Plüschie Theorie #7: Fiktionen

15. Mai 2019

Die Kulturellepraxis und damit die Plüschtierstudies sind Antiessenzialismus im Sinne daß Wahr-Nehmung nicht abbildet verpflichtet. Aber – selbst wenn wir uns hier die pseudoetymologischen Sophistereien über facere und fingere ausnahmsweise mal sparen – das Faktische läßt sich doch schon vom Fiktiven unterscheiden. Nehmen wir das erstmal hin, dann handeln wir uns die altbekannten Probleme eines zweier-Gegensatzes ein.1

Zunächst einmal ist in einem solchen meist eine Wertigkeit versteckt, eines von beidem wird dem anderen als untergeordnet begriffen. Nun ließe sich anhand von Plüschtieren schön zeigen in wiefern diese Wertung umkehrbar ist, wir könnten dies gar zum zentralen Punkt erklären, beispielsweise daß vielen ihrer Trampler vor lauter Wirklichkeitssinn der Möglichkeitssinn abhanden komme. Mehr noch: Die Tendenz zum „Postfaktischen“ ließe sich damit erklären, daß das Fiktive nicht ernst genug genommen wird2 und daher Fiktionen als faktisch behauptet werden um ihnen Geltung zu verschaffen, als sei nur das Faktische wichtig. Dabei wird aber oftmals übersehen, daß auch Fiktionen nicht etwa beliebig sind,3 sie lassen sich etwa nach ästhetischen Maßstäben kritisieren; was bedeutet daß wir uns nicht nur aus moralischen oder sachlichen Gründen – Fakten – von rechtem Gedankengut fernhalten sollten, alleine für schöne und wohlgeformte Geschichten wäre ein großer Bogen darum zu machen.4
Die Abgrenzung zwischen den Gegensatzteilen ist bei näherer Betrachtung nie einfach oder klar. Beispielsweise könnten wir das Mögliche irgendwo zwischem dem Faktischen und Fiktiven verorten; ein Grund sich weiterhin gerne mit SciFi zu beschäftigen. Diese scheinbaren Graubereiche auszuloten ist nicht etwa philosophische Haarspalterei, auch wenn sich Versuche den Grenzbereich zu kartieren sich darin erschöpfen können, speziell wenn es lediglich um den Zweck die Grenze intakt zu halten geht. Doch beachten wir eine weitere Tücke von zweier-Gegensätzen, nämlich die des „konstitutiven Außen“, also daß die Trennung erst dadurch zustande kommt daß sie immer etwas aus dem Blick rückt, wird klar warum eine scheinbar kleine Anomalie im Zwischenraum ein Ausgangpunkt für neue Kartierungen sein kann, der vormalige kleine Punkt wird plötzlich zum neuen Territorium.

Doch auch wenn wir die Trennung von Faktischem und Fiktiven als für das Handeln nützlich anerkennen und somit hinnehmen, entkommen wir nicht der Einsicht daß es sich um Modelle handelt. Im Optimalfall werden Bereiche der Erfahrung durch diese Modellierungen so getrennt, daß wir nicht nur zwischen Irrtum und Tatsache, sondern auch zwischen äußerlichen und innerlichen Urachen unterscheiden können. Nun ist jede Beobachtung theoriebeladen und auch beispielsweise Träume beziehen sich meist irgendwie auf Erlebtes, es ist also eine mühsam aufrecht zu erhaltende, komplexe Trennung; wäre die Unterscheidung immer einfach, bräuchten wir keinen solchen Wert auf sie zu legen. Doch gerade da Erkenntnisse ob etwas innerlich oder äußerlich verursacht sei für Handeln und Wohlbefinden entscheidend sein können, sei an dieser Stelle die Grenzziehung nicht verworfen.5 Nur deutet schon die Tatsache, daß wir uns in dieser Einordnung irren können darauf hin daß es sich um eine Verarbeitung von Erfahrung – die vielleicht einen Bezug zur Realität hat – handelt, nicht die Realtiät selbst.

Das Faktische wie das Fiktive beziehen sich also auf Erfahrung um verschiedene Bereiche von Realität zu modellieren und durch diese Modellierung zu trennen, aber „the map is not the territory“, das Faktische ist nicht gleichzusetzen mit der Realität.

