Achtung Kontrolle

17. September 2010

Die Sendung „Achtung Kontrolle“ auf Kabel 1 erfreut sich den Quoten nach großer Beliebtheit. Teilweise verfolgen bis zu 1,09 Millionen1 Zuschauer, wenn Ordnungsamt und Polizei medienwirksam und massenkonform dafür sorgen, dass es in unserem schönen Land ruhig, gesittet und sauber zugeht. Da machen beflissene Außendienstmitarbeiter Jagt auf dreiste „Kippenwegschmeißer“, trinkfreudige Volksfestbesucher und gefährliche Dackel-nicht-an-der-Leine-Führer.

Erfreut sich das US-Publikum an nervenaufreibenden Autoverfolgungsjagden, die Live über den Bildschirm flimmern, scheint „das hiesige Fernsehpubikum “ sich obsessiv an der Bestrafung von mehr oder weniger harmlosen Ordnungsverstößen zu ergötzen. Ist das lediglich die Fortsetzung des Reality-TV/Castingshow Voyeurismus? Die heimliche, projektive Freude, Stunden vorher selbst ungestraft das SUV verkehrswidrig geparkt zu haben? Oder ist sie einfach nicht totzukriegen, die deutschtümelnde Ordnungsverliebtheit mit Faible für die Büttel, Denunzianten und Aufpasser?

Bei einer kurzen Recherche in den Weiten des Internets fanden sich verschiedene Kommentare zu Sinn oder Sinnlosigkeit dieses Kabel 1 Vorabendformats. Ein User schreibt: „Es ist eine tolle sendung ,weil man ordnungshütern beim job zugucken [kann]“ [Sic], dagegen stellt ein anderer Kommentar den voyeuristischen Charakter der Sendung heraus. „Wer Spaß daran hat, anderen in die Wohnung zu schauen oder zu sehen, wie ein Verkehrssünder Geld bezahlen muss, der wird mit dieser Sendung gut bedient. Für Menschen mit einem eigenen Leben, die keinen Spaß daran finden können, anderen beim „Kontrolliert werden“ zuzusehen, rate ich von dieser Sendung ab!“2

Bei den Stimmen zur Sendung scheinen sich demnach voyeuristisch bedingtes Interesse am Anderen und die Kritik an einer von Amüsement getragenen Do it to Julia-Haltung regelmäßig abzuwechseln. Auf den ersten Blick unterscheidet sich dieses Format somit in der Tat nicht von dem, was uns die deutsche Fernsehlandschaft ansonsten zu bieten hat. Warum neben Promidinner, Topmodel- und Aussteigerdrama nicht auch Ordnungsamtsthriller?

Wo ist schon der Unterschied zwischen der quotenwirksamen Erniedrigung eines potentiellen Supersternchens durch Herrn Bohlen und der Maßregelung renitenter Bürger_Innen vor laufenden Kameras? Also nichts Neues kein Grund mehr zur Aufregung?

Wohl doch, „Achtung Kontrolle“ unterscheidet sich von den gängigen ‚Unterhaltungsformaten‘ erheblich. Diesesmal geht es nicht mehr nur darum, dass Menschen sich in der Hoffnung auf Geld oder Erfolg vorführen lassen, sondern die Sendung trägt, wie auch ein User richtig feststellt dazu bei: „dem Bürger beim Nachvollziehen von Entscheidungen [zu] helfen und die Staatsdiener menschlicher [zu] machen.“3 Doch genau das ist abzulehnen. Nicht weil hier einer dumpfen der „böse Staat und seine Büttel Haltung“ das Wort geredet soll. Es sei Polizist_Innen ebenso gewünscht wie allen anderen, dass ihnen das Leben nicht unnötig schwer gemacht wird. Dennoch, Gesetze und Verordnungen sind nicht Gott-gegeben, sie sind von Menschen gemacht und damit fehlbar, veränderbar und manches Mal sinnlos. Ein Verständnis für Ordnungskräfte wie es in der Sendung erzeugt wird, als unangreifbare wie unfehlbare Hüter_Innen einer nicht infragezustellenden Ordnung kann nur abgelehnt werden, dahinter steckt ein verkürztes Gesellschafts- und rudimentäres Demokratieverständnis.

