Verant-was? Ökologiebewegung und die Abwesenheit des revolutionären Subjekts

15. Februar 2019

Hachja, die Twitterlinke wieder. Schaut man sich die Positionen hinsichtlich der Theorie an, nach der wir diesen Planeten davor retten sollen, zur finnischen Sauna (ohne all die netten Sachen an einer finnischen Sauna, wie zum Beispiel nackte Finnen) zu werden, stoßen wir meistens auf zwei verschiedene Grundpositionen: die Produktionsweise muss sich ändern, oder die Konsumweise muss sich ändern. Dass diese Dychotomie vollkommen den entscheidenden Punkt verfehlt, können wir getrost außer Acht lassen, denn es geht ja nicht wirklich darum, etwas zu verändern, sondern um Polemik, und wie steht es schon um meine Verantwortung als Produzent – von Texten? Ich werde einfach das gleiche tun wie alle anderen und verkünden, dass andere hinter mir aufräumen sollen.

Die Fraktion derer, die daherkommen und meinen, man müsse bei der Produktion anfangen, weil ja ein Großteil der Emissionen und so weiter, gliedern sich ihrerseits in verschiedene Gruppen, denn was wäre eine Twitterlinke ohne Spaltung? Offline.

Die einen sind frustriert, dass sie nun, nachdem doch andere ihren Planeten zugrunde gerichtet haben, diejenigen sein sollen, die ihn versuchen in Ordnung zu bringen. Adorno beschrieb in seinen Studien zum autoritären Charakter sehr anschaulich, dass das Gefühl, Geheimwissen zu besitzen, wie die simple Formel „Produktions- statt Konsumwandel“, ein Gefühl von Macht verleihen, ja, in einen Rausch übergehen kann. Man darf nun alles kritisieren, was die anderen machen, und muss sich selbst nicht rühren; man kann den anderen diese Formel zuflüstern, weise und besonders fühlen und sich beklatschen lassen. Woher der Produktionswandel kommen soll… das braucht man sich so wenig fragen, wie sich der Antisemit, den Adorno dabei im Sinn hatte, sich fragt, woher die Juden denn all diese Macht nehmen.

Für die anderen liegt der Schlüssel zum Produktionswandel, zur großen Revolution darin, zu warten, dass die Regierung die Sache schon regelt. (An dieser Stelle bitte eine kurze Kunstpause einlegen und eine Lachspur aus einem alten Film einspielen.) Die Regierung, oder NGOs, oder die Vereinten Nationen, das Weltwirtschaftsforum, irgendwer wird doch schon eine gute Idee haben, verdammt! Und dann kriegen wir den Ökosozialismus verordnet, und die Kapitalisten werden sich noch umsehen! Jawoll! Aber eigentlich hofft man, dass die selber drauf kommen. Das wird schon. Irgendwie. Schließlich haben die Kapitalisten das Unheil angerichtet, jetzt werden sie es auch in Ordnung bringen, das ist immerhin nur fair, und wenn sie es nicht von alleine tun, wird die Regierung sie dazu zwingen, darauf vertrauen wir, weil es die letzten Jahrzehnte auch so gut geklappt hat.

Die übrigen sehen sich als linke Revolutionspropheten und meinen, man müsse nur auf die Revolution warten und die Frage nach den Produktionsformen habe sich erledigt – sie stehen in den Fußstapfen jener Kommunist_innen, die sich sicher darin sind, bei einem radikalen Wandel in der Gesellschaft werde die Arbeiter_innenklasse schon genau wissen, was sie tue. Seltsamerweise sucht man etwa Basisgewerkschafter_innen oder Kollektivist_innen unter ihnen vergeblich; es ist beinahe, als wollten sie mit den ganzen Details gar nichts zu tun haben und sich um Himmels willen nicht die Hände schmutzig machen, sondern nur andere belehren und ihre eingeübten Parolen wiederholen, bis… eines Tages wird es soweit sein…

