Hermann

30. April 2010

In Zusammenarbeit mit Prokopius

Zu den Witzeleien, die zur Gründung dieses Weblogs führten, gehörte ein gewisse geschichtswissenschaftliche Befremdung über Auswüchse des Knoppismus: Neben den altbekannten formaten und einem Talent jegliche Geschichte irgendwie auf Nazis und den immer irgendwie daran schuld seienden Kommunismus zu beziehen, schaffte es Knopp gar, „Die Deutschen“1 in der – historisch vorbelasteten – Zeitlänge von 1000 Jahren zu finden.

Nun ist es ein beliebter Historiker*Innenscherz (zugegebenermaßen mit 10% Abweichung vom Thema 9. Jahrhundert) zu fragen, ob Ludwig der Deutsche wußte daß er „Deutscher“ war.2 Schlimmer noch, „deutsch“ als eine uralte völkische Wesenhaftigkeit zu sehen läuft erschreckend konform mit dem Geschichtsbild der (Neo)Nazis.3

Da derartiges Gedankengut also wieder die Mainstreammedien erreicht hat, wäre es genau der richtige Zeitpunkt, nach den Entlastungswerken „Der Untergang“ und „Baader Meinhof Komplex“ einen nationalen Monumentalschinken zu schaffen: Wir graben Arminius wieder aus und nennen ihn wieder Hermann4. Um historische Kleinigkeiten5 kümmern wir uns nicht, es wird ein Nationalbefreiungsmythos: „Ein Freiheitskämpfer, der ein Volk verriet, sein eigenes zu retten“; evtl. mit einer Liebesgeschichte kombiniert. Stilistisch könnten wir uns an dem Kolberg Remake 300 anlehnen.

Für die Massenszenen gewinnen wir die Bundeswehr, mit der Begründung „der Truppe“ wieder[!] ein Vorbild zu geben.6 Zumal hoffnungslose Situationen wohl zu erwarten sind, da ‚hilft‘ traditionell Heldenpathos. Zur Not ließe sich auch mit „Nationalheldenneid“ argumentieren: Schließlich bräuchten „wir“ trotz zweier vergeigter Weltkriege auch militärische Vorbilder wie Lord Nelson oder Napoléon; und Lothar von Trotha wird erst unser nächstes Filmprojekt.

Die Endszene zeigt eine alliierte Bomberbesatzung im 2. Weltkrieg, die den Weg zu ihrem Ziel nur durch die Wegmarke des Hermannsdenkmals7 findet: „Noch Jahrtausende später gab dieses Vorbild Menschen Orientierung“

Das beängstigende an derartigen Witzelein ist: Die Realität holt sie irgendwann ein!


1Knopp, Guido (et. al.): Die Deutschen I : Die Deutschen – Vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert; Gütersloh 2008.

2 Für Nichthistoriker*Innen: Das wäre ahistorisch, „Franke“, „Bayer“ (wobei die bayrische Folklore auch moderne Erfindung ist), aber sicherlich nicht „Deutscher“, die – recht hilfreichen – Zusatznamen stammen überwiegend aus dem 19. Jahrhundert.

3 Im Gegensatz zu Knopps Nazivergleichen ist dieser sogar mit quellen zu belegen, so verlinkte Metapedia zum Veröffentlichungszeitpunkt dieses Artikels den Begriff „Antideutsch“ auf „Deutschfeindlichkeit“, dessen Beginn beim Limes angesiedelt wird. Von einem Hyperlink auf Rechtsextremes wird abgesehen.

4 Verbindungen zu Steffen Kitty Herrmann konnten nicht hergestellt werden.

5 Wie z.B. die Tatsache, daß die hohe Professionalität von Arminius‘ Truppen einen „Volksaufstand“ ausschließt.

6 Wobei – etwa neben „Nazi gegen Hitler“ Stauffenberg – „Deutsche Treue“ auffällig häufig auf „Verrat“ fußt; wäre das Gegenteil nicht stets mitgedacht, ergäbe das Gerede von Treue auch keinen Sinn …

7 So – neben dem Vorschlag, daß auch noch der hamburger Volkspark sich auf die Liste der möglichen Varusschlachtorte setzen lassen könnte – eine These von 17grad.


Oh tempora, oh mores

28. April 2010

Konservative sind auch nicht mehr das was sie nie waren und so müssen wir einspringen, Traditionen erfinden:

Nachdem die FAZ bereits kurzlebigen Trends aufsitzend die Fraktur(über)schriften abgeschafft hat,1 werden jetzt auch noch Modesprachen wie Englisch oder gar Deutsch im diplomatischen Dienst (der EU) eingeführt.2 Was ist eigentlich aus Latein geworden – wie kommt diplomatischer Dienst überhaupt ohne Latein aus?

Wenigstens die Nichtrauchergesetzgebung basiert auf alten Traditionen.3 Interessanterweise versuchen sich dabei beide Fraktionen als widerständig darzustellen.


1Vgl.diesen Welt-Artikel.

2 Vgl. das ehemalige Nachrichtenmagazin. Es kann gar nicht überbetont werden, daß bei allen unangenehmen Eigenschaften Westerwelles auch noch auffällt, daß er ungebildet ist. Demnächst auf diesem Blog: Eine Auseinandersetzung wann genau „spätrömisch“ war.

3 Und Godwin lachte, da mal wieder dieser (sehr) militante Nichtraucher strapaziert wurde – denn Nazivergleiche sind faschistisch.