Plüschie Theorie #3: Waschen

6. Februar 2018

Dieses Highlight in unserer Plüschtier-Reihe war zugleich ihr Stein des Anstoßes, auf diesem Text basieren viele der Ideen: Ein @Wolfseule Artikel, der extrem unterhaltsam geschrieben die theoretische Tiefe des Themas eröffnet. Herzlichsten Dank an die Autorin, viel Spaß & Erkenntnis beim Lesen für alle anderen!

Dorothea Studthoff

Über die Schwierigkeit, ein Plüschtier zu waschen

Wer mit dem latenten Urvertrauen in Trost durch Berühren einer weichen, trockenen Substanz sich jede Nacht mit einem Plüschtier zu Bett begibt, der sieht sich bald mit einem Dilemma konfrontiert: der eigene Narzissmus wird unhygienisch. Zu sehr manifestiert sich die Selbstliebe bis zu dem Punkt, an dem man praktisch mit sich selbst kuschelt. Buchstäblich. Einerseits der Punkt, an dem das Plüschtier den Status des Übergangsobjektes längst schon durchschritten hat und sich nun an diesem Punkt befindet, dessen Signifikanz allein von der Fragilität des Charakters des Besitzers/der Besitzerin, beziehungsweise Hüters oder Hüterin des Plüschtieres abhängt.
Andererseits ist es nun einmal so, dass die Überreste der Kruste der menschlichen Existenz, die Nacht für Nacht in den flauschigen Plüsch gepresst und geschabt wurde, sichtbar und – vielleicht sogar noch signifikanter – riechbar gemacht werden. Es ist der olfaktorische Abdruck eines ungeduschten ICHs in vielfach und geschwächter Ausgabe, das Eau de Moilette einer kuschelbedürftigen aber misanthropischen Persönlichkeit und damit eine langzeitbelichtete geruchliche Feldaufnahme aller Facetten der Personen, die, jeden Tag neu, im immer gleichen und sich dabei ewig verändernden Körper gefangen, zu ihren inanimierten Kuschelgefährten unter das Plumeau kriechen, das, genau wie die plüschigen Gesellen, schwer trägt an den Überresten menschlicher Hautschuppen, Talg und dem Grind des Tages.
Das Plüschtier an sich ist für den erwachsenen Menschen, der den Lernprozess der Unterscheidung von Innen und Außen bereits durchgemacht hat und ihn nun wieder in Frage stellt, ein Mittel, sich selbst auszuweiten, die geizig gezogenen Grenzen bezüglich dessen, was zu einem gehört, aufzuweichen. „Ach, ach, ach!“ mag da einer sagen, der sich die E.T.A. Hoffmann-Lektüre zu arg zu Herzen genommen hat „Gut enden kann das nicht, es ist hohl und gefährlich und böse.“ Aber wer so etwas sagt, der hat noch nie in die gewitzten Augen eines Plüschtiers geblickt, dessen Sprache er spricht. Plüschtiere sind nicht tot, sie waren niemals im spießigen, beengten Begriff der organisch entstandenen Kohlenstoffverbindungen mit Verrottungsmechanismus bei Ausbleiben der Sauerstofffunktion und der Fähigkeit „ICH“ lauter als alles andere zu brüllen, lebendig, drum ist ihnen der Zustand „tot“ unmöglich. Auch krank können sie nicht werden, sie können lediglich die Krankheiten ihres Erschaffers oder Erschafferin absorbieren und zum Teil von sich machen.
Was sie jedoch sein können ist verletzt, beschädigt und in ihrer ursprünglichen Form so gestört, dass man von einer Verstümmelung sprechen kann, deren Effekt ein deutlichen Unterschied in der vertrauten Handhabung ihrer in Form gekuschelten plüschigen Körper haben kann. Aber auch da wird adaptiert, wird niemals aufgegeben, weil auf diese Weise zu kapitulieren und den Tod eines Plüschtiers anzuerkennen, in dessen Struktur das Konzept Tod niemals angelegt war, völlig unnötig ist. Das Plüschtier ist unsterblich und ist somit dem Menschen überlegen, der ihm alles geben kann, außer seiner eigenen Sterblichkeit. Und damit wird der von ihm absorbierte Schmutz ebenfalls unsterblich. Außer, es wird gewaschen.

Damit wären einige der Aspekte, die beim Vorhaben, ein Plüschtier zu waschen, eine Rolle spielen und eine Problematik darstellen, angerissen und sollen im Folgenden elaboriert werden: die Verortung der Persönlichkeit des Stofftieres, beziehungsweise die ihm immanente Dialektik als Gegenstand einerseits und als Personenerweiterung bis hin zur Abnabelung als selbstständige Person andererseits; die physische Manifestation des Bundes mit dem Plüschtier, in anderen Worten: Schmutz; die Notwendigkeit, das Plüschtier in der eigenen Realität zu fixieren und die Frage, was von dem Plüschtier bleibt, wenn die eigene Realität sein natürliches Ende findet? Kann ein Stofftier ein natürliches Ende haben, wenn es doch nicht sterben kann?

