Intellenz

8. September 2019

Ist es – unter Berücksichtigung des „falschen Ganzen“1 herrschender Verhältnisse – intelligent die verfügbare Intelligenz zu nutzen um sich das Leben einfacher2 zu machen oder schwieriger?

Plüschschwein Sokrates3, alias „Sokra-Pig“


1 Schließungen des Möglichkeitsraums trotz scheinbarer Widersprüche – genauer: Gegensätze – innerhalb wird bezeichnet mit dem aus fortgeschrittenen Dialektikarten entlehnten wissenschaftlichen Fachbegriff „Gesamtscheiße“

2 „Einfacher“ heißt auch, die vorhandenen Handlungsoptionen hinzunehmen und somit die „Gesamtscheiße“ aus der sie entstammen dadurch performativ zu festigen, ein Phänomen was die Kritische Psychologie als „restriktives Handeln“ zu fassen sucht, welches dem Subjekt dieser Theorie zu Folge letztlich immer schade

3 „It is better to be a human dissatisfied than a pig satisfied; better to be Socrates dissatisfied than a fool satisfied. And if the fool, or the pig, are of a different opinion, it is because they only know their own side of the question.“ —John Stuart Mill

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Save the Date! Plüschtiertstudies live in Hamburg

8. April 2019

Plüschtierstudies – Zu postmodernen Subjekten und ihren Erweiterungen
Im Rahmen der Vorlesungsreihe der Ag Queer Studies: Jenseits der Geschlechtergrenzen
Mittwoch 29.05.2019, 19ct, Hamburg, Von-Melle-Park 5 („WiWi Bunker“) 0079

Für diesen Anlaß hat sich Pizzafahrer Olaf Wachenhausen bereiterklärt die Kulturellepraxis zu repräsentieren, die Chefredakteur*innen werden aber anwesend sein

Abstract
Wie bei Haraways Cyborg scheinen auch bei Plüschtieren gewohnte Dichotomien nicht ganz zu passen, so beispielsweise die den meisten essenzialistischen Ansätzen zu grundeliegende von Subjekt und Objekt: Wir können unsere kuscheligen Begleiter*innen fürs Leben nicht guten Gewissens nur als Objekte bezeichnen, wissen aber, dass sie nicht unabhängig von unserer Subjektivität sind. Wir bilden sozusagen ihr „Wirtsbewusstsein“, wie es der Pionier der Plüschtierpsychoanalyse, Dr. Wood, so treffend formuliert.

Doch leider behandelt die bisherige Forschung Plüschtiere ansonsten fast ausschließlich im Zusammenhang mit Kindern und erklärt das Phänomen der Niedlichkeit meist biologistisch weg („Kindchenschema“). Somit können die transdisziplinären Plüschtier-Studies zunächst lediglich Schneisen in dieses neue Forschungsfeld schlagen, hoffend, am Rande Erkenntnisse über Subjekttheorie, radikale Selfcare und möglicherweise sogar Gemeinschaftlichkeitsutopien zu finden.

Plüschtiere werden gebeten, zu ihrem Vortrag ihre großen Trampler („Menschen“ u.ä.) mitzubringen.


Wenn Wissenschaftler*innen über ihr Fach schreiben

20. März 2019

Kritik der Struktur „die denken das Falsche“ greift meist zu kurz; wenn überhaupt wohin. Sie ist zwar ein Standardzug im Konkurrenzkampf, aber damit alleine bleibt dieser schon ausgeblendet. Konkret hieße das, eine Kritik an Fehlentwicklungen in einem Fach – vielleicht erweiterbar auf linkspolitische Theoriepraxisdiskurse – sollte besser strukturelle/institutionelle berücksichtigen. Wir könnten das an den alten „Materialismus“:“Idealismus“ Gegensatz des 19. Jahrhunderts versuchen anzuknüpfen; müssen wir aber nicht.

Aus Sicht motvierter Geisteswissenschaftler*innen bedeutet Wissenschaft zunächst – sozusagen „den Acker pflügen“ – den Forschungsstand durchzugehen. Wenn sich die Arbeit darin erschöpfte hätten wir den Spott der Naturwissenschaftler*innen sogar verdient, aber Wissenschaft ist ein gemeinschaftliches Unterfangen, da macht es Sinn sich erstmal einen Überblick über den Wissensstand der Gemeinschaft zu verschaffen. Wenn wir dann noch aufhören zu unterschätzen wie veränderlich, kontrovers- poststruk formuliert: „brüchig“ – dieses Wissen sein kann und das ohne daß es sich mit Sortieren in „wahr“ und „unwahr“ so einfach lösen ließe – auch wenn es wieder der einfachste Zug im Theoriewettkampf ist alles was der eigenen Theorie/Hypothese entgegensteht als „falsch“ oder „irrelevant“ bei Seite zu räumen, Papier ist geduldig – können wir das Gerede vom „Cargo Kult“ bei Seite packen und mit der Vorbereitungsarbeit beginnen.

