Save the Date! Plüschtiertstudies live in Hamburg

8. April 2019

Plüschtierstudies – Zu postmodernen Subjekten und ihren Erweiterungen
Im Rahmen der Vorlesungsreihe der Ag Queer Studies: Jenseits der Geschlechtergrenzen
Mittwoch 29.05.2019, 19ct, Hamburg, Von-Melle-Park 5 („WiWi Bunker“) 0079

Für diesen Anlaß hat sich Pizzafahrer Olaf Wachenhausen bereiterklärt die Kulturellepraxis zu repräsentieren, die Chefredakteur*innen werden aber anwesend sein

Abstract
Wie bei Haraways Cyborg scheinen auch bei Plüschtieren gewohnte Dichotomien nicht ganz zu passen, so beispielsweise die den meisten essenzialistischen Ansätzen zu grundeliegende von Subjekt und Objekt: Wir können unsere kuscheligen Begleiter*innen fürs Leben nicht guten Gewissens nur als Objekte bezeichnen, wissen aber, dass sie nicht unabhängig von unserer Subjektivität sind. Wir bilden sozusagen ihr „Wirtsbewusstsein“, wie es der Pionier der Plüschtierpsychoanalyse, Dr. Wood, so treffend formuliert.

Doch leider behandelt die bisherige Forschung Plüschtiere ansonsten fast ausschließlich im Zusammenhang mit Kindern und erklärt das Phänomen der Niedlichkeit meist biologistisch weg („Kindchenschema“). Somit können die transdisziplinären Plüschtier-Studies zunächst lediglich Schneisen in dieses neue Forschungsfeld schlagen, hoffend, am Rande Erkenntnisse über Subjekttheorie, radikale Selfcare und möglicherweise sogar Gemeinschaftlichkeitsutopien zu finden.

Plüschtiere werden gebeten, zu ihrem Vortrag ihre großen Trampler („Menschen“ u.ä.) mitzubringen.

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Zum Materialismus

24. März 2019

Gastbeitrag von RadicapR

Wie groß ist die Schnittmenge zwischen linken Fans von Materialismus und der Aufklärung? Denn eigentlich haut das nicht hin: wenn die Basis – Produktionsverhältnisse – bestimmt was ideologisch läuft ist das Gerede vom wahren, guten, schönen sonst welcher Christen egal.

Der real existierende Materialismus ist ganz schön idealistisch.

„Es hilft nichts, den falschen Leuten das richtige zu erklären“ ist ein identitätspolitischer Take. Eigentlich ist ganze Identitätspolitik „das sein bestimmt das Bewusstsein“ mit anderem Hauptwiderspruch. Deshalb ist es irgendwie albern, zur Abgrenzung alles mögliche „materialistisch“ nennen.

„Materialism must be a form of idealism, since it’s wrong — too.“ –Sahlins, Marshall: Waiting for Foucault, Still; Chicago 2002; S. 6.


Flachzangen, immer wieder

26. Januar 2019

Mal wieder auf eine Materialsammlung von „Kritik“ an Queerfeminismus und allem was locker damit assoziiert wird gestoßen; will das nicht verlinken, will nicht in der tiefe analysieren – schon gar nicht für umme -, also beteilige ich mich einfach mal an dem Quatsch und rante inhaltsleer drauflos.

Letztlich wird mit Mitteln von Verschwörungstheorien gearbeitet, Gerüchte, Falschaussagen, Gewohnheitsaussagen und -deutungsmuster, Othering zwecks Selbstverständnisfestigung. Ohne jetzt abstreiten zu können oder wollen daß viel – gerade auf Anwendungs- & Populärebene – im Argen liegt macht soetwas sinnvolle Kritik noch schwerer. Um bessere Theoriebildung kann es also schoneinmal nicht gehen.

Wie konnte es so weit kommen, daß akademische und bewegungsinterne Konkurrenz auf diesem Niveau angegriffen wird? Und anscheinend geht das nicht auf „die Postmoderne“ zurück, da es ja ihre Gegner*innen offensichtlich noch stärker betrifft und die Angegriffenen kaum noch tote französische Menners mit ihren schwer lesbaren Büchern in den Mittelpunkt stellen. Also: Don’t kill the messenger!