Ein Ziel der Plüschtierstudies ist es, Modellierungstechniken für Zugang zum Fiktiven zu entwickeln. Wenn das auf die Realität zurückwirkt – umso besser!


1 Derrida, frei nach Moebius, Stephan; Wetzel, Dietmar J.: absolute Jaques Derrida; Berlin 2005

2 Mag für sich eine steile These sein, aber nicht verglichen mit Feuilleton-Psychoanalyse, die regelmäßig Beteiligten die Deutungshoheit über ihr Denken und Handeln mittels eines etablierten Storygenerators stiehlt.

3 Im Goldenen Hecht. Über Konstruktivismus und Geschichte : Ein Gespräch zwischen Heinz von Foerster, Albert Müller und Karl H. Müller; in: ÖZG 8 (1997) Bd.1; 129-143; S. 132. Online verfügbar.

4 Dank an Bewitchedmind für den Hinweis, daß mit der ausgeprägten Jammer- und Kleinbürgerrhetorik vieler Rechtpopulismus ihnen selbst das Inszenierungstalent der historischen Faschisten und Nazis fehlt. Das rechte Metanarrativ, eigentlich überlegen, aber durch fiese Gegner*innen um zustehende Position betrogen worden zu sein findet sich leider auch in einigen linken Erzählungen, also vorsicht vor Querfronten, schon weil es eine schlicht schlechte Story ist.

5 Vgl. Haraway, Donna J.: A Manifesto for Cyborgs : Science, Technology, and Socialist Feminism in the 1980s; in: dies.: The Haraway Reader; New York, London 2004 [Ersterscheinen des Artikels: 1985]; S. 7-45, S. 8: „This chapter is an argument for pleasure in the confusion of boundaries and for responsibility in their construction.“ [Hervorhebungen im Originaltext]

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Plüschie Theorie #6: Suspension of Disbelief

6. April 2019

Dank an K Kater und FrlPia

Anitessenzialismus im Sinne der Kulturellenpraxis bedeutet auch: „Die Wahrheit ist von dieser Welt“1 und damit nicht übersinnlich verbürgt. Gleichwohl „esoterische“ Deutungsmuster Essenzialismuskritiken gerne instrumentalisieren für die Behauptung daß ihre Vorstellungen möglich seien, die Überzeugungen enthalten meist starke Essenzialismen, basierend auf Empfindungen und/oder Weltbildern, die sich bei näherer Betrachtung meist auch noch in problematischen Bereichen des Diskurses bewegen. Oder anders: sich ernsthaft um Erkenntnis bemühen bedeutet den Wahrheitsbegriff von metaphysischem Ballast zu befreien. und Verantwortung für die politische Verflochtenheit des eigenen Denkens zu übernehmen.

Liebevolle Verflochtenheit

Wenn wir also sagen es gehe bei den Plüschtierstudies um „Magie“, sollten wir diese streng von der auf Esoterikmessen verkauften abgrenzen. Sicherlich läßt sich nicht die gesamte Welt verlustfrei in Naturwissenschaften überführen, aber wenn wir Sozial- & Kulturwissenschaften hinzunehmen können wir erstaunlich vieles beschreiben, haben also keine Ausrede nicht bei den Wissenschaften zu bleiben, zumal wenn wir ihre Ideale von der bisweilen hinter diesen zurückbleibenden institutionellen Praxis abgrenzen und beachten, daß Wissenschaft der Prozeß, nicht dessen Ergebnis ist; also davon ausgehen, daß die Vorstellung einer endgültigen Wahrheit unwissenschaftlich sei.

