Plüschie Theorie #10: Avantgarde

17. Juni 2020

„Vielleicht ist es ja schon offensichtlich, aber da ich es gerne sagen möchte: Ich scheiße auch auf die revolutionären Avantgarden des ganzen Planeten.“ –Subcommandante Marcos, zitiert nach @elquee

Doch muß eins um auf die Avantgarde scheißen diese hinter sich gelassen haben. Doch wie und wo das geht hängt davon ab wie der theoretich-aktivistische – Plüschtier– & Barbiebilder mal als cutenessrevolutionärer Aktivismus verstanden – Raum strukturiert ist; gerade wenn wir ihn mit unserer Arbeit de- oder restrukturieren wollen.

Denn letztlich sind wir in Gefügen/Netzen/Mannigfaltigkeiten immer in der Mitte, von der aus wir den Verbindungen zu allen Seiten folgen können. Flausch streckt die Fasern nach uns aus und umschließt uns, es ist damit Teil der Circlusphere. Es geht ja gerade darum von hierarchischen, baumartigen Strukturen wegzukommen – weary of holism, but needy for connection -, über neue narrativen zu neuen Denk-, Wissens- und Gemeinschaftsstrukturen zu kommen.

D.h. was nahe(liegend), was fern, was vorne, was hinten ist hängt von den Verbindungen ab die wir knüpfen. Damit sind die Plüschtierstudies „vorne“ da sie die ersten sind die so etwas – strategisch offen gelassen was die Alleinstellungsmerkmale dieses „etwas“ sind – produzieren und „vorne“ daß sie einladen ihnen zu folgen; oder geben sie Impulse in eine Richtung? Dann wären sie aber schon wieder hinter dem was sie anschieben! Kümmmern wir uns also beim Tanzen nicht so sehr darum wann wir nun gerade wo stehen, sondern lassen uns auf die Bewegungen ein!


Plüschie Theorie #11: Weltraum

1. Juni 2020

Bereits auf Reisen tragen die Plüschtiere unsere Hoffnungen, Romantisierungen und Begeisterung. Eine Steigerung davon sind die Weltraumplüschies.

Raumfahrende Plüschtiere haben eine lange Tradition, so alt wie die bemannte1 Raumfahrt. So können diese die Schwerelosigkeit demonstrieren und als leichte und weiche Wesen dabei ungefährlich zu sein; Cuteness im Sinne von Harmlosigkeit hat hier also praktisch-handlungsrelevante Bedeutung. Dazu paßt, daß seit den 60ern der Comichund Snoopy mit Genehmigung des Schöpfers Charles M. Schulz als Sicherheitssymbol bei der NASA eingesetzt wird.

Mit Raumfahrt, pilotierter1 zumal, sind Hoffnungen verbunden, daß sich die Menschheit als ein Ganzes begreifen könne, Forschung zu positiven Dingen wie Erkenntnisvermehrung/Entdeckung eingesetzt werde. Zwar ließe sich dies als Gegenbild zu Ängsten vor Kernwaffen konstruieren, dieses Konstrukt müßte aber vernachlässigen daß diese durch Raketentechnik einsetzbarer wurden.

Die Raumfahrt war zunächst ein Nebenprodukt der militärischen Raketenforschung. Schlimmer noch: Mit Privatisierung der Raumfahrt und mit militärischer Nutzung des Alls, instituttionell durch die US-„Space Force“ – vorerst symbolisch – vorangetrieben ist das Thema der Territorialiserung des Alls aktueller denn je. Weltraum als Spielwiese der Wissenschaft gilt – wie im Falle des Internets – zur nostalgischen Vergangenheitsverklärung zu verkommen. Mit Haraway können wir nur darauf hinweisen, daß Cyborgs ihren Wurzeln gegenüber untreu sind und das Cyborgmanifest während Kämpfen gegen Kernkraftwerke und SDI („Star Wars“) geschrieben wurde, wir es also nicht mit einer reinen Utopie zu tun haben, sondern die Dystopie – so in Elon Musks Bioshock ähnlichen Marsbesiedlungsvorstellungen – beängstigend nahe liegt, wir uns dem widersprüchlichen Gemenge also nur mit Ironie nähern können.

„The main trouble with cyborgs, of course, is that they are the illegitimate offspring of militarism and patriarchal capitalism, not to mention state socialism. But illegitimate offspring are often exceedingly unfaithful to their origins. Their fathers, after all, are inessential.“ —Cyborgmanifest, S.10.

