Plüschie Theorie #7: Fiktionen

15. Mai 2019

Die Kulturellepraxis und damit die Plüschtierstudies sind Antiessenzialismus im Sinne daß Wahr-Nehmung nicht abbildet verpflichtet. Aber – selbst wenn wir uns hier die pseudoetymologischen Sophistereien über facere und fingere ausnahmsweise mal sparen – das Faktische läßt sich doch schon vom Fiktiven unterscheiden. Nehmen wir das erstmal hin, dann handeln wir uns die altbekannten Probleme eines zweier-Gegensatzes ein.1

Zunächst einmal ist in einem solchen meist eine Wertigkeit versteckt, eines von beidem wird dem anderen als untergeordnet begriffen. Nun ließe sich anhand von Plüschtieren schön zeigen in wiefern diese Wertung umkehrbar ist, wir könnten dies gar zum zentralen Punkt erklären, beispielsweise daß vielen ihrer Trampler vor lauter Wirklichkeitssinn der Möglichkeitssinn abhanden komme. Mehr noch: Die Tendenz zum „Postfaktischen“ ließe sich damit erklären, daß das Fiktive nicht ernst genug genommen wird2 und daher Fiktionen als faktisch behauptet werden um ihnen Geltung zu verschaffen, als sei nur das Faktische wichtig. Dabei wird aber oftmals übersehen, daß auch Fiktionen nicht etwa beliebig sind,3 sie lassen sich etwa nach ästhetischen Maßstäben kritisieren; was bedeutet daß wir uns nicht nur aus moralischen oder sachlichen Gründen – Fakten – von rechtem Gedankengut fernhalten sollten, alleine für schöne und wohlgeformte Geschichten wäre ein großer Bogen darum zu machen.4
Die Abgrenzung zwischen den Gegensatzteilen ist bei näherer Betrachtung nie einfach oder klar. Beispielsweise könnten wir das Mögliche irgendwo zwischem dem Faktischen und Fiktiven verorten; ein Grund sich weiterhin gerne mit SciFi zu beschäftigen. Diese scheinbaren Graubereiche auszuloten ist nicht etwa philosophische Haarspalterei, auch wenn sich Versuche den Grenzbereich zu kartieren sich darin erschöpfen können, speziell wenn es lediglich um den Zweck die Grenze intakt zu halten geht. Doch beachten wir eine weitere Tücke von zweier-Gegensätzen, nämlich die des „konstitutiven Außen“, also daß die Trennung erst dadurch zustande kommt daß sie immer etwas aus dem Blick rückt, wird klar warum eine scheinbar kleine Anomalie im Zwischenraum ein Ausgangpunkt für neue Kartierungen sein kann, der vormalige kleine Punkt wird plötzlich zum neuen Territorium.

Doch auch wenn wir die Trennung von Faktischem und Fiktiven als für das Handeln nützlich anerkennen und somit hinnehmen, entkommen wir nicht der Einsicht daß es sich um Modelle handelt. Im Optimalfall werden Bereiche der Erfahrung durch diese Modellierungen so getrennt, daß wir nicht nur zwischen Irrtum und Tatsache, sondern auch zwischen äußerlichen und innerlichen Urachen unterscheiden können. Nun ist jede Beobachtung theoriebeladen und auch beispielsweise Träume beziehen sich meist irgendwie auf Erlebtes, es ist also eine mühsam aufrecht zu erhaltende, komplexe Trennung; wäre die Unterscheidung immer einfach, bräuchten wir keinen solchen Wert auf sie zu legen. Doch gerade da Erkenntnisse ob etwas innerlich oder äußerlich verursacht sei für Handeln und Wohlbefinden entscheidend sein können, sei an dieser Stelle die Grenzziehung nicht verworfen.5 Nur deutet schon die Tatsache, daß wir uns in dieser Einordnung irren können darauf hin daß es sich um eine Verarbeitung von Erfahrung – die vielleicht einen Bezug zur Realität hat – handelt, nicht die Realtiät selbst.

Das Faktische wie das Fiktive beziehen sich also auf Erfahrung um verschiedene Bereiche von Realität zu modellieren und durch diese Modellierung zu trennen, aber „the map is not the territory“, das Faktische ist nicht gleichzusetzen mit der Realität.

