Neues Musical

27. Juli 2017

Neue Flora besetztHeute legte die Rote Flora ihr neues Nutzungskonzept vor, den Vorstellungen der Politik von dieser Stadt näher zu kommen.  Nach der erfolgreichen Inszenierung des an diesem Ort so geschichtsträchtigen „Phantom der Oper“[1] folgt nun das nächste Musical am Achidi-John-Platz: „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“. Die Handlung ist am gleichnamigen DEFA-Film angelehnt, doch die musikalische Gestaltung folgt unlängst entdeckten Partituren von Hans Eisler aus einem verloren geglaubten Briefwechsel mit Theodor W. Adorno.

Die HADAG sagte bereits zu, die „C-Star“ aufzukaufen und anläßlich des Musicals in „Ernst Thälmann“ umzubenennen, am Design der neuen Lackierung wird z.Zt. fieberhaft von HfBK Studierenden gearbeitet. Nach ersten Soundchecks zeigte sich Kultursenator Dr. Brosda (SPD) beeindruckt und bot den Gestaltenden der Roten Flora spontan einen Gebäudetausch mit der Elbphilharmonie an.

Einzig aus den Reihen der Partei „die Partei“ gab es Proteste, Hamburg müsse Muscalfreie Zone werden[2], eine Räumung der Neuen Flora wird diskutiert. Anwohner*innen zeigten sich diesem Vorschlag gegenüber aufgeschlossen, gingen doch deutlich stärkere Belästigungen für sie vom Publikum der Neuen Flora aus. Innensenator Grote (SPD) bot an, die Lage mit dem erfolgreichen Einsatzkonzept vom 06.07.2017 ff zu entschärfen: Wer vor der Neuen Flora auf dem Radweg geht kann im Rahmen hamburger Verhältnismäßigkeit künftig mit Pfefferspray rechnen.

Im Rahmen dieser Kompromißverhandlungen unterzeichnete Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation bereits einen Kooperationsvertrag mit „Der Schwarze Block“® gGmbH, künftig müssen Halter*innen verkehrswidrig geparkter Fahrzeuge mit unbürokratischen Schnellverfahren mittels Grillanzünder rechnen.

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Locker Room Talk

14. Oktober 2016

Nachdem diverse Anschuldigungen Donald Drumpf neige zu sexueller Belästigung wie soviele seiner Untragbarkeiten im „postfaktischen“ Diskurs versickert sind, fiel ihm das doch noch auf die Füße. Er, der sich – unprofessionell wie immer – im Januar über ein schlecht funktionierendes Mikrofon im Pensacola Bay Center beschwerte stolperte über ein allzu gut funktionierendes. Auf dem Weg zu einem Soap Opera Cameo in 2005 wurde ein Gespräch mitgeschnitten in dem Trump Hinweise zur sexuellen Belästigung von Frauen gab („Grab them by the pussy“; wir hoffen als Reaktion auf viel Pussy Riot). Jener Trump der die – sprichwörtlich gewordene – Silversternacht in Köln und die Behauptung, Mexiko schicke Vergewaltiger als Gründe gegen Migration sieht; der Unterschied sei „when you’re a star, they let you do it“. Daß sein Gesprächspartner Billy Bush ein Cousin des ehemaligen Gouverneurs und Präsidentschaftskandidaten-Kandidaten Jeb „FNX“[1] Bush war sei noch als pikantes Detail am Rade genannt.

Trump entschuldigte sich halbherzig mit der Begründung er sei nicht perfekt, es sei nur „locker room talk“ gewesen und Bill Clinton sei ja viel schlimmer. Dieser rhetorische Kniff, zu betonen wieviel schlimmer die anderen(tm) seien scheint das einzige was den Trump Anhänger*innen angesichts sinkender Umfragewerde und sich distanzierender republikanischer Partei bleibt. Wie jemand wie Trump überhaupt soviele Anhänger*innen bekommen konnte und wie der „postfaktische“ Diskurs – für den Drumpf wie kein anderer Populist steht – funktioniert sollte dringend ausführlicher aufgearbeitet werden, hier zunächst einmal „nur“ ein paar Anmerkungen zum „locker room talk“.

Es distanzierten sich u.a. Profi-Sportler von diesem Begriff, überraschenderweise werde beim Leistungssport in der Umkleide nicht über soetwas gesprochen. Daß deutsche Fußballer zugeben, schwule kollegen im Umkleideraum wären ihnen unangenehm tut scheinbar nichts zur sache. Nun mögen einige an feministischen Diskursen ernsthaft und wohlwollend teilnehmende männlich identifizierbare tatsächlich intakte Filterbubbles haben oder rechtzeitig aus dem Schrank gekommen sein um nichts von soetwas mitbekommen zu haben, aber leider ist derartiges sexistische Gelaber unter Heteromännern – auf Deutsch auch „Herrengespräche“ genannt – ein Ding.