Auf die Frage „was tun?“ ist die erste Antwort „was tun“. Welche auswirkungen der technische „Fortschritt“ hat und in welche Richtung diese Prozesse laufen ist kein Schicksal. Aber es erfordert politisches Engagement. Der springende Punkt ist dann, daß sich nur gemeinsam die  vollends verwaltete Welt bekämpfen läßt, aber dieses Sich-Organisieren eben nicht selbst dieses vollends verwaltete sein/werden soll. Nur ist der „Partiality“ teil der „postmodernen“ Antwort bei der Raumfahrt unzureichend, gerade wenn wir Ressourcen – sei es für die Raumfahrt, sei es gegen die kritisierenswerten Aspekte – bündeln wollen. Da müssen wir tiefer in die Beziehungsweisen- und Organsationsformen Werkzeugkiste greifen. Die gebotenen Optionen an Verwaltungsformen – staatliche Autorität oder „freie“ Wirtschaft“ sollten uns jedenfalls zu einem „keines davon“ anstacheln.

Es kommt auf die Gemeinschaftsformen an. Die Plüschtiere rücken wegen Covid-19 zusammen, solange wir es nicht können.

„Postmoderne“ im Sinne des Scheiterns der großen Erzählungen läßt sich so verstehen, daß diese in viele kleinere, nebeneineinander und widersprüchlich existierende zerfallen. Die praktische Seite davon wäre Standpunkttheorie und die Einsicht, daß abstrakte Gleichheitsansätze in Antidiskriminierungsfragen meist nur eine mächtige unmarkierte Position repräsentierten. Doch dies ist nur eine der vielen möglichen Erzählungen über Postmoderne und sie stößt gerade hier an eine ihrer Grenzen: Grundlagenforschung ist – gerade in der Raumfahrt – teuer und per defitionem nicht unmittelbar Nutzbringend. Auch müssen wir feststellen daß es nur genau eine Erde gibt. D.h. für die pilotierte1 Raumfahrt sollten wir eine kleine große Erzählung der Moderne bewahren. Zumal die Dystopie ja immer mitfliegt und wir das Weltraum dieser zumindest nicht kampflos überlassen sollten!2

Die praktische Seite dieser Utopie ist die ISS, in vielen Bereichen rivalisierende Staaten finanzieren die Raumstation gemeinsam, für die Astronauten scheint Nationalität eher etwas von folkloristischer Freizeitgestaltung – welches Plüschtier und welche Musik dabei ist – als lebensbestimmende Identität zu haben, denn der Alltag ist von den praktischen Anforderungen geprägt. Hier gibt es eine gemeinsame Sprache: Die Sprache der Wissenschaft.

Ein Moment, der diese Weltraumplüschutopie verkörpert wäre dieses Aufeinandertreffen alter Bekannter: Ein deutscher Astronaut bringt zwei Figuren aus der Wissenschaftskommunikationssendung „Sendung mit der Maus“ mit, ein US Astronaut wegen der tschechischen Herkunft seiner Ehefrau ein Plüschtier der Zeichentrickfigur kleinen Maulwurf, der aber auch in der Sendung mit der Maus gezeigt wurde.

„Cyborg unities are mon­strous and illegitimate; in our present political circumstances, we could hardly hope for more potent myths for resistance and recoupling.“ —Cyborgmanifest S. 13.

Vielleicht sind Cyborgs dafür eine etwas technische Figuration – so würde wahrscheinlich die späte Haraway einwenden -, doch genau da kommen unsere kuscheligen Companions ins Spiel. Auch im wörtlichen Sinne: nämlich u.a. sich als Spielende begegnen, wobei die Wissenschaft ein sehr ernstes Spiel ist. Das Plüschtier kennt nicht die harte Konkurrenz, die wir sowohl in der Wirtschaft wie der Wissenschaft erleben müssen. Das Plüschtier will nicht die welt kontrollieren; und ist damit umso geeigneter sie ein kleines bißchen auszurichten: Plüschtiere an die Macht!

„Monster“ sind auch eine von Haraways wiederkehrenden Figurationen der Widerständigkeit. Gerade da wir bei einigen Themen die schrecklichen Aspekte nicht ausblenden können. Doch Monster sind auch beliebte Plüschfiguren, verlieren aber in ihrer Niedlichkeit den Schrecken.

Solange Plüschtiere mitfliegen ist materialisierte Hoffnung auf diese kleine große Utopie der Raumfahrt immernoch dabei!


