Hä!?

15. Januar 2012

An der linken Wand des Saals hängt ein überdimensionales Foto Mumia Abu-Jamals, an der rechten Wand ein Transparent mit der Aufschrift „Klasse gegen Klasse“, über der Bühne ein Transparent mit einem Comic-Mann (hält eine rote Fahne mit Hammer und Sichel) und einer Comic-Frau (hält eine rote Fahne mit Stern), die sich küssen, darunter fünf Podiumsdiskutanten, davor ein Publikum, dass jede Parole „Kapitalismus abschaffen“ und jede Repressionshypothese mit frenetischen Applaus abfeiert, und ich sitze dazwischen.

Ist das ein Alptraum? Nein, ich befinde mich auf der Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz, für die ich vor dem Gebäude eine Freikarte bekommen hatte.

(Ich fühle mich so schmutzig und muss jetzt erstmal duschen, duschen, duschen, duschen, duschen, duschen…)

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Postprivacy #5.3

22. Oktober 2011

Ergänzung zu Postprivacy 5

Zur Frage 2.2.2 („Ändert mehr oder weniger Privatsphäre etwas daran“): Das ist in etwa so ambivalent wie Autentizität; einerseits bedeutet die Abwesenheit von Privatsphäre, daß mehr/alles an Stelle einer öffentlichen Fassade tritt, bei welcher i.d.R. die unmarkierte Norm bis zum Beweis des Gegenteils unterstellt wird; also eine Leerstelle nach dem principle of charity mit „alles OK“ gefüllt wird. Damit wird also das gesamte Leben, nicht nur halbwegs klar abgesteckte Bereiche („Lebenslauf“, „Kleidung“, „Schufa“) der Verwertungslogik unterworfen.

Aber wenn es keine Privatsphäre mehr gibt, kann nahezu niemand eine perfekte Fassade aufrecht erhalten. Optimist*Innen würden hoffen, daß dadurch Vorstellungen von Normalität ins Rutschen geraten. Nunja, zu erwarten wäre zunächst eine Exklusion durch Inklusion (vgl. etwa Homonationalismus [#auf Puar verweisen]), der Bereich des „Normalen“ wird einfach ausgeweitet, doch wer dann immernoch außen ist, bekommt noch größere Probleme. Es hilft nur einigen, häufige „Abweichungen“ in den Bereich des Legitimen zu holen. Der Grundfehler liegt in der statistischen Denkweise, die Idee einer gesetzten Norm(alität) durch jene einer Normalverteilung – und damit dem Anschein des „Empirischen“ – zu ersetzen.[#auf Link verweisen]


Personenkult

25. August 2011

Political Ambiguity, Explicit SarcasmIslamkritiker weihen Be(h)ringstraße ein …


Schulvergleich

18. August 2011

Manchmal kann ein argumentum ad hominem doch Orientierung bieten, so wenn d* argumentierende an Borderline oder Neoliberalismus leidet. Die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, bei der Qualitätsjournalismus den Zusatz „wirtschaftsnahe“ anhängt, gewissermaßen als Kritik-Ersatzhandlung (siehe [1], [2], [3]), veröffentlicht ein Ranking der Schulsysteme unterschiedlicher Bundesländer. Ein Lob von denen für Fortschritte im Bildungssystem kann als sicherer Indikator, wiesehr dieses vor die Hunde geht betrachtet werden.

Ohnehin deren Verlautbarungen lediglich mit einer Kneifenzange von Anführungsstrichen anfassend, ist nicht anzunehmen, daß neohumanistische Bildungsideale eines Wilhelm von Humboldt (es muß ja nichts Linksradikales sein, schon das bürgerliche Repetoir hat Besseres als den Nürnberger Trichter zu bieten) starke Berücksichtigung finden, selbst wenn soetwas überhaupt messbar wäre. Aber im Statistikzeitalter existiert ohnehin nur, was für die Erhebung operationalisierbar ist. Für die Kritik der Erhebungsmethoden müßte mehr ins Detail gegangen werden als hier unbezahlt zu leisten ist, deshalb nur als methodische Skizze: Zunächst die interne Kritik, wurde methodisch korrekt vorgegangen oder läßt sich schon auf der handwerklichen Ebene Manipulation feststellen; dann die Kategorialkritik, selbst wenn die quantitative Methode „neutral“ wäre, ihre notwendigen qualitativen Grundannahmen sind es nicht. Dann die Suche nach dem „Außen“, was ist mit der vorgenommenen Methodik systematisch nicht erfaßbar. Zuguterletzt müßten wir schauen, inwiefern passen die Ergebnisse „zufällig“ sehr gut ins Konzept der Erhebenden.