Ihnen allen ist gemein, dass sie nichts damit zu tun haben wollen, dass die Welt den Bach runtergeht. Das hält sie nicht davon ab, zu glauben, ihr Konsum hätte nichts damit zu tun. Auch ihr neokoloniales Anspruchsdenken hat damit mehr als nur ein bisschen zu tun: den Arbeiter_innen in China, die ihre Waren produzieren und in ihrem Müll leben, fühlen sie sich kein Bisschen verbunden, schließlich sind sie Europäer_innen und wer sie zur Rechenschaft ziehen will, begeht Hybris!

 

Das grundlegende Problem ist an jeder Stelle das gleiche: die linke Ökologiebewegung, oder die ökologische Linke, ist subjektlos.

 

Verantwortung ist wichtig, ohne Frage, aber irgendwer anders soll sie übernehmen, nach mir die buchstäbliche Sintflut, wenn die Polkappen erst einmal ab sind und unsere Waren ungehindert durch die Arktis verschifft werden können. Die Regierung soll es regeln, die Unternehmen sollen sich irgendwie besinnen – meine Güte, die Bewegungslinke soll es irgendwie in Ordnung bringen, oder von mir aus die Dialektik, man hat sich ja daran gewöhnt. In jedem Fall bleibt eines gleich: von dem der Wandel ausgehen soll, bleibt offen, es gibt kein Subjekt, dass diesen Einfluss nehmen soll, man hofft in religiöser Staatstreue, die da oben werden es schon richten. Und nimmt damit dem Planeten täglich etwas mehr Zeit, während man aus Stolz Auto fährt, vermeidbaren Plastikmüll produziert (im Zweifel soll Dänemark sich halt drum kümmern, die importieren doch mittlerweile Müll) und dabei tranceartig wiederholt, es gebe keinen ethischen Konsum im Kapitalismus, damit man um Himmels Willen nicht das Gefühl haben muss, einen Anteil an der ganzen Sache zu haben. Die anderen werden das schon richten. Diejenigen, die die Produktionsmittel besitzen, werden sich schon irgendwie besinnen.

Also wie Einfluss nehmen? Georg Lukács unterschied in seinem Werk die immanenten und transzendenten Mittel einer gesellschaftlichen Umwälzung, bedienen wir uns der Einfachheit halber dieser Unterscheidung als Gliederung:

Der Gesellschaft immanent sind nach Lukács, einfach gesagt, all die Handlungen, die keinen Bruch mit der Gesellschafts- und Produktionsform darstellen. Die einfachste – und, da muss den Propheten des Produktionswandels recht gegeben werden – alleine nicht ausreichende Maßnahme ist, Druck über den Markt aufzubauen, da wir, wenn auch zu unser aller Leidwesen, nun einmal in einer Marktwirtschaft leben. Was man nicht loswird, lohnt sich nicht zu produzieren, und solange der Bauer aus dem Nachbardorf seine Kartoffeln auf dem Wochenmarkt los wird, braucht er sie nicht exportieren. Konsumismus wird nicht der Weg sein, die Welt in Ordnung zu bringen, aber es ist ein notwendiger Weg zur globalen Schadensbegrenzung.

Ebenfalls systemimmanent ist der Aspekt der Bildung; wenn ökologisch Bewegte es schaffen, ihren Eltern, Kindern und Freund_innen beizubringen, wie sie an dieser Schadensbegrenzung teilnehmen können, anstatt sich auf dem fatalistischen „Ist doch jetzt eh egal“ auszuruhen, ist ein wichtiger Schritt getan, und für die Prekarisierten unter uns – habe ich gerade meinen Namen gehört? – gibt es auch bisweilen Arbeitsplätze in der Umweltbildung.

