Bauprojekte

16. Juli 2013

Schon jetzt gilt die unvollendete Elbphilharmonie mit 575 mio. Euro als das teurste Konzerthaus der Welt. Zum Vergleich: die Aussichtsplattformen des Fernsehturms wieder nutzbar zu machen wäre für 5-10 mio. machbar. Konzerte könnten auch hier stattfinden, die Akustik dürfte auch nicht schlechter sein, für das zu erwartende Interesse dürfte der Raum reichen. Angesichts der Berichterstattung über die Elbphilharmonie – siehe Ende dieses Artikels – besteht der Eindruck, als handele es sich um ein schlecht geplantes und lange verzögertes Projekt. Aber ist die Planung wirklich so schlecht? Ungeahnte Gewinne und lange gesichterte Arbeitsplätze deuten auf das Gegenteil hin. Und bislang kann von langer Bauszeit keine Rede sein, bedenken wir jene des Kölner Doms. Gleichwohl sich die Kosten für letzteren schwer errechnen lassen dürften, Hamburg hat hier nun endlich mal gelegenheit, zu zeigen was es kann und Köln im Bereich Korruption/Filz eindeutig gewachsen zu sein. Stuttgart und Berlin ohnehin: Der Neubau des Stadtschlosses dürfte, so nach historischen Plänen durchgeführt sogar funktionieren, in Preußen wurde Effiziente Planung noch großgeschrieben (siehe auch).

Angesichts dessen vermochten wir Gerüchte, besorgte Bürger*innen erstreben eine für die Stadt gesichtswahrende Exit-Strategie und suchen verzweifelt nach Weltkriegsbombenblindgängern (1), (2) für die Baustelle bislang nicht zu bestätigen. Da eine Fortsetzung des Baus den deutlich größeren Schaden anrichtet, scheinen auch terroristische Anschläge von Seeseite – wir erinnern uns, Terrorfahnder*innen in den Reihen unserer treuen Leser*innen begrüßen zu dürfen, an jenen auf die USS Cole – recht unwahrscheinlich. Und das nicht nur, weil kompetentes Personal schwer zu finden ist; bei jener kompetenten Architekturgestaltung könnte auch ein Schlauchboot ohne Sprengstoff reichen.

Ein Sprecher des Hamburger Landesamtsverbands linksextremistischer Chaot*innen & Terrorist*innen dazu: „Was Elbphilharmonie und Hafencity angeht, setzen wir lieber auf eine Nachhaltige Strategie. Im Rahmen der deutschlandweiten Flutkampagne [siehe (3), siehe nicht (4); Anm. d. Red.] sind unsere Mitglieder sind zu möglichst hoher CO2 Produktion aufgerufen. Muhaha, einzig Helmut Schmidt könnte uns noch stoppen!“

Mehr zur Elbphilharmonie von der Kulturellenpraxis:

Siehe auch Postillon:


Neue Universität

17. Juni 2013

Mit Hackerschorsch

Nachdem der Umzug auf den kleinen Grasbrook wohl (hoffentlich) vom Tisch ist, aber immernoch Begehrlichkeiten auf die teuren Grundstücke der Universität Hamburg herrschen, außerdem „Einsparungen“ den Platzbedarf massiv herabgesetzt haben, wird nach einem neuen, allerdings innenstadtnahem Standort gesucht. Unter dem Titel „Heinrich-Hertz-Hochschule“ verlegen wir die Uni deshalb einfach in die seit 12 Jahren leerstehende Aussichtsplattformen des Hamburger Fernsehturms. Hier schonmal Material für die PR-Abteilung:

  • Hoch-Schule
  • Überblickswissen
  • Hohes Niveau
  • Leuchtturmprojekt
  • Herausragend („Stands out“)
  • Strahlt weit aus
  • Elfenbeinturm
  • Aufstiegsmöglichkeiten
  • regelmäßig polarisierend
  • stark frequentiert
  • angegliederte Autovermietung

Studieren Sie an der Heinrich-Hertz-Hochschule. Wir vermitteln Überblickswissen auf höchstem Niveau und bilden damit ein herausragendes Leuchtturmprojekt, welches weit ausstrahlt. Zwar bekennen wir uns zu klassischen Bildungsidealen des Elfenbeinturms, bieten aber auch gewaltige Aufstiegsmöglichkeiten. Unserem Namensgeber werden wir gerecht, denn nicht nur unsere angegliederte Autovermietung ist stark frequentiert, wir wirken auch regelmäßig polarisierend.