Schmutz oder Ich?
Der menschliche Körper, die Hülle des Selbst, endet ziemlich genau da, wo man ihn anfassen kann. Einen Körper kann man nur an seinem „Außen“ anfassen, selbst wenn man ihn aufschneidet, ist lediglich die Oberfläche des „Außen“ vergrößert. Und doch bröselt er permanent, schwitzt, schuppt sich, durchläuft eine diskrete Metamorphose, dehnt sich (Kuchen!) oder löst sich auf (Tränen!), lässt sich aber immer nachvollziehen und nachverfolgen, wenn auch nicht in aller Vollständigkeit.
Den menschlichen Geist, die individuelle Gedankenwelt, auf einsamen Posten im Gestrüpp der Diskurse, lässt sich nicht anfassen, ergo ist die Abgrenzung problematisch. Sie lässt sich zum Teil aussprechen und formulieren, ist aus dem Treibsand der Worte gebaut, was die Übung nicht eben einfacher macht. Das Plüschtier residiert in den Zwischenräumen dieser Entitäten, ohne sie wirklich zu verknüpfen. Obwohl das Plüschtier als Gefährte vor allen Dingen ein Konzept ist, ein geistige Kreation und eine Wiederspiegelung und abstrakte Verkörperung der Notwendigkeiten zur Beseitigung der Unzulänglichkeiten des eigenen Lebens, ist seine physische Präsenz zur Erfüllung seiner Rolle unabdingbar. Das ist die Hauptaufgabe eines jeden Plüschtieres, das nicht ohne Grund auch „Kuscheltier“ genannt wird: schlicht da zu sein, in Reichweite des menschlichen Gefährten. Der Körperkontakt ist essentiell für die Kommunikation, denn um den Repräsentanten der Wunscherfüllung nach stillem Trost erfahrbar zu machen, muss er der Welt eine eigene Oberfläche entbieten. Das tut das Plüschtier, das ein Gegenstand ist, bis es zu einem Gefährten wird, das Anteile seines Gefährten verkörpert. Es wird nie zu einem Alter Ego, weil es durch diese komplette Transformation seine Trost-Wirkung verlieren würde, denn dann nähme es auch den Schmerz und die Mängel in sich auf. Es ist die Stütze, die einem außerhalb des eigenen Körpers eine Sicherheit bietet, einen tatsächlichen Griff, eine Halterung, die jederzeit genutzt werden kann, ohne Rücksicht nehmen zu müssen oder Angst vor Grenzüberschreitungen haben zu müssen. Ein Plüschtier hat niemals Kopfschmerzen und braucht keinen persönlichen Freiraum. Und trotzdem entsteht bei jedem mit einem innigen Verhältnis zu einem Stofftier ein gewisser Ethos im Umgang damit. Wer würde sich schon mit Absicht auf ein geliebtes Stofftier setzen oder es bei Kälte draußen liegen lassen? Ein Stofftier fordert keinen respektvollen Umgang, aber den vollen Wert und Gewinn aus ihm erkennt man erst, wenn man ihn ihm entgegenbringt. Und warum bringt man einem Plüschtier überhaupt diesen Respekt entgegen? Wie kommt es, dass ein solches Bedürfnis nach Nähe zu einem als Gegenstand in die Welt gebrachten Zwischenwesen entstehen kann?
Was dem Menschen seine Menschlichkeit, ist dem Plüschtier seine Niedlichkeit. Diese ergibt sich aus seiner Beschaffenheit, denn ein Plüschtier hat nichts inne, was dieser Niedlichkeit entgegenwirken könnte, seine Harmlosigkeit ist absolut, da es keine Gedanken formulieren oder kommunizieren kann und auch nicht handeln kann. Seine Existenz definiert sich durch die unschuldige Liebe, die man ihm entgegenbringt und es ist darum ohne Ausnahme niedlich, weil es nichts geben kann, als diese Liebe anzunehmen. Verzweiflung, Hass oder Zorn kann es nur registrieren, nicht auflösen oder verarbeiten, darum bleiben diese in der Existenz des Plüschtiers außen vor. Niedlichkeit entsteht durch Harmlosigkeit und diese bietet das Plüschtier in Perfektion und macht es somit zum idealen Gefährten, da es sich so so vollkommen flexibel und flauschig in das eigene Gedankenfeld einfügen lässt. Das Plüschtier bietet nur Erinnerungen, keine Gedanken, es ist der Munin ohne Hugin, ein einsamer Rabe, der den Schnabel tröstend in die Armbeuge seines Gefährten steckt.
Und genau so, nicht durch einen besiegelnden Akt, sondern durch die ständige Wiederholung der Berührungen, entsteht die körperliche Verbindung: das im Fell des Stofftieres bleiben bei jeder Berührung kleine Reste des Menschen und setzen sich dort fest, die irgendwann durch ihre dunkle Schattierung zu sehen sind und dann auch zu riechen. Das Stofftier ist menschlich geworden und trägt die Insignien der andauernden Kuschelei als Ausdruck der Verbundenheit. Im Prinzip ist es keine Verbundenheit in dem Sinne, das Plüschtier ist nun sein Besitzer, weil es nun das ist, was der Besitzer einmal war. Darin begründet sich die Hemmung, ein Plüschtier zu waschen: man spült einen sichtbaren Teil von sich selbst durch den Abguss, entfernt allen sichtbaren Nachweis der innigen Beziehung zu dem plüschigen Gefährten, reinigt ihn von all der Schmach, die man trostsuchend in seinem Fell hinterließ und setzt sie damit wieder frei. Das Plüschtier zu waschen bedeutet einen unumkehrbaren Bruch in der Kontinuität der Beziehung zu ihm, die ja wie beschrieben, sehr stark von der körperlichen Beziehung zu ihm abhängt. Die Beziehung zu dem Plüschtier war in dessen Körper eingeschrieben, aber nicht so, dass man sie nicht wieder ausradieren könnte. Das Waschen ist eine Art Wiedergeburt für das Plüschtier, das daraus mit ein wenig verdichtetem, aber frisch duftendem Pelz daraus hervorgeht.

