Stammtischparolen Teil III

14. September 2010

Der Zweite Weltkrieg – 50 Millionen Kriegstote, 6 Millionen ermordete jüdische Personen, Sinti und Roma, zehntausende Homosexuelle, kommunistische, sozialdemokratische und kirchliche Regimegegner. Innerhalb von 12 Jahren überzog ein Land beinahe die gesamte Welt mit Leid, Terror und Mord.

Auf die Frage, wie es soweit kommen konnte, vermochte die Wissenschaft bis heute keine zufriedenstellende Antwort zu geben. In der akademischen Community herrscht nach wie vor Uneinigkeit über die Ursachen des schlimmsten aller Verbrechen. Regelmäßig werden Thesen und Theorien aufgestellt, um eben so schnell verworfen oder entkräftet zu werden, ob nun die These vom Deutschen Sonderweg, die Charismatische Herrschaft Hitlers oder ein eliminatorischer Antisemitismus für die Greultaten der Deutschen verantwortlich gemacht worden. Einig ist sich die Wissenschaft offensichtlich nur darin, sich nicht einig zu sein. Bis jetzt! Forscher des Treitschke-Instituts für geisteswissenschaftliche Brandstiftung nährten sich dem Thema nun von einer gänzlich anderen Seite und scheinen zu bahnbrechenden neuen Erkenntnissen gekommen zu sein.

„Wir wollten die Nazis verstehen und merkten plötzlich, daß wir verstanden hatten“ so fasst Professor  Heinrich A. Wagner den schicksalhaften Moment zusammen, der sich am Lysenko-Lehrstuhl für biologistischen Sokalismus des Instituts ereignet hatte und wohl beinahe 65 Jahre Ursachenforschung gründlich umkrempeln wird.

Alles fing damit an, daß ein Team von Medizinhistoriker*Innen für eine Arbeit über die Verankerung der Rassenlehre im NS-Gesundheitsystem forschte. Sie begannen zunächst scherzhaft damit, den Grad der Gewalttätigkeit von NS Kriegsverbrecher*Innen mit bestimmten Merkmalen aus der NS-Rassenlehre zu vergleichen. „Plötzlich so Professor Wagner meinten wir ein Muster zu erkennen. Es fiel einfach auf, daß, wer beispielsweise  zum „Rassetyp X“ gehörte, seine Opfer lieber durch Genickschluss töte, als Jemand der, folgt man der Rassenlehre, nicht diesem Typus zugehörig war.

„Wir wollten diese Ergebnisse zunächst gar nicht beachten, schließlich ist die Rassenlehre der Nazis nichts, worauf sich seriöse Wissenschaftler*Innen berufen sollten. So blieben die Vergleiche lange ein „sportlicher“ Zeitvertreib. „Das lief dann etwa so“ erzählt Wagner. „Einer im Team fängt an und sagt beispielsweise“: „ich habe: freiwillige Teilnahme an Säuberungsaktionen der Sondereinsatzgruppe D in der Ukraine hat sich besonders bei der Ermordung der Kommunistischen Intelligenzija hervorgetan“. Dann musste der Rest der Gruppe raten zu welchem „Rassentyp“ diese Person bei den Nazis gehörte. „Wir waren überrascht wie hoch unsere Trefferquote war,“ erzählt Wagner, sahen das ganze allerdings mehr als intellektuelle Spielerei und Zeitvertreib.“

Doch, wenn auch nur makaberer Zeitvertreib, der Grad an Übereinstimmung ließ dem ambitionierten Forscher keine Ruhe: „Das waren einfach zu viele ‚positive‘ Überschneidungen, als Wissenschaftler kannst Du da nicht wegsehen“, so

Wagner. Heute freut sich die Wissenschaft, daß Professor Heinrich A. Wagner genau dies getan hat, ‚wegsehen ‚ und zwar in ein Buch. „Es war ein Science Fiction Roman in dem es um eine weltweite durch genetisch veränderte Lebensmittel ausgelöste Epidemie ging“ erinnert sich der Professor in unserem Interview. Wie so häufig in der Wissenschaft war es dann der Zufall, der einen nicht geahnten Fortschritt möglich machte. „Plötzlich so erzählt Wagner, durchzuckte mich der sprichwörtliche Blitz der Erkenntnis: Gene! Das ist das fehlende Glied zur NS Rassenlehre“. Noch in dieser Nacht führte der Wissenschaftler Telefonate mit Kriminologen, Kuratoren, Pathologen, Genetikern und natürlich auch *Innen.