Auf die Frage ob Fauchi Stormborn Lord oder Ladyrezeptbewahrer*in sei hieß es nur: „Deshalb kann Euch Menschen niemand ausstehen, Ihr habt doch echt einen Knall mit Eurem Zweigeschlechtlichkeitswahn!“

Der Magie der Plüschtiere nachspürend geht es also um keine Übernatürliche, sondern eine geschaffene. Wie für einen Film brauchen wir Suspension of Disbelief. Vielleicht fällt das Kindern leichter. Diese Suspension ist nicht grenzen- oder bedingungslos, von daher gilt es Plüschtiere keinesfalls „out of character“ darzustellen.2 Zauberkünstler*innen arbeiten zwar damit die Ungläubigkeit des Publikums zu entkräften, aber dennoch muß sich dieses darauf einlassen – es wird also nicht getäuscht, sondern Künstler*in und Publikum schaffen gemeinsam eine Welt in der Dinge möglich sind von denen alle wissen daß sie es nicht sind.

„Die Idee ist, dass du als Zauberer imstande bist, ein Ambiente, einen Kontext zu erzeugen; eine Welt, in der die Zuschauer mitspielen, diese Welt zu erzeugen. Das heißt, du baust deinem Zuschauer eine Welt auf, in der eben die erstaunlichen Sachen passieren, die er dann erlebt. Aber die er eigentlich konstruiert in seiner Idee, in seinen Gedanken, in denen die Löwen oder Elefanten plötzlich verschwinden.“ –Heinz von Foerster Zitiert nach Müggenburg S. 65.

Zwischen“menschliche“ (-cyborgige u.ä.) Beziehungen sind immer ambivalent und Enttäuschungen sind unvermeidlich. Schlimmer noch: Beides vermeiden zu wollen hat noch üblere Folgen. Doch wer ist im Falle von beispielsweise Liebeskummertränen für uns da? Es geht im Verhältnis zu unseren kuscheligen Freund*innen nicht um eine faktische Realität, es geht darum eine fiktive zu schaffen. Das mag Eskapismus genannt werden; oder Selfcare. Doch lassen sich diese fiktiven Welten mit anderen teilen.

Königspinguine zeigen Interesse an Plüschpinguin Giovanni

U.a. durch Plüschies. Mit Plüschies können wir also gemeinsam Welten schaffen in denen unsere kuscheligen Freund*innen aktiv sind, handeln, ihren Charakter entfalten. Laut Lacan entstehe Selbstbewußtsein bei Kindern dadurch daß sie sich im Spiegel – oder nach späteren Theorien auch indirekter – als vollständiges Wesen erkennen, das Kind identifiziert sich als sich selbst; womit dieses Selbst aber auch etwas Anderes als das unmittelbar erlebte ist. Somit können Plüschies als das Spiegelstadium von Plüschtieren angesehen werden – es wird mit dem Bild zum autonomen Wesen, auch wenn dieses imaginär ist – so are we.

Schnuffi und die Punkprinzessin helfen beim Kuchenbacken


1 Foucault, Michel: Wahrheit und Macht : Interview von A. Fontana und P. Pasquino; in: ders.: Dispositive der Macht : Michel Foucault über Sexualität, Wissen und Wahrheit; Berlin/W 1978; S. 21-54: S. 51.

2 Beispiele für ausdrucksstarke aber charakterlich unpassende Plüschies gibt es sicherlich viele, um aber keine schlechten Plüschies zu verlinken – und da die ursprüngliche Referenz mutmaßlich aus Copyrightgründen verschwunden ist – lieber etwas in dieser Hinsicht Interessantes.


Die Redaktion der Kulturellenpraxis bei der Arbeit

23. April 2018


Plüschie Theorie #3: Waschen

6. Februar 2018

Dieses Highlight in unserer Plüschtier-Reihe war zugleich ihr Stein des Anstoßes, auf diesem Text basieren viele der Ideen: Ein @Wolfseule Artikel, der extrem unterhaltsam geschrieben die theoretische Tiefe des Themas eröffnet. Herzlichsten Dank an die Autorin, viel Spaß & Erkenntnis beim Lesen für alle anderen!