Nehmen wir mal die Forderungen nach „Materialismus“ ernster, denn so können wir ausschließen, daß es sich einfach um Versagen einzelner handelt oder daß das zu bekämpfende Problem irgendwelche falschen Theorien bzw. Meinungen sind. Also mit solch einer Form von Kritik überhaupt irgendetwas auszurichten ist. Ohne uns allzu lange beim Beobachter*innenproblem aufzuhalten, „Materialismus“ heißt auch daß Konzept und Ding nicht das selbe sind. Wenn also behauptet wird durch eine „materialistische“ Position im Namen der Dinge sprechen zu können, haben wir es lediglich mit Material für die Rundablage zu tun.

Nehmen wir mal an Wasser fließe immer von oben nach unten. Das schließt nicht aus gegen den Strom zu schwimmen, macht das aber schwer und v.a. längerfristig aussichtslos. Tote Fische schwimmen nicht nur mit dem Strom, sondern auch oben. Also statt stolz Recht zu haben wäre zu fragen warum so viel Müll wahrheitsfähig ist, d.h. wieso keine Überprüfungsmechanismen greifen, die solche Verschwörungstheorien – und bei der Gelegenheit auch gleich dumme Queer-Verflachungen auf der anderen Seite – eingrenzen.

Woran liegt das? Ich weiß es auch nicht. Aber bedenken wir daß ein fluffig-metaphysisches Konzept von Wahrheit nie hinreichend für Theoriebildungen war, müßten wir uns die Strukturen der Wahrheitsproduktionsmaschinerie anschauen. Also z.B. die „~krisen~“gebeutelten Printmedien und die reformgeplagten Universitäten. Kurzgeasagt: die „materiellen“ ressourcen sind in beiden Kontexten knapper geworden. Die Universitäten boten vor einiger Zeit noch gewaltige Freiheiten – warum auch nicht, das ist deutlich billiger als uns zu hospitalisieren -, es wird die „Linksintellektuellen“ Nische übervölkert haben. Mittlerweile haben die Universtitäten einen Haufen von Veränderungen hinter sich, die gerne mit dem Wort „Bologna“ abgekürzt werden. Klar wird sich das auf die Theoriebildung ausgewirkt haben.

Ich habe keine Antwort und keinen optimistischen Spin für Euch, sondern schreibe nur Nullnummern im 31. Stock. Schreibt doch einfach ein eigenen Ende und laßt es vielleicht hier in den Kommentaren.


Gewaltfreie Kommunikation

28. Dezember 2018

Pro:
Erstaunlich viele Konflikte basieren auf Kommunikation. Sie ist Operationsweise unseren Miteinanders und ein besseres Miteinander ist das Α&Ω besserer Gellschaft. Bedenken wir, daß Autentizität ein zeichenbasiertes Konstrukt ist, also auch eine scheinbar unregulierte Kommunikation keine ursprüngliche oder natürliche ist, sondern nur anderen – durchaus kritisierenswerten und kritisierbaren – Strukturen folgt. Die Freheit der einzelnen endet schließlich bei der der anderen. Polemisch zugespitzt: Nicht jede Mackerei muß als edgy Diskussionsstil anerkannt werden.
Lassen wir uns also nicht von den schlimmsten Versuchen entmutigen.