Ein Ziel der Plüschtierstudies ist es, Modellierungstechniken für Zugang zum Fiktiven zu entwickeln. Wenn das auf die Realität zurückwirkt – umso besser!


1 Derrida, frei nach Moebius, Stephan; Wetzel, Dietmar J.: absolute Jaques Derrida; Berlin 2005

2 Mag für sich eine steile These sein, aber nicht verglichen mit Feuilleton-Psychoanalyse, die regelmäßig Beteiligten die Deutungshoheit über ihr Denken und Handeln mittels eines etablierten Storygenerators stiehlt.

3 Im Goldenen Hecht. Über Konstruktivismus und Geschichte : Ein Gespräch zwischen Heinz von Foerster, Albert Müller und Karl H. Müller; in: ÖZG 8 (1997) Bd.1; 129-143; S. 132. Online verfügbar.

4 Dank an Bewitchedmind für den Hinweis, daß mit der ausgeprägten Jammer- und Kleinbürgerrhetorik vieler Rechtpopulismus ihnen selbst das Inszenierungstalent der historischen Faschisten und Nazis fehlt. Das rechte Metanarrativ, eigentlich überlegen, aber durch fiese Gegner*innen um zustehende Position betrogen worden zu sein findet sich leider auch in einigen linken Erzählungen, also vorsicht vor Querfronten, schon weil es eine schlicht schlechte Story ist.

5 Vgl. Haraway, Donna J.: A Manifesto for Cyborgs : Science, Technology, and Socialist Feminism in the 1980s; in: dies.: The Haraway Reader; New York, London 2004 [Ersterscheinen des Artikels: 1985]; S. 7-45, S. 8: „This chapter is an argument for pleasure in the confusion of boundaries and for responsibility in their construction.“ [Hervorhebungen im Originaltext]

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Plüschie Theorie #9: Flauschgeschichten

15. Mai 2019

Auch wenn Zorn/Empörung/Wut die notwendige Energie um notwendige Veränderungen – vorzugsweise gemeinsam – in Angriff zu nehmen liefern kann, als Lebens- und Socializingart bedeutet das Gemeinschaft durch Feindbestimmung und Virtue-Signaling herzustellen.

Das ist nicht flauschig.

Flausch streckt sich mit den Fasern nach eine* aus, schmiegt sich formannehmend an. Flausch ist ein Teil der Circlusphere.

Unsere kuscheligen Companions mögen uns mit dem zwanglosen Zwang der Niedlichkeit verleiten schönere Geschichten zu bewohnen.

Plüschtiere an die Macht!


Save the Date! Plüschtiertstudies live in Hamburg

8. April 2019

Plüschtierstudies – Zu postmodernen Subjekten und ihren Erweiterungen
Im Rahmen der Vorlesungsreihe der Ag Queer Studies: Jenseits der Geschlechtergrenzen
Mittwoch 29.05.2019, 19ct, Hamburg, Von-Melle-Park 5 („WiWi Bunker“) 0079

Für diesen Anlaß hat sich Pizzafahrer Olaf Wachenhausen bereiterklärt die Kulturellepraxis zu repräsentieren, die Chefredakteur*innen werden aber anwesend sein

Abstract
Wie bei Haraways Cyborg scheinen auch bei Plüschtieren gewohnte Dichotomien nicht ganz zu passen, so beispielsweise die den meisten essenzialistischen Ansätzen zu grundeliegende von Subjekt und Objekt: Wir können unsere kuscheligen Begleiter*innen fürs Leben nicht guten Gewissens nur als Objekte bezeichnen, wissen aber, dass sie nicht unabhängig von unserer Subjektivität sind. Wir bilden sozusagen ihr „Wirtsbewusstsein“, wie es der Pionier der Plüschtierpsychoanalyse, Dr. Wood, so treffend formuliert.

Doch leider behandelt die bisherige Forschung Plüschtiere ansonsten fast ausschließlich im Zusammenhang mit Kindern und erklärt das Phänomen der Niedlichkeit meist biologistisch weg („Kindchenschema“). Somit können die transdisziplinären Plüschtier-Studies zunächst lediglich Schneisen in dieses neue Forschungsfeld schlagen, hoffend, am Rande Erkenntnisse über Subjekttheorie, radikale Selfcare und möglicherweise sogar Gemeinschaftlichkeitsutopien zu finden.

Plüschtiere werden gebeten, zu ihrem Vortrag ihre großen Trampler („Menschen“ u.ä.) mitzubringen.