Dann beginnt der Zirkel von vorn. Die wenigsten wollen das, weil ein Neuanfang immer Abschied bedeutet und ein Abschied fast immer Schmerz und das Plüschtier verkörpert ja gerade das Gegenteil von Schmerz.

Das Plüschtier ist die Verkörperung des Gegenteils von Schmerz und Tod, ihr Antipode. Denn das Plüschtier kann nicht sterben und wenn sein Besitzer stirbt, lebt in seinem Fell ein Stück seines Körpers weiter, und zwar ein unveränderliches Stück, das nicht durch eine eigene Entwicklung, durch Wachsen oder durch eine eigene Sinnenwelt – wie das bei Kindern der Fall ist – korrumpiert wird.


Nachtrag der Kulturellenpraxis


Update: Es gibt ein Video vom untersuchten Vorgang!

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Schreibprozeß

4. Februar 2018


Unschuld?!?

26. August 2017

„[The cyborg] is resolutely committed to partiality, irony, intimacy, and It is oppositional, utopian, and completely without innocence.

[…]

Cyborg writing is about the power to survive, not on the basis of original innocence, but on the basis of seizing the tools to mark the world that marked them as other.“(1)

 


(1) Haraway, Donna Jeanne: A Cyborg Manifesto – Science, Technology, and Socialist-Feminism in the 19820s; in: dies.: The Haraway Reader; New York, London 2004; S. 7-45 (Ersterscheinen: A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist Feminism in the Late Twentieth Century; in: Socialist Review 80, 1985; S. 65-108. in deutscher Übersetzung vertont); S. 9 & 33.


Das Kreuz mit den Privilegiendebatten

13. November 2013

Dieses Thema „Privilegien“ und die Frage ihrer richtigen Kritik ist kontrovers; insofern herrscht Bedarf nach mehr guten Artikeln und weniger schlechten Polemiken. Da die Kulturellepraxis dies gerade nicht zu leisten vermag, versuchen wir, wenigstens auf der Metaebene beizutragen und an dieser Stelle do-s & don’t-s vorzuschlagen, basierend darauf, was in bisheriger Lektüre an Käse unterkam.

  • Es sollte klar erläutert werden, was „Privileg“ bedeuten soll
    • Ebenfalls hilfreich: Im Blick zu behalten, was „Privileg“ bedeuten kann
    • Im falle der Rekonstruktion andererleute Verwendungen ist das principle of charity unbedingt anzuwenden
  • Klar herausstellen: Wird über verkürzte Lesarten oder das Potential einer Theoriepraxis gesprochen?
    • Wenn Ersteres der Fall ist: Wer nimmt diese Verkürzungen vor und wie verbreitet sind diese?
  • Es sollten Quellen genutzt werden, diese sinnvoll und nicht suggestiv ausgewählt, sowie offengelegt. Für diesen Artikel reden wir uns mal hierauf (sowie die dortigen Links) ‚raus.
  • Es sollte auf unnötige (küchen-)Psychoanalyse verzichtet werden: Derartige Debatten funkionieren oftmals – auch da es damit so einfach ist – über gegenseitige Unterstellungen versteckter/unbewußter niederer Motive. (z.B. „Lustfeindlichkeit“ vs. „Privilegienverteidigung“).
    • Sicherlich kann gerade in derartigen Debatten nicht die Deutungshoheit für die Motive einzelner Personen ihnen selbst überlassen werden
      • Gerade versuche, derartige Debatten durch „ich meine ja nur …“ und „die uns doch auch …“ artige Argumentationsfehler zu derailen trugen höchstwahrscheinlich massiv zur Verbreitung des Privilegienbegriffs als Gegenstrategie bei
      • Aus der ethischen Mottenkiste seien – leider mit dem äußerst problematischen Utilitarismus verbundene – konsequenzialistische Moralvorstellungen gefischt: Die Motive müssen nicht zwangsläufig ausschlaggebend zur Bewertung von Handlungen/Taten sein
      • Aus der psychologischen Mottenkiste sei die – leider mit dem äußerst problematischen Behaviorismus verbundene – Blackbox-Metapher gefischt: Wir können anderen Menschen nicht in die Köpfe sehen (und wenn doch: Es bringt nichts, wenn wir etwas über ihr Denken wissen wollen)
    • Die Psychoanalyse bietet einen mit etwas Wissen und Erfahrung gut zu bedienenden und Plausibilität erzeugenden Narrativgenerator
      • Gewarnt sei vor dem God Trick, die Psychoanalyse verleitet ganz besonders dazu
      • Oftmals kann mit einer „misanthropischen Unterstellung“ (Schulz von Thun) Kommunikation abgebrochen werden
        • Dies sei hier nicht generell bewertet, manchmal kann soetwas hilfreich sein. Nur sollten wir uns bewußt sein, es handelt sich damit lediglich um einen Zug in einem Macht-/Dominanzspiel, kein cat’s cradle (Haraway) gemeinsamer Wissensproduktion
      • Viele Ausprägungen der Psychoanalyse – auch die der Kritischen Theorie – sind heteronoramtiv und/bzw. homofeindlich. Siehe zur Psychoanalyse allgemein beliebige Lehrbücher, siehe zur Frankfurter Schule im Speziellen: Halle, Randall: Zwischen Marxismus und Psychoanalyse : Antifaschismus und Antihomosexualität in der Frankfurter Schule; in: Zeitschrift für Sexualforschung 9 (1996) S. 343-357.
      • Nahe am Kern der Theorie – also kaum durch kleinere Korrekturen behebbar – steht ein Modell unbewußter Triebe. Damit wird zumindest eine Art von Vorstellung über Begehren bzw. dessen Essenzialisierung nicht aus psychoanalytischer Theroriebildung loszuwerden sein. Welche impliziten Probleme/Ausschlüsse wir uns damit einhandeln sei am Beispiel von Asexualität verdeutlicht
    • Für die Erkenntnis, daß Motive nicht zwangsläufig bewußt und nicht zwangsläufig wie dargestellt sein müssen, sei auf Freud verzichtet – Koksen oder schreiben, eines von beidem hätte er lassen sollen – und auf den – gleichwohl nicht minder sexistischen – Nietzsche zurückgegriffen