Was uns zum nächsten Problemkomplex bringt: Dem Verhältnis von Fach- und Populärwissenschaft zu Interdisziplinarität. Wir können öfters beobachten daß wenn Wissenschaftler*innen über Fragen die in ihr Fach fallen sprechen keinen Unterschied zu machen scheinen wenn sie über den Bereich ihrer speziellen Kompetenz hinausgehen, oftmals merken sie das gar nicht bewußt. Psychologisch interessant ist dabei wie sehr anscheinend die Anrufung als Expert*in, das Wahrgenommenwerden als kompetent auch die Selbstwahrnehmung beeinflußt. Das ist nicht nur eine Fehlerquelle, diese ließe sich noch durch gründlicheres und breiteres Einlesen abstellen, gerade Enzyklopädien erweisen sich als erstaunlich hilfreich die Randbereiche des eigenen Wissens abzurunden. Das Problem hängt darüber hinaus damit zusammen daß andere Arbeitsbereiche und erst recht Fächer andere Formen von Arbeitsweisen, Kontextwissens, Denkstil haben. Und soetwas wie „Alltagsverstand“ sollte keineswegs mit Abwesenheit von Denkstilen verwechselt werden, nur weil es einen Pool von Wissen und Denkweisen bietet die über die Fachgrenzen hinausgehen; es handelt sich um eine Denkweise, die meist einfachere, aber dafür deutlich fehleranfälligere Methoden nutzt – gerade davon wegzukommen gibt es ja Wissenschaft.

Polemisches Beispiel: Wenn Naturwissenschaftler*innen über „die Geschichte“ schreiben wissen studierte Historiker*innen schnell daß diese keinen „Stallgeruch“ haben, selbst wenn keine groben sachlichen Schnitzer vorkommen. Was eher unwahrscheinlich ist, gerade im Bereich Wissenschaftsgeschichte gibt es das Phänomen der Lehrbuchmythen. Es gehört zur fachlichen Kompetenz abschätzen zu können wo und wie weit einem Hand- oder Lehrbuch zu trauen ist, aber bei den „Geschichte des“ Teils überschätzen gerade Naturwissenschaftler*innen diese oftmals. Hinzu kommt, daß historische Umbrüche gerne zu einer Fortschrittsgeschichte umgeschrieben werden, T.S.Kuhn läßt grüßen. Wenn dann auch noch mit dem „Cargo Kult“ Argument etwas für richtig gehaltenes wiederholt wird ohne feinsäuberlich transparent zu machen woher welche Aussage genau stammt, können sich Desinformationen gut verbreiten. Oder praxisnäher: Eine falsche Aussage über die Geschichte des eigenen Faches kann nicht mit Messdaten kollidieren, etwas historisch zu widerlegen funktioniert überhaupt vollkommen anders als etwas physikalisch zu widerlegen. Damit entsteht der Eindruck als wären beispielsweise historische Aussagen nicht im selben Sinne wahrheitsfähig wie beispielsweise physikalische; einige nehmen dies als selbst erfüllende Lizenz zur Dummschwätzerei.

Doch funktioniert ja Wissenschaft nicht vollkommen unabhängig von denen die sie betreiben. D.h. ein Beweis oder eine Widerlegung sollte zwar gemäß ihrer fachlichen Relevanz und methodischen Korrektheit Wirkung entfalten (blenden wir mal aus wie uneindeutig diese Kriterien bei näherer Betrachtung sein können), sie entfalten aber nur ihre Wirkung wenn sie wahrgenommen werden und genug der richtigen Leute sie akzeptieren. D.h. Beweis und Widerlegung ist immer auch etwas Soziales im Wissenschaftsbetrieb, was nicht gegen das Ideal – als regulierendes Ideal – spricht, daß nur sachliche und fachliche Kriterien relevant sein sollten.

Dies bringt uns wieder in die Nähe der Anfangsthese und läßt sie uns als – Präsupposition einer – Frage reformulieren: Wie sieht das Verhältnis von inneren und äußeren Faktoren bei der wissenschaftlichen Wissenschaftsproduktion aus? Dies ist eine schwierige und viel diskutierte Frage die sich hier nicht so schnell lösen läßt, dennoch eine steile These dazu: Je mehr wir die äußeren Faktoren anerkennen, desto mehr können wir innere als Leitideal fordern. Doch die Inneren sollten ja nicht Erfindung – also Science-Fiction, sry für das Wortspiel – sein, sondern schon im Zusammenhang mit dem was Wissenschaft macht stehen.

