(R)Evolution und Punk

16. Oktober 2012

Wenn der Iro und lange Haare szenefähig werden und Hosen mit Löchern oder Schlag über den Catwalk laufen (wenn also Dissidenz als Differenz sich verkauft?1).

Wenn Indepentmusiker*Innen ihre eigenen Labels gründen, Selbstmanagementliteratur lesen und sich ganz „authentisch“ (weil nicht „musikindustriell korrumpiert“) vermarkten.

Wenn bekannte „Punk-Musiker“ die Nationalhymne bei der Reason Rally 2012 performen, Bücher mit Titel Anarchy Evolution und Population Wars herausbringen und derartige Statements von sich geben:

„Weißt du, ich glaube, der Grund dafür, dass die Dinge sich so entwickelt haben […] liegt daran. dass da irgendwas in unserem Lebensraum ist, das in den Menschen eine Sehnsucht erzeugt hat, einen Refrain und eine Strophe zu hören. Diese Formen, die sich entwickelt haben, konnten entstehen, weil sie anpassungsfähig waren. Sie bedienten eine bestimmte Funktion in unserer biologischen Natur. Warum sollte man also Menschen aus ihrer eigenen biologischen Natur aufwecken, wenn diese Natur es ist, die sie zufrieden macht?“2

Darf ich am (Konzept) „Punk“ zweifeln?

Darf ich der Kulturindustrie gratulieren?

Darf ich dem Kreativitätsdispositiv (der Künstlerkritik) die Hand schütteln?


1 vgl. den Klassiker hierzu: Holert, Tom & Terkessidis, Mark (Hg.): Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft.
Berlin: Edition ID Archiv, 1996.
2 S.107 in: Uschmann, Oliver: Bad Religion und die Dialektik der Aufklärung. S.103-108 in: Testcard#12: Linke Mythen. Büsser, Martin; Behrens, Roger; Plesch, Tine & Ullmaier, Johannes (Hg.), Mainz: Ventil, 2003.

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Urheberrecht

30. September 2012

Unabhängig von der wirklich höchst merkwürdigen Auffassung der Einheit eines Werkes, baut das Urheberrecht auf die folgende Säule auf:
Es herrscht das „Schöpferprinzip“ (§7UrhG): Urheber*In des Werkes kann nur die Schöpfer*In des Werkes sein. Das heißt, als Schöpfer*Innen kommen nur natürliche Personen in Frage, Computer, Tiere, juristische Personen etc. nicht.

Wir erkennen den impliziten Idealismus dieses Gesetzes: Die Idee kommt vor ihrer materiellen Verwirklichung (algorithmisch-computergenerierte Musik oder eine Katze, die über eine Klaviatur läuft, hat keine Idee). Seltsamerweise basieren wiederum musikwissenschaftliche Gutachten (nach Kriterien d. Werkanalyse), die Grundlage für gerichtliche Urteile zum Urheberrecht darstellen, auf einem impliziten Positivismus.

Wir resümieren: Hier stellt der Kapitalismus den Hegel vom Kopf auf die Füße!