Toller Artikel?

13. November 2013

D* Autor*in ist inhaltlich unentschlossen angesichts der Privilegiendebatte. Insofern sind anregende und durchdachte Artikel hierzu als Denkfutter höchstwillkommen.

Tl;dr: Leo Fischer – „Repression für alle“ mag ein Highlight stiilistischen Handwerks sein, zu inhaltlich gelungenem zählt er nicht. Hatte sich die Kulturellepraxis schon in der Vergangenheit über rein auf Gesinnungsapplaus heischende Konkretartikel aufgeregt, dieser wird nicht nur von den üblichen Verdächtigen durchaus positiv bewertetet. Der Artikel funktioniert deutlich differenzierter, bring aber letztlich doch nur Gegensätze in Stellung.

Da stellen wa uns ma ganz dumm und gehen den Artikel nach Argumenten und Begründungen durch; kurzgesagt: Zwei Argumente und zweieinhalb Quellen auf drei Seiten; immerhin.

Der erste Absatz hält weitgehend die Konventionen einer Meldung ein, betrachten wir ihn als nüchterne Bestandsaufnahme. Wobei: Besonders elegant ist die Formulierng „durchgeknallteren Teil der queerfeministischen Szene“: Wenn das schon nicht die Kritiker*innen spaltet, mit solch einem Entgegenkommen, kann dem Artikel so einfach kein Queerbashing mehr vorgeworfen werden; und so überschrieb die Kulturellepraxis dieser Artikel nicht mit „Flachzangen im Sonderangebot“ …

Der zweite Absatz brennt ein stilistisch-metaphorisches Feuerwerk ab, davon abgesehen aber nur mit der bloßen unbelegten Behauptung, Verwendung  des „Privileg“ienbegriffs sei inhaltsleeres Resultat der[?] Bildungskatastrophe. Vorwürfe wie „tu quoque“ oder „style over substance“ würden sich auf jenes Niveau begeben.

Umso angenehmer ist die Überraschung, daß der dritte Absatz  gleich zwei Qualitätsmerkmale erfüllt: Ein Argument (daß die Vorstellung verdienter Stärke und unverdienten Privilegien eine zu kritisierende gesellschaftliche Struktur absolut setzend affirmiert) – welches selbstverständlich durch den restlichen Artikel gezogen wird -, doch v.a. erfreulich ist, daß sogar Roß und Reiter*in genannt werden: McIntosh: „Unpacking the Invisible Knapsack“, gar mit Link auf den Artikel. Daß auch Lantzschi in o.g. Artikel kritisiert, sei nicht nur zu Verwischung identitär inszenierter Abgrenzungen und Zeichen erwähnt, sondern auch als Hinweis gelesen, daß die Quellenauswahl Schwächen ausweisen könnte. Fischer – wie zugegebenermaßen viele Szenenasen der anderen Seite – befindet sich also nicht auf dem Top-Stand der Debatte befindet.

