Kulturellepraxis live

12. September 2012

Gastbeitrag von Balduin

„Nehru, ist das nicht der Typ der Nepal angezundet hat?“ – „Nee du, ich glaub, du meinst Neapel.“ – „Jedenfalls nicht Rom.“ – „Hat er überhaupt was angezündet?“ – „War er Raucher?“


Altes Notizbuch

27. Juni 2012

„Was ist passiert? Mittlerweile nichts außergewöhnliches mehr. Aber wer war ich?“


Platzordnung

7. Dezember 2011

Fortsetzung zu Schunddruck und Meisterwerk

Mit Odradek

Gestern stellte ich den Marx zurück ins Bücherregal. Was passierte? Nun, Engels klopfte ihm freundschaftlich auf den Buchrücken, alle Hegel-Bände drehten sich plötzlich vom Kopf auf die Füße, die Nietzsche-Ausgaben schüttelten sich, Foucault-Bücher gingen auf Distanz und Derrida-Monographien drohten, den Buchrücken (oder gleich das ganze Regal) zu dekonstruieren, ein Althusser-Buch versuchte ihn noch einmal zu lesen und Cultural Studies-Aufsätze probierten ihn umzudrehen, ein Bourdieu-Schmöker stampfte im Morsecode, vehement fragend, ob das jetzt wirklich „Klasse“ sei (eine Williams- und eine Thompson-Monographie morsten einstimmig zurück „Nein“), Werke Adornos sprangen drei Regalbretter nach unten in nächste Nähe (auf halber Strecke freundlich der Psychoanalyse-Abteilung zunickend), versuchten dabei die Lenin- und Maobibeln sowie die Brechttexte aus dem Regal zu schubsen. Jene wiederum blieben an Marx hängen, wurden der Form des Buches aber nicht wirklich gerecht (ihn hat ja auch nie jemand gefragt). Adam Smith fiel übrigens hinter das Regel.

Was war passiert? Marx‘ Gespenster waren wohl doch ein Poltergeist …


Critical Boot Studies #2: Märchen

29. Oktober 2011

Beginnen wir die Kritischen Stiefelstudien germanistisch mit dem gestiefelten Kater. Nun ja, fraglos ein ganz grimmiger und sicherlich gleich dem Kapitalisten zur Seite zu ordnen. Er trug zur fortschrittlichen „Entzauberung der Welt“ bei, indem er durch einen hinterlistigen Trick einen Magier verspeiste und damit dem armen Müller ein Leben in Reichtum und einen prestigeträchtigen Platz in der patriarchalen Matrix sicherte.
Siebenmeilenstiefel, ein weiteres Märchenmotiv, das die gnadenlose Mobilitätsanforderung der neoliberalen Optimierung des Kapitalismus vorwegnimmt.


News, News, News

19. Oktober 2011

Mit drkultur

Kaum geschieht eine bestimmte Art von medienwürdigen Verbrechen, steht die Täter*Innengruppe schnell fest. Faktenfreies Profiling gewissermaßen (gibt es ein Anderes?). Das beste Beispiel war eine mustergültige Blamage: Bei Breiviks Anschlägen zunächst Islamist*n verdächtigen. Oder Sachbeschädigung – brennende Kraftfahrzeuge, Bahnanschläge (mit zünderlosen Getränkeflaschen) – durch „Linksterrorismus“; unsere Leser*Innen wissen es besser. Zuguterletzt müssen Schulamokläufe grundsätzlich mit Computerspielen, evtl. noch Inet, früher einigen Musikstilen zu tun haben. Nicht zu vergessen homophobe oder sexistische Übergriffe als „migrantisch“ zu othern (siehe z.B.).

Wir folgern, wie die ultimative Anschlagsmeldung aussieht:

Computerspielsüchtiger linksextremer Islamistennazi fährt mit brennendem Charlottenburger Auto in einer jüdischen Mädchengrundschule in der Kabuler Innenstadt Amok.


(Er)Lösung

11. Juli 2011

Auch wenn Discordier wissen, Erlösung ist Unsinn, wie Unsinn ist Erlösung ist: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen „Lösung“ und „Erlösung“?

Viktor Frankl soll auf die Frage, was denn nun der  Sinn des Lebens sei geantwortet haben, dies sei wie die Frage nach dem besten Zug beim Schach …


Libidonöse Theorien

8. Juni 2011

Aus psychoanalytischer Richtung ausnahmsweise eine bemerkenswerte These gehört, nämlich, daß psychodynamische Triebstrukturen im Verhältnis zu Theorien Ähnlichkeiten mit denen zu Menschen aufweisen. Daß zumindest teilweise ein „libidonöses“ Verhältnis zu Theorien besteht kann die Kulturellepraxis nicht bestreiten und bei näherer Betrachtung scheint das Verhältnis zu Theorien tatsächlich den komplizierten Ausgestaltungen des Sexuallebens zu ähneln:

  •   Serielle Monogamie: Jeder akademische Abschnitt eine Theorie. Auch theoretische Seitensprünge werden dabei bisweilen berichtet und im Nachhinein verschleiert
  •   Altes Ehepaar: Gehörten irgendwie schon immer zusammen und entwickeln bisweilen merkwürdig anmutende Kommunikationsformen
  •   Die nervigen Pääärchen: An sich bisweilen nett, aber zusammen unerträglich (kommt besonders häufig im Marxismus vor)
  •   Homosexualität = Postmoderne: Galt früher als pervers, doch auch heute feinden einen einige dafür an; brachte eine ursprünglich vielversprechende Bewegung hervor, in dessen Mainstream sich mittlerweile zuviele Honks tummeln
  •   Polyamory: Interdisziplinarität
  •   Casual Sex: Oberflächliche Beschäftigung ohne allzugroßen Aufwand. Etwas Fruchtbares kommt dabei höchstens versehentlich heraus
  •   Wechselnde heiße Affairen: Gilt teilweise als etwas anrüchig, führt aber bisweilen zu breit gefächerter Erfahrung
  •   Sexarbeit: Für Geld anderer Leute Arbeiten schreiben …
  •   Asexualität: In beiden Fällen recht selten
  •   Theoriestalking: All jene private Weiterentwicklungen von Theorien, die über Jahre in der Schublade namnes „Eigene Ideen“ auf ihren großen Tag warten. Dann entwickelt sich die Theorie unter dem Einfluss anderer in eine ganz andere Richtung und pers stellt fest, dass sie sowieso nie erreichbar war. Vgl. Esoterik: Würde gerne, aber wird es nie sein
  •   Friends with Benefits: Zwar irgendwie mit einer Theorie enger assoziert sein, aber keine tiefe Bindung zum Denkkollektiv haben (wird häufiger geheimgehalten); vgl. Groucho-Marxismus
  •   Pornographie: Jedes neue Paper, jede (Mess-)Kurve darin wird eingehend begutachtet, ohne daß es dabei zu eigentlichen Kontakten mit der Materie kommt
  •   Patchwork-Familie: „Ich war mal mit einer/m anderen verlobt“- Dipl.-XXX Dr.-YYY (Einführung der Bachelor-Master-Studiengänge sollte dies verschärfen)
  •   Verhütung: Die Verwendung von (Radier-)Gummis ist sicherer
  •   Queer: Grenzen mehrerer Fachgebiete verwischen; in beiden Fällen paradigmatisch: Trans*(disziplinarität)
  • Travestie: So überzeugend ’simulieren‘, daß es autentischer als das Original wirkt und damit dessen ‚Originalität‘ in Frage stellt; vgl. Sokalismus