1 Halt, nein, das geht so nicht! 1963 war nicht erst gestern, Mann zu sein ist keine Voraussetzung. „Crewed“ wäre zwar geschlechtneutral, aber letztlich muß sich doch auch ein deutsches Wort dafür finden lassen ohne auf Umschreibungen zurückzugreifen. Hier ist freilich entscheidend ob die Missionen beplüscht sind. Mit Rückübersetzung aus dem Russischen versuchen wir es mal mit „pilotierter“.

2 Bei Plüschtieren gilt: „I’m guided by the beauty of our weapons“!

Noch ’ne Kleinigkeit: Das aktuelle Space Plüschtier, Ty-Saurier Tremor ist im Space-X Shop deutlich überteuert, support you local store! Und falls dieser Typ vergriffen sein sollte: Es gibt so viele Plüschtierfabrikate die schon im Weltall waren …


Mit Philosophie gegen Covid-19?

7. Mai 2020

Verschwörungstheorien1 zur Coronasituation waren zu erwarten. Doch scheint die Gruppe der Leute, welche die Seuche nicht ernst nehmen bzw. die Maßnahmen dagegen für maßlos übertrieben halten sich nicht ausschließlich aus jenen zu rekrutieren, Verbindungspunkte wie Jakob Augstein sind keine hinreichende Erklärung bei Leuten denen wir selbstständiges Denken zugetraut hatten. Nach Erklärbärtriage haben wir es nicht nur mit hoffnungslosen Fällen zu tun. Bei aller Haßliebe zu Sir Karl Raimund P.: Sich und anderen die Frage zu stellen wann eine These gescheitert ist, kann zu den gedanklichen „Powertools“ gehören, sei es auch nur um sicherzustellen daß eine Diskussion wirklich sowas wie einer „Wahrheits“2suche dient.

Damit sind plötzlich „philosophische“ Fragen – etwa wie wir im Alltag zu unseren handlungsrelevanten Urteilen kommen – plötzlich überlebensrelevant. Doch genauer: Auch wenn es sich um „Philosophie“ im umgangssprachlichen Sinne handelt, sind wir bei solchen Fragen auf Interdisziplinarität angewiesen. Alleine die Frage was warum überzeugt reicht von Erkenntnistheorie über Psychologie bis zur Rhetorik und hat mit Sicherheit soziale, damit also sozialwissenschaftlich zu fassende Aspekte.

Die Ausgangslage ist eine „postmoderne“3: Es herrschaft kein Mangel, sondern ein Übermaß an Informationen, aber keine davon ist unbeschränkt vertrauenswürdig. Diese müssen für das Handeln bewertet werden, möglichst in einer unaufwendigen Weise; es wäre etwa zu viel verlangt, sich vor einem handlungsleitenden Urteil über die Lage biologisches und medizinisches Grundlagenwissen, so wie einen Überblick über den Forschungsstand zu verschaffen. Damit dürfen wir epistemische Arbeitsteilung für unser Denken nicht unterschätzen. Dies heißt auch: Von der Glaubwürdigkeit von Wissenschaftskommunikation hängen Menschenleben ab #nopressure!

Fazit: „Coronaskeptiker“ ohne verschwörungstheoretischen Hintergrund stellen uns vor die Aufgabe das Alltagsdenken grundlegend zu untersuchen und hoffentlich auch zu verbessern. Dies setzt aber Bereitschaft zu lernen von allen beteiligten Seiten voraus, so wie ein Wahrheitsverständnis das das – brüchtige -Zustandekommen betont statt sich Wahrheit als „isso“ zu modellieren. Auch bei geisteswissneschaftlichen Problemen geht es um Menschenleben – packen wir’s an!


1 Auch wenn Entschwörungstheoretiker Kulla längst zu anderen Sachen arbeitet sei hier eine Hoffnung geäußert, er dekliniere seine Thesen nochmal an diesem Fall durch.
Update: Dies ist bereits geschehen und hier zu sehen. Vielen Dank!

2 Was auch immer das ist. Aber daß das Gesuchte nicht auffindbar ist, kann ja auch das Ergebnis einer Suche sein.

3 Statt sich in Grundsatzdebatten zu verzetteln oder auf kohärenzarm verplattete Standpunkttheorien zu setzen sollte Grundlagenarbeit geleistet werden. Die Produktionsbedingungen und die Verfügbarkeiten von Informationen haben sich seit dem 19. Jahrundert geändert, „Postmoderne“ hieße damit auch, einen erkenntnistheoretischen Umgang damit zu suchen!


#cutenessrevolution anderswo #5: Chiijohn

26. November 2019

Last Week Tonight beschäftigte sich bereits zuvor mit japanischen Maskottchen, u.a. mit einer Story über Chitan, einem inoffiziellen Maskottchen von welchem niedliche, aber äußerst kontroverse Videos kursierten. Abschlossen wurde der Bericht dadurch, daß als Ersatz für Chitan dem offiziellen Maskottchen der Stadt Susaki Shinjo-Kun ein neues, Moderator John Oliver ähnliches namens Maskottchen namens Chiijohn zur Seite gestellt wurde. Dazu gibt es jetzt eine sehr schön erzählte Folgegeschichte, die John Oliver mit Worten anmoderiert, die auch ein Grundsatzprogramm der Plüschstudies sein könnten:

The whole saga was heartwarming, wholesome and basically the exact opposite of what it feels like being alive right

Viel Spaß!

In Otter News: Ein Significant Otter auf Reisen


Hörflausch – Plüschtierstudies als Podcast

9. Oktober 2019

Eigentlich sollte nur der Plüschtiervortrag gesendet werden, jetzt wurde es dank Fiction for Fairies & Cyborgs doch eher ein Beispiel dafür was Freies Radio alles kann.

Fauchi Stormborn bei einem früheren Vortrag

Die freie Version findet sich Bei freie-radios.net und auf der soundcloud, doch aufgrund der CC-Lizenz können die Dateien ja auch weitergegeben oder woanders gespiegelt werden.

Mobile Abschlußkonferenz der Kulturellenpraxis zur Sendung


Lehrnarrativ

9. September 2019

Skepsis gegenüber Zweierteilungen ist wichtig, denn sie erweisen sich häufig als Denkfalle die die Welt nur scheinbar sortieren. Sie sind aber auch die einfachste Form der Differenz, also nach (post)strukturalistischem Sprachverständnis eine einfache Form etwas auszudrücken. Und unsere treuen Leser*innen kennen sich sicherlich hinreichend mit Dekonstruktion, negativer Dialektik etc. aus ihr Denken nicht von solch einer Spar-Differenz einfangen zu lasesen.

Nach Heinz von Foerster sei eine legitime Frage eine auf die eins die Antwort nicht wisse, aber wissen wolle. Somit wirkt es unredlich wenn eine Aussage als Frage, Mitmacharbeit oder Ähnliches verschleiert wird. Das ist keine Didaktik – im Sinne der Kunst etwas nicht unnötig schwierig darzustellen -, das ist Knabenführung (Pädagogik). Zwar gibt es Fähigkeiten die nur in Anwendung erworben werden können, aber dies zum einzig gültigen Paradigma zu erklären wäre etwas beschränkt. Das mag auch als Verteidigung des verrufenen „Frontalunterrichts“ verwendet werden, speziell für Leute die sowas wie „Ehrlichkeit“ für einen Wert halten.

Das was jetzt „frontal“ vermittelt werden soll weist zwingend gewisse Strukturen auf, auch wenn die Fragen was, wie und warum strukturiert werden soll auf einem anderen Blatt steht. Probieren geht da ausnahmsweise tatsächlich mal über studieren um dem Methodenfetisch zu entkommen.

Ein zentripetales Narrativ zu wählen hilft bei vielen Anforderungen an gängige Unterrichtssituationen: es ist schneller nachvollziehbar, es produziert leichter abfragbare – und abgestuft bewertbare – Antworten. Das prägt wiederum eine Erwartung wie eine Lernsituation auszusehen hat, also prägt auch die Erwartungen des Publikums. Dies hat Grenzen, beispielsweise Deterritorialisierungsbemühungen können wir dabei knicken. Und auch wenn es ein Widerspruch wäre kritisches Denken lehren zu können, Hilfestellungen um mehr als Informationskonsument*innen zu sein lassen sich so auch schlecht bieten.

Von daher sei dem ein Bild des zentrifugalen Narrativs – wie dem der Plüschtierstudies – entgegengesetzt: das Wissen wird nicht zu einem Kernpunkt hin zugespitzt, viel mehr liegt der Ausgangspunkt in einer verschiebbaren Mitte vieler weiterer Bezüge. Die Welt wird komplexer und größer; statt beherrschbarer. Damit werden aber – günstigenfalls intendiert – gängige Vorstellung von Lernen durchkreuzt, so jenes, das von einer fairen Prüfung aus gedacht die geschlossenen Narrative – also das Gegenteil der zentrifugalen narrativen Bewegung – anstrebt. Damit kann der Eindruck entstehen weniger zu lernen und daß diese Art des Lernens kompliziert und zu fortgeschritten sei. Sicherlich liegt – wie erwähnt – ein Moment des Ernstnehmens darin und die Überzeugung, daß „durch Nulpen dividieren“ niemanden dazu bringt das eigene Potential zu entwickeln. Aber auch wenn praktisch gerne so vorgegangen wird diese Denkbewegung weit Fortgeschrittenen zu reservieren, auch wenn auf einige gewohnte Erfolgserlebnisse verzichtet werden muß, letztlich basiert diese Vorstellung auf einem Kategorienfehler.