Seine These sollte sich bestätigen. Mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit ließen sich Übereinstimmungen zwischen genetischem Profil, Kriegsverbrechen und NS-Rassentyp feststellen. Als ob diese Erkenntnisse nicht wegweisend genug wären, gelang den Forscher*Innen um Prof Wagner mittlerweile ein weiterer Erfolg, so konnten innerhalb der genetischen Typologien weitere Übereinstimmungen festgestellt werden. Dem Forschungsteam war es möglich das Gen: 4521/20-1938 zu isolieren. „Dieses Gen taucht in jeder untersuchten Kriegsverbrecher DNA auf und scheint eine wichtige Steuerungsfunktion zu übernehmen“ erklärt Wagner in unserem Interview 4521/20-1938 ließ sich darüberhinaus auch bei sämtlichen Vergleichsgruppen aus dem deutschsprachigen Raum nachweisen. Von daher nennen es die Forscher mittlerweile „deutsches Gen“. Hier schien es jedoch seit 1945 hauptsächlich reziprok aufzutreten, doch unterlief es seit den 90ern beängstigenden Mutationen.

Doch was bedeutet das jetzt konkret für die NS-Ursachenforschung? „Wir haben hier Neuland betreten mit genauen Ergebnissen ist nicht vor fünf Jahren zu rechen, dennoch steht schon heute fest: Die Auswirkungen von 4521/20-1938 sind nicht zu unterschätzen. Eine Forschung, die diesen genetischen Sonderweg nicht berücksichtigt, ist jetzt bestenfalls als dilettantische zu bezeichnen“, erläutert der Professor. Die Möglichkeiten seines Ansatzes sieht der Wissenschaftler nicht nur auf den deutschen Faschismus beschränkt: “ Es ist zumindest vorstellbar, das wir hier viel globaler denken müssen“ so Wagner. Einiges spricht laut Wagner dafür das 4521/20-1938 auch bei anderen Verbrechen in der Geschichte der Menschheit eine entscheidende  Rolle spielte. Seine gewagte Theorie stütz der erfolgreiche Wissenschaftler auf die Annahme, daß sich die Träger des Gens durch Auswanderung im Laufe der Jahrhunderte über alle Kontinente verbreitet hätten. „Im genetischen Gepäck dieser Migranten*Innen reiste auch fast immer 4521/20-1938“ erläutert Wagner

Aber war es wirklich nur 4521/20-1938 das „Woundet Knee“, oder das Massaker an den afrikanischen Hereros möglich machte? So weit will Wagner noch nicht gehen, „um hier eine wissenschaftliche stichhaltige Aussage treffen zu können ist es noch zu früh allerdings scheinen wir zumindest endlich auf dem richtigen Weg“ äußert sich der Wissenschaftler selbstkritisch.

Gestützt wird das unkonventionelle Vorgehen des Treitschke Instituts übrigens auch durch weitere Erkenntnisse der genetischen Forschung. So konnte ein interdisziplinäres US-Forschungsteam, der Benedict Arnold University (Connecticut) das den genetischen Code der 1.000 weltweit reichsten Menschen untersuchte bei jedem ein bestimmtes Gen nachweisen, das sonst hauptsächlich im schottischen Teil Großbritanniensauftritt und deshalb in der Community auch scherzhaft als Schottengen bezeichnet wird. „Mit unserer Forschung, so Professor Wagner zuversichtlich, gelingt uns vielleicht bald Ähnliches für den Deutschen Raum und das Phänomen des Kriegsverbrechens“.

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Nachtrag …

13. September 2010

… zu „Postprivacy“

Ein weiterer Artikel d* Autor* zu diesem Thema findet sich btw. hier.

Bei aller Polemik (demnächst: „Eine Lanze für die Polemik“) darf nicht übersehen werden, daß dieses Thema zu komplex für „abstrakte Negationen“ (mir vollkommen unbekannt, dieser Philosoph) ist. So wird von der letzten fsa-Demo eine geradezu Blackpanther-artige Szene berichtet, in der sich gewaltbereite Beamte der Drohkulisse eines Kamerakessels ausgesetzt sahen. Hat die photophobe „Szene“ hier also von den Geeks/Nerds dazuzulernen?

Nun soll deren systematischer blinder Fleck für die eigene Privilegierung nicht unterschlagen werden: Auch vor dem Gesetz – geschweige denn der Presseöffentlichkeit – sind alternativ aussehende „übliche Verdächtige“ und halb-politisierte Informatiker*Innen keineswegs gleich. So bleibt beispielsweise fraglich, ob die Wirkung des 2009 gefilmten Polizeiübergriffs alleine auf die angeblich erstmalige hd-Qualität dieser Aufnahme zurückzuführen sei. Sehr schöne Illustration des Fleckens findet sich in der aktuellen Chaosradiofolge (ab 00:07:50): Eine Anruferin weist auf das übliche „Bilderverbot“ (vgl. auch derartige fsk-Konflikte, bei welchen sich die Redaktion ausdrücklich eines Standpunktes enthält) hin, wird aber gleich mit einer „das ist was Anderes, wir sind ja nicht solche eine Radikalendemo“ Haltung abgetan.