Dies nicht zu verleugnen scheint auch deswegen so wichtig, da soetwas zu den Aspekten gehören, die das Aufwachsen als ungeoutet schwul oder asexuell schwerer machen, Menschen der geballten Heteronormativität aussetzen. Auch die Niceguys(tm) fallen ja nicht vom Himmel, wir könnten sie als das Produkt der in diesen Gesprächen ganz besonders übel manifestierten Diskurse darstellen. Diese Gespräche sind ein Reproduktionsmechanismus toxischer Männlichkeit in einer merkwüdigen – sehr drumpfigen – Überlagerung von „ich sage wie es ist“ und „ich meine es ja nicht ernst/wörtlich“. Freilich nicht so harmlos bei die Protagonisten behaupten, sondern ein oftmals unterbelichteter Aspekt der Rapeculture.

Ohne jetzt – nach sonstiger Gewohnheit – Diskurstheorie abzuhandeln sei vorausgesetzt, daß auf kommunikativem Weg Normalitäten und Selbstverständlichkeiten hergestellt werden und sich Diskurse zu etwas verdichten können was „Wahrheit“ genannt wird. Soziale Zusammenhänge können ihre eigenen Realitäten schaffen – im Extrem bei Sekten -, womit Theorien, welche diese Mechanismen untersuchen nicht die Ursache – killing the messenger -, sondern ein notwendiges Werkzeug sind, solch einen Irrsinn zu untersuchen.


Gefahrengebiets-Playlist

6. Januar 2014

Zusammen mit Sanczny,
Dank an @loveheartcore & @fuerdieteilung

Weite Teile Hamburgs wurden aus recht zweifelhaften Gründen zum „Gefahrengebiet“ erklärt [1, 2], was massive Kontrollen [3, 4, 5], nicht-so-ganz-legale Durchsuchungen und Aufenthaltsverbote/Platzverweise für alle bedeutet, welche dem Profil entsprechen. Da sich Hamburger Polizist*innen ohnehin ungeliebt fühlen[6, 7], ließe sich ihr harter Alltag mit ein wenig musikalischer Beschallung der Anwohner*innen abwechselungsreicher gestalten.

Als Service der Kulturellenpraxis präsentieren wir deshalb:
Gefahrengebiet – eine Playlist für Gefahrengebiete und andere musikalische Notstände.


Unfreiwilliger Towel Day

25. Mai 2013

Kulturellepraxis wünscht einen schönen Towel-Day.
Mehr zum Thema hier und hier

25.05.2013: DON’T PANIC, nicht die Daleks, sondern – so ähnlich – der Schlandmob fällt in London ein. Egal auf welche Weise sie dort hinkommen, Deutsche im Ausland können eine Landplage sein (gut, im Inland auch). Statt billigen Kalauern über Seelöwen und/oder Blitze fallen dieses mal besonders solche über mit Handtüchern reservierte Plätze auf.(1), (2) Die Douglas Adams Fangemeinde freut es.


Homophobe Drogenarbeit

1. Februar 2013

Irgendwie habe ich mich immer gefragt, ob die Zweibrückenstraße1 so heißt, weil sie die Zugänge von (Ex)Freihafenbrücke und neuen Elbbrücken verbindet oder dies irgendwie mit der gleichnamigen Stadt zusammenhängt. Seit der zweibrückener Antidrogenkampagne für Jugendliche habe ich eine geschmackliche Präferenz.

Daß Schwul als Schimpfwort gar nicht geht und v.a. auch jungen Menschen – wie die Zielgruppe der Kampagne – das Leben, bzw. coming-out schwerer macht, sollte so klar sein, daß es verwundert, wenn Leute sowas verwenden. Doch auch ansonsten scheint diese Antidrogenreklame alle Clichés verfehlter Prävention zu erfüllen: Inhaltsleer, vorurteilsbeladen und damit im Eneffekt kontraproduktiv.

Beispiel: „Drogen machen häßlich“ übersetzt sich für einige in „nichts zu verlieren, Tüte bauen!“. Oder erst die Aussicht, männliche* Heteroprivilegien einfach wegsaufen – „alter, wirkst Du heute so straight – laß‘ uns einen heben gehen!“. Aber es könnte theoretisch sogar funktionieren: Wieviele sexuelle Übergriffe von besoffenen Hetero-Mackern blieben der Welt erspart, wenn die alle glaubten, sich zu betrinken sei ein homosexuelles Erkennungszeichen? Und das „Leben vom Kopf auf die Füße“ stellen? Manche sähen in „Drogen“ (btw.: geht’s noch undifferenzierter?!?) damit willkommene Abwechselung; andere würden überlegen, ob dies ein kopfstehendes Leben vom Kopf auf die Füße stellt („rauchen sie: Marx, die linkshegelianische Qualitätsdroge“)? Gut, Drogen, mit denen dies tatsächlich versucht wird, werden „Psychopharmaka“genannt  …

Jedenfalls hol ich mir ersteinmal ein Bierchen …


Protip: Um von der Anfahrt aus der Hafencity Richtung Freihafen links auf die Neue Elbbrücke zu kommen, kurz nach dem ehemaligen Zollhäuschen rechts abbiegen.