Dorothea Studthoff

Über die Schwierigkeit, ein Plüschtier zu waschen

Wer mit dem latenten Urvertrauen in Trost durch Berühren einer weichen, trockenen Substanz sich jede Nacht mit einem Plüschtier zu Bett begibt, der sieht sich bald mit einem Dilemma konfrontiert: der eigene Narzissmus wird unhygienisch. Zu sehr manifestiert sich die Selbstliebe bis zu dem Punkt, an dem man praktisch mit sich selbst kuschelt. Buchstäblich. Einerseits der Punkt, an dem das Plüschtier den Status des Übergangsobjektes längst schon durchschritten hat und sich nun an diesem Punkt befindet, dessen Signifikanz allein von der Fragilität des Charakters des Besitzers/der Besitzerin, beziehungsweise Hüters oder Hüterin des Plüschtieres abhängt.
Andererseits ist es nun einmal so, dass die Überreste der Kruste der menschlichen Existenz, die Nacht für Nacht in den flauschigen Plüsch gepresst und geschabt wurde, sichtbar und – vielleicht sogar noch signifikanter – riechbar gemacht werden. Es ist der olfaktorische Abdruck eines ungeduschten ICHs in vielfach und geschwächter Ausgabe, das Eau de Moilette einer kuschelbedürftigen aber misanthropischen Persönlichkeit und damit eine langzeitbelichtete geruchliche Feldaufnahme aller Facetten der Personen, die, jeden Tag neu, im immer gleichen und sich dabei ewig verändernden Körper gefangen, zu ihren inanimierten Kuschelgefährten unter das Plumeau kriechen, das, genau wie die plüschigen Gesellen, schwer trägt an den Überresten menschlicher Hautschuppen, Talg und dem Grind des Tages.
Das Plüschtier an sich ist für den erwachsenen Menschen, der den Lernprozess der Unterscheidung von Innen und Außen bereits durchgemacht hat und ihn nun wieder in Frage stellt, ein Mittel, sich selbst auszuweiten, die geizig gezogenen Grenzen bezüglich dessen, was zu einem gehört, aufzuweichen. „Ach, ach, ach!“ mag da einer sagen, der sich die E.T.A. Hoffmann-Lektüre zu arg zu Herzen genommen hat „Gut enden kann das nicht, es ist hohl und gefährlich und böse.“ Aber wer so etwas sagt, der hat noch nie in die gewitzten Augen eines Plüschtiers geblickt, dessen Sprache er spricht. Plüschtiere sind nicht tot, sie waren niemals im spießigen, beengten Begriff der organisch entstandenen Kohlenstoffverbindungen mit Verrottungsmechanismus bei Ausbleiben der Sauerstofffunktion und der Fähigkeit „ICH“ lauter als alles andere zu brüllen, lebendig, drum ist ihnen der Zustand „tot“ unmöglich. Auch krank können sie nicht werden, sie können lediglich die Krankheiten ihres Erschaffers oder Erschafferin absorbieren und zum Teil von sich machen.
Was sie jedoch sein können ist verletzt, beschädigt und in ihrer ursprünglichen Form so gestört, dass man von einer Verstümmelung sprechen kann, deren Effekt ein deutlichen Unterschied in der vertrauten Handhabung ihrer in Form gekuschelten plüschigen Körper haben kann. Aber auch da wird adaptiert, wird niemals aufgegeben, weil auf diese Weise zu kapitulieren und den Tod eines Plüschtiers anzuerkennen, in dessen Struktur das Konzept Tod niemals angelegt war, völlig unnötig ist. Das Plüschtier ist unsterblich und ist somit dem Menschen überlegen, der ihm alles geben kann, außer seiner eigenen Sterblichkeit. Und damit wird der von ihm absorbierte Schmutz ebenfalls unsterblich. Außer, es wird gewaschen.

Damit wären einige der Aspekte, die beim Vorhaben, ein Plüschtier zu waschen, eine Rolle spielen und eine Problematik darstellen, angerissen und sollen im Folgenden elaboriert werden: die Verortung der Persönlichkeit des Stofftieres, beziehungsweise die ihm immanente Dialektik als Gegenstand einerseits und als Personenerweiterung bis hin zur Abnabelung als selbstständige Person andererseits; die physische Manifestation des Bundes mit dem Plüschtier, in anderen Worten: Schmutz; die Notwendigkeit, das Plüschtier in der eigenen Realität zu fixieren und die Frage, was von dem Plüschtier bleibt, wenn die eigene Realität sein natürliches Ende findet? Kann ein Stofftier ein natürliches Ende haben, wenn es doch nicht sterben kann?