Die offensichtlichste Art von Teilhabe, die die Spielregeln des Gesellschaftssystems transzendiert, ist die direkte Aktion. Von der Enteignung durch Betriebsbesetzung bis zum Riot gibt es eine Vielzahl dunkelbunter Aktionsformen, die den Produzent_innen es sich durch den Kopf gehen lassen, wie viel sie sich erlauben können. Das bedarf natürlich der gemeinsamen Organisation, und bedenkt man den Charakter des_der durchschnittlichen Twitterlinken, dürfte dies sicherlich eine nicht geringe Hürde darstellen.

Eine Mischform aus immanenten und transzendenten Widerstandformen wäre die Gründung von Produktions- und Konsumgenossenschaften, Kollektiven und Kooperativen. Während diese zwar juristisch betrachtet Unternehmen sind wie alle anderen auch, bricht die basisdemokratische und klaren Werten verpflichtete Organisationsform auf deutliche Weise mit der Marktlogik, hilft, von der entfremdeten zur sinnhaften Arbeit zu kommen, zieht die globale Kooperation dem Wettbewerb vor und bekämpft durch Liefer- und Produktionsketten abseits des ach so freien Marktes das Problem der schlechten Produktion wie auch der schlechten Konsumption genau da, wo es entsteht.

Der letzte Hebelpunkt, der hier zur Sprache kommen soll, ist eher ein indirekter; doch wegen ihrer nicht zu unterschätzenden Bedeutung für das gesamte kapitalistische System (oder, wie wir in academia sagen, die Gesamtscheiße), möchte ich ihn dennoch zu den Formen rechnen, die den Horizont des Gesellschaftlichen transzendieren: Bekämpft die Entfremdung in eurem Leben. In jedem von euch lebt ein Onlineshop, mit einem Klick alles drin. Die Marktwirtschaft, und die Marktförmigkeit der Arbeit, haben uns den Bezug zu dem genommen, was wir produzieren und konsumieren, und es ist eine enorme Befreiung, sich diese intime Beziehung wieder aufzubauen. Wenn ich sage, dass ich es mit 75€ im Monat geschafft habe, mich überdurchschnittlich nachhaltig und müllarm zu ernähren, sage ich damit nicht, dass irgendwer von 75€ im Monat leben müssen sollte, Gott bewahre; ich sage, dass diese Dinge eine Frage des Lernens ist und wir uns alle ein wenig Autonomie über diesen Teil unseres Lebens zurückholen können.

Dies mag alles wie eine klassische Kritik von Bewegungslinken an Theorielinken klingen, was daran liegen könnte, dass es tatsächlich um so etwas in der Art handelt; aber was hier unterm Strich stehen bleiben soll, ist eine Weisung, die so alt ist wie die sozialistische Bewegung selbst: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Es ist unmenschlich und total daneben, von Menschen mit Behinderungen zu erwarten, auf Plastikstrohhalme zu verzichten, und dennoch ist es gut, ihren Verkauf einzuschränken und Alternativen zu fördern; es ist geistlos und bringt die Arbeiter_innenklasse gegen die Bewegung, die behauptet, sie zu vertreten, auf, von Arbeiter_innen mit Kindern zu erwarten, auf ihr Auto zu verzichten, ohne für guten öffentlichen Nahverkehr Druck zu machen. Jede nach ihren Fähigkeiten, jeder nach ihren Bedürfnissen. Egal ob Bildungsarbeit, Kommunalpolitik, Gewerkschaft – jeder Beitrag ist wichtig und gut. Die eine Sache, die wir alle tun können, ist an unserem Konsum arbeiten, auch wenn einige von uns von der Vorstellung dieser Autonomie so eingeschüchtert und so davon entfremdet sind, dass sie sie für das wahre Übel halten.

Nur Kneifen gilt nicht, und es gibt immer noch keine Orden für Schreibtischkrieger_innen. Es sei denn, die erhalten tatsächlich die Deutungshoheit. Dann gehe ich aber lieber in die Sauna.

 

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