Wir wissen um die vielen Widersprüche und Klagen gegen Aktionen von Ordnungskräften. Denn im Gegensatz zur (gezielt?) gezeigten Scheinwelt von beflissenen, ausschließlich vom Allgemeinwohl beseelten Ordnungswächter_Innen und egoistischen, renitenten oder schlicht engstirnigen Bürger_Innen sind solche Verhältnisse wohl doch etwas komplizierter.

Das Grundgesetz billigt allen Bürger_Innen das Recht zu, einen Eingriff in seine_ihre persönlichen Rechte und Freiheiten auf dem Rechtsweg überprüfen zu lassen (Art 19 IV GG). Das bedeutet, ein Staat im Sinne des Grundgesetzes geht von der Fehlbarkeit seines eigenen Handelns aus. Nicht jede Entscheidung, die „Totto und Harry“ treffen ist rechtmäßig und schon gar nicht unanfechtbar. Dies ist eine systematische Leerstelle, ebenso wie die Realisierung der legalen Abwehrrechte gegenüber dem – nach Maßstab eigener Regelungen – überambitionierten Staat.

Wieso gibt sich diese Sendung derartig obrigkeitsstaatlich? Regrediert sie lediglich aus Bildungsmangel der Produzierenden in das Staatsverständnis des 18 und 19. Jahrhunderts?

Die für die Produktion der Sendung verantwortliche Janus TV GmbH ein Unternehmen der Janus Gruppe, scheint mit der Sendung neben einen unterhaltenden auch einen erzieherischen Aspekt zu verfolgen. So heißt es im Sendekonzept: „Die Geschichten, die wir erzählen, bringen dem Zuschauer die tägliche Arbeit der Ordnungshüter näher und machen ihm begreiflich, wie wichtig die Ausübung ihres Jobs ist. Somit bekommt der Zuschauer einen Mehrwert geliefert.“4 Die Zuschauer_Innen sollen, so hat es den Anschein, entmachtet werden. Von den legalen, allen Bürger_Innen zustehenden Abwehrrechten gegen den Eingriffsstaat ist in Konzept und Sendung keine Rede. Damit nicht genug wird diese Erziehung zur Passivität auch noch als „Mehrwert“ für „den Bürger“ verstanden.5 Mehrwert in den Augen der Macher ist somit ein möglichst passiver, amtstreuer Bürger. Was in der Tat auf ein Staatsverständnis des 19. Jahrhunderts schließen lässt.

Es scheint jdeoch auch ein Markt für eine derartig mediale Erziehung zu existieren so dass es mittlerweile schon einige Spinoffs oder Nachahmer der Sendung gibt.6 Es lässt sich jedoch kaum übersehen, dass sich viele Fälle, die in „Achtung Kontrolle“ und ähnlichen Sendungen ausgeschlachtet werden – selbst wenn juristisch legitim – moralisch in fragwürdigen Grauzonen bewegen; wie die Observation von notorisch krankfeiernden Arbeitnehmern durch private Detekteien oder das ungefragt Eindringen von sogenannten Sozialhilfedetektiven in die Privatsphäre von Bedürftigen. Hier werden Menschen in prekären Lebensverhältnissen kriminalisiert. Es hat den Anschein, als ob die Hilfsbedürftigkeit dieser Menschen jedes noch so perfide Drangsal zu rechtfertigen scheint. Eine derartig rücksichtslos vorgehende TV-Taskforce der Steuerfahndung7 suchen wir indes vergebens; zumindest in dieser Hinsicht können Achtung Kontrolle und ähnliche Sendungen als sehr realistisch betrachtet werden.