Zum Materialismus

24. März 2019

Gastbeitrag von RadicapR

Wie groß ist die Schnittmenge zwischen linken Fans von Materialismus und der Aufklärung? Denn eigentlich haut das nicht hin: wenn die Basis – Produktionsverhältnisse – bestimmt was ideologisch läuft ist das Gerede vom wahren, guten, schönen sonst welcher Christen egal.

Der real existierende Materialismus ist ganz schön idealistisch.

„Es hilft nichts, den falschen Leuten das richtige zu erklären“ ist ein identitätspolitischer Take. Eigentlich ist ganze Identitätspolitik „das sein bestimmt das Bewusstsein“ mit anderem Hauptwiderspruch. Deshalb ist es irgendwie albern, zur Abgrenzung alles mögliche „materialistisch“ nennen.

„Materialism must be a form of idealism, since it’s wrong — too.“ –Sahlins, Marshall: Waiting for Foucault, Still; Chicago 2002; S. 6.


Flachzangen, immer wieder

26. Januar 2019

Mal wieder auf eine Materialsammlung von „Kritik“ an Queerfeminismus und allem was locker damit assoziiert wird gestoßen; will das nicht verlinken, will nicht in der tiefe analysieren – schon gar nicht für umme -, also beteilige ich mich einfach mal an dem Quatsch und rante inhaltsleer drauflos.

Letztlich wird mit Mitteln von Verschwörungstheorien gearbeitet, Gerüchte, Falschaussagen, Gewohnheitsaussagen und -deutungsmuster, Othering zwecks Selbstverständnisfestigung. Ohne jetzt abstreiten zu können oder wollen daß viel – gerade auf Anwendungs- & Populärebene – im Argen liegt macht soetwas sinnvolle Kritik noch schwerer. Um bessere Theoriebildung kann es also schoneinmal nicht gehen.

Wie konnte es so weit kommen, daß akademische und bewegungsinterne Konkurrenz auf diesem Niveau angegriffen wird? Und anscheinend geht das nicht auf „die Postmoderne“ zurück, da es ja ihre Gegner*innen offensichtlich noch stärker betrifft und die Angegriffenen kaum noch tote französische Menners mit ihren schwer lesbaren Büchern in den Mittelpunkt stellen. Also: Don’t kill the messenger!

Nehmen wir mal die Forderungen nach „Materialismus“ ernster, denn so können wir ausschließen, daß es sich einfach um Versagen einzelner handelt oder daß das zu bekämpfende Problem irgendwelche falschen Theorien bzw. Meinungen sind. Also mit solch einer Form von Kritik überhaupt irgendetwas auszurichten ist. Ohne uns allzu lange beim Beobachter*innenproblem aufzuhalten, „Materialismus“ heißt auch daß Konzept und Ding nicht das selbe sind. Wenn also behauptet wird durch eine „materialistische“ Position im Namen der Dinge sprechen zu können, haben wir es lediglich mit Material für die Rundablage zu tun.

Nehmen wir mal an Wasser fließe immer von oben nach unten. Das schließt nicht aus gegen den Strom zu schwimmen, macht das aber schwer und v.a. längerfristig aussichtslos. Tote Fische schwimmen nicht nur mit dem Strom, sondern auch oben. Also statt stolz Recht zu haben wäre zu fragen warum so viel Müll wahrheitsfähig ist, d.h. wieso keine Überprüfungsmechanismen greifen, die solche Verschwörungstheorien – und bei der Gelegenheit auch gleich dumme Queer-Verflachungen auf der anderen Seite – eingrenzen.

Woran liegt das? Ich weiß es auch nicht. Aber bedenken wir daß ein fluffig-metaphysisches Konzept von Wahrheit nie hinreichend für Theoriebildungen war, müßten wir uns die Strukturen der Wahrheitsproduktionsmaschinerie anschauen. Also z.B. die „~krisen~“gebeutelten Printmedien und die reformgeplagten Universitäten. Kurzgeasagt: die „materiellen“ ressourcen sind in beiden Kontexten knapper geworden. Die Universitäten boten vor einiger Zeit noch gewaltige Freiheiten – warum auch nicht, das ist deutlich billiger als uns zu hospitalisieren -, es wird die „Linksintellektuellen“ Nische übervölkert haben. Mittlerweile haben die Universtitäten einen Haufen von Veränderungen hinter sich, die gerne mit dem Wort „Bologna“ abgekürzt werden. Klar wird sich das auf die Theoriebildung ausgewirkt haben.