Allerdings soll die Köhlbrandbrücke abgerissen werden. Eine Uni, die schon bessere Tage gesehen hat würde perfekt zu diesem Bauwerk passen. Zumal dies optimal die Symblolik der Bridge-Trilogie aufgreift: Veraltete Technologie gerät in eine Krise, woraufhin durch Selbstorganisationsprozesse – in diesem Fall, wie auch schon in „Red Star, Winter Orbit“ durch Besetzung – ursprünglich unintendierte Verwendungspraxen entstehen. In einer cyberpunkigen Verbindung von Hightech und Lowlife, sowie Technologie und Mensch entsteht Neues.

  • Gehobene Ansprüche
  • Keine trockenen Stoffe
  • Erforschung von Brückentechnologien
  • Fördert Inselbegabungen
  • Tiefgründig basiert
  • Basis befindet sich im Fluss
  • Spannt einen weiten Bogen
  • Uferlose Möglichkeiten
  • Ermöglicht Zugang (z.B. nach Waltershof)

Die neue Hochschule für gehobene Ansprüche ermöglicht tiefgründig basiert ungeahnte Zugänge (z.B. nach Waltershof). Hier wird ein weiter Bogen gespannt von Brückentechnologien bis Inselbegabungen, hier herrschen uferlose Möglichkeiten. Dabei beschäftigen wir uns nicht mit trockenen Stoffen, denn unsere Basis befindet sich stets im Fluß.


Lovepicking

16. April 2013

„Hamburg übernimmt auch gerne die dümmsten Trends aus Berlin“, dachte ich mit Blick auf teure Dauerbaustelle der Elbphilharmonie, unterwegs heimwärts auf die Insel. Bekanntlich leidet Hamburg an Schlossneid. Nahe Landungsbrücken – zwischen Tourihorden und Österreichfahnen – hängen jetzt auch für queerlesende schnell als Lovelocks identifizierbare Vorhängeschlösser. Furchtbare Symbolik.

Ob nun den Lockpickingkompetenten in dieser Stadt normativitätskritisches Unbehagen an soetwas fehlt oder sie Sancznys Argumente so überzeugend fanden, bleibt ungeklärt. Doch keine voreiligen Schlüsse. Handelt es sich hier wirklich um ein hetero- und mono-normatives Ritual?

So kam es zu einer seltenen Verbindung aus der Quantifizierungswut meines Nebenfaches Psychologie und Neugier, durch welche ich mich entschied, statt des Alten Elbtunnels eine Fähre für die Heimfahrt zu nutzen – btw. sehr empfehlenswert – und die Wartezeit zählend zu nutzen.

Die Methode
Positivistischer Methodik ist leider ein Zug ins Affirmative inhärent, also schrieb ich Namen auf den Schlössern wenn möglich eines von zwei Geschlechtern zu. Unleserliche oder (vel) nicht problemlos zuordbare Namen, sowie unbeschriftete Schlösser wurden als „ungeklärt“ gelistet.

Das Ergebnis:
Heten: 30
Homo: 2 (jeweils weiblich identifizierten zuschreibbare Namen)
Ungeklärt: 17
Zwei Zusammengefügte Schlösser: 1
Schloss mit vier Namen (teils nicht eindeutig geschlechtlich zuordbar): 1

Die Auswertung:
Es gibt also auch andere kreative Methoden als Lovepicking, hetero- und mono-normative Momente an dieser Unsitte zu durchkreuzen; wobei fragtlich bleibt, wieviele sich diese dinger so genau ansehen. Zu hoffen wäre, daß – u.a. – damit dauerhaft der bereich der denkbaren Beziehungsformen erweitert werden kann.

Doch viel interessanter scheint die Frage, was dennoch unsichtbar bleibt; vielleicht sogar noch unsichtbarer wird. In diesem Fall läßt sich vergleichsweise einfach – auf die Gefahr hin, daß Spatzen und Kanonen aufeinander zu schießen beginnen – ein Beispiel finden: Beziehungslosigkeit. Nur ist das auch wieder so eine üble Gegensatz- und Sammelkategorie, mir fielen spontan Unterteilungen in Asexualität, Incel und Enthaltsamkeit ein, d.h., mir werden noch massenhaft andere entgangen sein; könnte interessant sein, sich darüber zu informieren. Bereitschaft dazuzulernen und hinter den Kollateralschäden der eigenen Bewegungspolitiken aufräumen mag ein viel zu seltener gemachter Anfang sein; aber ist das genug?

D.h., die Frage bleibt: Wie schaffen wir es, nicht nur die Enge eines „uns“(tm) zu konstruieren und für den Lebensstil dieses „uns“(tm) und evtl. unserer Freund*innen/Verbündeten zu kämpfen? Diese Frage nicht loszuwerden nenne ich „queer“.


