betrieb
    • Es wäre zu klären, wie innerakademische Kritik nicht Teil des Problems sein kann
    • Ein Teil des Problems ist innerakademische Kritik stets, wenn er die eigene Ingroup als ungerechtfertigt um Ressourcen gebracht sieht: Wissenschaft ist ein Prozeß, nicht das Ergebnis, also sollte „Wissenschaftlichkeit“ keine Frage der Positionen sein
      • Es geht hart & ungerecht zu. Eine konkurrierende (oder gar schwächere) Gruppe für schuldig zu erklären erinnert uns an …?
    • In der Diskussion unterbelichtet bleibt die gewachsene akademische Konkurrenz. Diese schlägt sich auch in Evaluationsverfahren (z.b.: wieviel wurde wo publiziert) nieder. Evaluation produziert leider in erster Linie Evaluationsergebnisse, nicht Qualität
      • Daß im gegenwärtigen Peer-Review System der Wurm ist, ist eine BinsenweisheitCitation needed, dennoch klammerten die Fälscher*innen diese aus ihrer Kritik aus
    • Es wäre – geschichts- & sozialwissenschaftlich – zu untersuchen, inwieweit innerwissenschaftliche Logiken gegenüber außerwissenschaftlichen „Sachzwängen“ an Bedeutung verlieren; eine reine und nur auf Wahrheit ausgerichtete Wissenschaft hat es zu keinem Zeitpunkt und in keinem Fach gegebencitation needed
  • An den gesunden Menschenverstand (GMV™) zu appellieren ist unwissenschaftlich
    • Der GMV sagt: Die Erde ist flach
    • U.a. durch den Cultural Turn wurden Alltagsphänomene geistes-/kultur-/sozialwissenschaftlich untersuchbar, am Gegenstand ist der wissenschaftliche Anspruch nicht ohne weiteres zu erkennen
    • An einer Prämisse läßt sich selten die Qualität eines wissenschaftlichen Ansatzes zu erkennen
    • Autodeterminierung des Anwendungsbereichs: Im Gegenteil lebt der wissenschaftliche Prozeß davon, daß Ansätze auf unintendierte Bereiche ausprobiert werden. Alleine um zu prüfen ob sich Ansätze der HAS in der Forschungspraxis als fruchtbar erweisen oder nicht, muß ihnen erstmal eine Irrtumslizenz ausgestellt werden
  • Kommt.Uns.Nicht.Mit.Humanismus!
  • Die Rolle der Ethik in der Wissenschaft
    • It’s complicated

Kulturellepraxis live

25. Juli 2014

Gastbeitrag von IM Rübezahl

Niedrigohmiger Angestellter: Leitend, mit wenig Widerstand