Ich habe keine Antwort und keinen optimistischen Spin für Euch, sondern schreibe nur Nullnummern im 31. Stock. Schreibt doch einfach ein eigenen Ende und laßt es vielleicht hier in den Kommentaren.


Gewaltfreie Kommunikation

28. Dezember 2018

Pro:
Erstaunlich viele Konflikte basieren auf Kommunikation. Sie ist Operationsweise unseren Miteinanders und ein besseres Miteinander ist das Α&Ω besserer Gellschaft. Bedenken wir, daß Autentizität ein zeichenbasiertes Konstrukt ist, also auch eine scheinbar unregulierte Kommunikation keine ursprüngliche oder natürliche ist, sondern nur anderen – durchaus kritisierenswerten und kritisierbaren – Strukturen folgt. Die Freheit der einzelnen endet schließlich bei der der anderen. Polemisch zugespitzt: Nicht jede Mackerei muß als edgy Diskussionsstil anerkannt werden.
Lassen wir uns also nicht von den schlimmsten Versuchen entmutigen.

Contra:
Wir können zunächst einmal die Beobachtung festhalten: Es funktioniert anscheinend nicht so wie angenommen bzw. erhofft; und macht viele aggressiv. Scheinbar „weichgespülte“ Gruppierungen können in der Sache überraschend hart und kompromißloslos werden. Die „Gewaltfreiheit“ droht bisweilen in ihr Gegenteil zu umzukippen.
Als mögliche Erklärungen können wir unterschiedliche Theorien darauf werfen.
Zwar bezog sich Tiefenpsychologie-Vorläufer Nietzsche explizit auf das Christentum, doch seine Denkfigur, daß Verdecktes, Uneingestandenes, Verdrängtes unter der Oberfläche umso stärker nachwirkt, zumal wenn es kollektiv kanalisiert wird greift auch gerade hier.
Dann gehört Kult um die „Ich-Aussage“ kritisiert: Ziel sollte sein, sich vom behauptet-objektiven Standpunkt zurückzuziehen um Raum zur Aushandlung zu lassen. Tatsächlich macht dieser Rückzug aber die eingenommene Position unangreifbar, einer Ich-Aussage läßt sich nicht sinnvoll widersprechen. Es geht darum einen gemeinsamen Bezugsrahmen zu schaffen; dieser ist nicht die Realität, aber im Endeffekt eine.
Mit Luhmann’scher Systemtheorie können wir darüber hinaus einwenden, daß die einzelnen Menschen nicht als Teil des Systems betrachtet werden sollten, sondern als Teil von dessen Umwelt, da sonst sie – und nicht nur ihre Inputs – systemgerecht gemacht werden müssen.
Sich auf Mittel statt Inhalte zu beziehen scheint zunächst neutral, doch können diese auch so gewählt werden, daß bestimmte Postionen unangreifbarer oder angreifbarer werden; also schlimmstenfalls werden z.B. Einwände nur in einer Form zulassen, wenn diese ineffizient bleiben können. Doch wie auch immer die Mittel konfiguriert werden, die Suche nach Mitteln setzt den mit ihnen zu erreichenden Zweck ersteinmal absolut, enzieht also diesen implizit der Aushandlung. Hier liegt ein zentraler Punkt: Was wird wie und warum der Aushandlung entzogen; wenn das implizit/unansprechbar passiert ist die Intuition es mit versteckt aggressiver Durchsetzung zu tun zu haben berechtigt, dann sollte „gewaltfreie“ Kommunikation aggressiv machen! Nicht daß in Metakommunikation nicht auch zur Ablenkung von der nötigen dienen kann; aber die Fallacyforschung lassen wir heute mal weitgehend aus.
„Suche“ nach Mitteln bedeutet zudem auch anzunehmen, daß es ein geeignetes Mittel geben müsse, ein fataler Fall von Methodengläubigkeit.
Anzunehmen oder zu fordern das Miteinander habe ein harmonisches zu sein birgt das Risiko, alles was als Störung der Harmonie wahrgenommen wird als außerhalb zu verorten, was sowohl bedeutet einzelne Personen oder Gruppen als ein Außerhalb oder Problemträger wahrzunehmen zu können als auch Verschwörungstheorien – also hinter jeder wahrgenommenen Störung versteckte böse Absichten von einem tatsächlichen oder Imaginären Gegner zu vermuten – begünstigt.
Wenn wir also überlegen wie wir unser Miteinander und dessen Operation, die Kommunikation gestalten wollen sollten wir die Warnung des Argumentationstheoretikers Harald Wohlrapp berücksichtigen: Handelt es sich bei unserer Theorie vielleicht um „Schönwetterrelativismus“?