Schwarmjustiz

1. Juni 2012

Verurteilung wegen Aufrufs zur Schwarmjustiz; welch ein Glück, daß der zu lynchende sich als unschuldig erwiesen hatte, wie hätte sonst die öffentliche Reaktion ausgesehen? Die Strafe wurde btw. nicht wegen dieser Tat verhängt, sondern wegen Verzichts auf einen Anwalt. Ein RechtsexperteHonk dazu „es ist ja nicht so, als wären dies islamistische oder linksextremistische Gewaltphantasien gewesen, gesundes Volksempfinden ist im deutschen Rechtssystem so verwurzelt wie die Sicherungsverwahrung.“

Indessen prüft Facebook Zivilrechtliche Schritte, der Mordaufruf war eindeutig AGB-widrig: Lynchmorde sind ‚Events‘, keine ‚Kommentare‘. Dies mag auch die Unentschlossenheit des Lynchmobs bedingt haben.

Das Pressebüro Joseph Konys hingegen begrüßte das Urteil mit der Kurzmitteilung „die deutsche Justiz hat eine eindeutiges Zeichen gegen Selbstjustizbestrebungen auf Facebook gesetzt.“, während das Innenministerium meint „dieser skandalöse Fall eines pädophilen – ach, er war Unschuldig? Ja? Ich fang nochmal von vorne an – dieser skandalöse Fall eines Mordaufrufs zeigt mal wieder, daß die Anonymität im Netz enden muß und wir dafür die Vorratsdatenspeicherung brauchen!“

Ein Kommentator auf NDR-Info stapaziert das naheliegende Bild des „dünnen Lackes der Zivilisation“; so schön die Pointe wäre, Facebook versetze uns in die vor-Steinzeit, das stimmt nicht. Sowas tarnt sich nur als „Naturrecht“, das ist nicht vorzivilisatorisch, sowas geschieht nicht trotz Zivilisation; ist das gar die Dialektik der Zivilisation?


Gewerkschaften

28. Mai 2012

Mit drkultur

„Wer nur eine Minderheit vertritt, darf nicht jederzeit den ganzen Betrieb lahmlegen können.“ —Hundt

Merkwürdig, daß dies so vertraut wirkt.
Merkwürdig, daß Gestaltung durch dezentrale Politiken oder Vernetzungsfragen so wenig Diskussionsthema hierbei zu sein scheinen.
Merkwürdig, daß niemand mehr dezentralisierte Gewerkschaftsbewegungen erinnert.
Merkwürdig, wie scharf die Rhetorik gegen erfolgreiche Gewerkschaften ausfällt.
Merkwürdig, auf welcher Seite der Barrikade die etablierten Gewerkschaften stehen.
Merkwürdig, daß hier sogar das beknackte Occupy Argument eine angemessene Antwort wäre.
Merkwürdig, daß Repräsentationspolitiken so wenig problematisiert werden
Merkwürdig, daß immernoch nach der „Klasse an sich“1 + 2 gesucht wird


1 Pierre Bourdieu:
„Von der nur auf dem Papier existierenden Klasse zur „realen“ Klasse kommt man nur um den Preis einer politischen Mobilisierungsarbeit: Die „reale“ Klasse, sofern überhaupt jemals eine Klasse „real“ existiert hat, ist immer nur die realisierte, das heißt mobilisierte Klasse, Ergebnis des Klassifizierungskampfs als eines genuin symbolischen (und politischen) Kampfs um die Durchsetzung einer Sicht der sozialen Welt oder besser einer Art und Weise ihrer Konstruktion in der Wahrnehmung und in der Realität und einer Konstruktion der Klassen, in der sie zu unterteilen ist.“ (Bourdieu, Pierre: Praktische Vernunft. Zur Theorie der Handelns. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1998, S.25.)

2 (Wir dürfen hier für unser Beispiel ‚Partei‘ durch ‚Gewerkschaft‘ ersetzen):

„Wenn das Feld der Produktionsverhältnisse das spezifische Terrain der Klassenkonstitution ist, kann die Präsenz der Klassen auf dem politischen Feld nur als eine Repräsentation von Interessen verstanden werden. Durch ihre stellvertretenden Parteien vereinigen sie sich unter der Führung einer Klasse in einem Bündnis gegen einen gemeinsamen Feind.“ (Laclau, Ernesto & Mouffe, Chantal: Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. Wien: Passagen Verlag, 1991, S.95)

„Sobald jedes politsche Verhältnis als Repräsentationsverhältnis aufgefaßt wird, haben wir es mit einem zunehmenden Substitutionalismus zu tun: die Klasse wird von der Partei (Repräsentation der objektiven Interessen des Proletariats) und der Partei vom Sowjetstaat substituiert (Repräsentation der Weltinteressen der kommunistischen Bewegung).“ (ebd., S.103)

Also:

„Die Suche nach der „wahren“ Arbeiterklasse und ihren Grenzen ist ein falsches Problem, und als solches fehlt ihm jede theoretische und politische Relevanz.“ (ebd., S.133)