Schmutz oder Ich?
Der menschliche Körper, die Hülle des Selbst, endet ziemlich genau da, wo man ihn anfassen kann. Einen Körper kann man nur an seinem „Außen“ anfassen, selbst wenn man ihn aufschneidet, ist lediglich die Oberfläche des „Außen“ vergrößert. Und doch bröselt er permanent, schwitzt, schuppt sich, durchläuft eine diskrete Metamorphose, dehnt sich (Kuchen!) oder löst sich auf (Tränen!), lässt sich aber immer nachvollziehen und nachverfolgen, wenn auch nicht in aller Vollständigkeit.
Den menschlichen Geist, die individuelle Gedankenwelt, auf einsamen Posten im Gestrüpp der Diskurse, lässt sich nicht anfassen, ergo ist die Abgrenzung problematisch. Sie lässt sich zum Teil aussprechen und formulieren, ist aus dem Treibsand der Worte gebaut, was die Übung nicht eben einfacher macht. Das Plüschtier residiert in den Zwischenräumen dieser Entitäten, ohne sie wirklich zu verknüpfen. Obwohl das Plüschtier als Gefährte vor allen Dingen ein Konzept ist, ein geistige Kreation und eine Wiederspiegelung und abstrakte Verkörperung der Notwendigkeiten zur Beseitigung der Unzulänglichkeiten des eigenen Lebens, ist seine physische Präsenz zur Erfüllung seiner Rolle unabdingbar. Das ist die Hauptaufgabe eines jeden Plüschtieres, das nicht ohne Grund auch „Kuscheltier“ genannt wird: schlicht da zu sein, in Reichweite des menschlichen Gefährten. Der Körperkontakt ist essentiell für die Kommunikation, denn um den Repräsentanten der Wunscherfüllung nach stillem Trost erfahrbar zu machen, muss er der Welt eine eigene Oberfläche entbieten. Das tut das Plüschtier, das ein Gegenstand ist, bis es zu einem Gefährten wird, das Anteile seines Gefährten verkörpert. Es wird nie zu einem Alter Ego, weil es durch diese komplette Transformation seine Trost-Wirkung verlieren würde, denn dann nähme es auch den Schmerz und die Mängel in sich auf. Es ist die Stütze, die einem außerhalb des eigenen Körpers eine Sicherheit bietet, einen tatsächlichen Griff, eine Halterung, die jederzeit genutzt werden kann, ohne Rücksicht nehmen zu müssen oder Angst vor Grenzüberschreitungen haben zu müssen. Ein Plüschtier hat niemals Kopfschmerzen und braucht keinen persönlichen Freiraum. Und trotzdem entsteht bei jedem mit einem innigen Verhältnis zu einem Stofftier ein gewisser Ethos im Umgang damit. Wer würde sich schon mit Absicht auf ein geliebtes Stofftier setzen oder es bei Kälte draußen liegen lassen? Ein Stofftier fordert keinen respektvollen Umgang, aber den vollen Wert und Gewinn aus ihm erkennt man erst, wenn man ihn ihm entgegenbringt. Und warum bringt man einem Plüschtier überhaupt diesen Respekt entgegen? Wie kommt es, dass ein solches Bedürfnis nach Nähe zu einem als Gegenstand in die Welt gebrachten Zwischenwesen entstehen kann?
Was dem Menschen seine Menschlichkeit, ist dem Plüschtier seine Niedlichkeit. Diese ergibt sich aus seiner Beschaffenheit, denn ein Plüschtier hat nichts inne, was dieser Niedlichkeit entgegenwirken könnte, seine Harmlosigkeit ist absolut, da es keine Gedanken formulieren oder kommunizieren kann und auch nicht handeln kann. Seine Existenz definiert sich durch die unschuldige Liebe, die man ihm entgegenbringt und es ist darum ohne Ausnahme niedlich, weil es nichts geben kann, als diese Liebe anzunehmen. Verzweiflung, Hass oder Zorn kann es nur registrieren, nicht auflösen oder verarbeiten, darum bleiben diese in der Existenz des Plüschtiers außen vor. Niedlichkeit entsteht durch Harmlosigkeit und diese bietet das Plüschtier in Perfektion und macht es somit zum idealen Gefährten, da es sich so so vollkommen flexibel und flauschig in das eigene Gedankenfeld einfügen lässt. Das Plüschtier bietet nur Erinnerungen, keine Gedanken, es ist der Munin ohne Hugin, ein einsamer Rabe, der den Schnabel tröstend in die Armbeuge seines Gefährten steckt.
Und genau so, nicht durch einen besiegelnden Akt, sondern durch die ständige Wiederholung der Berührungen, entsteht die körperliche Verbindung: das im Fell des Stofftieres bleiben bei jeder Berührung kleine Reste des Menschen und setzen sich dort fest, die irgendwann durch ihre dunkle Schattierung zu sehen sind und dann auch zu riechen. Das Stofftier ist menschlich geworden und trägt die Insignien der andauernden Kuschelei als Ausdruck der Verbundenheit. Im Prinzip ist es keine Verbundenheit in dem Sinne, das Plüschtier ist nun sein Besitzer, weil es nun das ist, was der Besitzer einmal war. Darin begründet sich die Hemmung, ein Plüschtier zu waschen: man spült einen sichtbaren Teil von sich selbst durch den Abguss, entfernt allen sichtbaren Nachweis der innigen Beziehung zu dem plüschigen Gefährten, reinigt ihn von all der Schmach, die man trostsuchend in seinem Fell hinterließ und setzt sie damit wieder frei. Das Plüschtier zu waschen bedeutet einen unumkehrbaren Bruch in der Kontinuität der Beziehung zu ihm, die ja wie beschrieben, sehr stark von der körperlichen Beziehung zu ihm abhängt. Die Beziehung zu dem Plüschtier war in dessen Körper eingeschrieben, aber nicht so, dass man sie nicht wieder ausradieren könnte. Das Waschen ist eine Art Wiedergeburt für das Plüschtier, das daraus mit ein wenig verdichtetem, aber frisch duftendem Pelz daraus hervorgeht.