Es fällt z.B. auf, die höchstplatzierten gelten v.a. in naturwissenschaftlichen Fächern als erfolgreich. Auch wenn einige mir jetzt dumpfes Ressentiment vorwerfen könnten und auch unbestritten ist, daß diverse Arten Geisteswissenschaften zu unterrichten (in diesem dualen Gegensatz kommen sozial- und Kulturwissenschaften btw. unter die Räder des „Geistes“) den Mythos der „Laberfächer“ mitbegründet haben; Naturwissenschaften werden i.d.R. anders gelehrt und schaffen – zumal auf Schulniveau – eine andere Form von Kompetenz.

D.h., ich werde nicht müde, das doppelte Mißverständnis des Neopositivsmus zu beklagen: „Wissenschaftlichkeit“ einseitig mit „Naturwissenschaft“ gleichzusetzen und „Naturwissenschaft“ mit dem neopositvistischen Konzept davon zu verwechseln. Tückisch ist in diesem Fall, daß dieses Mißverständnis eine unheilige Verbindung mit anderen Diskursiven Formationen eingeht, nämlich gewissen Erziehungsvorstellungen (nur am Rande: In Großbritanien finden frustrierte Jugendliche keine effektiveren Protestformen als Riots und die Konservativen reagieren mit der Forderung nach Strenge und harten Strafen) und v.a. der Idee, Bildung als Ausbildung zu verstehen, damit einer wirtschaftlich gedachten Nützlichkeit zu unterwerfen. Diese gibt sich wiederum als rational, u.a. indem sie quantifizierende Methoden nutzt, welche zwangsläufig Vergleichbarkeit voraussetzen – kein Zufall, die ultimative Gleichsetzungtechnik ist das Geld. D.h. auch, es handelt sich nicht um reine Ideologie im Sinne von „falsches Bewußtsein, welches das richtige überdeckt“, aber auch nicht um rein instrumentell gewählte Positionen. Wenn wir so das zusammen- und gegeneinanderspiel der Rationalitäten beobachten, scheint eine Philosophie, die sich naiv an das metaphysische Konzept des „Wahrheitswertes von Propositionen“ klammert genauso fatal wie solche, die endgültige/abgeschlossene Antworten auf die Frage nach einer kommenden Gesellschaft haben.

Daß ein „wirtschaftsnahes Institut“ Interesse daran hat, Personen v.a. zu gut funktionierenden – die Maschinenmetapher ist nicht zufällig – Arbeitsnehmern zu erziehen verwundert nicht; nur, daß diese Rationalität andere mögliche so erfolgreich  zu überdecken vermag – an dieser Stelle müßte wahrscheinlich das Konzept der „Hegemonie“ in die Unersuchung eingeführt werden. Wir können nur frustriert feststellen, die Bildungskatastrophe ist keine kommende …


Nachruf

4. April 2011

Westerwelle ist zurückgetreten, ein Burschenschaftler weniger, gleichwohl (noch?) nicht aus dem Bundestag. Wie schon bei Guttenberg hinterläßt ein erfreulicher Rücktritt – schade, daß sowas so selten permanent ist – bei Satiriker*Innen schalen Beigeschmack. Gleichwohl zuviele Parodien in Klamauk oder gar Homophobie abdrifteten (Gegenbeispiel), demonstrierte niemand so schön wie Westerwelle, was in diesem Land schief läuft – als inkompetent und arrogant eingeschätzt, Privilegierung in Person und dies mit „Freiheit“ begründend, während für schlechtergestellte das „Leistungsprinzip“ strapaziert wurde. Dabei mischten sich noch nationalistisch-konservative Töne (in der damaligen Bundestagsdebatte formulierte er „proud to be german“ gar noch in der englischen Sprache ähnlichen Lauten) in den neoliberalen Brei. Bei allen innerlinken Kontroversen also ein perfektes Feindbild.


