Sammelklage

11. November 2011

Nachdem dem Erfolg von Paramount gegen Apple im Urheberrechtsstreit um das PADD folgt der nächste Schlag: Seepiraten verklagen die Software- und Tonträgerindustrie wegen Mißbrauch ihres Markennamens. Ein Sprecher der internationalen Pirat*innengewerkschaft (GdPi) im Gespräch mit der Kulturellenpraxis (KP):

GdPi: Es ist ein Skandal, über Jahrhunderte haben wir uns veruscht einen gefährlichen Ruf aufzubauen und jetzt wird unser guter Name für sowas harmloses wie unerlaubte Vervielfältigung mißbraucht.
KP: Sie meinen „Raubkopieren“?
GdPi: Kommen Sie mir nicht mit diesem furchtbaren Begriff! Ein Raub impliziert Gewalt oder zumindest dessen Androhung. Das erfodert bedrohliches Auftreten, teure Waffen, eine Bereitschaft zur Aggression. Jetzt wird irgendein Herumgenerde mit dieser Anspruchsvollen Arbeit gleichgesetzt?
KP: Sie sehen ihre Berufsehre durch diesem Sprachgebrauch verletzt
GdPi: Wenn es nur das wäre! Wenn wir Schiffsbesatzungen mit vorgehaltener Waffe bedrohen oder gar Geiseln nehmen, sind wir darauf angewiesen, Angst verbreiten zu können. Das hat zwar schon die romantisierte Darstellung wie Pirates of the Carribbean unterlaufen, aber da fühlten wir uns noch geschmeichelt. Sehen Sie, unsere Geschäftsgrundlage ist v.a. eine psychologische. Statistiken zeigen, von 2003-2008 hat unsere Aktivität zwar gewaltig gelitten, aber die diskursive Präsenz – die sich bis in Versicherungsprämien materialisierte – ist massiv gestiegen
KP: Klingt fast ein wenig nach Aktienmarktgerede
GdPi: Sie haben vollkommen Recht! Eine deutsche Bank – ich sage natürlich nicht welche – plant gerade ein innovatives Finanzprodukt für krisensichere Anlagen. Dort werden Aktien von Waffenherstellern, uns, aber auch s.g. „Sicherheitsfirmen“
KP: Sie meinen Söldner*innen Unternehmen?
GdPi: Genau, also ein Aktienfonds, der in Waffen, Söldner und Piraten investiert …
KP: Sie verkaufen Aktien???
GdPi: Nicht nur das! Wiegesagt, Angst und Schrecken zu verbreiten ist unsere Geschäftsgrundlage – deshalb haben die Kolleg*Innen in Somalia ja solchen Erfolg, sie werden für Moslems gehalten und profitieren damit noch ein wenig von der Islamophobie
KP: Klingt, als hätten Sie längerfristige Geschäftsziele