1 http://www.quotenmeter.de/cms/?p1=n&p2=40940&p3Dabei konnte die Sendung vom 23 März 2010 im Segment der jungen Zuschauer einen Marktanteil von 8, 2 Prozent erreichen.

2 Die Kommentierungen stammen von: http://www.texxas.de/tv/Achtung+Kontrolle!+Einsatz+f%C3%BCr+die+Ordnungsh%C3%BCter.html.

3 Ebenda.

4 http://www.janusfilm.de/janustv_d/produktionen/infotainment/achtungkontrolle.php

5 Ob der Begriff „Mehrwert“ hier korrekt verwendet ist sei dahingestellt

6 Als Vorreiter dieses Formats kann die Spiegel TV Reihe „Die Sozialhilfedetektive“ gelten. Spinoffs findet man in „Mein Revier“ oder Ärger im Revier (RTL 2)

6 Fleißige Steuerfahnder_Innen bekommen dagegen nicht ihr eigenes TV Format, sondern die Kündigung oder schlimmer sie werden amtlich für Verrückt erklärt. Vgl.: http://www.fr-online.de/steuerfahnder/, vgl. auch: http://www.stern.de/politik/deutschland/3-steuerfahndung-frankfurt-eiskalt-abserviert-649420.html.

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Neue Geisteswissenschaft

26. Juni 2010

Der Bernd-Eichinger-Lehrstuhl für Knoppismus am Treitschke-Institut für geisteswissenschaftliche Brandstiftung veröffentlicht ihren Strukturentwicklungsplan für die Geschichtswissenschaft:

Von den Naturwissenschaften lernen heißt siegen lernen, sie gelten als nützlich, sie bekommen das gesamte Geld. Sie muß, neben verändertem Anspruch im akademischen Betrieb unser Leitbild werden

  • Publikationen sollten unverständlicher geschrieben werden – abgesehen von geschlechtsneutralen Formulierungen, die gehören natürlich abgeschafft -, in einer Sprache die Jahre der Einarbeitung erfodert, überhaupt einen Satz zu verstehen; das wird einigen nicht sonderlich schwerfallen und knüpft an das altehrwürdige Genre der deutschen Wissenschaftsprosa an; als ersten Schritt stellen wir alle historischen Publikationen auf Fraktur oder Schlimmeres um
  • Dann ist es wichtig, die Verantwortung für die Folgen unserer Wissenschaft abzustreifen, das entscheiden die ‚demokratisch‘ (z.B. mit Wahlcomputern) gewählten Politiker im Namen der ‚aufgeklärten‘ Gesellschaft. Die Geschichte kann so nutzbar für Wohlstand und Sicherheit werden wie die Kernspaltung.
  • Beschäftigung mit Methoden und Theorie wird verboten
  • Wichtigste Felder sind unmittelbarer Nutzen und Populärwissenschaft. Beides wird realisiert in Historienromanen und Kostümfilmen. Die Methodik ist entsprechend umzustellen
    • Da ein Forschungsstand zu kompliziert ist, betrachten wir nur noch ein Einheitsparadigma lehrbuchkanonisierter Fakten als wissenschaftlich
    • Da Interpretationen sich als falsch erweisen können und veränderlicher Forschungsstand ohnehin zu Verwirrung führt, darf nicht mehr interpretiert werden
      • Die Historisch-Kritische Methode wird abgeschafft
      • Autorennamen spielen keine methodische Rolle mehr, sie dienen lediglich als Personenkult von Diskursivitätsbegründern
      • Kontextinformationen spielen keine Rolle mehr, sie wirken verwirrewnd und verkomplizierend und Naturwissenschaft arbeitet schließlich auch mit isolierten Systemen
      • Wir verraten den Studierenden endlich, daß Belegbarkeit keine Rolle spielt, wenn der Titel stimmt, das akademische System sollte sich dazu bekennen ein autoritäres zu sein und keine Zeit mit der Legitimation von Autorität verschwenden
    • Zentrales Moment ist die unmittelbare Wirkung der Quelle auf den Autoren, alles andere wäre zu intellektuell und für unser Ziel zu aufwendig