„Identitätspolitik“ wird im vierten  Absatz – sogar als Ideologie – erwähnt; bleibt aber den Artikel hindurch undefiniert. Auf Kritik – oder Kritik der Kritik, es handelt sich um eine komplexe und durchaus wichige Debatte – der Identitätspolitik wird nicht näher eingegangen. Das o.g. Argument wird indessen zur Unterstellung ausgebaut, Subjekt der Theorie seien nur ehrliche Marktteilnehmer*innen, narrativ geschmeidig schleicht sich die Trope des strukturellen Antisemitismus an. Eine Verknüpfung von dem Rechtssystem immanenter Ungerechtigkeit und der kapitalistischen Produktionsweise wird angesprochen, dieser – ohne an dieser Stelle Exisenz eines Zusammenhanges zu bezweifeln – scheint der Zielgruppe jener Zeitschrift so geläufig sein zu müssen, daß nicht auszuführen oder zu begründen.

Im fünften Absatz taucht wieder sowas Ähnliches wie ein Argument auf: Eichmaß solle positive Befreiung, nicht Bekämpfung der mit „Privilegien“ thematisierten Ungerechtigkeit sein. Inhaltlich lassen wir das mal unkommentiert, können uns aber nicht den Hinweis an dieses sich bisweilen als „Außenministerium der Linken“ gebärdende Medium sparen, daß Eichung per definitionem von staatlichen Stellen durchgeführt wird. Ebenfalls im fünften Absatz taucht ein Unverständnis des Begriffs „Homonormativität“ auf; dabei folgt das Kritik-Konzept „Homonormativität“ den zarten Argumentationsansätzen des Artikels, sich nicht isoliert gegen einzelne Diskriminierungsverhältnisse wenden zu sollen, ohne die Gesamtscheiße zu thematisieren (und nein, I could teach you, but I have to charge). D.h., hier haben wir einen handfesten Widerspruch: Bei „Homoehe“ scheinen kleine Verbesserungen ohne Thematisierungen des Ganzen unbedingt zu verteidigen sein, bei der Thematisierung von Privilegien des Teufels zu sein.

Dies setzt sich auf den nächsten Absatz fort: Einschreibungslogik ins problematische Ganze scheint nur problematisch, wenn es Privilegienbegriff nutzende fordern Auch wird in diesem Absatz die finale Halse eingeleitet: Unterstellung von lustfeindlicher Neidkultur und Protestantismus. Psychoanalyse hilft ungemein in Gestaltung einer Unterstellungskultur.

Der folgende Absatz macht das Faß von Selbstreflexivität und Aufklärungskritik auf; inhaltlich wollen wir an dieser Stelle nicht schon wieder darauf eingehen, Interessierte sollten mal mit Situated Knowledges und Haraways Kritik am Reflexivitätskonzept lesen. Polemiker*innen würden darauf hinweisen, daß Fischer ein Interesse daran haben könnte, Kritik an Mackerei im Namen der Vernunft zurückzuweisen.

Einen Absatz weiter – wir haben es fast geschafft. Daß ausgerechnet ein offenbar Adorno naher Autor Utopie einfordert sei wohlwollend als undogmatisch gedeutet. Dagegen ist „Zumindest Teile der Bewegung“ eine Wieselformulierung, vgl. oben: „durchgeknallteren Teil der queerfeministischen Szene“.

Vorletzter Absatz: Zu Magnus Klaues Artikel siehe, zur Knutschverbotsdebatte siehe woanders. Der letzte Absatz schließt die Küchenpsychoanalytischen Gleichsetzungen und bringt das unvermeidliche Adorno-Zitat.

Stilistische Brillanz ist Leo Fischer wahrlich nicht abzusprechen. Doch vielleicht sollte guter Journalismus mehr bieten. Zumal speziell bei diesem Thema die Polemiknische hoffnungslos übervölkert ist. Im Gegensatz zu manch anderen Beiträgen tauchen zwischen den Behauptungen und Unterstellungen auch Argumentansätze auf, welche sich aber nicht als sonderlich originell erweisen. Es taucht ein argumentativer Widerspruch auf und das principle of charity wurde massiv vernachlässigt. Quellen wurden genutzt, doch ist die Auswahl zu unvollständig und suggestiv, um halbwegs wissenschaftlich denken könnende Menschen ansatzweise zu überzeugen. Die psychoanalytische Unterstellungsmaschinerie könnte unterstellen, daß manche Dudebros einfach nicht mit der Einsicht klarkommen, auch Teil des Problems zu sein. Wenn dem so wäre, hätte der Privilegienbegriff zumindest eine sinnvolle Funktion: Diese Leute zu trollen.

Aus dem Ausdruck des Artikels falte ich einen Papierflieger und lasse ihn mit einem gähnenden „Meh“ in die Rundablage gleiten.


Flachzangen im Sonderangebot #3: Asexualitätsbashing

6. August 2013

Zu: Magnus Klaue „Das gelebte Nichts“, in Konkret 12.07.2013.
Eine deutlich kürzere Fassung wurde als Leser*innenbrief eingereicht

Mögen Artikel dieses speziellen Autors sonst bisweilen noch Spuren von Wahrheit enthalten, läßt dieser doch an den Standards jenes hochgeschätzen Mediums zweifeln. Vielleicht sollten Leser*innenzuschriften provoziert werden, vielleicht herrscht in dieser Zeitschrift der Grundsatz, ihr höherwertigeres Material nicht ins Netz zu stellen; insofern ließe der monatelange Ausfall von „Konkret goes FSK“ Meisterwerke erahnen.