Wieauchimmer wir uns in diesem Konflikt positionieren, „Materiell“ kommt ein bemerkenswerter Aspekt hinzu: Zunächst muß Infrastruktur und Know-how (hier wird das Materielle mal wieder ungegenständlich …) zum Erstellen und Verbreiten derartiger Video-Drohkulissen vorhanden sein. Dies verweist auf beste Traditionen des ccc (ab 1:30:00), Möglichkeiten für andere Bewegungen zu eröffnen und Kommunikation als zentrales Thema zu begreifen (gleichwohl oben zitierter Blogger bei 1:08:55 beim Thema „Kommunikationskultur“ nicht gut wegkommt).

Hoffen wir also, daß der hier geschilderte „Clash of Civilizations“ ein produktiver wird.


Postprivacy

11. September 2010

An diesem Tag sind wir dankbar für alle Schweigeminuten, denn nur in diesen wird nichts Dummes gesagt. Und so muß sich auch Eu*r* ergebene* Autor* (sollten die anderen Droogs nicht noch eine bessere Idee haben) etwas Zynisches einfallen lassen.

Wie wäre es mit statistik („weil ein einzelner immer der Tod ist — und zwei Millionen immer nur eine Statistik.“ –Der Schwarze Obelisk; und „On a large enough time line, the survival rate for everyone will drop to zero“ –Fightclub)? Betrauern wir heute doch mal die jahrlichen ca. 5.000 Verkehrstoten und die 10.000 Selbstmörder*Innen!1 Gut, Gurtpflicht soll jetzt nicht wirklich mit (Anti?)“Terror“gesetzen verglichen werden.

Ein mögliches Thema wäre „Terrorismus“, hier könnte in einem ausführlichen Essay erläutert werden, warum dieser Begriff in Gänsefüßchen gehört – sehr frei nach Foucault: Der Attentäter war ein Gestrauchelter, der Terrorist ist eine Spezies. Aber dieses Thema wäre heute doch zu zeitgeistig.

Nicht auf der „Freiheit Statt Angst“ Demo sein könnend, hier vielleicht einfach ein paar Zeilen zum Thema Privatsphähre, denn „Social Media ist… wenn alle glauben, sie hätten schon etwas getan, wenn sie nur drüber geschrieben haben“2.

Das „nicht aufzuhalten“ Argument des Privatsphärenverfalls wirkt strukturgleich mit einem der filesharingdebatte. Ein anderer stabiler Zustand ist denkbar; auch, daß viele darin kein Problem sehen. Die Verlierer*Innen könnten, wie so häufig, ignoriert werden (bei der s.g. „Contentmafia“ vielleicht sogar: Schwer, aber wünschenswert) oder ihnen die Schuld zugeschoben werden. Kontingenz sollten wir in diesen Debatten keinesfalls übersehen. Gehen wir davon aus, daß nicht alles Mögliche wünschenswert ist, sollte politisch gefragt werden was wir wollen, statt sich hinter diesem furchtbaren Scheinargument „Sachzwang“ zu verschanzen. „Both chimpanzees and artefacts have politics, so why shouldn’t we“3

Das Problem reicht weit, Ersatzhandlungobjekt Streetview4 führte einigen vor Augen, daß sie kaum noch nichtkommunizieren können, wir hinterlassen Datenspuren und deren Verschleierung wird allzuleicht eine weitere. Wer seine*ihre Bilder nicht im Internet finden will, kann kaum noch auf Partys gehen. Das Internet ist nicht mehr freiwillig5 und das auf vielen Ebenen. Das bedeutet letztlich die Aussicht, sich irgendwann um das digitale Auftreten wie um das physische Äußere kümmern zu müssen; mit allen nicht zu über-, aber auch nicht zu unterschätzenden Folgen.

Gerade scheinen Rechte massiv verloren zu gehen. Sei von staatlicher Seite durch Gesetze,6 sei es durch wirtschaftliche Seite, dessen Vorgehen vielfältiger ist vom Nutzen vorhandener Möglichkeiten, über AGB, bis zu aktivem Datamining reichen. Dies hängt teils mit technischen Möglichkeiten zusammen – Häuserfassaden zu photographieren und veröffentlichen ist länger möglich. Zyniker*Innen könnten anmerken, daß, wenn es eine Blödzeitung bei Haftentlassenen macht, sich die Politik mit elektronischen Fußfesseln für letztere, nicht erstere beschäftigt. Bedenkenswert bleibt dennoch, daß elektronisch erfaßte und verknüpfbare Daten Möglichkeiten zur Auswertung bieten, die analog einen erheblichen Aufwand bedeutet hätten. Wir halten also den CCC-Sermon fest: Verknüpfung von Daten bedeutet mehr als ihr bloßes Vorhandensein.