Achsenmächte

10. Juni 2010

Westerwelle redet davon, daß Fundichrist Wulff wisse, „welche geistige Achse unsere Republik braucht„. Nun könnten einige mit solch einer Bemerkung Dezenz deutscher Geschichtspolitik – mal wieder – gebrochen sehen und ihm – mal wieder – geringe Bildung unterstellen (ein Jurist versicherte, daß „ungebildet“ nicht als Beleidung gelte – o tempora o mores), sowie die Achse wiederzubelebend eine Annäherung an Japan empfehlen. Haben also politische Geisterfahrer*Innen mit gebrochenen Geschichtsachsen grundsätzlich ein Rad ab? Die Kulturelle Praxis sagt nein, denn sie befürwortet eine Inflation von Nazivergleichen.


Ein Lanze für … #2 eine Lanze gegen das „Ich“

5. Juni 2010

„Eine Lanze für … : Hantologische Streifzüge zu totgesagten Konzepten“. Teil 2: Eine Lanze gegen das „Ich“; zerlegen wir das Inidviduum; mal wieder, es ist ohnehin eine grupe Verallgemeinerung.

In letzter Zeit scheint „Ich“ auch im akademischen Kontext immer häufiger aufzutauchen. Möglicherweise ein Zeichen dafür, daß sich der Habitus sperriger deutscher Wissenschaftssprache ändert – Cyborgs don’t stand still -, wahrscheinlich aber handelt es sich aber eher um einen Bedeutungsverlust des Identitätsangebots „Wissenschaftler*In“ unter Studierenden, speziell praktisch qualifizierend ausgerichteter Richtung.

Nun ließe sich das begrüßen, selbst unter Wesen, welche „Humanismus“ mit „Kolonialismus“ übersetzen, in schick-konstruktivistischem Gewand – Entdecker der Welt werden zu ihren Schöpfern – scheint dieses „Ich“ in seinen_ihren Behauptungen auf Allgemeinheitsansprüch zu verzichten und sich auf persönliche Erfahrung des idealistischen1 Beobachters zu beschränken.

Was jedoch diese Aussagen letztlich immunisiert, zumal immer ein Rückzug von impliziten Verallgemeinerungen oder Normativitäten offen steht. Wissenschaftstheorie für Erstsemester vorraussetzend halten wir an dieser Stelle nochmal fest: Wissenschaftliche Veranstaltungen sind keine Selbsterfahrungsgruppen2; für wissenschaftliche Erkenntnis sollten vielleicht keine nichtmenschlichen oder (gar?) menschlichen Tiere Sterben, Theorien schon.

Durch dieses Prä-Post* Konzept eines Individuellen „Ich“s aus bürgerlicher Vorzeit3 drängen sich Beobachter*Innen also pubertierend4 aufdringlich5 in das Geschehen und geschehen ist es um die Modesty des Witness6 herkömmlicher Wissenschaft. Dies mag zunächst vielversprechend erscheinen, da diese Beobachter[sic]figur Ausschlüsse produziert(e).7 Doch bleibt das „Ich“ von marginalised people(r) ein Hinweis auf die Partikularität ihres Standpunktes, während das „Ich“ der privileged people(tm) sich lediglich von den Legitimationsstrategien ihrer Position – d.h. wissenschaftlicher „Noblesse Oblige“, inkl. aller Einschreibungsmöglichkeiten – befreit: Privileg ohne Reue, durch diesen Klassenkampf von oben wird das Leben in Pöseldorf einfacher.


1Vgl. „Idealismus, Deutscher“, „Idealismus, Objektiver“, „Idealismus, Subjektiver“ – Lexikon ftw!

2 Aus poststrukturalistischer Sicht kann das zu erfahrene Selbst als Ergebnis der Techniken von dessen Hervorbringung betrachtet werden. Damit ist die Frage was in „Selbsterfahrungsrunden“ preisgegeben wird nichttrivial, das jeweils zugrundeliegende Menschenbild konstituiert Subjekte. „Autentizität“ kann darüberhinaus als komplexe Hervorbringung aus Selbst- und Wissensproduktionstechniken betrachtet werden, enthält also durchaus eine stark normative Komponente. Gewordenheit weicht einem „Ich“-Essenzialismus eigenen Emplotments von Wohlfühlautentizität.

3 Um nicht auf eigene Texte verweisen zu müssen, machen wir darauf aufmerksam, daß der Kritische Psychologe Christian Schultz in die Dekonstruktion des bürgerlichen Individuums kompetent zusammengefaßt hat.

4 Vgl. auch Pöseldorfer Kindergärten.

5 Von daher werden die Bedeutungsmarker (eine sexistische Metapher des Körperteilvergleichs wurde an dieser Stelle erwogen) wissenschaftlicher Texte auch in den Fußnoten zusammengetragen.

6 Haraway, Modest_Witness@Second_Millenium; in: dies.: The Haraway Reader; New York (u.a.) 2004; S. 223-250.

7 Ebenda.


Realsatire

1. Juni 2010

Konrad Freiberg scheint sich den Krawallbrüdern (oder -schwestern) angeschlossen zu haben – auf allen Seiten gewaltbereite schwarze Blöcke -, er fordert in der ‚Welt‘ „Angriffe auf Polizisten nicht nur als Angriff auf einen Menschen, sondern als Angriff auf den Staat [zu werten].“1 Will er damit etwa strafbare Gewalt gegen (möglicherweise) empfindungsfähige Wesen legitimieren2?!?

Thomas de Maizière hingegen schließt sich entschieden Georg Kreisler an: „Sie [die PolizistInnen] verdienen […] einen besonderen Schutz.“3Schützen wir die Polizei!


1http://www.dpolg-hh.de/front_content.php?idcat=19

2 Sicherheitshalber eine Vereindeutlichung: Einzelpersonen für ein System, in welches wir alle verstrickt sind, verantwortlich zu machen ist ein abzulehnender Mechanismus, der für den – nicht direkt vergleichbaren – Gegenstand Antisemitismus ausgiebig untersucht wurde.

3 http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,697334,00.html


Burka

12. Mai 2010

Burkatragen verstoße nach Sarkozy auch bei freiwillig tragenden gegen die „dignité de la femme“1. Ich mag ja keine Europäer*Innen, weil die alle immer sosehr verallgemeinern, aber „White women, including socialist feminists, discovered (that is, were forced kicking and screaming to notice) the non-innocence of the category ‚woman'“2, konservative Politiker offenbar hingegen nicht. Ein Blick in die Bibel könnte im zweifel, wiesehr diese Würde mit dem Kreuz kollidiert zum Ausruf führen: „Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; darnach siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!“3, aber klammern wir dies4 mal aus, ob wir nun Göttinnen oder Cyborgs werden wollen/sollen.

Letztlich handelt es sich bei dieser Rhetorik um die Taktik der Internetsperren, Mittel für wirkungsvolle Maßnahmen gegen das eigentliche Problem zurückzufahren und deshalb lieber auf symbolische Repression setzen.

Nächster Gesetzesentwurf: Der Besitz von SM-Masken wird unter (Prügel?)Strafe gestellt.


1 Vgl. dieseKritik von Le Figaro.

2 Haraway, Donna Jeanne: Cyborg Manifesto; S. 157.

3 Mt.7:5.

4 <Trivialität>“Othering“, d.h. zu glauben, wenn „DIE“ (werauchimmer) sexistisch sind, könnten „wir“ ja nicht so schlimm sein und damit die Imagination von „die“ uns „wir“ als homogene Gruppen stärken.</Trivialität>


Hermann

30. April 2010

In Zusammenarbeit mit Prokopius

Zu den Witzeleien, die zur Gründung dieses Weblogs führten, gehörte ein gewisse geschichtswissenschaftliche Befremdung über Auswüchse des Knoppismus: Neben den altbekannten formaten und einem Talent jegliche Geschichte irgendwie auf Nazis und den immer irgendwie daran schuld seienden Kommunismus zu beziehen, schaffte es Knopp gar, „Die Deutschen“1 in der – historisch vorbelasteten – Zeitlänge von 1000 Jahren zu finden.

Nun ist es ein beliebter Historiker*Innenscherz (zugegebenermaßen mit 10% Abweichung vom Thema 9. Jahrhundert) zu fragen, ob Ludwig der Deutsche wußte daß er „Deutscher“ war.2 Schlimmer noch, „deutsch“ als eine uralte völkische Wesenhaftigkeit zu sehen läuft erschreckend konform mit dem Geschichtsbild der (Neo)Nazis.3

Da derartiges Gedankengut also wieder die Mainstreammedien erreicht hat, wäre es genau der richtige Zeitpunkt, nach den Entlastungswerken „Der Untergang“ und „Baader Meinhof Komplex“ einen nationalen Monumentalschinken zu schaffen: Wir graben Arminius wieder aus und nennen ihn wieder Hermann4. Um historische Kleinigkeiten5 kümmern wir uns nicht, es wird ein Nationalbefreiungsmythos: „Ein Freiheitskämpfer, der ein Volk verriet, sein eigenes zu retten“; evtl. mit einer Liebesgeschichte kombiniert. Stilistisch könnten wir uns an dem Kolberg Remake 300 anlehnen.

Für die Massenszenen gewinnen wir die Bundeswehr, mit der Begründung „der Truppe“ wieder[!] ein Vorbild zu geben.6 Zumal hoffnungslose Situationen wohl zu erwarten sind, da ‚hilft‘ traditionell Heldenpathos. Zur Not ließe sich auch mit „Nationalheldenneid“ argumentieren: Schließlich bräuchten „wir“ trotz zweier vergeigter Weltkriege auch militärische Vorbilder wie Lord Nelson oder Napoléon; und Lothar von Trotha wird erst unser nächstes Filmprojekt.

Die Endszene zeigt eine alliierte Bomberbesatzung im 2. Weltkrieg, die den Weg zu ihrem Ziel nur durch die Wegmarke des Hermannsdenkmals7 findet: „Noch Jahrtausende später gab dieses Vorbild Menschen Orientierung“

Das beängstigende an derartigen Witzelein ist: Die Realität holt sie irgendwann ein!


1Knopp, Guido (et. al.): Die Deutschen I : Die Deutschen – Vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert; Gütersloh 2008.

2 Für Nichthistoriker*Innen: Das wäre ahistorisch, „Franke“, „Bayer“ (wobei die bayrische Folklore auch moderne Erfindung ist), aber sicherlich nicht „Deutscher“, die – recht hilfreichen – Zusatznamen stammen überwiegend aus dem 19. Jahrhundert.

3 Im Gegensatz zu Knopps Nazivergleichen ist dieser sogar mit quellen zu belegen, so verlinkte Metapedia zum Veröffentlichungszeitpunkt dieses Artikels den Begriff „Antideutsch“ auf „Deutschfeindlichkeit“, dessen Beginn beim Limes angesiedelt wird. Von einem Hyperlink auf Rechtsextremes wird abgesehen.

4 Verbindungen zu Steffen Kitty Herrmann konnten nicht hergestellt werden.

5 Wie z.B. die Tatsache, daß die hohe Professionalität von Arminius‘ Truppen einen „Volksaufstand“ ausschließt.

6 Wobei – etwa neben „Nazi gegen Hitler“ Stauffenberg – „Deutsche Treue“ auffällig häufig auf „Verrat“ fußt; wäre das Gegenteil nicht stets mitgedacht, ergäbe das Gerede von Treue auch keinen Sinn …

7 So – neben dem Vorschlag, daß auch noch der hamburger Volkspark sich auf die Liste der möglichen Varusschlachtorte setzen lassen könnte – eine These von 17grad.