Dann beginnt der Zirkel von vorn. Die wenigsten wollen das, weil ein Neuanfang immer Abschied bedeutet und ein Abschied fast immer Schmerz und das Plüschtier verkörpert ja gerade das Gegenteil von Schmerz.

Das Plüschtier ist die Verkörperung des Gegenteils von Schmerz und Tod, ihr Antipode. Denn das Plüschtier kann nicht sterben und wenn sein Besitzer stirbt, lebt in seinem Fell ein Stück seines Körpers weiter, und zwar ein unveränderliches Stück, das nicht durch eine eigene Entwicklung, durch Wachsen oder durch eine eigene Sinnenwelt – wie das bei Kindern der Fall ist – korrumpiert wird.


Nachtrag der Kulturellenpraxis


Update: Es gibt ein Video vom untersuchten Vorgang!


Schreibprozeß

4. Februar 2018


Unschuld?!?

26. August 2017

„[The cyborg] is resolutely committed to partiality, irony, intimacy, and It is oppositional, utopian, and completely without innocence.

[…]

Cyborg writing is about the power to survive, not on the basis of original innocence, but on the basis of seizing the tools to mark the world that marked them as other.“(1)

 


(1) Haraway, Donna Jeanne: A Cyborg Manifesto – Science, Technology, and Socialist-Feminism in the 19820s; in: dies.: The Haraway Reader; New York, London 2004; S. 7-45 (Ersterscheinen: A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist Feminism in the Late Twentieth Century; in: Socialist Review 80, 1985; S. 65-108. in deutscher Übersetzung vertont); S. 9 & 33.


Das Kreuz mit den Privilegiendebatten

13. November 2013

Dieses Thema „Privilegien“ und die Frage ihrer richtigen Kritik ist kontrovers; insofern herrscht Bedarf nach mehr guten Artikeln und weniger schlechten Polemiken. Da die Kulturellepraxis dies gerade nicht zu leisten vermag, versuchen wir, wenigstens auf der Metaebene beizutragen und an dieser Stelle do-s & don’t-s vorzuschlagen, basierend darauf, was in bisheriger Lektüre an Käse unterkam.