Contra:
Wir können zunächst einmal die Beobachtung festhalten: Es funktioniert anscheinend nicht so wie angenommen bzw. erhofft; und macht viele aggressiv. Scheinbar „weichgespülte“ Gruppierungen können in der Sache überraschend hart und kompromißloslos werden. Die „Gewaltfreiheit“ droht bisweilen in ihr Gegenteil zu umzukippen.
Als mögliche Erklärungen können wir unterschiedliche Theorien darauf werfen.
Zwar bezog sich Tiefenpsychologie-Vorläufer Nietzsche explizit auf das Christentum, doch seine Denkfigur, daß Verdecktes, Uneingestandenes, Verdrängtes unter der Oberfläche umso stärker nachwirkt, zumal wenn es kollektiv kanalisiert wird greift auch gerade hier.
Dann gehört Kult um die „Ich-Aussage“ kritisiert: Ziel sollte sein, sich vom behauptet-objektiven Standpunkt zurückzuziehen um Raum zur Aushandlung zu lassen. Tatsächlich macht dieser Rückzug aber die eingenommene Position unangreifbar, einer Ich-Aussage läßt sich nicht sinnvoll widersprechen. Es geht darum einen gemeinsamen Bezugsrahmen zu schaffen; dieser ist nicht die Realität, aber im Endeffekt eine.
Mit Luhmann’scher Systemtheorie können wir darüber hinaus einwenden, daß die einzelnen Menschen nicht als Teil des Systems betrachtet werden sollten, sondern als Teil von dessen Umwelt, da sonst sie – und nicht nur ihre Inputs – systemgerecht gemacht werden müssen.
Sich auf Mittel statt Inhalte zu beziehen scheint zunächst neutral, doch können diese auch so gewählt werden, daß bestimmte Postionen unangreifbarer oder angreifbarer werden; also schlimmstenfalls werden z.B. Einwände nur in einer Form zulassen, wenn diese ineffizient bleiben können. Doch wie auch immer die Mittel konfiguriert werden, die Suche nach Mitteln setzt den mit ihnen zu erreichenden Zweck ersteinmal absolut, enzieht also diesen implizit der Aushandlung. Hier liegt ein zentraler Punkt: Was wird wie und warum der Aushandlung entzogen; wenn das implizit/unansprechbar passiert ist die Intuition es mit versteckt aggressiver Durchsetzung zu tun zu haben berechtigt, dann sollte „gewaltfreie“ Kommunikation aggressiv machen! Nicht daß in Metakommunikation nicht auch zur Ablenkung von der nötigen dienen kann; aber die Fallacyforschung lassen wir heute mal weitgehend aus.
„Suche“ nach Mitteln bedeutet zudem auch anzunehmen, daß es ein geeignetes Mittel geben müsse, ein fataler Fall von Methodengläubigkeit.
Anzunehmen oder zu fordern das Miteinander habe ein harmonisches zu sein birgt das Risiko, alles was als Störung der Harmonie wahrgenommen wird als außerhalb zu verorten, was sowohl bedeutet einzelne Personen oder Gruppen als ein Außerhalb oder Problemträger wahrzunehmen zu können als auch Verschwörungstheorien – also hinter jeder wahrgenommenen Störung versteckte böse Absichten von einem tatsächlichen oder Imaginären Gegner zu vermuten – begünstigt.
Wenn wir also überlegen wie wir unser Miteinander und dessen Operation, die Kommunikation gestalten wollen sollten wir die Warnung des Argumentationstheoretikers Harald Wohlrapp berücksichtigen: Handelt es sich bei unserer Theorie vielleicht um „Schönwetterrelativismus“?

Fazit
False Dilemma. Habe ich gerade eine Diskussion mit mir selbst verloren?


Plenumsphobie

21. Dezember 2018

Dieses Stück ist mitten aus dem Leben gegriffen, beeindruckend vollständig und gut umgesetzt. Kurzgesagt: Hit too close to home.

Wir könnten es bei dem Seufzer der bedrängten Angestellten belassen und aus dem Kontetext Meme wie „Meetnapping“ oder „I survived another meeting that should have been an email“ importieren. Doch unterschätzen wir nicht das Problem.

Zunächst einmal geht es um Koordinationsarbeit und gemeinsame Entscheidungsfindung. Im Berufsleben und in politischen Zusammenhängen wo die Entscheidungsstrukturen idR. hierarchisch getroffen werden ist der Aspekt von Meetings also nur zeitverschwendende Demokratiesimulation. Nur können wir selbst schon in einem so einfachen Setting wie sozialpsychologischen Kleingruppenexperimenten nachweisen, daß je komplexer die Aufgaben werden, desto mehr geht der anfängliche Vorteile von zentralisierten Strukturen verloren. Damit ist festzuhalten: Wenn einzelne Personen oder Untergruppen ein Plenum dominieren deutet das darauf hin daß wir die dort verbrachte Lebenszeit lieber mit bezahlter Arbeit verbracht hätten. An dieser Stelle seien Zweifel angemeldet ob sich soetwas durch formale Regelungen angehen läßt, komplexe formale Systeme lassen sich immer hacken.

Das bringt uns schon zum nächsten Problem: Die naheliegende Lösung für Probleme mit dem Miteinander auf Plena wären Regeln einzuführen. Neben allgemeinem Zweifel an formalen Systemen, durch diese Regeln wird das ganze häufig noch anstrengender, sperriger, komplizierter. Nicht daß es im Einzelfall nicht helfen kann und allgemeiner in erwünschtem Verhalten resultieren kann, wie eine gute Lösung klingt das nicht, eher nach Flickschusterei.

