Schwarmjustiz

1. Juni 2012

Verurteilung wegen Aufrufs zur Schwarmjustiz; welch ein Glück, daß der zu lynchende sich als unschuldig erwiesen hatte, wie hätte sonst die öffentliche Reaktion ausgesehen? Die Strafe wurde btw. nicht wegen dieser Tat verhängt, sondern wegen Verzichts auf einen Anwalt. Ein RechtsexperteHonk dazu „es ist ja nicht so, als wären dies islamistische oder linksextremistische Gewaltphantasien gewesen, gesundes Volksempfinden ist im deutschen Rechtssystem so verwurzelt wie die Sicherungsverwahrung.“

Indessen prüft Facebook Zivilrechtliche Schritte, der Mordaufruf war eindeutig AGB-widrig: Lynchmorde sind ‚Events‘, keine ‚Kommentare‘. Dies mag auch die Unentschlossenheit des Lynchmobs bedingt haben.

Das Pressebüro Joseph Konys hingegen begrüßte das Urteil mit der Kurzmitteilung „die deutsche Justiz hat eine eindeutiges Zeichen gegen Selbstjustizbestrebungen auf Facebook gesetzt.“, während das Innenministerium meint „dieser skandalöse Fall eines pädophilen – ach, er war Unschuldig? Ja? Ich fang nochmal von vorne an – dieser skandalöse Fall eines Mordaufrufs zeigt mal wieder, daß die Anonymität im Netz enden muß und wir dafür die Vorratsdatenspeicherung brauchen!“

Ein Kommentator auf NDR-Info stapaziert das naheliegende Bild des „dünnen Lackes der Zivilisation“; so schön die Pointe wäre, Facebook versetze uns in die vor-Steinzeit, das stimmt nicht. Sowas tarnt sich nur als „Naturrecht“, das ist nicht vorzivilisatorisch, sowas geschieht nicht trotz Zivilisation; ist das gar die Dialektik der Zivilisation?

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Gewerkschaften

28. Mai 2012

Mit drkultur

„Wer nur eine Minderheit vertritt, darf nicht jederzeit den ganzen Betrieb lahmlegen können.“ —Hundt

Merkwürdig, daß dies so vertraut wirkt.
Merkwürdig, daß Gestaltung durch dezentrale Politiken oder Vernetzungsfragen so wenig Diskussionsthema hierbei zu sein scheinen.
Merkwürdig, daß niemand mehr dezentralisierte Gewerkschaftsbewegungen erinnert.
Merkwürdig, wie scharf die Rhetorik gegen erfolgreiche Gewerkschaften ausfällt.
Merkwürdig, auf welcher Seite der Barrikade die etablierten Gewerkschaften stehen.
Merkwürdig, daß hier sogar das beknackte Occupy Argument eine angemessene Antwort wäre.
Merkwürdig, daß Repräsentationspolitiken so wenig problematisiert werden
Merkwürdig, daß immernoch nach der „Klasse an sich“1 + 2 gesucht wird


1 Pierre Bourdieu:
„Von der nur auf dem Papier existierenden Klasse zur „realen“ Klasse kommt man nur um den Preis einer politischen Mobilisierungsarbeit: Die „reale“ Klasse, sofern überhaupt jemals eine Klasse „real“ existiert hat, ist immer nur die realisierte, das heißt mobilisierte Klasse, Ergebnis des Klassifizierungskampfs als eines genuin symbolischen (und politischen) Kampfs um die Durchsetzung einer Sicht der sozialen Welt oder besser einer Art und Weise ihrer Konstruktion in der Wahrnehmung und in der Realität und einer Konstruktion der Klassen, in der sie zu unterteilen ist.“ (Bourdieu, Pierre: Praktische Vernunft. Zur Theorie der Handelns. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1998, S.25.)

2 (Wir dürfen hier für unser Beispiel ‚Partei‘ durch ‚Gewerkschaft‘ ersetzen):

„Wenn das Feld der Produktionsverhältnisse das spezifische Terrain der Klassenkonstitution ist, kann die Präsenz der Klassen auf dem politischen Feld nur als eine Repräsentation von Interessen verstanden werden. Durch ihre stellvertretenden Parteien vereinigen sie sich unter der Führung einer Klasse in einem Bündnis gegen einen gemeinsamen Feind.“ (Laclau, Ernesto & Mouffe, Chantal: Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. Wien: Passagen Verlag, 1991, S.95)

„Sobald jedes politsche Verhältnis als Repräsentationsverhältnis aufgefaßt wird, haben wir es mit einem zunehmenden Substitutionalismus zu tun: die Klasse wird von der Partei (Repräsentation der objektiven Interessen des Proletariats) und der Partei vom Sowjetstaat substituiert (Repräsentation der Weltinteressen der kommunistischen Bewegung).“ (ebd., S.103)

Also:

„Die Suche nach der „wahren“ Arbeiterklasse und ihren Grenzen ist ein falsches Problem, und als solches fehlt ihm jede theoretische und politische Relevanz.“ (ebd., S.133)


Humane Tierhaltung

20. Mai 2012

Kurzmeldung:

Massentierhaltung ist pervers! Tierhaltung auf Biohöfen mit genug Auslauf/Platz und dem richtigen Futter – da ‚artgerecht‘ – hingegen ist Ok und sollte weiterhin vorangetrieben werden. Dies ergab eine Studie bei der 500 Kühe, 1000 Schweine und 5000 Hühner befragt wurden. Die Interviewten auf Biohöfen gaben an, von Grund auf zufrieden zu sein. Ein Huhn hierzu: „Ich habe die 100 Tage meines Lebens total genossen.“ Viele der Befragten betonten immer wieder die humanen Bedingungen auf Biohöfen. Ein Schwein: „Schon seit Adorno wissen wir, dass die Kultierindustrie auf die Aufzucht von Massen aus ist. Hier hingegen sind wir frei und ich wünsche meinen Kollegen in der Massentierhaltung den orwellsch-emanzipatorischen Geist, damit es Ihnen hoffentlich auch bald so gut geht wie uns. Gut es muss ja nicht gleich ein neues System her (wie in der Orwell-Bibel), aber die soziale Tierwirtschaft ist schon ein historisch bedeutender Schritt.“  Eine Kuh eines biodynamischen Hofes erklärte: „Toll finde ich, wie individuell das hier zugeht. Zum Beispiel sprechen uns die Schlachter kurz vor der Schlachtung direkt mit Namen an. Da freue ich mich schon drauf!“


Aus akutellem Anlass: Wulff

18. Februar 2012

Wulff ist zurückgetreten. Das hat die Welt erschüttert:

Tätää! Tätää! Tätää!: Wulffs Rücktritt bringt Jecken und Narren um ihren alljährlichen kleinbürgerlichen Schabernack. Einer davon „Es bringt ja eh nichts, wie schon unser Goethe sagte ‚Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben'“ Jedenfalls ist der Karneval jetzt ruiniert. Besonders die Meister*Innen kleinbürgerlicher Unterhaltung – Bauchredner*Innen und Stand-Up-Comedians – sind frustriert; der sexistische Flachwitz (PAES!) „Wulff ist wie ein trägerloser Bikini: Keiner weiß was ihn hält und alle hoffen, daß er fällt“ muß aus tausenden Büttenreden gestrichen werden.

Weitere Ausfälle?: Die Berliner Bahnen haben für den heutigen Samstag einen Streik angekündigt. U-Bahnen, Busse und Metrotrams fahren nicht, lediglich die S-Bahnen sollen verkehren[!?!]. Aus akutellem Anlass wird aber überlegt, ob die S-Bahn-Station „Bellevue“ auch besser nicht angefahren werden sollte. (Falls doch, seien Sie gewarnt: Dort wird u.U. jemand mit gepackten Koffern warten und Sie bitten, seine Fahrkarte zu bezahlen. Auch Vorsicht: Die Person hat keine Immunität! Könnte ansteckend sein.)

To be continued…


Aus aktuellem Anlaß: Schreiber

11. Februar 2012

Schreiber ist endlich weg, gleichwohl aus den falschen Gründen (Obdachlose und Sexarbeiter*innen scheinen kein Grund, aber [lovejoybutton]). Als Nachfolger ist nun Schreiber im Gespräch – seine Kenntnisse in Steuerrecht, sowie seine Verbindungen gaben den Ausschlag. Zum Thema Zomia äußerte er sich aufgeschlossen „ich habe ja immer Koffer bevorzugt, aber die junge Generation muß ihren eigenen Weg finden. Mich würden z.B. Jutebeutel auch nicht stören.“


Aus aktuellem Anlass: Neumann auf der Berlinale

10. Februar 2012

Bundesbeauftragter für Kultur und Medien Bernd Neumann mahnte und erinnerte gestern bei der Eröffnung der Berlinale daran, dass in Ländern wie dem Iran und China, die Kunst mit Füßen getreten werde und es wichtig sei, dass „Flagge gezeigt wird für Menschenrechte und für die Freiheit der Kunst.“

Die Kulturelle Praxis mahnt und erinntert hieran.


Kulturellepraxis aktuell

6. Dezember 2011

Bei drei mindestens drei Hamburger*Innen kam es die letzten Tage unabhängig voneinander und ohne einen ungewöhnlichen Anlaß (nicht mehr geraucht als sonst) zu einem Fehlalarm des Rauchmelders. Mindestens zwei dieser Geräte waren optische Rauchmelder, bei ca. 1/10 ihrer Lebensdauer.

Woran kann dies liegen? Kam irgendwas in die Luft heute Nacht? Wurde die Luft kontaminiert durch Liebe? Oder will Hamburg mal wieder in seinem Schlossneid aufholen und mit der Berliner Luft konkurrieren?