Kenntnisarmer Pomo/Queer“kritik“ dürfte leider gewisser Gesinnungsapplaus – in den Worten des Autors: „Daß auch dieser Hirnschrott von den Leser_innen begeistert aufbereitet wird“ – sicher sein. Dabei fällt es schwer, es den kritischen Queerkritiker*innen recht zu machen; sonst als hedonistische Partykultur diffamiert, gilt jene Richtung hier auf einmal als nachbürgerlicher Puritanismus; nicht jede Kontradiktion ist ein Meisterwerk der Dialektik.

Statt honorarfreier Nachhilfe an dieser Stelle nur ein paar kleine Hinweise:
Originellerweise sind es hier nicht queere Theoretiker*innen, die sich sprachpolizeilicher Maßnahmen schuldig machen, Klaue versucht allerdings, sein Sprachverständnis im Namen der „vernunftverhafteten Normsprache“ [sic(k)] durchzusetzen. Daß die Fachsprache der Sozialpsychologie – in welcher eine „Minderheit“ auch quantitative Mehrheit sein kann – nicht dazuzählt, sei noch zugegeben. Ellenlange Ausführungen, Sprache besser nicht abbildend, Vernunft keinesfalls ahistorisch zu begreifen sparen wir uns an dieser Stelle, aber „Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben …“ —Nietzsche.

Nun mag es einigen noch originell vorkommen, Reagans „Special Interest Group“ Polemik in diesen Kontext zu transplantieren. Dennoch: Ein Mehrheitsargument(ationsfehler „argumentum ad populum“) in heutigen linken Medien zu lesen erscheint wie Hohn, es sei denn, Magnus Klaue hält irgendwo revolutionäre Massen versteckt oder ist heimlich irgendwelchen „wir sind die 99%“ Gruppierungen beigetreten.

Für diese Mehrheitsimagination die gute alte Zeit von „Frauen- und Homosexuellenbewegung“ der 60er und 70er ins Boot der Mehrheitsvorstellung zu holen führt dabei auf mehrerlei Ebene zu Widersprüchen. Zunächst einmal aufgrund in – auch Frankfurter Nutzung – der Psychoanalyse tief verwurzelten Homophobie (siehe: Halle, Randall: Zwischen Marxismus und Psychoanalyse : Antifaschismus und Antihomosexualität in der Frankfurter Schule; in: Zeitschrift für Sexualforschung 9 (1996) S. 343-357.). Wobei psychoanalytisch gesprochen dieser Autor die pathische Projektion durchaus zu beherrschen scheint (siehe). So können Aussagen, daß „Schwachsinn und Redseligkeit seit jeher proportional zueinander sind“ nur beantwortet werden durch: Si tacuisses, philosophus mansisses.

Beim Privilegienbegriff – so gefährlich dessen verkürzter Gebrauch sein mag – geht es eben nicht darum, daß nach psycho-un-logischer Küchenpsychoanalyse eigentlich selber solche begehrt werden, sondern daß die Bewohner*innen unmarkierten Kategorien der Normalität eben keineswegs der Normalfall sind, lediglich ein Ideal, dem die meisten nachzueifern versuchen. Auch insofern wäre es verfehlt, den Universalismus der 60er und 70er Bewegungen zu beschwören. Denn queere Theorie und Praxis entstand auch aus der Kritik an ausschlußproduzierender Identitätspolitik jener Zeit. Heute zeitgemäße – z.B. intersektionale – Ansätze sollten mehr leisten als die Interessen einer weißen Mittelschicht als universal zu feiern. Ob diese – kritisch theoretisch ausgedrückt – Preisgabe der Totalität in queeren Rahmen stets gelingt sei dahingestellt, denn solche Überlegungen gingen leider weit über den vorliegenden Text hinaus.

Die befreiende Kraft des sexuellen Begehrens zu strapazieren und damit den verbreiten Denkfehler der Repressionshypothese zu strapazieren mag einfach mit einem „RTFFF“ abgetan werden; gleichwohl ein wenig Dialektik hier auch hätte helfen können.

Trotz halbgebildeter Kompetenzsimulation mittels – wenigstens englischsprachiger – Wikipedia, wirklich peinlich wirkt der letzte Abschnitt über Asexualität. Erst nach langen Auseinandersetzungen nehmen langsam Teile der – nach wie vor sexualitätsbejahenden – queeren Community zur Kenntnis, daß es soetwas überhaupt geben könnte und evtl. gar zeigt, wie defizitär immernoch gängige Vorstellen sowie theoretische Werkzeuge über sexuelles Begehren sind. Klaue schafft es, dies durch den kläglichen Versuch eines doppelten Entlarvungsgestus – in Fachkreisen auch Reduktionismus genannt – komplett zu übergehen: Einerseits den neu entdeckten Aspekt als queern Mainstream zu kontruieren und diesen Maintream als Lustfeindlichkeit abzutun. Unkundige mögen dies mit einem originellen Gedanken verwechseln, doch erfordert es nicht allzuviel Erfahrung, hierin ein übles Cliché zu erkennen.

So schön die theoriegefestigte Vorstellung sein mag, die eigenen Begehrensformen und Theorien davon mögen – vielleicht mit kleinen Abweichungen – universal sein, die Gefahren solcher Ideen auszuloten sprengt den Rahmen eines Leserbriefs.

Als humorlose Sexismuspolizei wünsch eins sich jedenfalls bisweilen ein paar Wasserwerfer.


Nachlese #1 Das Didaktik Dilemma

20. Juli 2013

Wir unterbrechen die Kalauer für ein paar Fingerübungen

Tja, einige Begeisterungen, einige vernichtende „Kritiken“, letztlich keine wirklich produktive Debatte. Damit will ich nicht behaupten, der Artikel mit @sanczny und @yetzt sei ein Fehlschlag gewesen. Nur hatte er kommunikationstechnisch merkwürdige Ergebnisse. Und dabei sei offensichtliches Getrolle, welches von derartigen Themen stets angezogen wird einmal ausgeklammert.

Ein paar auf Twitter aufgetauchte „Kritikpunkte“ sollen hier  ‚abzuschmeckend‘ Anlaß für sein, ein paar Gedanken festzuhalten. Um die Bleiwüsten überschaubar zu halten, wird das ganze thematisch gestückelt und am Ende zusammengefaßt.

#1 Es fehlen die Anknüpfungspunkte „mit den Menschen da draußen“. D.h., der Text sei „zu akademisch“.

Letztlich könnten wir den alten Horkheimer strapazieren, daß „konstruktive Kritik“ immer einen gewissen Rahmen affirmiert, welcher aber auch kritisiert gehört. D.h. unmittelbare Anwendbarkeit oder Anschlußfähigkeit funktioniert nur unter Prämissen, die kritisiert gehören. Alles Zweifelhafte ist anzuzweifeln!

„Zu akademisch“ ist hier in sofern ein merkwürdiger Einwand, alsdaß alle Beteiligten einen gewissen Abstand zur Uni haben, einige gehen sogar „nützlichen“ Tätigkeiten nach. Gleichwohl gewisse akademische Vorkenntnis sicherlich herauszulesen sind. Doch war mir die Idee stets zuwider, für eine abstrakte Masse von Durchschnittsmenschen zu sprechen/schreiben; die wirklich interessanten Leute bleiben bei derartigen Vorstellungen auf der Strecke. Um nicht zu sagen: Antiintellektualismus ist mir zuwider. Hinzu kommt, daß auf Dauer ausschließlich für Publikum mit geringem Vorwissen zu texten zu einer gewissen Art der Denkfaulheit führt.

Nach dem Principle of Charity ein stichhaltiges Argument suchend, dann das, daß hier (welches „hier“ eigentlich, gleichwohl durch Hyperlinks oftmals Decodierungshilfen angeboten werden, Insiderscherze Markenzeichen der Kulturellenpraxis!) massiv Übersetzungsarbeit für Leute mit wenig Vorwissen hätte geleistet werden können. Also noch mehr unbezahlte Arbeit.

Hinzu kommt aber ein Problem, welches „Paradigmengebundenheit“ genannt sei. Nach Kuhn wachse Wissen nicht immer akkumulativ, lediglich in Phasen der s.g. „Normalwissenschaft“, in denen eine Art Probleme zu sehen und lösen – „Paradigma“ genannt, da an Lösungsbeispielen erlernt – unhinterfragbar herrscht. Auch Fleck würde eine Denkstilgebundenheit jeglicher Forschung annehmen, aber diese Denkstile in einem permanenten Prozeß der Verschiebung sehen, sodaß er die Vorstellung akkumulativen Wachstums noch konsequenter zurückweist:

„Wissenschaften wachsen nicht wie Kristalle durch Apposition, sondern wie lebende Organismen, die jede oder fast jede Einzelheit in Harmonie mit der Ganzheit entwickeln.“
–Fleck, Ludwik: Wissenschaftstheoretische Probleme; in: ders.: Erfahrung und Tatsache : Gesammelte Aufsätze mit einer Einleitung; hg.v. Schäfer, Lothar; Schnelle, Thomas; Frankfurt/M 1983; S. 128-146; S. 129.

D.h., wenn mit „Vorwissen“ nicht Rahmen des Denkens (Paradigma/Denkstil) gedacht wird, sondern lediglich zusätzliches Wissen in einem unsichtbaren Denkstil gemeint ist, hilft auch Übersetzungsarbeit nicht. Dann es ist ein Irrtum der Akkumulationstheorie des Wissens, daß Unverständnis schlimmstensfalls komplizierter, bestenfalls komplexer Sachverhalte nur eine Frage des Vorwissens sei. Oder allgemeiner ausgedrückt: Es ist falsch anzunehmen, daß einfaches Begreifen lediglich eine Frage des Vorwissens sein müsse.