Denn eine zentrifugale Erzählweise bedeutet hohe Anforderungen an d* Lehrende*, so hoch daß auch der Kontrollverlust – gerade wenn in anderen Bereichen Kompetentere im Publikum sind – in Kauf genommen werden muß. Und etwas nicht unnötig kompliziert zu präsentieren schließt nicht aus sich mit der Komplexität des Gegenstands auseinandergesetzt zu haben. Auch wenn – Stichwort: Halbbildung – sich gegenseitig zu bestätigen daß gängige Vereinfachungen ein Zeichen von Kenntnis seien praktische Funktionen der Bildung – nicht zuletzt kulturelles Kapital – besser erfüllt als sich zentrifugal auf einen Gegenstand zu stürzen.

Nun soll die Wertung – laut Derrida ja einer der Gefahren solcher Zweiergegensätze – hier nur als umkehrbar dargestellt werden, ohne zu verleugnen daß beispielsweise „Komplexitätsreduktion durch Komplexitätsaufbau“ auch ein wertvolles Lernkonzept sein kann, wenn dadurch die Komplexität des Gesamtgegenstands nicht aus dem Blick gerät. Auch sind Informationen sicherlich eine wichtige Grundlage zum Denken, also sei hier nur v.a. vor Einseitigkeit gewarnt.

Seien wir – mit Haraway – also auch bei De- und Reterritorialisierungsprozessen im Lernprozeß lustvoll im Verwischen und verantwortungsvoll im Ziehen von Grenzen!


Intellenz

8. September 2019

Ist es – unter Berücksichtigung des „falschen Ganzen“1 herrschender Verhältnisse – intelligent die verfügbare Intelligenz zu nutzen um sich das Leben einfacher2 zu machen oder schwieriger?

Plüschschwein Sokrates3, alias „Sokra-Pig“


1 Schließungen des Möglichkeitsraums trotz scheinbarer Widersprüche – genauer: Gegensätze – innerhalb wird bezeichnet mit dem aus fortgeschrittenen Dialektikarten entlehnten wissenschaftlichen Fachbegriff „Gesamtscheiße“

2 „Einfacher“ heißt auch, die vorhandenen Handlungsoptionen hinzunehmen und somit die „Gesamtscheiße“ aus der sie entstammen dadurch performativ zu festigen, ein Phänomen was die Kritische Psychologie als „restriktives Handeln“ zu fassen sucht, welches dem Subjekt dieser Theorie zu Folge letztlich immer schade

3 „It is better to be a human dissatisfied than a pig satisfied; better to be Socrates dissatisfied than a fool satisfied. And if the fool, or the pig, are of a different opinion, it is because they only know their own side of the question.“ —John Stuart Mill


Eine Lanze für #10 Glitzer

20. August 2019

“Eine Lanze für … : Hantologische Streifzüge zu totgesagten Konzepten, in theoretischen Abfällen containernd”, Teil 10: Glitzer & Cuteness

„Die Horden der Finsternis glitzern nicht“ –Fauchi Stormborn

Vielleicht sollte Anwürfen aus dem küchenpsychoanalytischen Storygenerator nicht noch Aufmerksamkeit gewidmet werden und nicht die drölfzigste Widerlegung geschrieben werden. Vielleicht ist es aber auch ein guter Anlaß ein paar Dinge zu bärklären.

Dieses mal geht es um Cuteness- und Glitzerästhetiken. Diese seien ein Teil von Selbstinfantilisierung und zeigten daß die nutzenden harmlos gegenüber den herrschenden Verhältnissen sein wollen. Der Einwand daß feminine Ästhetiken abzuwerten misogyn motiviert sei reproduziere Rollenerwartungen. Und wir dachten die Rollentheorie wäre längst zerbröselt und durch Performanztheorien ersetzt..