Auch das Problem können wir hier nicht lösen, es bringt uns aber auf den letzten Problemkomplex: Das Verhältnis von Wissenschaft und Wissenschaftstheorie. Daß verstehen und anwenden nicht das selbe sind und sich die Wertigkeit immer wieder umkehren läßt ist Gegenstand zahlloser Physiker-, Ingeneur- und Mathematiker*innenwitze. Wieso sollten also Fachwissenschaftler*innen auf der Metaebene ihrer Tätigkeit – gemeint ist Wissenschaftstheorie, nicht Metaphysik, nochmals sry fürs Wortspiel – sonderlich kompetent sein, selbst Methodologie ist etwas Anderes als Methodik, d.h. hat ihre eigene Methodik. Also ist dies wieder so ein Bereich in denen viele Fachwissenschaftler*innen wenn sie Populärwissenschaft oder Wissenschaftskommunikation betreiben nicht merken wenn sie über die Grenzen ihrer Fähigkeiten hinaus gehen. Zu merken ist dies häufig leicht durch das Literaturverzeichnis. Gesetzt den Fall daß Fragen über Wissenschaft und nicht nur aus der Wissenschaft berücksichtigt werden, stehen Philosoph*innen dort nur als bildungsbürgerliche Referenz oder wurde der Forschungsstand durchgeackert, so daß dort die Leute stehen die einschlägige Sachen zu den Themen des Buches von sich gegeben haben? Wenn beispielsweise diskutiert wird welchen Einfluß Schönheit/Eleganz auf Theoriebildung haben sollte wäre zu erwarten ein paar Konventionalist*n im Literaturverzeichnis zu finden.

Umgekehrt gilt ein ähnlicher – aber entgegengesetzter – Einwand für Wissenschaftstheoretiker*innen, die versuchen ihre Tätigkeit auf ihren Kompetenzbereich – idr. einen auch sehr kleinen Bereich der Philosophie – ein zugrenzen, sie reden auch oftmals Blech, aber gerade dadurch nicht in anderen Bereichen dilettieren zu wollen, es geht ja wie erwähnt um Philosophy of Science, nicht Philosophy of Science Fiction (in your face, Sir Karl). D.h. Wissenschaftstheorie muß sich auch mit mindestens einer betrachteten Fachwissenschaft und mit Wissenschaftsgeschichte auseinandersetzen.

Auch hier können wir nur ersteinmal das Problem auf-, aber leider nicht zumachen. Eine sehr alte Antwort – hantologisch in philosophischen Abfällen containernd – wäre die Vorstellung daß Philosophie im Dialog stattfinde. Diese Vorstellung ist zwar sowohl durch die Art vieler Leute – gerade Philosoph*innen und solcher die es gerne wären – Dialoge zu führen diskreditiert; auch durchregeln bringt hier wenig, formale Systeme lassen sich hacken. Aber manchmal funktioniert es trotzdem. Auch Interdisziplinarität wäre hierbei ein Stichwort das oft fällt, doch selten ernst genug genommen wird und häufig in der Praxis scheitert – und es ist anzunehmen daß auch hier nicht nur charakterschwächen der beteiligten sondern Strukturen des Wissenschaftsbetriebs hinter stecken. Gute Vorschläge bitte in die Kommentare. Eine FSK-Sendereihe beantwortet diese Fragen Friedell-nahe mit dem schillernden Begriff „Dilettant*n“. Nicht zuletzt meint dies die ältere Bedeutung, nämlich Freude daran zu haben, es aber nicht beruflich zu machen, auch gerade das hier angerissene, sich auch an Themen außerhalb der fachlichem Komfortzone zu trauen, aber eben im Bewußtsein genau dies zu tun und dabei keine vorschnellen Antworten, sondern lieber kontroverse Fragen zu suchen und v.a. Neugierde als wissenschaftliche Tugend anzusehen; was für Wissenschaftsjournalismus i.w.S. und Essaysimus funktionieren mag, für Wissenschaft selbst jedoch kein vollständiges Patentrezept ist.

Truth – It’s complicated.


Flachzangen, immer wieder

26. Januar 2019

Mal wieder auf eine Materialsammlung von „Kritik“ an Queerfeminismus und allem was locker damit assoziiert wird gestoßen; will das nicht verlinken, will nicht in der tiefe analysieren – schon gar nicht für umme -, also beteilige ich mich einfach mal an dem Quatsch und rante inhaltsleer drauflos.

Letztlich wird mit Mitteln von Verschwörungstheorien gearbeitet, Gerüchte, Falschaussagen, Gewohnheitsaussagen und -deutungsmuster, Othering zwecks Selbstverständnisfestigung. Ohne jetzt abstreiten zu können oder wollen daß viel – gerade auf Anwendungs- & Populärebene – im Argen liegt macht soetwas sinnvolle Kritik noch schwerer. Um bessere Theoriebildung kann es also schoneinmal nicht gehen.

Wie konnte es so weit kommen, daß akademische und bewegungsinterne Konkurrenz auf diesem Niveau angegriffen wird? Und anscheinend geht das nicht auf „die Postmoderne“ zurück, da es ja ihre Gegner*innen offensichtlich noch stärker betrifft und die Angegriffenen kaum noch tote französische Menners mit ihren schwer lesbaren Büchern in den Mittelpunkt stellen. Also: Don’t kill the messenger!

Nehmen wir mal die Forderungen nach „Materialismus“ ernster, denn so können wir ausschließen, daß es sich einfach um Versagen einzelner handelt oder daß das zu bekämpfende Problem irgendwelche falschen Theorien bzw. Meinungen sind. Also mit solch einer Form von Kritik überhaupt irgendetwas auszurichten ist. Ohne uns allzu lange beim Beobachter*innenproblem aufzuhalten, „Materialismus“ heißt auch daß Konzept und Ding nicht das selbe sind. Wenn also behauptet wird durch eine „materialistische“ Position im Namen der Dinge sprechen zu können, haben wir es lediglich mit Material für die Rundablage zu tun.

Nehmen wir mal an Wasser fließe immer von oben nach unten. Das schließt nicht aus gegen den Strom zu schwimmen, macht das aber schwer und v.a. längerfristig aussichtslos. Tote Fische schwimmen nicht nur mit dem Strom, sondern auch oben. Also statt stolz Recht zu haben wäre zu fragen warum so viel Müll wahrheitsfähig ist, d.h. wieso keine Überprüfungsmechanismen greifen, die solche Verschwörungstheorien – und bei der Gelegenheit auch gleich dumme Queer-Verflachungen auf der anderen Seite – eingrenzen.

Woran liegt das? Ich weiß es auch nicht. Aber bedenken wir daß ein fluffig-metaphysisches Konzept von Wahrheit nie hinreichend für Theoriebildungen war, müßten wir uns die Strukturen der Wahrheitsproduktionsmaschinerie anschauen. Also z.B. die „~krisen~“gebeutelten Printmedien und die reformgeplagten Universitäten. Kurzgeasagt: die „materiellen“ ressourcen sind in beiden Kontexten knapper geworden. Die Universitäten boten vor einiger Zeit noch gewaltige Freiheiten – warum auch nicht, das ist deutlich billiger als uns zu hospitalisieren -, es wird die „Linksintellektuellen“ Nische übervölkert haben. Mittlerweile haben die Universtitäten einen Haufen von Veränderungen hinter sich, die gerne mit dem Wort „Bologna“ abgekürzt werden. Klar wird sich das auf die Theoriebildung ausgewirkt haben.

Ich habe keine Antwort und keinen optimistischen Spin für Euch, sondern schreibe nur Nullnummern im 31. Stock. Schreibt doch einfach ein eigenen Ende und laßt es vielleicht hier in den Kommentaren.


Kulturellepraxis live: Antwort

11. November 2018

„Ey, biste schwul?!?“ – „Da diese Frage höchstproblematische Präsuppositionen enthält – allen voran die Annahme einer diskreten Zweigeschlechtlichtkeit, so wie eines auf gewisse Abstraktion von Körperformationen gerichteten Begehrens – kann die Anwort nur lauten: Mu


Hinweis: Für derartige Antworten bei derartig fragenden empfiehlt sich eine Kampfkunstausbildung und/oder Bewaffnung – so z.B. griffbereites Tierabwehrspray – als Argumentationshilfe bei zu erwartenden … Folgefragen.


Psychoanalyse gegen Nazis?

24. Oktober 2018

Mal wieder Kommentar zu einem Fundstück, dieses mal dieser Heise-Artikel via @MaditaPims

Kurz zusammengefaßt: Eine Studie am DIW widerlege mit statistischen Mitteln den Mythos daß es sich bei AfD Anhänger*innen um „Modernisierungsverlierer“ oder „Abgehängte“ handele. Das Durchschnittseinkommen sei überdurchschnittlich, deutlichste Korrelation ist die zu „Ausländerfeindlichkeit“[1]. Daß andere Studien einen unterdurchschnittlichen IQ unter AfD Anhänger*innen festgestellt haben stehe in keinem Widerspruch dazu, deute vielmehr auf geringe soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems hin, Klasse werde vererbt. Dies ist nicht von Interesse für den Artikel, aber viel zu wichtig um es zu verschweigen.
Eine davon unabhängige Umfrage bei einem Dating-Portal – hier ein weiterer Artikel dazu, auf den wir uns im folgenden beziehen- ergab, daß Anzeichen für sexuelle Frustration unter AfD Anhänger*innen – speziell gegenüber solchen „linker“ Parteien – extrem hoch sei. Dies wird psychoanalytisch – u.a. mit Wilhelm Reich – erklärt, daß autoritäre Erziehung zu Triebunterdrückung führe, die wiederum in Haß und letztlich „Faschismus“ münde.

Zunächst einmal scheint dies das beste der großen Psychologieansätze von experimental-statistischer und psychoanalytischer Methode zu kombinieren: Wir haben eine Erhebung von Daten (n=700), statistische Korrelationen sagen aber nichts über Kausalitätsrichtungen aus, es folgt aus so etwas also keine Erklärung, auch wenn solche Ergebnisse bisweilen extrem suggestiv wirken und bisweilen in solcher Absicht erhoben werden. Wenn aber jetzt die Psychoanalyse eine Prognose trifft die zu diesen Ergebnissen paßt, scheint das deren Erklärungsmodell zu erhärten, quantitative und qualitative Forschung arbeiten zusammen und wenn wir die aggressiv-misogyne Incebewegung oder auch ein gewisses Bild von „Islamisten“ hinzunehmen scheint diese Erklärung einiges über die ursprüngliche Anwendung hinaus zu leisten.

So viel Truthyness sollte einen Skepsisalarm auslösen.

Versuchen wir es systematisch: Bei solchen Erhebungen haben wir mindestens drei Ansatzpunkte: 1.) Welche Unterscheidungen werden eingangs getroffen, was sind die Voraussetzungen und Vorannahmen hinter die die Messung nicht mehr zurück kann? Bedenken wir hierbei auch die Duhem-Quine These! 2.) Wurde die Erhebung und ihre statistische Auswertung methodisch sauber durchgeführt? Gerade im Zuge der „Reproduktionskrise“ u.a. in der Psychologie rückt v.a. diese Ebene immanenter Kritik in den Blick. 3.) Was folgt aus den Ergebnissen? Zwar können die meisten aufsagen daß Korrelation nicht Kausalität bedeute – fieselosophen fragen gar, wie sich Kausalität überhaupt beobachten ließe -, nehmen aber dennoch wenn es um Anwendung geht eine Kausalitätsrichtung an, die nicht direkt aus den Daten folgt; wir dürfen dabei auch nicht vergessen daß sich selbst beispielsweise die Newton’schen Gesetze nicht aus reiner Messdatenauswertung herleiten lassen. Das heißt nicht daß wir zu keinen Ergebnissen kommen können, es heißt nur daß diese Methode nicht ausreicht und vor vorwissenschaftliche Deutungen solcher Daten gewarnt werden muß, die Deutungskette ist nicht nur so schwach wie ihr schwächstes Glied, sondern wie alle Schwächen kombiniert.

1.) Gar nicht so sehr auf grundlegender Ebene in die Tiefe gehen wollend sei hier nur kurz darauf hingewiesen, daß „Frustration“ ein Begriff aus der Psychoanlyse ist – obwohl es experimentaltaugliche Operationalisierungen gibt – und gerade „sexuelle Frustration“ damit schon implizite Annahmen über Sexualität enthält. Die konkreten Fragen waren u.a. ob die Befragten in der Liebe schon „verarscht“ worden seien (wir nehmen an daß damit eine Art von Täuschung und nicht geschlechtsunabhängig anwendbare Sexualpraktiken gemeint sind), über ihr Liebesleben „verbittert“, Liebe an sich eine Lüge oder allgemein „liebevoller Umgang“ miteinander wünschenswert sei. Irgendwie scheinen diese Items zusammenzugehören, doch wie sie zusammengehören, bzw. was genau wir mit diesen Messen erweist sich bei näherer Untersuchung als nicht so einfach. „Sexuelle Frustration“ scheint wie eine gute Erklärung, aber gerade in dieser Phase des Experimentalaufbaus sollten wir uns vor voreiligen Erklärungen hüten.

2.) Sachkundige Ergänzungen hierzu willkommen. Es wäre v.a. zu fragen wie repräsentativ die Gruppe und die Anzahl der Versuchspersonen ist. Demoskopie geht m.W. davon aus daß Umfragen ab 2000 repräsentativ für die Wahlberechtigten in Schlandland sind, psychologische Studien fangen schon ab 31 an Statistik draufzuwerfen. So klingt für psychologische Verhältnisse =700 nach recht viel. Auf einem Dating-Portal findet sich sicherlich kein repräsentativer Schnitt zum Thema sexuelle Frustration: mindestens Leute die zufrieden mit ihrem Beziehungsstatus sind würden sich nicht dort anmelden. Wie sicher gestellt wurde daß Leute nicht mehrfach und Leute ehrlich abstimmten sei dahingestellt, es ist möglich daß das Studiendesign das berücksichtigt.

3.) Auch wenn bei Gelegenheit auf diesem Blog Kausalitätsbegriffe dekonstruiert werden sollten, für Naturwissenschaften – und solche die sich dafür halten – sind diese (wackelige?) Grundlage, wir lassen sie ersteinmal. Innerhalb des Kausalitätsparadigmas haben wir bei einer Korrelation drei möglichkeiten: Das Eine bewirkt das Andere, das Andere bewirkt das Eine, beides wird von etwas Drittem bewirkt.
So schön es wäre wenn rechte Überzeungungen sexuelle Frustration bewirkte – kein Sex mit Nazis -, so unwahrscheinlich klingt es leider.
Dafür daß sexuelle Frustration rechte Gesinnungen bewirkt spricht, daß es von Wilhelm Reich erklärt und damit indirekt vorhergesagt wurde. Nur haben wir psychoanalytisch eine alternative Hypothese, nämlich daß Nationalismus und Narzißmus zusammenhängen: Wegen krankhafter Sucht nach Selbstbestätigung wird sich mit Konstrukten wie „Nation“ aggressiv identifiziert, inkl. Erfolgen an denen die einzelne Person i.d.R. keinen Anteil hat. Da Freud auch einen Zusammenhang zwischen Narzißmus und Homosexualität vermutet und trotz Homofeindlichkeit Männerbündeleien und Hypermaskulinität in rechten Kreisen beliebt ist, wird daraus auch gerne ein Zusammenhang zwischen unterdrückter männlicher Homosexualität und Rechtsradikalismus abgeleitet. Zwar ließen sich diese Hypothesen alle geschickt kombinieren, doch geht es hier nicht um Heuristik, sondern um Bestätigung/Widerlegung. Und da können wir festhalten daß psychoanalytische Erklärungen offenbar keine präzise Wissenschaft sind und also eine mögliche Erklärung noch nicht allzu viel besagt.[2]
Die letzte Möglichkeit, daß die politischen Überzeugungen und die „sexuelle Frustration“ beide von etwas Drittem verursacht werden nimmt auch Studienleiter Gebauer an: Manche Menschen mit Beziehungsdefiziten begäben sich in eine Opferrolle und suchen „Sündenböcke“ für ihre Situation. Oder Theorie aus den gegenwärtigen Queerstudies draufwerfend: Eine Überzeugung eigenen Entitlements – bei gleichzeitiger Objektivierung potentieller Sexualpartnerinnen zu gesellschaftlichen Ressourcen – bewirkt sowohl Frustration dieser schrägen Erwartungen, als auch eine politische Gesinnung, die für Privilegien der eigenen Position kämpft und das ganze natürlich auch noch blumig essenzialisiert.

Wir haben also mehrere auf den ersten Blick plausible Erklärungen für ein Ergebnis. Und wir haben bei einigen massive Kollateralschäden wenn wir sie verallgemeinern – das Cliché vom „schwulen Nazi“ ist einfach nur homofeindlich, nicht nur aus moralischen Gründen scheint somit die queere Variante – turtle upon turtle of naturecultures all the way down – sympathischer, da sie mit weniger unbelegbaren Grundannahmen – wie dem Zirkelschluß daß Zweigeschlechtlichkeit, Fortpflanzung und Begehren sich bedingen, wobei etliche Fakten aus der Kurve fliegen – auskommt, was als wissenschaftliche Tugend gelten kann.

Auch in umgekehrter Richtung ist dieses Modell nicht wasserdicht: Auf Twitter befinden sich viele selbstidentifiziert sexuell unausgelastete, die dies aber v.a. in Form von Kalauern und #maturbatorpride[3] umsetzen. Sauberer argumentiert: Es gibt Asexuelle – das ist keine Krankheit – und ein psychoanalytisches Verständnis wie gesunde sexuelle Triebe zu funktionieren haben macht sie unsichtbar. Es gibt Leute mit Kontaktschwierigkeiten[4], die durch die lautstarke rechts-cismännlich-misogyne Incelbewegung übertönt werden. Solch eine Situation ist damit doppelt peinlich. Sie machen sich lieber unsichtbar, erst recht um nicht mit solchen Leuten identifiziert[5] zu werden. Es gibt homosexuelle Männer, die dies nicht offen zugeben mögen – auch solche die sich gerne maskulin[6] geben -, aber keine Nazis sind.

Und all diese Leute werfen wir mit voreiligen Erklärungen unter den Bus, obwohl die Erklärungen nicht zwingend sind, nur gut gestaltete Geschichten für höchstens einen Teil der Fälle. Und nur Korrelationen finden heißt: wir kennen die gesamte Kausalitätskette – so es soetwas überhaupt gibt – nicht, denn sonst könnten wir lückenlos und ein-eindeutig erklären, dies ist in psychologischen Bereichen einfach nicht möglich. Ob grundsätzlich, z.B. gar irgendeiner „Natur des Menschen“ oder nur praktisch, z.B: aufgrund von Komplexität bzw. Vielfalt an wirksamen Variablen sei dahingestellt.

Es führt also kein Automatismus von schlechten oder nicht vorhandenen sexuellen Erfahrungen zu Naziüberzeugungen. Sich in unangenehmer Situation auf Privilegien oder allgemeiner arschiges Verhalten zurückzuziehen (no free passes!) ist eine mögliche, aber keine zwingende Reaktion.

Also stehen wir wieder am Anfangspunkt: Wie deuten wir eine statistische Korrelation – so wir einfach einmal annehmen daß sie „hart“, also reproduzierbar ist? Was wollen wir überhaupt mit solchen Forschungen – vielleicht praktisch anwenden? Zu untersuchen ob sich Nazis durch Sex kurieren lassen wäre auf mehreren Ebenen unethisch. Alle Untervögelten unter Naziverdacht zu stellen erscheint absurd. Mit der Gebauer-Hypothese könnten versuchen für eine bestimmte Art von Kontaktschwierigkeiten und eine bestimmte Art politischer Gesinnung ähnliche Therapien zu finden, aber sollten wir politische Gesinnungen wirklich als Krankheiten einstufen? Nazis mit der Heilkraft der Pflastersteine kurieren?!?

Vielleicht stoßen wir hier an Grenzen psychologischer Fragestellungen: Wie viel können wir mit Individualpsychologie überhaupt über gesellschaftliche Phänomene aussagen? Somit wäre der Wurm doch auf 1. Ebene – Vorannahmen der Fragestellungen – zu suchen.


[1] Gemeint ist wohl Rassismus, zumal Rassist*innen selten zwischen Ausländern und deutschen PoC unterscheiden. Die deutsche Sprache kennt unzählige Worte für „Nazi“ und „Rassismus“; keines davon ist „Nazi“ oder „Rassismus“. Leider wirkt ein Text zu monoton wenn immer das gleiche Wort verwendet wird.

[2] Flache psychoanalytische Stories bringen uns hier nicht weiter, sie geben uns zwar fruchtbar scheinende Erkärungsskizzen, wie wir diese aber testen – sowohl Überprüfung von abgeleiteten Einzelaussagen als auch Entsorgung *istischer Elemente in den Grundlagen – muß hier offen bleiben. Damit brauchen wir Psychoanalyse nicht grundsätzlich zu verwerfen – auch wenn es sicherlich einfacher ist das zu tun -, haben aber viel Methodenarbeit zu leisten, bei der uns wiederum die Psychologie mit ihrem sehr engen neopositivistischen Verständnis von Wissenschaftlichkeit nicht weiterzuhelfen vermag. Sprich: Bessere psychoanalytische Ansätze gerne in die Kommentare!

[3] Auch wenn dies zugegebenermaßen eine humorvolle Herangehensweise ist: Wenn wir ganz queer annehmen daß keine Sexualität als ursprünglicher oder natürlicher als andere konstruiert werden sollte und wenn wir beachten, daß zwischen männlich und weiblich identifizierten Leuten große Häufigkeitsunterschiede bei autosexueller Stimulation gibt, die sich nicht biologisch erklären lassen, sollte Enttabuisierung durchaus queerfeministisches Anliegen sein!

[4] Das Faß, ob Kontaktschwierigkeiten auch nicht ausschließlich individualpsychologisch anzugehen wären – und wenn nein wie – machen wir vielleicht ein anderes mal auf, auch das entzieht sich mal wieder einfachen Antworten. Irgendwie hängt es mit dem Miteinander zusammen, aber jede normative Aussage führt zu Absurditäten.

[5] Um das Ganze noch zu verkomplizieren: Widerlegungen des Incelbewegungs-Entitlement werden übergeneralisiert werden, nichtasexuelle Leute ohne Intimbeziehungserfahrungen gebe es demnach gar nicht – zumindest nicht Kontaktschwierigkeiten als legitimes Problem -, weil ja niemand ein Anrecht auf Beziehungen habe. Impliziter ableismus kann dabei nicht ausgeschlossen werden. Wegen der Incelbewegung läßt sich aber nicht konstruktiv über soetwas diskutieren und also können wir die „kein Sex“ als „Zone der Unbewohnbarkeit“ höchstens über Asexualität erforschen. Fuckers.

[6] Ohne bestreiten zu können, daß toxische Maskulinität und rechtsextreme Gesinnungen viele Berührungspunkte haben. Aber wie schwierig das ist aus einem Zusammenhang eine belastbare Theorie zu basteln ist ja Thema dieses Artikels. Daß es möglich sein sollte nicht-toxische, nicht-chauvinistische, nicht-zweigeschlechtliche, sondern spielerische und queere Formen von maskulinem Ausdurck zu konstruieren und wir sicherlich in einigen Schwulenszenen interessantere Ansätze dafür als im Heterobereich finden sei auf einen anderen Artikel verschoben.