  • Es sollte klar erläutert werden, was „Privileg“ bedeuten soll
    • Ebenfalls hilfreich: Im Blick zu behalten, was „Privileg“ bedeuten kann
    • Im falle der Rekonstruktion andererleute Verwendungen ist das principle of charity unbedingt anzuwenden
  • Klar herausstellen: Wird über verkürzte Lesarten oder das Potential einer Theoriepraxis gesprochen?
    • Wenn Ersteres der Fall ist: Wer nimmt diese Verkürzungen vor und wie verbreitet sind diese?
  • Es sollten Quellen genutzt werden, diese sinnvoll und nicht suggestiv ausgewählt, sowie offengelegt. Für diesen Artikel reden wir uns mal hierauf (sowie die dortigen Links) ‚raus.
  • Es sollte auf unnötige (küchen-)Psychoanalyse verzichtet werden: Derartige Debatten funkionieren oftmals – auch da es damit so einfach ist – über gegenseitige Unterstellungen versteckter/unbewußter niederer Motive. (z.B. „Lustfeindlichkeit“ vs. „Privilegienverteidigung“).
    • Sicherlich kann gerade in derartigen Debatten nicht die Deutungshoheit für die Motive einzelner Personen ihnen selbst überlassen werden
      • Gerade versuche, derartige Debatten durch „ich meine ja nur …“ und „die uns doch auch …“ artige Argumentationsfehler zu derailen trugen höchstwahrscheinlich massiv zur Verbreitung des Privilegienbegriffs als Gegenstrategie bei
      • Aus der ethischen Mottenkiste seien – leider mit dem äußerst problematischen Utilitarismus verbundene – konsequenzialistische Moralvorstellungen gefischt: Die Motive müssen nicht zwangsläufig ausschlaggebend zur Bewertung von Handlungen/Taten sein
      • Aus der psychologischen Mottenkiste sei die – leider mit dem äußerst problematischen Behaviorismus verbundene – Blackbox-Metapher gefischt: Wir können anderen Menschen nicht in die Köpfe sehen (und wenn doch: Es bringt nichts, wenn wir etwas über ihr Denken wissen wollen)
    • Die Psychoanalyse bietet einen mit etwas Wissen und Erfahrung gut zu bedienenden und Plausibilität erzeugenden Narrativgenerator
      • Gewarnt sei vor dem God Trick, die Psychoanalyse verleitet ganz besonders dazu
      • Oftmals kann mit einer „misanthropischen Unterstellung“ (Schulz von Thun) Kommunikation abgebrochen werden
        • Dies sei hier nicht generell bewertet, manchmal kann soetwas hilfreich sein. Nur sollten wir uns bewußt sein, es handelt sich damit lediglich um einen Zug in einem Macht-/Dominanzspiel, kein cat’s cradle (Haraway) gemeinsamer Wissensproduktion
      • Viele Ausprägungen der Psychoanalyse – auch die der Kritischen Theorie – sind heteronoramtiv und/bzw. homofeindlich. Siehe zur Psychoanalyse allgemein beliebige Lehrbücher, siehe zur Frankfurter Schule im Speziellen: Halle, Randall: Zwischen Marxismus und Psychoanalyse : Antifaschismus und Antihomosexualität in der Frankfurter Schule; in: Zeitschrift für Sexualforschung 9 (1996) S. 343-357.
      • Nahe am Kern der Theorie – also kaum durch kleinere Korrekturen behebbar – steht ein Modell unbewußter Triebe. Damit wird zumindest eine Art von Vorstellung über Begehren bzw. dessen Essenzialisierung nicht aus psychoanalytischer Theroriebildung loszuwerden sein. Welche impliziten Probleme/Ausschlüsse wir uns damit einhandeln sei am Beispiel von Asexualität verdeutlicht
    • Für die Erkenntnis, daß Motive nicht zwangsläufig bewußt und nicht zwangsläufig wie dargestellt sein müssen, sei auf Freud verzichtet – Koksen oder schreiben, eines von beidem hätte er lassen sollen – und auf den – gleichwohl nicht minder sexistischen – Nietzsche zurückgegriffen