Plena grundsätzlich abzulehnen wirft nicht nur die Frage auf wie wir dann gemeinsame Entscheidungen und Koordinationen hinbekommen sollen – und es ist eine ernstgemeinte Frage, keine rhetorische, wir wollen hier schließlich nicht Mittel und Zweck gleichsetzen. Das bringt uns zum entscheidenden Punkt: Linke Plena haben irgendwie meist das Ziel einer besseren Gesellschaft – wie klein oder groß diese Verbesserung auch aussehen mag, wie indirekt das konkrete Plenum auch damit zusammenhängt. Wenn jetzt aber die „Sachzwänge“ der politischen Arbeit dafür sorgen daß wir uns regelmäßig gegenseitig quälen – denn wer Plena mag ist Teil des Problems und sollte keine Besuchen dürfen – scheint es mit der Utopie eines besseren Miteinanders nicht so weit her zu sein; und nein, das Ziel zu erreichen in ferne Zukunft, die alles vorherige rechtfertigt zu verlegen ist keine Lösung.

Fazit: Wir hätten längst eine bessere Gesellschaft wenn es nicht so furchtbar wäre sich zu organisieren. Wenn eine andere Gesellschaft möglich ist, müßte ein anderes unmittelbares Miteinander auch bei politischer Koordinations- und Entscheidungsarbeit zumindest in Ansätzen erkennbar sein können.

Ich habe keine Antworten. Denn die offensichtlichen Antworten – von pädagogisch-methodengläubigen Regelwerken bis „seid lieb zueinander“ – wirken häufig nur problemverschärfend, „konstruktivistische“ Philosophien müssen sich an dieser Stelle bewähren mehr als Schönwetterrelativismus zu sein. Ich will nur sagen: Bei den Beziehungsweisen spielt die Musik!


Kulturellepraxis live

29. Oktober 2018

„Da steht der Feind!“ – „Wo? Ich sehe nur einen Nebel aus Assoziationsketten …“


Psychoanalyse gegen Nazis?

24. Oktober 2018

Mal wieder Kommentar zu einem Fundstück, dieses mal dieser Heise-Artikel via @MaditaPims

Kurz zusammengefaßt: Eine Studie am DIW widerlege mit statistischen Mitteln den Mythos daß es sich bei AfD Anhänger*innen um „Modernisierungsverlierer“ oder „Abgehängte“ handele. Das Durchschnittseinkommen sei überdurchschnittlich, deutlichste Korrelation ist die zu „Ausländerfeindlichkeit“[1]. Daß andere Studien einen unterdurchschnittlichen IQ unter AfD Anhänger*innen festgestellt haben stehe in keinem Widerspruch dazu, deute vielmehr auf geringe soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems hin, Klasse werde vererbt. Dies ist nicht von Interesse für den Artikel, aber viel zu wichtig um es zu verschweigen.
Eine davon unabhängige Umfrage bei einem Dating-Portal – hier ein weiterer Artikel dazu, auf den wir uns im folgenden beziehen- ergab, daß Anzeichen für sexuelle Frustration unter AfD Anhänger*innen – speziell gegenüber solchen „linker“ Parteien – extrem hoch sei. Dies wird psychoanalytisch – u.a. mit Wilhelm Reich – erklärt, daß autoritäre Erziehung zu Triebunterdrückung führe, die wiederum in Haß und letztlich „Faschismus“ münde.

Zunächst einmal scheint dies das beste der großen Psychologieansätze von experimental-statistischer und psychoanalytischer Methode zu kombinieren: Wir haben eine Erhebung von Daten (n=700), statistische Korrelationen sagen aber nichts über Kausalitätsrichtungen aus, es folgt aus so etwas also keine Erklärung, auch wenn solche Ergebnisse bisweilen extrem suggestiv wirken und bisweilen in solcher Absicht erhoben werden. Wenn aber jetzt die Psychoanalyse eine Prognose trifft die zu diesen Ergebnissen paßt, scheint das deren Erklärungsmodell zu erhärten, quantitative und qualitative Forschung arbeiten zusammen und wenn wir die aggressiv-misogyne Incebewegung oder auch ein gewisses Bild von „Islamisten“ hinzunehmen scheint diese Erklärung einiges über die ursprüngliche Anwendung hinaus zu leisten.

So viel Truthyness sollte einen Skepsisalarm auslösen.