Zunächst einmal müssen wir klären: Einhörner, Glitzer und Cuteness sind sicherlich streng Opt-In-Only! Wer es nicht versteht muß nur verstehen es nicht zu verstehen. Also müssen keine moralischen Verbindlichkeitsansprüche abgewehrt werden. Von daher scheint es verwunderlich daß überhaupt darüber kontrovers diskutiert wird. Ob so viel polarisierendes Potential bereits auf subversives hindeutet sei mal dahingestellt, aber anscheinend geht es zumindest nicht um Wirkungs- oder Bedeutungsloses.

Als Opt-In Modell müssen wir uns eigentlich auch nicht mit dem Problem beschäftigen, daß Subjektivierung ja nicht im luftleeren Raum stattfindet, also diese „Erwartungen“ nicht nur äußerliche sind, sondern sich dazu irgendwie zu ihnen verhalten und verhalten zu müssen Teil des Subjekt-Seins ist. Ohnehin bereitet das Dilemma daß einerseits jede Wiederholung eine Norm festigt, andererseits Ausdrucksmöglichkeiten pauschal herabzuwürdigen – zum Anderen, zum Untergeordneten machen – wiederum Teil dieser zu bekämpfenden Norm ist nur dann unlösbare Probleme wenn auf jegliche Ambiguität verzichtet wird. Nun ist es aber gerade Grundprogramm einiger poststrukturalistischer Queerverständnisse kleine Uneindeutigkeiten zu großen Möglichkeitsräumen ausweiten zu wollen. Hier fügen sich Cutenessästhetiken gut ein. Wenige Leute laufen anlaßlos als japanische Maskottchen rum, d.h. als großer Trampler (Mensch, Cyborg u.ä.) reine Cuteness darzustellen ist schwer bis unmöglich. Cutenessästhetiken werden also meist mit anderen Stilen kombiniert. Nun sind aber gerade ungewöhnliche Kombinationen die Seh- und Denkgewohnheiten durchkreuzen geradezu ein fast schon langweiliger Grundbaustein dieser Ecke von queerer Ästhetik. Da Cuteness aber als unmännlich und unerwachsen gilt können damit beispielsweise Selbstinszenierungserwartungen unterlaufen werden. Sich nicht zu ernst nehmen als politisches Programm.

Der „Selbstinfantilisierung“svorwurf ist nicht neu, von Safespaces bis zu ungeschickten Abkürzungen („Transpi“, „Lauti“) waren so manche Phänomene Aufhänger für diese kritischen Kritikversuche, doch nun hat die Autodeterminierung des Anwendungsbereichs endlich das (zu) offensichtliche Ziel gefunden: Ästhetiken die sich kindlich Konnotiertem bedienen. Dies zu verbinden bedient sich einer versteckten biologistischen Prämisse, nämlich Cuteness mit Kindchenschema und dieses mit „Nestpflege“ wegzuerklären; wie es leider auch in den Cuteness-Studies- das gibt es tatsächlich, allerdings mit zu nützlicher Ausrichtung um hier positiv beachtet zu werden – oftmals geschieht, daher heißt unser „postmoderner“ Gegenentwurf „Plüschtierstudies“, auch wenn er mittlerweile über Plüschtiere hinauszugehen vermag, aber nicht ohne sie vonstatten geht. Der Einwand das sei doch kindisch ist in diesem Fall so dermaßen naheliegend, daß davon auszugehen ist, Fans von Cutenessästhetiken hätten sich damit von sich aus auseinandergesetzt; sei es auch nur mit einem „na und!?“. Dies schließt zwar nicht aus daß unter Schichten von beispielsweise Ironie das offensichtlich Naheliegende versteckt sein kann, nur wären Leute die dies behaupten in der Pflicht solche – und andere – Schichten ersteinmal feinsäuberlich abzutragen.

Soetwas kann allerdigns schon deshalb nicht gelingen, weil wir es nicht mit einem klar umrissenen Ding zu tun haben, sondern einem dezentralen, bisweilen brüchigen und widersprüchlichen Gefüge. D.h. auch daß ähnlicher Ausdruck sehr Unterschiedliches bedeuten kann. Die eine, die eigentliche Bedeutung eines Zeichens festlegen zu wollen muß scheitern. Dies ist keine „postmoderne Beliebigkeit“, sondern eine Forderung nach gegenstandsangemessenen Methoden. Speziell politischer Ausdruck ist oftmals ein Move – im dreifachen Sinne von Spielzug, Bewegung zu und Absetzungsbewegung von – somit nicht ohne Absichten, Kontexte, Rezeptionen genauer zu untersuchen oder beurteilen. Beispielsweise Verunsicherungstaktiken – und mit diesen arbeitet „postmoderner“ Aktivismus ja gerne – können weder eindeutig, noch stabil sein. Ästhetiken lassen sich nicht vor Vereinnahmung schützen, das macht Cuteness so radikal, hier wird dies nichteinmal versucht.

Methodendiskussion in den Plüschtierstudies

Daß aber Cutenessästhetiken vermehrt auftreten und – in manchen Kontexten – un-verschämt gezeigt werden, die scheinbare Grenze zwischen Spiel und Ernst verwischend und gar politisch eingesetzt werden, wollen wir „Cutenessrevolution“ nennen, wohlwissend daß sie – wie vielleicht jede Revolution bei näherer und dogmensparsamer Betrachtung – eine Mannigfaltigkeit mit unterschiedlichsten Zielen ist. Eine Aufgabe für die Plüschtierstudies wird es sein die Cutenessrevolution im den Kontext queerer Ästhetiken zu untersuchen und ihre queerenden Potentiale zu fördern.

Es mag Cuteness- und Glitzerästhetiken geben, die einfach nur oberflächlich sind – von allen zu verlangen immer und überall subversiv zu sein wäre zu viel verlangt und führte zu Überforderung. Dieser wird dann oftmals mit Abwehrmechanismen begegnet, welche die Psychoanalyse so trefflich beforscht hat. Jedenfalls könnte es sinnvoll sein „Guilty Pleasures“ – sondern höchstens ihre Folgen – nicht als Politisch-Moralisches zu untersuchen, darunter leiden unnötig entweder die Pleasures oder die Theorien mit denen sie gerechtfertigt werden. Wenn etwas Wohlbefinden spendet ohne anderen dabei zu schaden kann es beispielsweise als Selfcare dienen: aufgerieben im Namen der Gutensache(tm) nützt d* beste Revolutionär*in niemandem; und das Gefühl daß nicht alles von Nützlichkeit abhängt – sei es auch die für die gutesache(tm) – ist auch etwas Wert. Wir halten also fest: Cuteness macht nur dann Spaß wenn sie nicht unmittelbaren Zwecken untergeordnet ist oder ein Eigenleben neben den Zielen führt. Affinität zu Cuteness besser leben zu können ist für manche eine Befreiung; kein gelöster Hauptwiderspruch, aber doch mehr Handlungsmöglichkeiten. Nicht zuletzt für Plüschtiere, die jetzt mehr unter die Leute kommen. Die Cutenessrevolution hat also subrevolutionäre Anteile, doch schadet dies nur in einem Entweder-Oder-Denken. Selbst das beste Schwert funktioniert nicht ohne stumpfe Teile.

Die Plüschtierstudies grenzen sich gezielt vom Thema Kinder ab, gerade um die Assoziationskette Niedlichkeit:Kindlichkeit:Unschuld zu durchbrechen; dort geht es nicht um Unschuld, nichteinmal verlorener oder bekämpfter. Dies grenzt sich in zwei Richtungen ab: Zum einen gegen Kritik die – bestenfalls durch versteckte biologistische Prämissen, schlimmstenfalls durch Assoziationsschlüsse – den Cutenessästhetiken Kindlichkeit unterstellt, zum anderen bedeutet das auch eine Aufgabe für die Cutenessrevolution, die Elemente jenseits von Unschuld und platter Distanzierungsironie – beispielsweise durch ernstes Spiel – weiter zu entwickeln.

Doch erstaunlich viele die sich positiv auf derartige Ästhetiken beziehen haben in Abgründe geblickt. Somit läßt sich nicht ohne Weiteres erkennen ob hinter einer Affinität zu Cuteness Naivität, Wunsch nach Naivität oder das genaue Gegenteil, nämlich sich bewußt zur Ent-Täuschung dieser zu verhalten ist. Vielleicht gar dem irreparabel beschädigtem Leben vitale Fiktionen entgegenzusetzen.

Damit ließe sich im Stil der Küchenpsychoanalyse – und mit dessen deutungshoheitsgreifenden wie assoziativen Methoden – polemisieren, daß vor sich herzutragen Safespaces und Cutenessästhetiken nicht zu verstehen oder gar zu verachten zeige, die Gründe für Bedürfnisse danach nicht nachvollziehen zu wollen und können. Der Selbstinfantilisierungsvorwurf wäre dann als projektiv einzuordnen, wird er doch durch Naivität aufrecht erhalten und basiert auf der Abwehr der Befürchtung, die eigene Reife und Abgeklärtheit sei nur Simulation. Aber so zu argumentieren wäre weder methodisch noch moralisch vertretbar. Glücklicherweise ist ernsthafte Subjekttheorie weiter als solch feuilletonistischen Sparversionen.