Positivismusgottesdienst #1

4. März 2013

Wenn der Positivismus die Fortsetzung der Religion mit anderen (wissenschaftlichen) Mitteln anstrebt und wenn Wittgenstein einer der reflektiertesten Vertreter*innen ist, wie können wir uns das vorstellen?

Eine Kathedrale, die „der allgemeine Begriff der Bedeutung […] mit einem Dunst umgibt“  (PU §5). Erbaut wurde dieses sehr moderne Gebäude ausschließlich aus den „Bausteinen […] Würfel, Säulen, Platten und Balken“, möglicherweise mit Material einer schweizer Baumarktkette und der Legende nach von nur von einem „Bauenden A mit einem Gehilfen B“ (PU §2). Über dem Eingang groß geschrieben steht „Die Welt ist alles was der Fall ist“ (Tractatus 1).Wir besuchen sie Sonntag, „wenn die Sprache feiert“ (PU §39). Denn zur Eucharestie gibt es „fünft rote Äpfel“ (PU §1). Als der Pfarrer – der wie ein Dorfschullehrer aussieht – den Raum betritt, wird es ganz still, denn „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“ (Tractatus 7); außerdem trägt er einen Schürhaken. Die Predigt beginnt

„Wir fühlen, dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort.“ (Tractatus 6.52)

Es setzt der Chor ein mit M.A.Numminen.


Elbphilharmonie

9. Januar 2013

00:00 – Große Science Fiction Party unter dem Titel „Living in the Future“, es ist eingetreten, was niepserd für möglich hielt: Die Elbphilharmonie, das teuerste Konzerthaus der Welt, ist fertiggestellt und wird an diesem Tag feierlich eröffnet

00:01 – Einladungen für den interdisziplinären Sprachphilosophisch-linguistischen Kongreß „Elbphilharmoie fertiggestellt, ein Schlag für das Futur III Bewegung?“ werden verschickt

06:03 – Vor dem Schlafengehen bloggt der Musicalfan

„Es bleibt zu hoffen, die Elbphilharomie verschafft uns dann endlich soviele schöne Stunden, wie es die Flora tat, ich werde ihr auf jeden Fall einen Besuch abstatten.

Auf Nachfrage, ob er jetzt unter die Linksextremist*innen gegangen sei ergänzt er

Natürlich meine ich die Flora mit der roten Fassade, die andere finde ich komplett uninteressant. Sry für das Mißverständnis, bin gerade etwas unorganisiert

08:46 – Der Kaffee in der Strafversetzungsabteilung des Verfassungsschutz ist alle. Der zuständige Sachbearbeiter für Blogdurchsuchungen sieht die Meldung im Tran und berichtet seinem Vorgesetzten:

Chaoten aus dem Flora-Umfeld planen „schöne Stunden“ in der Elbphilharmonie

09:23 – Der Vorgesetzte(1) überprüft den o.g. Blogger und findet heraus, der Titel seiner Dissertation lautet: „Aspekte des Autonomiebegriffs in §8 der Kritik der praktischen Vernunft“. Sofort geht eine Alarmmeldung an die Hamburger Polizei,

Autonome aus dem Flora Umfeld planen, der Elbphilharmonie „einen Besuch abzustatten“

11:48 – Großalarm bei der Hamburger Polizei. Der Innensenator sucht sein jägergrünes Sakko heraus. Gerüchte, daß der gesamte Seeheimer Kreis in StahlKevlarhelmen sind reichlich übertrieben.

12:56 – Ein erster Zwischenfall ekaliert, als sich Dekorateur*innen an der Sicherheitsschleuse vorstellen mit „Wir sind die Floristen“. Da per definitionem verhältnismäßige Mittel eingesetzt wurden, kann den betroffenen wegen ihrer gebrochenen Knochen trotz des bedauerlichen Irrtums die Anzeige wegen Widerstands nicht erspart werden

13:32 – Großeinsatz mehrerer Hundertschaften, eine Mobiltoilette wurde mit der Aufschrift „besetzt“ versehen. fünf Beamte werden leicht durch die eingesetzten Unmengen an Reizgas verletzt.

13:34 – Die DPolG gibt eine Erkärung heraus.

Fünf verletzte Beamte ist ein trauriger Rekord an menschlicher Grausamkeit, den der schwarze Block heute angerichtet hat. Es zeigt, niemand respektiert unsere Autorität. Deshalb muß ein Verbot von Kennzeichnungsschildern im Grundgesetz verankert werden und die Hamburger Polizei braucht endlich eine Bärenstaffel!

Versehentlich geht die Pressemitteilung an alle Hamburger Radiosender heraus.