Versuchen wir es systematisch: Bei solchen Erhebungen haben wir mindestens drei Ansatzpunkte: 1.) Welche Unterscheidungen werden eingangs getroffen, was sind die Voraussetzungen und Vorannahmen hinter die die Messung nicht mehr zurück kann? Bedenken wir hierbei auch die Duhem-Quine These! 2.) Wurde die Erhebung und ihre statistische Auswertung methodisch sauber durchgeführt? Gerade im Zuge der „Reproduktionskrise“ u.a. in der Psychologie rückt v.a. diese Ebene immanenter Kritik in den Blick. 3.) Was folgt aus den Ergebnissen? Zwar können die meisten aufsagen daß Korrelation nicht Kausalität bedeute – fieselosophen fragen gar, wie sich Kausalität überhaupt beobachten ließe -, nehmen aber dennoch wenn es um Anwendung geht eine Kausalitätsrichtung an, die nicht direkt aus den Daten folgt; wir dürfen dabei auch nicht vergessen daß sich selbst beispielsweise die Newton’schen Gesetze nicht aus reiner Messdatenauswertung herleiten lassen. Das heißt nicht daß wir zu keinen Ergebnissen kommen können, es heißt nur daß diese Methode nicht ausreicht und vor vorwissenschaftliche Deutungen solcher Daten gewarnt werden muß, die Deutungskette ist nicht nur so schwach wie ihr schwächstes Glied, sondern wie alle Schwächen kombiniert.

1.) Gar nicht so sehr auf grundlegender Ebene in die Tiefe gehen wollend sei hier nur kurz darauf hingewiesen, daß „Frustration“ ein Begriff aus der Psychoanlyse ist – obwohl es experimentaltaugliche Operationalisierungen gibt – und gerade „sexuelle Frustration“ damit schon implizite Annahmen über Sexualität enthält. Die konkreten Fragen waren u.a. ob die Befragten in der Liebe schon „verarscht“ worden seien (wir nehmen an daß damit eine Art von Täuschung und nicht geschlechtsunabhängig anwendbare Sexualpraktiken gemeint sind), über ihr Liebesleben „verbittert“, Liebe an sich eine Lüge oder allgemein „liebevoller Umgang“ miteinander wünschenswert sei. Irgendwie scheinen diese Items zusammenzugehören, doch wie sie zusammengehören, bzw. was genau wir mit diesen Messen erweist sich bei näherer Untersuchung als nicht so einfach. „Sexuelle Frustration“ scheint wie eine gute Erklärung, aber gerade in dieser Phase des Experimentalaufbaus sollten wir uns vor voreiligen Erklärungen hüten.

2.) Sachkundige Ergänzungen hierzu willkommen. Es wäre v.a. zu fragen wie repräsentativ die Gruppe und die Anzahl der Versuchspersonen ist. Demoskopie geht m.W. davon aus daß Umfragen ab 2000 repräsentativ für die Wahlberechtigten in Schlandland sind, psychologische Studien fangen schon ab 31 an Statistik draufzuwerfen. So klingt für psychologische Verhältnisse =700 nach recht viel. Auf einem Dating-Portal findet sich sicherlich kein repräsentativer Schnitt zum Thema sexuelle Frustration: mindestens Leute die zufrieden mit ihrem Beziehungsstatus sind würden sich nicht dort anmelden. Wie sicher gestellt wurde daß Leute nicht mehrfach und Leute ehrlich abstimmten sei dahingestellt, es ist möglich daß das Studiendesign das berücksichtigt.