Doch wäre es falsch, zu zeitnahe Ursprünge anzusetzen, als handele es sich um eine akute Modeströmung. Die Anfänge wären recht weit zurückzuverlegen. Die Zunahme des bargeldlosen Zahlungsverkehrs – ohne Bankkonto zu leben dürfte mittlerweile nahezu unmöglich sein – beklagen beispielsweise die wenigsten derzeitigen Mode-„Datenschützer“*Innen. (Mehr Beispiele gerne in den Kommentaren!) Ohnehin war komplette Privatheit, auch als diese Idee höhere Konjunktur hatte, nie „materiell“ vollständig realisierbar; wer zieht schon am hellen Tage die Vorhänge zu? D.h., die Idee der Privatheit erfordert stets auch ein „Mentalitäts“-Element. Sei es alleine, geschlechtliche Merkmale des jeweils begehrten Geschlechts nicht zu auffällig anzustarren7, sei es eine Hemmung, herumliegende Briefe zu lesen, sei es Klopfen vor dem Eintreten.

Selbst wenn bei der Datenschutzbewegung einige Verfallserscheinungen schnell vorhersehbar werden, bislang war noch kein guter Gedanke unpervertierbar und gab es keine Bewegung ohne Dumpfbratzen. Sicherlich zeugen viele Beiträge zur Streetview-Debatte von mangelndem Verständnis des Problems; aber Optimist*Innen (also nicht d* Autor*) können noch hoffen.

Es wäre fatal, die Tragweite des Problems zu unterschätzen, das Problem ist nicht durch kleine Korrekturen – wie Opt-Out bei einem Googledienst – zu lösen. Wenn aber eine „Mentalität“ des Datenschutzes – „materiellen“ Folgen vorangehend – zu (re?)etablieren das Ziel sein soll, wäre die Idee von „Postprivacy“, d.h. die Hoffnung, sich irgendwie mit dieser Tendenz arrangieren zu können/müssen, als weitaus fataler abzulehnen.


1Aus Faulheit sind die Zahlen auf dieses Land beschränkt und ohne Quellenangabe versehen – STFW! (Und traut keiner Statistik die Ihr nicht selbst gefälscht habt …)

2 derBulo.

3 Cyborg Manifesto S. 153. 5er in die Personenkultkasse.

4 Vgl. das Editorial der c’t 19/2010.

5 Die Zeit – Das Ende des freiwilligen Internets.

6 An dieser Stelle sei unverifiziert das Gerücht weiterverbreitet, daß das Internet nach heutiger Rechtslage nicht (wie seinerzeit) hätte entstehen können.

7 Gleichwohl dies zum Teil einer Hausordnung zu erklären vielleicht doch Stilblütencharakter aufweisen könnte …


Molli

13. Juni 2010

Nicht daß wir – wildgewordene Spießbürger*Innen – sowas befürworten würden, aber ist es eigentlich politisch korrekt, einen Molli aus BP Produkten herzustellen?


Realsatire

1. Juni 2010

Konrad Freiberg scheint sich den Krawallbrüdern (oder -schwestern) angeschlossen zu haben – auf allen Seiten gewaltbereite schwarze Blöcke -, er fordert in der ‚Welt‘ „Angriffe auf Polizisten nicht nur als Angriff auf einen Menschen, sondern als Angriff auf den Staat [zu werten].“1 Will er damit etwa strafbare Gewalt gegen (möglicherweise) empfindungsfähige Wesen legitimieren2?!?

Thomas de Maizière hingegen schließt sich entschieden Georg Kreisler an: „Sie [die PolizistInnen] verdienen […] einen besonderen Schutz.“3Schützen wir die Polizei!


1http://www.dpolg-hh.de/front_content.php?idcat=19

2 Sicherheitshalber eine Vereindeutlichung: Einzelpersonen für ein System, in welches wir alle verstrickt sind, verantwortlich zu machen ist ein abzulehnender Mechanismus, der für den – nicht direkt vergleichbaren – Gegenstand Antisemitismus ausgiebig untersucht wurde.

3 http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,697334,00.html


Rechtssicherheit?

20. April 2010

Das eingestellte Verfahren gegen Oberst Klein erzeuge nach Wilhelm zu Gutenberg Rechtsssicherheit.1 Sicherlich gibt es Verfahren, die aus rechsstaatlichen Gründen eingestellt gehören, aber war es nicht die Idee von „Rechtssicherheit“, Recht mittels Formalisierung – wasimmer wir davon halten – nicht von Entscheidungen abhängig zu machen?

Und: Wessen „Rechtssicherheit“ schwebt diesem Menschen vor?!?