Wie steht aber Cuteness jetzt zu Harmlosigkeit? Dies ist eine offene Debatte. Doch glücklicherweise ist dessen Ergebnis hier nicht praxisrelevant. Die Militanzdebatte steht nämlich auf einem anderen Blatt. Militanz ist keine Lebensform, keine Ästhetik – Ästhetiken können ohnehin keine festen Größen sein – und sollte die Frage nach den Beziehungsweisen nicht beantworten. Also wäre es ein fataler Kategorienfehler Cuteness mit irgendwelchen taktische Entscheidungen in Verbindung zu bringen. Nur so viel sei verraten:

Feder & Schwert (gut, Kugelschreiber und Multitool), die Waffen einer Punkprinzessin #cutenessrevolution

Fazit: Realität ist etwas für Leute die nicht mit Einhörnern klarkommen – Philosoph*n gegen Realität und Plüschtiere an die Macht!


Objektivität, Subjektivität

19. Juli 2019

Neben der Suche nach in Annahmen von „es ist so wie es ist“ verschütteten Möglichkeiten ist es u.a. Aufgabe eines guten Antiessenzialismsus aufzuzeigen wie hinter scheinbaren Objektivismen Willkür und/oder Standpunktgebundenheit steckt.

So weit so gut. Doch ist nicht viel gewonnen wenn wir jetzt auf Kritik an Objektivität auf den scheinbaren Gegensatz „Subjektivität“ zurückfallen. Auch hier läßt sich einfach dröge-methodisch vorgehen und aufzeigen daß hinter radikalen Subjektivitätsaussagen versteckte objektivistische Prämissen stecken, oftmal auch ein „Schönwetterrelativismus“, der im Falle von ersthaften Konflikten auf diese zurückfällt. Hinzu kommt, daß sich auch längerfristig Veränderliches – wie „Kultur“ oder „Natur“ – unmittelbaren individuellen Möglichkeiten zum verändern entzieht und wir uns weder das Subjekt noch das Objekt als etwas Einfaches oder etwas außerhalb von Wahrnehmung, Sprechen darüber usw.usf. vorstellen können.

Der Gegensatz „Objektivität:Subjektivität“ muß also wirklich überwunden werden um nicht zur Denkfalle zu werden. Nicht nur weggemittelt, nicht nur von Assoziationsmüll definitorisch gereinigt, nicht nur um ein vergessenes/vermittelndes Drittes angereichert, denn es sind keine sinnvollen Ausgangspunkte: das anzunehmen verschleiert daß sie Ergebnisse komplexer Prozesse sind.


Zum Materialismus #2

10. Juli 2019

Wieso nutzen eigentlich sich als „Materialist*n“ bezeichnende Theoriepraxen letztlich nur einen politisch aufgebohrten Idealismus? Marxens Argumentationsweisen ist anzumerken daß er im deutschen Idealismus studiert hat. Wenn wir jetzt Lenin folgend annehmen daß Materialismus „von den Dingen ausgehen“ sei, wäre doch eigentlich die analytische Philosophie das Richtige („Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.“ –Tractatus 2.01); die Marx noch nicht zur Verfügung stand. Noch alberner wird es wenn die Frankfurtfankurve Individualpsychologie als Erklärungsmuster nutzt, sich aber trotzdem von „den Pomos“ als Materialistisch abgrenzen, obwohl sich glücklicherweise die meisten von denennicht (mehr?) so viel „Idealismus“ leisten.

Um auf die rhetorische Frage zu antworten: Das Verständnis von „Materialismus“ ist weit gestreut – nach Principle of Charity stürzen wir uns mal ausnahmsweise nicht auf die mögliche Bedeutung für die Dinge wie sie sind sprechen zu wollen und also übersinnlichen Zugang zur Wahrheit vorauszusetzen – und irgendwelche Verortungen im Netz der Positionen des 19. Jahrhunderts bringen uns heute nicht sonderlich weiter. Dieser Gegensatz ist wahrscheinlich mittlerweile nicht einmal mehr zu dekonstruieren, sondern gleich zu destruieren.

Wenn wir das aus dem Weg haben können wir anfangen produktiv darüber nachzudenken wie wir die Verzahnungen von Wahrheitswirkungen, Praxen, Institutionen usw. am besten untersuchen ohne einseitig die bretter immer nur an der dünnsten stelle zu bohren.