14:03 – Im FSK Büro liest ein Büro-AG Mitglied diese Meldung. Da die eigentlich gerade sendende Person verspätet ist, wird die Gelegenheit genutzt, eine bissige Kurzmeldung zu den Ereignisse zu senden. Auf mysteriösen Verbreitungswegen landet die Meldung letztlich auf Facebook

14:51 – Gerade in ihren Eigentumswohnungen in der Schanze erwachende elbvorortsstämmige Studierende nützlicher Fächer lesen diese Facebookmeldung, hoffen auf ein unterhaltsames Krawallerlebnis – für irgendwas müssen die teuren Anwälte ja gut sein – und holen die 79€ teuren Kapuzenpullis aus den begehbaren Wandschränken

16:26 – Um den anstehenden Großeinsatz zügig und koordiniert über die Bühne zu bringen entscheidet sich die Polizeiführung zum Einsatz von Agents Provocateurs

17:13 – Agents Provocateurs, Verfassungsschutz-V-Leute und o.g. Elbvorortkiddies treffen aufeinander. Aus Angst vor Spitzeln gilt jedes Zögern und Mäßigen schnell als Anzeichen von Verrat.

18:56 – Erste Ausschreitungen. Der Innensenator ordnet an „verhaften Sie die üblichen verdächtigen“. Dies erweist sich als überraschend einfach, da sich die meisten dieser gerade bei einer Podiumsdiskussion in der (roten)Flora über den verkürzten Kapitalimusbegriff der Occupybewegung (untertitel: „was hätte Adorno gesagt“) mit anschließendem Breakcore-Konzert befinden.

19:36 – Da die Randalierenden ungwöhnlich gut organisiert sind, das Codewort nur selten vergessen wird und keine brauchbaren Lageberichte zur Verfügung stehen, weil aufgrund zu kurzen Vorlaufs keine FSK-Liveberichterstattung läuft, fordert der Bundesinnenminister – unter frenetischer Zustimmung des Finanzministers – Bundeswehreinsatz. Elternverbände werfen ihnen vor, zusehr durch die GTA-Spielereihe beinflußt zu sein.

20:15 – ARD-Brennpunkt. Die Elbphilharmonie ist nicht mehr, die Hafencity steht in Flammen. Ein Glücksfall für den Hamburger Landeshaushalt, der nun die Mehrkosten für die Elbphilharmonie nicht mehr schultern muß. Beobachter*innen sind sich einig, daß es sich um ästhetische Verbesserung für das Stadtbild handelt.

21:12 – Der Senat beschließt in Telephonkonferrenz, wie mit der bis auf die Grundmauern abgebrannten Elbphilharmonie zu verfahren ist. Konzerte finden auf dem nun freien Platz unter dem Namen Ground Xero statt. Zum Regenschutz sollen Vordächer an die verbleibenden Mauerreste angebracht werden. Nach einer Kosten- und Statikprognose von Hoch-Tief wird beschlossen, über V-Leute sich das Knowhow der Roten Flora dafür zu besorgen.


Kai-Horst

1. Dezember 2012

Fast in einem Anflug von Nostalgie, soll hier ein Studierendencafé-Mem für die Nachwelt dokumentiert werden, das der Gründung der Kulturellenpraxis maßgebend vorausging.

Da jetzt zumindest die Existenz des NSU, sowie beunruhigende Verbindungen zum Verfassungsschutz herausgekommen sind, ist anzunehmen, bleibt zu hoffen, daß es wenigstens interne Disziplinarmaßnahmen gab. Sei es auch nur für das Herauskommen

Was aber ist die übelste Strafversetzung, die einem Inlandsgeheimdienst zur Verfügung steht? Freie Radios zu hören ohne Möglichkeit des umschaltens mag bisweilen unangenehme Momente haben – einige sendende sind Dilettan*n  -, doch beispielsweise FSK erfreut sich selbst bei der Hamburger Polizei hoher Beliebtheit.

Die übelste Strafversetzung aller Überwachungsbehörden ist der Horchposten Studierendencafé. Codename de* abhörenden lautet „Kai-Horst“. Stellen wir uns vor: den ganzen Tag pseudoakademisches Gelaber, gefühls- oder dogmenlinke Tiefflüge, Flugblattschreiben, endlose Sitzungen.


Kulturellepraxis live

12. September 2012

Gastbeitrag von Balduin

„Nehru, ist das nicht der Typ der Nepal angezundet hat?“ – „Nee du, ich glaub, du meinst Neapel.“ – „Jedenfalls nicht Rom.“ – „Hat er überhaupt was angezündet?“ – „War er Raucher?“