3.) Auch wenn bei Gelegenheit auf diesem Blog Kausalitätsbegriffe dekonstruiert werden sollten, für Naturwissenschaften – und solche die sich dafür halten – sind diese (wackelige?) Grundlage, wir lassen sie ersteinmal. Innerhalb des Kausalitätsparadigmas haben wir bei einer Korrelation drei möglichkeiten: Das Eine bewirkt das Andere, das Andere bewirkt das Eine, beides wird von etwas Drittem bewirkt.
So schön es wäre wenn rechte Überzeungungen sexuelle Frustration bewirkte – kein Sex mit Nazis -, so unwahrscheinlich klingt es leider.
Dafür daß sexuelle Frustration rechte Gesinnungen bewirkt spricht, daß es von Wilhelm Reich erklärt und damit indirekt vorhergesagt wurde. Nur haben wir psychoanalytisch eine alternative Hypothese, nämlich daß Nationalismus und Narzißmus zusammenhängen: Wegen krankhafter Sucht nach Selbstbestätigung wird sich mit Konstrukten wie „Nation“ aggressiv identifiziert, inkl. Erfolgen an denen die einzelne Person i.d.R. keinen Anteil hat. Da Freud auch einen Zusammenhang zwischen Narzißmus und Homosexualität vermutet und trotz Homofeindlichkeit Männerbündeleien und Hypermaskulinität in rechten Kreisen beliebt ist, wird daraus auch gerne ein Zusammenhang zwischen unterdrückter männlicher Homosexualität und Rechtsradikalismus abgeleitet. Zwar ließen sich diese Hypothesen alle geschickt kombinieren, doch geht es hier nicht um Heuristik, sondern um Bestätigung/Widerlegung. Und da können wir festhalten daß psychoanalytische Erklärungen offenbar keine präzise Wissenschaft sind und also eine mögliche Erklärung noch nicht allzu viel besagt.[2]
Die letzte Möglichkeit, daß die politischen Überzeugungen und die „sexuelle Frustration“ beide von etwas Drittem verursacht werden nimmt auch Studienleiter Gebauer an: Manche Menschen mit Beziehungsdefiziten begäben sich in eine Opferrolle und suchen „Sündenböcke“ für ihre Situation. Oder Theorie aus den gegenwärtigen Queerstudies draufwerfend: Eine Überzeugung eigenen Entitlements – bei gleichzeitiger Objektivierung potentieller Sexualpartnerinnen zu gesellschaftlichen Ressourcen – bewirkt sowohl Frustration dieser schrägen Erwartungen, als auch eine politische Gesinnung, die für Privilegien der eigenen Position kämpft und das ganze natürlich auch noch blumig essenzialisiert.

Wir haben also mehrere auf den ersten Blick plausible Erklärungen für ein Ergebnis. Und wir haben bei einigen massive Kollateralschäden wenn wir sie verallgemeinern – das Cliché vom „schwulen Nazi“ ist einfach nur homofeindlich, nicht nur aus moralischen Gründen scheint somit die queere Variante – turtle upon turtle of naturecultures all the way down – sympathischer, da sie mit weniger unbelegbaren Grundannahmen – wie dem Zirkelschluß daß Zweigeschlechtlichkeit, Fortpflanzung und Begehren sich bedingen, wobei etliche Fakten aus der Kurve fliegen – auskommt, was als wissenschaftliche Tugend gelten kann.

Auch in umgekehrter Richtung ist dieses Modell nicht wasserdicht: Auf Twitter befinden sich viele selbstidentifiziert sexuell unausgelastete, die dies aber v.a. in Form von Kalauern und #maturbatorpride[3] umsetzen. Sauberer argumentiert: Es gibt Asexuelle – das ist keine Krankheit – und ein psychoanalytisches Verständnis wie gesunde sexuelle Triebe zu funktionieren haben macht sie unsichtbar. Es gibt Leute mit Kontaktschwierigkeiten[4], die durch die lautstarke rechts-cismännlich-misogyne Incelbewegung übertönt werden. Solch eine Situation ist damit doppelt peinlich. Sie machen sich lieber unsichtbar, erst recht um nicht mit solchen Leuten identifiziert[5] zu werden. Es gibt homosexuelle Männer, die dies nicht offen zugeben mögen – auch solche die sich gerne maskulin[6] geben -, aber keine Nazis sind.

Und all diese Leute werfen wir mit voreiligen Erklärungen unter den Bus, obwohl die Erklärungen nicht zwingend sind, nur gut gestaltete Geschichten für höchstens einen Teil der Fälle. Und nur Korrelationen finden heißt: wir kennen die gesamte Kausalitätskette – so es soetwas überhaupt gibt – nicht, denn sonst könnten wir lückenlos und ein-eindeutig erklären, dies ist in psychologischen Bereichen einfach nicht möglich. Ob grundsätzlich, z.B. gar irgendeiner „Natur des Menschen“ oder nur praktisch, z.B: aufgrund von Komplexität bzw. Vielfalt an wirksamen Variablen sei dahingestellt.

Es führt also kein Automatismus von schlechten oder nicht vorhandenen sexuellen Erfahrungen zu Naziüberzeugungen. Sich in unangenehmer Situation auf Privilegien oder allgemeiner arschiges Verhalten zurückzuziehen (no free passes!) ist eine mögliche, aber keine zwingende Reaktion.

Also stehen wir wieder am Anfangspunkt: Wie deuten wir eine statistische Korrelation – so wir einfach einmal annehmen daß sie „hart“, also reproduzierbar ist? Was wollen wir überhaupt mit solchen Forschungen – vielleicht praktisch anwenden? Zu untersuchen ob sich Nazis durch Sex kurieren lassen wäre auf mehreren Ebenen unethisch. Alle Untervögelten unter Naziverdacht zu stellen erscheint absurd. Mit der Gebauer-Hypothese könnten versuchen für eine bestimmte Art von Kontaktschwierigkeiten und eine bestimmte Art politischer Gesinnung ähnliche Therapien zu finden, aber sollten wir politische Gesinnungen wirklich als Krankheiten einstufen? Nazis mit der Heilkraft der Pflastersteine kurieren?!?

Vielleicht stoßen wir hier an Grenzen psychologischer Fragestellungen: Wie viel können wir mit Individualpsychologie überhaupt über gesellschaftliche Phänomene aussagen? Somit wäre der Wurm doch auf 1. Ebene – Vorannahmen der Fragestellungen – zu suchen.


[1] Gemeint ist wohl Rassismus, zumal Rassist*innen selten zwischen Ausländern und deutschen PoC unterscheiden. Die deutsche Sprache kennt unzählige Worte für „Nazi“ und „Rassismus“; keines davon ist „Nazi“ oder „Rassismus“. Leider wirkt ein Text zu monoton wenn immer das gleiche Wort verwendet wird.

[2] Flache psychoanalytische Stories bringen uns hier nicht weiter, sie geben uns zwar fruchtbar scheinende Erkärungsskizzen, wie wir diese aber testen – sowohl Überprüfung von abgeleiteten Einzelaussagen als auch Entsorgung *istischer Elemente in den Grundlagen – muß hier offen bleiben. Damit brauchen wir Psychoanalyse nicht grundsätzlich zu verwerfen – auch wenn es sicherlich einfacher ist das zu tun -, haben aber viel Methodenarbeit zu leisten, bei der uns wiederum die Psychologie mit ihrem sehr engen neopositivistischen Verständnis von Wissenschaftlichkeit nicht weiterzuhelfen vermag. Sprich: Bessere psychoanalytische Ansätze gerne in die Kommentare!

[3] Auch wenn dies zugegebenermaßen eine humorvolle Herangehensweise ist: Wenn wir ganz queer annehmen daß keine Sexualität als ursprünglicher oder natürlicher als andere konstruiert werden sollte und wenn wir beachten, daß zwischen männlich und weiblich identifizierten Leuten große Häufigkeitsunterschiede bei autosexueller Stimulation gibt, die sich nicht biologisch erklären lassen, sollte Enttabuisierung durchaus queerfeministisches Anliegen sein!

[4] Das Faß, ob Kontaktschwierigkeiten auch nicht ausschließlich individualpsychologisch anzugehen wären – und wenn nein wie – machen wir vielleicht ein anderes mal auf, auch das entzieht sich mal wieder einfachen Antworten. Irgendwie hängt es mit dem Miteinander zusammen, aber jede normative Aussage führt zu Absurditäten.

[5] Um das Ganze noch zu verkomplizieren: Widerlegungen des Incelbewegungs-Entitlement werden übergeneralisiert werden, nichtasexuelle Leute ohne Intimbeziehungserfahrungen gebe es demnach gar nicht – zumindest nicht Kontaktschwierigkeiten als legitimes Problem -, weil ja niemand ein Anrecht auf Beziehungen habe. Impliziter ableismus kann dabei nicht ausgeschlossen werden. Wegen der Incelbewegung läßt sich aber nicht konstruktiv über soetwas diskutieren und also können wir die „kein Sex“ als „Zone der Unbewohnbarkeit“ höchstens über Asexualität erforschen. Fuckers.

[6] Ohne bestreiten zu können, daß toxische Maskulinität und rechtsextreme Gesinnungen viele Berührungspunkte haben. Aber wie schwierig das ist aus einem Zusammenhang eine belastbare Theorie zu basteln ist ja Thema dieses Artikels. Daß es möglich sein sollte nicht-toxische, nicht-chauvinistische, nicht-zweigeschlechtliche, sondern spielerische und queere Formen von maskulinem Ausdurck zu konstruieren und wir sicherlich in einigen Schwulenszenen interessantere Ansätze dafür als im Heterobereich finden sei auf einen anderen Artikel verschoben.