GdPi: Genau, um längerfristig unser Hauptgeschäft zu stabilisieren, müssen wir unser Angst- und Schreckenspotential innovativ diversifizieren. Das Treitschke-Institut für geisteswissenschaftliche Nutzenoptimierung und Brandstiftung hat uns da beraten. Der neue juristische Flügel war ja Anlaß des Gesprächs, auch im erwähnten Finanzmarktszweig sehen wir auch viel Potential. Besonders stolz sind wir aber auf unser drittes Standbein, den Lobbyismus. Wir versuchen – an alte Traditionen anknüpfend – wieder Kaperbriefe zu bekommen. Handelskriege sind so aufwendig und Militärschiffe kosten ein Vermögen. Die Regierungen müssen einsehen, daß es sich hier um eine Win-Win Situation handelt. Beispiel Deutschland, wenn Griechenland irgendwann so pleite ist, daß sie nichteinmal mehr Rüstungsgüter abnehmen können – was dann? Dann kommt heraus, daß auch Deutschland hochverschuldet ist. Es sei denn, die Nachfrage kann nur durch Privatisierung erhalten werden, skrupel, an wen exportiert wird bestehen ohnehin nicht [1], [2]. Und wir setzen Schiffe auch mal für gefährliche Einsätze ein und sind zusätzlich noch bereit, unsere Gewinne daraus zu investieren
KP: Ökonomistisch denkende Piraten, jetzt bekomme ich es wirklich mit der Angst zu tun …
GdPi: Zugegebenermaßen, wir hinken dem Trend etwas hinterher. Gerüchteweise soll Al’Qaida längst von der Ausbildung von Selbstmordattentäter*innen zu der von Bankern übergegangen sein, da diese mehr Schäden verursachen können; das wurde möglich, nachdem diese psychologische Studie gezeigt hat, daß BWL das Hirn ähnlich erfolgreich wie Religiöser Fundamentalismus vernebelt
KP: Werden Sie Ihre Markenrechts-Klage auch auf die in Europa entstehenden Piratenparteien ausweiten?
GdPi: Nein, das haben wir ersteinmal nicht vor, soviel Anfeindungen, wie die teilweise ausgesetzt sind, scheinen sie z.Zt. mehr Angst und Schrecken zu verbreiten als wir. Keine Ahnung weshalb. Außerdem erinnert deren Frauenbild sosehr an das goldene Zeitalter der Piraterie im 17. Jahrhundert …
KP: Sie spielen auf Thomas Laqueur und die Eingeschlechtertheorie an?
GdPi: Genau. Aber sagen Sie mal, dieser Flachwitz von Piraten, die auf Markenschutz klagen, ist doch so naheliegend, daß es sich um einen alten Hut im Internet handelt
KP: Naja, sowas nennt sich dann irgendwann „Mem“, außerdem fanden wir es irgendwie pomo-nerdig, beim Thema Piraterie eine Art Meta-Piraterie zu begehen.
GdPi: D.h., Sie waren zu faul zum goolgen bei ixquick?
KP: Wir danken für dieses aufschlußreiche Gespräch

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23. September 2011

Aktuelle Kamera Tagessschau vom 22.09.: Bericht über Demonstrationen in Griechenland. Es sind eindeutig anarchistische Symbole zu erkennen, u.a. das Squatting Sign. Ein Sprecher kommentiert, daß in Griechenland wieder tausende Entlassungen von Staatsbediensteten protestieren.

Staatstragende Anarchist*Innen?!?


Omnibusthema

20. August 2011

In Zusammenarbeit mit Odradek

Viele große Tageszeitungen – und sogar die Junge Welt – titeln mit brennenden Autos in der Bundeshauptstadt (wir berichteten). Doch das Omnibusthema1 ist heute ein anderes


1 Omnibusthemen definiert (Bourdieu) als: Nivellierung, Banalisierung und Selektion von Informationen um die breite Masse zu erreichen und niemanden zu schockieren. (siehe auch: Bourdieu, Pierre (1998): Über das Fernsehen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S.62/63); doch in Fällen wie diesem vermag es schon zu schocken.


Been there, …

17. Juli 2011

In den Nachrichten die Rede von einer Hungersnot in Somalia. Will da jemand Hoffnung wiederherstellen?


Was wäre wenn…

20. Februar 2011

In Zusammenarbeit mit Odradek

… Gott einfach mal sieben Tage blau gemacht hätte?
… wir Kain zum ersten Märtyrer der Tierbefreiungsbewegung erklärten?
… wenigstens Vader Abraham seinen erstgeborenen Schlumpf geopfert hätte?
… Moses eine Sicherheitskopie der fehlenden 5 Gebote auf externer Steinplatte angelegt hätte?
… Xanthippe und Sokrates zur Paartherapie gegangen wären?
… Platon in einer Höhle gelebt hätte?
… die Leute bei Diogenes regelmäßig containert hätten?
… das Verhältnis zwischen Alexander dem Großen und Aristoteles eher platonisch gewesen wäre?
… Archimedes in der Badewanne ertrunken wäre?
… Cäsar an den Iden des März mit Grippe zu Hause im Bett geblieben wäre?
… sie versucht hätten, Jesus zu ertränken?
… Luther gewusst hätte, dass man den (Fehler)teufel nicht mit dem Tintenfass, sondern mit Tippex austreibt?
… Johannes Gutenberg seine Zitate hätte nachweisen müssen?
… im „Krieg aller gegen alle“ alle Hobbes gehen?
… Descartes „cogito Bienchen sum sum sum!“ ausgerufen hätte?
… Newton grübelnd unter dem Fenster einer Ambossfabrik gesessen hätte?
… Leibniz doch nur ein alberner Keks ist?
… John Locke von einem Neugeborenen eine Tafel mit der Aufschrift „Äääätschhh Alter“ entgegengehalten worden wäre?
… Kant sich nicht nur mit dem Ding an sich beschäftigt hätte?
… Napoléon 10 cm größer gewesen wäre? (oder kleiner, nachher heiße es, wir behaupten, große Männer machen Geschichte)
… Hegel die Ideen ausgegangen wären und er schließlich, ohne Job, ein Dasein in materieller Not gefristet hätte?
… Marx in Wirklichkeit Chemnitz geheißen hätte? (und Stalin sich Eisenhütt, und Lenin sich Sankt Peter genannt hätte?)
… Perrys Schwarze Schiffe grün gewesen wären?
… Edison bei der Erfindung der Glühbirne kein Licht aufgegangen wäre?
… Nietzsche ein Buch mit Trinksprüchen geschrieben hätte?
… ES Freuds ICH ÜBER die nasale Phase herausgeTRIEBen hätte?
… Einstein ins Rollen gekommen wäre?
… die Oktoberrevolution im November und der 11. September im August gewesen wären?
… die „Dialektik der Aufklärung“ von Adonis und Pappenheimer geschrieben worden wäre?
… Maslow in einer Bedürfnispyramide (ganz unten) bestattet worden wäre?
… das Atomium in Brüssel Quanteneffekte entsprechender Größenordnung auslösen würde?
… Charles Whitman und Lee Harvey Oswald in Hornberg schießen gelernt hätten?
… Wittgenstein mit dem Schürhaken nicht nur rumgefuchtelt hätte?
…Popper ein pfeiferauchender, spinatessender, prügelnder Seemann gewesen wäre?
… das hässliche Hasen-Entlein ein schwarzer Schwan gewesen wäre?
… Konrad Adenauers Patentideen in den 1910er Jahren (elektrisch beleuchteter Stopfpilz, künstl. Leberwurst, Maismehlbrot) Kassenschlager geworden wären?
… Die Teflonpfanne drei Jahre vor dem Sputnik auf den Markt gekommen wäre? (ist sie)
… Konrad Zuse die von-Neumann-Architektur entwickelt hätte? (hat er)
… sich Thatcher eine Lebensmittelvergiftung an ihrem Softeis geholt hätte?
… die Subalternen Spivak zugetextet hätten?


Rückverdummung jetzt, Teil #1

25. Januar 2011

Seit wann können Journalist*n und Politker* eigentlich bei mitteleuropäische1 Zeit von „XY Uhr deutscher Zeit“ sprechen, ohne dabei ausgelacht zu werden?

Gleiches für „Wahlperiode“ statt „Legislaturperiode“ …


1 Indessen gibt es Gerüchte, daß sich Großbritanien dieser Zeitzone, welche von Spanien bis Polen – also auch an der Insel vorbei – reicht, anpassen will; in Greenwich wäre die Uhrzeit damit stets „Greenwich +1“.


Stadtneurosen

8. November 2010

Irgendwie hat es die Psychoanalyse schon immer gewusst: Nicht nur Menschen können psychisch Erkranken, sondern auch Organisationen. Jetzt ist es amtlich. „Auch Städte sind neurotisch“, so der Titel einer auf dem psychoanalytischen Kongress Warschau vorgestellten Studie. Ihr Inhalt: Psychische Störungen, die sich bei Menschen beobachten lassen, können auch auf Einrichtungen, ja sogar ganze Städte, übertragen werden. Damit nicht genug, spezifische bei Störungen auftretende Verhaltensmuster ließen sich ebenfalls hier nachweisen. „Auch eine Stadt hat Komplexe und kann neidisch werden“, erklärt Dr. Ahlhaus von der Psychologischen Fakultät der Universität Freudenstadt.

Doch worauf soll eine Stadt neidisch sein? Die Antwort ist ebenso einfach wie genial: Auf andere Städte. „Das Phänomen ist hier ähnlich wie beim Menschen“, so Dr. Ahlhaus, „die weniger schönen, wichtigen, kulturellen, Städte beneiden die anderen.“ Doch welche Kriterien legen fest ob eine Stadt weniger schön ist? Nach den Untersuchungen von Dr. Ahlhaus scheint das Vorhandensein historischer Bauten, vor allem Schlösser, wichtiges städtisches Selbstbewusstseinskriterium zu sein, ebenso wie ein internationaler Flughafen mit mindestens vier Terminals oder der Status als Hauptstadt. „Wir konnten einen regelrechten ‚Schlossneid‘ bei schlosslosen Städten feststellen, ebenso Minderwertigkeitskomplexe wegen zu kleiner Flughäfen bzw. Bahnhöfe“, sagt Ahlhaus. Das Verblüffendste aber: laut der Ahlhaus Studie bedienen sich  Städte ähnlicher Bewältigungstragegien wie Patienten aus Fleisch und Blut. „Das müssen Sie sich ungefähr so vorstellen, wie Teenager, die sich übermäßig schminken um erwachsener zu wirken. Es werden vollmundige Namen wie ‚Messe- oder Kongressstadt‘ genutzt“, auch das Einverleiben nicht städtischer Gemeinden in eine sogenannte Metropolregion ist, gemäß Ahlaus  ein typisches Verhaltensmuster bei Schlossneid. „Meist wird zudem versucht, das nicht vorhandene Schloss durch pompöse Neubauten wie Konzerthallen, oder Einkaufspassagen zu kompensieren“, erklärt Ahlhaus hierzu.

Dabei ist nicht jede Konkurrenz zwischen Städten gleich als Neid auszulegen, noch ist sie per se schädlich. Laut Ahlhaus  ist simples Imponiergehabe, etwa das Ausrichten einer städtischen Großveranstaltung,  an sich harmlos. In einigen Fällen kann sich aus dieser kleinen neurotischen Störung jedoch eine handfeste Psychose entwickeln, „dass sind die Fälle bei denen wir von ‚pathologischen Schlossneid‘ sprechen“, erläutert Ahlhaus. Hier erreicht die Störung einen therapiebedürftigen Grad. Bei pathologischem Schlossneid wird, folgt man Ahlhaus Studie, das gesamte Verhalten einer Stadt von nicht zu befriedigenden Geltungsdrang gesteuert. Es kommt zu einer Wahrnehmungsverschiebung die diesen Geltungsdrang als städtische Kernaufgabe erscheinen lässt. In einem zweiten Stadium werden ihm alle städtischen Funkionen untergeordnet. Wenn jetzt nicht eingegriffen wird, folgt über kurz oder lang der finanzielle und physische Kollaps. Die Stadt kann ihre Kernaufgaben nicht mehr wahrnehmen kurze Zeit später setzt der soziale (Bildung, soziale Projekte) und letztendlich der physische Verfall (kaputte Straßen, marode Funktionsgebäude) ein.

Ob eine Therapie ähnlich wie beim Menschen möglich ist, darüber streitet die Wissenschaft, einig sind sich die Experten nur in dem Punkt, dass eine Kur schnellst möglich gefunden werden muss.

Betroffene Bürger werden es Ihnen danken!