Systemische Umwelt?

11. Oktober 2018

Dieser Artikel ist Teil dessen womit er ringt: Duschgedanken statt systematischer Herangehensweise. Die Frage lautet: Ist die Systemik zu unsystematisch?

Von Heinz von Foerster in philosophisches Denken gelockt, habe ich bis heute eine Schwäche für diese Ecke der Systemtheorie. Und jüngst stieß ich auf ein paar Vorlesungsaufzeichnungen von und über Luhmann. Nun wird ihm gerne vorgeworfen „Armchair Soziologie“ zu betreiben, auch wenn sich viele informelle Beispiele finden, das sei das doch keine harte empirische Forschung.

Nun, ein Wissenschaftsverständnis das nur quantitative Erhebungen gelten läßt weigert sich nicht nur grundlegende Überlegungen über sich und ihren Gegenstand anzustellen, für sie wirkt je konkreter desto leichter zu messen und an Annahmen rutschen am besten die unmarkierten durch – adornitisch formuliert: Der Positivismus hat immer eine Tendenz die bestehenden Verhältnisse zu affirmieren. Doch bleibt die Frage: Mit welchen „Möglichkeiten sich selbst zu überraschen“ (Luhmann über den Nutzen von Methoden) können wir die Luhmann’sche Theoriebildung bestätigen oder widerlegen?

Dazu können wir uns eines Verständnisses von geschlossenen Systemen bedienen: Die Welt (Umwelt) darf sich meist nur in bestimmter Form „äußern“, in der Geschichtswissenschaft beispielsweise über historische Texte – Quellen -, in der Psychologie meist durch quantitative Daten, die am besten in einem Experiment erhoben wurden. Auch wenn Erweiterungen dieses Zugangs – z.B. in der Geschichtswissenschaft Methoden für Bilddeutung zu entwickeln – oftmals als Fortschritte gefeiert werden, diese Begrenzung ist nicht nur praktisch für den Wissenschaftsbetrieb – ermöglicht u.a. Transparenz und Reproduzierbarkeit -, sondern bildet konstitutive Gesten für ein Fach. Z.B. in der Geschichtswissenschaft sich von Geschichtsphilosophie abzugrenzen, z.B. in Psychologie das Experiment zur Grundlage zu erklären, auch wenn sich – beispielsweise mit dem Behaviorismus oder der kognitiven Wende – das Verständnis wie genau zu experimentieren sei mehrfach stark geändert hat.

Damit ist Falsifizierbarkeit – mal wieder – ein viel zu grobes Instrument. In Luhmann’schen Rahmen wäre eher zu fragen: Wie kann die Umwelt das System stören? Kann es sich mit unerwartetem Input ändern oder kann es höchstens zerstört werden? Betreiben wir „Cherry Picking“, können nur das betrachten was die Theorie erklären kann oder kann es zu Anomalien – im Kuhn’schen Sinne: innerhalb der Theorie für wichtig gehaltenen Beobachtungen die sich der gewöhnlichen Erklärungsweise der Theorie entziehen – kommen?

Für Luhmann habe ich leider keine Guten Antworten darauf. Vielleicht kommt es auf die „Anschlußfähigkeit“ an, wo kann ich Produktives damit anfangen – die Theorie und der Anwendungsbereich finden sozusagen zueinander. Dies spräche für Theorien denen einzelne Ergebnisse oder Denkfiguren zu entnehmen wären ohne gleich auf das gesamte Denksystem wie auf eine Bibel schwören zu müssen (in your face, adornitische Totalität!).

Auch viele philosophische Ansätze regulieren zwar ihre Argumentationsweisen, aber nicht direkt den Zugang zu Fakten/Welt – auch wenn es Versuche gibt sich von Nachbarwissenschaften abzugrenzen, „reine“ Philosophie zu betreiben, sei diese als folgerichtig, aber inhaltsleer abgetan -, das kann einerseits vorwissenschaftlich sein, andererseits geht es auch ganz  ohne Armchair nicht: Die Bedingungen der Beobachtung können nicht direkt beobachtet werden, in Luhmann’scher Denkweise formuliert: Jedes Beobachtungssystem produziert seinen blinden Fleck.

Daß Luhmanns Zugang zur Umwelt erstaunlich informell ist kann also sowohl als Stärke wie Schwäche gesehen werden. Sich grundlegende und nicht auf kleine empirische Studien ausgelegte Gedanken zu machen scheint mir in positivem Sinne unzeitgemäß und das Potential der „unfinished revolution“ systemischer Ansätze – u.a. des oben genannten Heinz von Foersters und seines Umfelds – für diesen Bereich fruchtbar machen zu wollen sympathisch. Die Welt ist zu groß für nur eine geschlossene Theorie.