Einfach und kurz ausgedrückt werden kann nur das, was nahe-liegend ist. Nun wäre es ein durchaus legitimer Einwand, innerhalb gewisser Denkstile einfach zu fachsimpeln, d.h., die Gedanken paradigmenimmanent keine Tiefe hätten und deshalb für alle, die mit der Materie vertraut sind zu einfach wären. Doch die – leider auch in universitären Kreisen um sich greifende – „zu akademisch“ Denkfigur funktioniert entgegengesetzt und versucht, als übergeordneten Denkstil eine Art Alltagsverstand in Stellung zu bringen. Der beliebte Denkfehler, Mangel an Kenntnis mit Unvoreingenommenheit zu verwechseln. Da ließe sich zunächst fragen: Wessen Alltagsverstand eigentlich? Die Vorstellung von Massen der Normalen(tm) auseinanderzunehmen ist mir hier zu trivial. Falls irgendwelche Zweifel herrschten: Im konkreten Fall ging es darum, daß gewisse Vorstellungen leider hegemonial sind und versucht wurde, diese ein Stück weit aufzubrechen.

Was auf ein Problem der Hochschullandschaft verweist – wenn schon zu akademisch, dann richtig. Merkwürdigerweise Parallel zu Unterwürfigkeit, Autoritäten und Hierarchien für nicht hinterfragbar zu halten, treten einige fordernd auf, als hätten sie ein Anrecht auf Ignoranz (Beispiele). Wer also eine mangelnde Geduld gegenüber Unverständnis wahrnimmt: Bedankt Euch bei den Honks, welche Ignoranz als Unwissen tarnen. Hinzu kommt die zeitgemäße Forderung, zu Lernendes müsse einfach und umittelbar praxisrelevant sein.

Was sind die Ursachen?

Zunächst einmal universitäre Strukturen; und damit sind durchaus auch ökonomsiche gemeint. Bei der Einführung von Studiengebühren wurde behauptet, die Studierenden hätten als Kund*innen mehr Rechte. Nun sind in Hamburg die Studiengebühren zwar wieder abgeschafft, daß die Studierenden als Kund*innen einer Ausbildung, nicht Mitglieder einer Bildungseinrichtung gesehen werden ist dadurch ungebrochen.

Was die Nutzbarkeit von Wissen angeht: Auch wenn queer häufig Neoliberalismus vorgeworfen wird, hier könnten wir den Spieß umdrehen, denn ein gewisser Materialismus zeigt sich in diesem Fall durchaus kompatibel zu um sich greifender kapitalistischen Verwertungsrationalität, während alte idealistische Bildungsideologien auch Freiräume für Linkes bedeuten konnten.

Eine weitere mögliche Ursache wäre der Trend zum Auswendiglernen unter permanentem Druck und Zeitdruck. Da ist wirklich Kompliziertes nicht vorsehbar und Lernen zu aufwändig. Interessanterweise könnte dies in einen Teufelskreis führen: Da unter Druck zu lernen kein tiefes Verständnis hervorbringt, werden einfach die Anforderungen, wieviel zu lernen ist hochgesetzt. Problematischerweise gehen also durch Versuche, sich dem Druck der Anforderungen zu entziehen – ein gutes Pferd spring nicht höher als es muß – weitere verbliebene Freiräume möglicherweise verloren; use it or lose it.

Veränderungen im Schulsystem mögen einen Anteil haben, hier fehlt mir der Einblick. Lediglich daß problematische Verständnisse von Pädagogik – inkl. Methoden- und Machbarkeitsglauben – Teil des Problems sein könnten sei als These festgehalten. Beispiel hierfür wäre der um sich greifende Begriff der „Motivation“: Ob die Pädagogikopfer durch Druck oder pädagogische Übertölpelung zum erwünschten Verhalten gebrachten werden ist nur ein Scheingegensatz.

Möglicherweise Ursache, möglicheweise Symptom, jedenfalls guter Kristallisationspunkt ist das Feedback-Ritual. Feedbackgebende sollen anonym sein oder zumindest darf auf ihre Eingabe nicht geantwortet werden. D.h., Meinungen und Erwartungen in der Sprecher*innenposition d* Feedbackgebenden sind nicht zu hinterfragen und gelten als relevant, wenn gehäuft auftretend. Und somit gilt das Wohlbefinden der Mehrheit relevanter, da messbarer – Positivismuskritik, anyone? -, als solch diffusen Absichten wie beispielsweise „Lernen“.

Das Problem daran ist somit, dieses bedenkliche Problem einerseits nicht hinzunehmen – nicht mitzuspielen -, andererseits aber dennoch nicht komplett an jeglichem Publikum vorbeizuarbeiten. D.h., möglichst nur die Ignorant*innen vor den Kopf stoßen und möglichst viele Interessierte anzuregen; beispielweise dadurch, nicht zu wenig Übersetzungsarbeit zu leisten.. Das Dilemma zieht sich bis in solche Textungen.

tl;dr:

  • Nicht alles sollte einfach sein
  • Einfachheit ist nicht immer eine Frage des Vorwissens
  • Übersetzungsarbeit ist Arbeit, also von ehrenamtlichen Schreiber*innen schwer einforderbar
  • „Alltagsverstand“ ist kein neutrale oder allgemeinverbindliche Sprache
  • Feedbackkultur ist ein Kristallisationspunkt einer (auch akademischen) Kultur der Ignoranz
  • Es ist ein Dilemma, einerseits nicht am Publikum vorbeiarbeiten zu wollen, andererseits diese Kultur der Ignoranz nicht nachgeben zu wollen