Fazit
False Dilemma. Habe ich gerade eine Diskussion mit mir selbst verloren?


Plenumsphobie

21. Dezember 2018

Dieses Stück ist mitten aus dem Leben gegriffen, beeindruckend vollständig und gut umgesetzt. Kurzgesagt: Hit too close to home.

Wir könnten es bei dem Seufzer der bedrängten Angestellten belassen und aus dem Kontetext Meme wie „Meetnapping“ oder „I survived another meeting that should have been an email“ importieren. Doch unterschätzen wir nicht das Problem.

Zunächst einmal geht es um Koordinationsarbeit und gemeinsame Entscheidungsfindung. Im Berufsleben und in politischen Zusammenhängen wo die Entscheidungsstrukturen idR. hierarchisch getroffen werden ist der Aspekt von Meetings also nur zeitverschwendende Demokratiesimulation. Nur können wir selbst schon in einem so einfachen Setting wie sozialpsychologischen Kleingruppenexperimenten nachweisen, daß je komplexer die Aufgaben werden, desto mehr geht der anfängliche Vorteile von zentralisierten Strukturen verloren. Damit ist festzuhalten: Wenn einzelne Personen oder Untergruppen ein Plenum dominieren deutet das darauf hin daß wir die dort verbrachte Lebenszeit lieber mit bezahlter Arbeit verbracht hätten. An dieser Stelle seien Zweifel angemeldet ob sich soetwas durch formale Regelungen angehen läßt, komplexe formale Systeme lassen sich immer hacken.

Das bringt uns schon zum nächsten Problem: Die naheliegende Lösung für Probleme mit dem Miteinander auf Plena wären Regeln einzuführen. Neben allgemeinem Zweifel an formalen Systemen, durch diese Regeln wird das ganze häufig noch anstrengender, sperriger, komplizierter. Nicht daß es im Einzelfall nicht helfen kann und allgemeiner in erwünschtem Verhalten resultieren kann, wie eine gute Lösung klingt das nicht, eher nach Flickschusterei.

Plena grundsätzlich abzulehnen wirft nicht nur die Frage auf wie wir dann gemeinsame Entscheidungen und Koordinationen hinbekommen sollen – und es ist eine ernstgemeinte Frage, keine rhetorische, wir wollen hier schließlich nicht Mittel und Zweck gleichsetzen. Das bringt uns zum entscheidenden Punkt: Linke Plena haben irgendwie meist das Ziel einer besseren Gesellschaft – wie klein oder groß diese Verbesserung auch aussehen mag, wie indirekt das konkrete Plenum auch damit zusammenhängt. Wenn jetzt aber die „Sachzwänge“ der politischen Arbeit dafür sorgen daß wir uns regelmäßig gegenseitig quälen – denn wer Plena mag ist Teil des Problems und sollte keine Besuchen dürfen – scheint es mit der Utopie eines besseren Miteinanders nicht so weit her zu sein; und nein, das Ziel zu erreichen in ferne Zukunft, die alles vorherige rechtfertigt zu verlegen ist keine Lösung.

Fazit: Wir hätten längst eine bessere Gesellschaft wenn es nicht so furchtbar wäre sich zu organisieren. Wenn eine andere Gesellschaft möglich ist, müßte ein anderes unmittelbares Miteinander auch bei politischer Koordinations- und Entscheidungsarbeit zumindest in Ansätzen erkennbar sein können.

Ich habe keine Antworten. Denn die offensichtlichen Antworten – von pädagogisch-methodengläubigen Regelwerken bis „seid lieb zueinander“ – wirken häufig nur problemverschärfend, „konstruktivistische“ Philosophien müssen sich an dieser Stelle bewähren mehr als Schönwetterrelativismus zu sein. Ich will nur sagen: Bei den Beziehungsweisen spielt die Musik!