Honktheorie der Wissenschaftsentwicklung

14. November 2010

Sturgeon’s Law lautet: „Ninety percent of everything is crud.“1 Daraus folgt zunächst einmal, daß 16 Artikel dieses Blogs kein kompletter Mist sein müßten. Daraus folgt auch, daß 90% aller Wissenschaftler*Innen ziemliche Honks sind. Dies hat Auswirkungen auf die Theoriedynamik, welche zu erklären wir ein wenig wissenschaftstheoretisch ausholen müssen.

Kuhn beschreibt den vielbeschworenen „Paradigmenwechsel“ wissenschaftlicher Revolutionen als Folge hartnäckiger und (innerparadigmatisch) bedeutender Anomalien.2 Stegmüller sieht darin gar ein rationales Wechselspiel aus konservativen und skeptischen Positionen, die Normalwissenschaft treibt ein Paradigma an seine Grenzen und Paradigmenwechsel bedeuten eine notwendige Erneuerung.3 Nun betrachtet sich Kuhn für Sozialwissenschaften als nicht zuständig.4 Marshall Sahlins bietet eine – nicht ganz ernst gemeinte – These des Paradigmenwechsels für Geisteswissenschaften, sie kommen zustande wenn eine Theorie zuviel erklärt und damit langweilig wird.5

Die Kulturellepraxis präsentiert hingegen die Honk-Theorie des Paradigmenwechsels: Alle noch so intelligenten Ideen und Denksysteme – wissenschaftlich oder nicht – sind pervertierbar. Wenn sich jetzt aber ein Konzept hinreichend durchsetzt, wird dieses – oder Teile oder Begriffe daraus – nach o.g. Regel von gewaltigen Anzahl von Honks vertreten. Nach hinreichend simplifizierenden Rezeptionen ist die Wahrnehmung einer Theorie bis zur Unbrauchbarkeit verflacht. Eine Theorie ist also tot, wenn sie von zuvielen Honks vertreten wird.


1Dies ist in wissenschaftlichen Studien erwiesen, da 90% aller Statistiken frei erfunden sind (so auch diese).

2 Kuhn, Thomas Samuel: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen; Frankfurt/M 2003; 65f & 73-79.

3 Stegmüller, Wolfgang: Die Evolution des Wissens : Nichtkumultativer Wissensfortschritt und Theoriedynamik. Zur Theorie von Thomas S. Kuhn; in: ders.: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie : Eine kritische Einführung Bd.2; Stuttgart (8)1987; S.279-330.

4 Kuhn S. 175.

5 Sahlins, Marhsall: Waiting for Foucault, Still; Chicago 2002; S. 73f.


Rückschritt?

3. November 2010

Nachdem den DDR-Vergleiche (vgl. etwa Stasi2.0 oder Radio Eriwan Reloaded) erschreckende Aktualität erreicht haben und die Kulturelle Praxis demonstriert hat, wie schön vergleichbar DDR und Kaiserreich sind, existiert damit ein geschichtsphilosophischer Deutungsrahmen für aktuelle Entwicklungen:

Die Polizeiuniformen sind wieder blau. Hamburg hat eine Reiterstaffel, auch existieren fortgeschrittene Pläne die Straßenbahn wiedereinzuführen (ja, liebe Berliner*Innen, seit 1978 hatte Hamburg keine).

Die Kulturellepraxis deckt mal wieder Pläne auf, die so geheim sind, daß auch wir keine Hinweise auf sie kennen: Der aktuellen Damenmode folgend dürfen Stiefel der Beamten über der Hose getragen werden. Da z.Zt. keine hinreichende Ausrüstung zur Verfügung steht, passive Bewaffnung (Motorradjacken u.ä.) zu neutralisieren, wird ein neuer Schlagstock mit scharfer Kante eingeführt; um Verletzungen auszuschließen, wird diese Waffe mit einem Handschutz versehen. Jenes innovative Instrument ist bereits hier abgebildet. Neue Polizeihelme werden Würde des Amtes gerechter ausgestattet und erhalten einen zusätzlichen Schutz gegen vertikale Schläge (Vorschaubild). Durch etwas Glück exisitiert ein gemeinfreies Bild des Entwurfes: