Kulturellepraxis Shop #2 Queerer Nagellack

30. Dezember 2012

Dank an Vassago1911

‚Unmarkierter‘ Nagellack wird viel zu häufig als Produkt nur für weiblich gelesene Wesen gedacht; explizite Hinweise, daß auch „Männer“(tm) sowas nutzen könnten (true story) machen es aber nicht besser. Wir träumen von einem Warnhinweis:

„Achtung, dieser Nagellack wurde nur für 23 Geschlechter getestet“

Wem das zu quantitativ ist:

„Vorsicht, für bislang unbekannte Formen des Geschlechtsausdrucks liegen naheliegenderweise keinerlei Erfahrungswerte vor“

Ein Nagellack für sich nicht verortende wäre dagegen wohl eher ein Ladenhüter …

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Genderstudies

13. März 2012

Einiges wurde über Quoten diskutiert. Bei den Gender/QueerStudiesprofessuren können festhalten: In Hamburg und den meisten anderen deutschen Universitätsstädten gibt es gleichviele (selbstidentifizierte) Männer, wie Frauen und sogar solche, die sich nicht in der Zweigeschlechtlichkeit einrichten wollen oder können sind nicht unsichtbarer als erstgenannte. Letztlich bietet diese Stelle einen Ausblick, wie Menschheit sein sollte.


Odradeks Geschlecht

5. März 2012

Odradek ist eine literarische Figur, narrative Regeln verpflichten im Gegensatz zum Personenstandsgesetz nicht zwangsläufig, ein Geschlecht einzutragen. Und diese Gestalt entzieht sich Eindeutigkeit oder überhaupt Sinn.

Doch gibt uns Quellenstudium Hinweise: Wohl zuerst genutzt wurde diese Figur von Franz Kafka, eine Schilderung liefernd:

Es[!] sieht zunächst aus wie eine flache sternartige[!] Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch mit Zwirn bezogen; allerdings dürften es nur abgerissene, alte, aneinandergeknotete, aber auch ineinanderverfitzte Zwirnstücke von Verschiedenster Art und Farbe[!] sein. Es ist aber nicht nur eine Spule, sondern aus der Mitte des Sternes kommt ein kleines Querstäbchen hervor und an dieses Stäbchen fügt sich dann im rechten Winkel noch eines. Mit Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite, und einer der Ausstrahlungen des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie auf zwei Beinen aufrecht stehen.

Wir können also festhalten, der – etwas fadenscheinige – Stern enthält viele Farben, Odradeks grammatikalisches Geschlecht (englisch: „Gender“) ist weder männlich noch weiblich und es besteht aus allerlei Technologie. Damit hätten wir das Geschlecht letztlich geklärt: Es handelt sich um ein* Cyborg.

P.S.: Wohlgemerkt, literarische Figuren sollten nicht mit ihren Autor*innen verwechselt werden. Wichtigen Anhaltspunkt bietet uns wiederum Kafka:

Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien beschäftigen, wenn es nicht wirklich ein Wesen gäbe, das Odradek heißt.

D* Autor*in versicherte hingegen glaubwürdig, selbst nicht zu existieren.


Für wen?!?

20. Juli 2011

In Zusammenarbeit mit Odradek

Das Warten als ein Erlebnis der besonderen Art gestaltend, liegen im Wartezimmer beim Arzt so manche merkwürdige Zeitschriften. U.a. heißt eine davon „Für Sie“. Stellt sich die Frage, werden auch andere fiktive Kollektivsubjekte derartig adressiert?

  • Race/Class/Gender:
    • „Für weiße“ (schwer zu finden, denn diese Zeitschrift ist unmarkiert)
    • Beim Warten auf dem Arbeitsamt: „Für Arbeiter“ (bleibt ungelesen liegen)
    • Auf dem Galãostrich in der Schanze: „Für Prviledged People(tm)“
  • An Schulen: „Für Dich“(wird meist ohne Inhalt ausgeliefert)
  • Beim Warten auf der Polizeiwache, das neue Magazin „He! Sie da!“
  • Bei einigen Zeitschriften ist unklar, wo diese verteilt werden können:

Queer Duke

1. Juni 2011

Trotz … Ambivalenz bei der Methode, überall subversive Lesarten zu suchen, trotz der eindeutig sexistischen Ausgestaltung dieser Serie, trotz der Erkenntnis, daß auch (selbstidentifizierte) Tunten misogyn/sexistisch sein können – beim Poster von Duke Nukem Whenever läßt sich schon übersehen, daß die Hand auf der rechten Bildhälfte wohl nicht die der Hauptfigur sein soll. Für einen Moment träumten wir, der Duke lackiere sich gerne die Fingernägel pink. Nach dem Erfolg von Feminist Hulk bleibt jedenfalls der Wunsch nach einem Queer Duke.

Schwierig wird die Frage, wie es umgekehrt aussähe. Weiblich lesbare Protagonistinnen in einem 1st/3rd-Person-Action-Spiel hatten wir bereits. Doch Lara als feministische Figur zu sehen, wäre … problematisch. Hingegen die Frage, wie eine weibliche Figur jetzt konfiguriert sein müßte, um nicht dem heterosexuell-männlich-begehrenden Blick als Objekt zu dienen, wäre wiederum eine Zentrierung auf jenen. „Agency“ haben gesteuerte Figuren ohnehin nur begrenzt. Wie sieht es bei schwulen – aber nicht cliché-schwulen – Figuren aus? Wobei – Regel 34 -, daß eine hypermaskuline Figur wie Duke Nukem nicht bereits homoerotisch ausgeschlachtet wurde wäre recht unwahrscheinlich …


Weitergehen, hier gibt’s nichts zu sehen

10. Mai 2011

Komme an einem Motorradladen vorbei, in dessen Schaufenster steht „go hard or go home“. Ich setze meinen Heimweg fort.


WM-Materialsammlung

7. Juli 2010

Da die Satireideen zur WM langsam dünn werden, wir aber nach wie vor der Ansicht sind, es könne nicht genug Anti-WM Texte geben – gleichwohl die AG Queer Studies einen sehr guten anbietet -, stellen wir eine Materialsammlung mit Argumenten gegen den Fußballwahn zur Verfügung. Deshalb steht dieser Artikel unter CC-by (der restliche Blog bleibt – so nicht anders angegeben – CC-by-nc-sa).

Die Qualität der Argumente variiert, auch sind die Belege dünn und wenn überhaupt vorhanden, so über die restlichen Artikel zu diesem Thema verteilt. Fühlt Euch zu Ergänzungen ermutigt, hier soll möglichst breit zusammengetragen werden.

1.) Zitate

  • All nationalisms are gendered, all are invented; and all are dangerous“ –McClintock, Anne; Mufti, Aamir; Shohat, Ella (hrsg.): Dangerous Liaisons : Gender, Nation, and Postcolonial Perspectives; Minneapolis (u.a.) (4)2004; c.4, S. 89-112; S. 89.
  • „Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er  verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.“ — Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit, Kap. IV, Von dem, was einer vorstellt
  • „Die Leugner des Zufalls. – Kein Sieger glaubt an den Zufall.“ Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft; Leipzig 1882; c. 258.
  • „Sport is like praying, eating, and the feeling of warmth and coolness. It is stupid for crowds to enter a restaurant just to look at a person or a group of persons eating.“ Muammar al-Gaddafi: The Green Book III; Tripoli 1975; S. 53.
  • [Angeblich auf Reemtsma zurückgehend, aber leider nicht gefundener Vergleich gegenüber dem angeblich im internationalen Vergleich „normalen“ Nationalismus: Wenn jemand aus der Psychiartrie war, weil er_sie ein furchtbares Verbrechen begangen hat und nach der Entlassung ständig davon redet, wie „normal“ er_sie jetzt ist, wäre das wohl eher beängstigend …]

2.) Argumentsammlung

  • Es ist unmöglich, sich der geistigen Monokultur des Ereignisses zu entziehen
    • Fahnen, Fans und öffentliche Übertragungen prägen den öffentlichen Raum
    • Es wird ein Recht auf und teils Beteilung am Ausnahmezustand wie selbstverständlich eingefordert
      • Beispielsweise darin, andere Termine wegen Fußballübertragungen abzusagen
      • Beispielsweise darin, daß StVO-widrige Autokorsos toleriert werden
  • Damit greifen die Mechanismen der Regime des Normalen
    • Grundlegendes Mißtrauen gegenüber Tendenzen des bedingungslosen „dazugehören wollen“ oder der Identifikation mit angeblichem So-Sein halten wir für angebracht
    • Haltungen und Verhaltensweisen werden als selbstverständlich behandelt
    • Rechtfertigungsumkehr: Die „Abweichung“, nicht die Normierung steht plötzlich unter Begründungszwang
    • Die Idee des kollektiven Feierns in der Masse beruft sich auf eine Gemeinschaft, damit eine implizite Idee der Gemeinsamkeit die zwar nur fiktiv, aber deshalb umso normierend wirkungsvoller ist
      • Eine solche Gemeinschaftsidee entsteht nicht voraussetzungslos und verschwindet sicherlich nicht mit Spielende
      • Konzepte der Unschuld sind eng verknüpft mit Urspünglichkeitserzählungen. Schönes Beispiel sind Kindheitserzählungen als Begründung Fußball schauen zu müssen
        • Mit derartigen Erzählungen wird Verantwortung verneint
        • Scheinbar individuelle Ursprünglichkeit geschieht in einem nie geschichtsfreien Kontext; Massenerlebnisse und Nationalismus können also speziell in diesem Land nicht als unschuldig gelten
    • Es wird festgelegt was zentral-unmarkiert, was abweichend-randständig ist
      • Das „zentral“-Unmarkierte gibt sich oftmals als standpunktloser Standpunkt (vgl. „culture of no-cultures, god-trick“)
      • Während das „abweichend“-Randständige unsichtbar wird. Dies soll deshalb ein gezielter Kontrast zum Fahnenmeer sein
      • „Fußball-WM“ wird gleichgesetzt mit „Ableoid-Männer-Fußball-WM. Es gibt den Begriff „Frauenfußball“, aber doch auch nicht den Begriff „Frauenleber“
      • Politisch/ethisch ist der Antinationalismus kaum sichtbar/meinbar
      • Fehlende Fußballbegeisterung gilt nicht als Option
      • Ausgeschlossen sind auch v.a. jene, die nicht zur imaginären Gemeinschaft Kollektiv gezählt werden
    • Normen und Ordnungen werden durch die (immer künstliche) Abtrennung vom „Anderen“, Verworfenem aufrecht erhalten
  • „Sportbegeisterung“ gilt meist nur als Vorwand
    • Zu erkennen ist dies daran, daß sportlich gleichwertige Ereignisse wie das Spiele des Fußballnationalteam der (Ableoid)Frauen weitaus weniger Beachtung finden, ebenso andere Mannschaften oder Fußballereignisse
    • Zu erkennen ist das an der exzessiven Verwendung von Nationalsymbolen
    • Probleme des Leistungssport, wie Kommerzialisierung oder Doping werden besonders im Nationalfußball unterbetont
  • Für beängstigende Effekte in/durch die Fußballrezeption kann eine Katharsishypothese mit Skepsis betrachtet werden
    • Für andere Debatten – wie die um Computerspiele – wird diese auch zugunsten lerntheoretischer Ansätze als veraltet dargestellt, was nach einer Form von Doppelstandard aussieht
    • Sowohl die psychoanalytische Katharsisidee, wie auch die neurowissenschaftliche Plastizitätsidee basieren auf Konjunkturen nicht unumstrittener Theorien
    • Gegen ein kontrolliertes Ausleben (zumal von Neigungen die nicht essenzialisiert werden können und sollten), spricht eine Zunahme von Nationalymbolen auch außerhalb derartiger Großereignisse, beispielsweise Kleingärten verstärkt mit Deutschlandfahnen, statt Sportvereinen oder Regionalwappen auszuflaggen
  • Heteronormativität im (Ableoid-Männer)Fußball
    • Bis heute bekannte sich noch kein männlicher deutscher Fußballspieler zu seiner Homosexualität
    • So ist „Ihr seid alle homesexuell“ als pejorativer Fangesang zu verstehen
    • So werden Schwarz-Rot-Gelbe Hasenohren zur erfolgreichen Selbstobjektivierung vermarktet
    • So dient Fußball einem gewissen Männlichkeitskult
      • „Initiationsritus“ Fußball als Männlichkeitsangebot und -pflicht („Jungensport“)
      • Gemeint sind auch nur Männer mit siegversprechenden Eigenschaften
  • Erklärbar könnte diese „Begeisterung“ mit einer Art Flucht vor anderen Problemen sein
    • Kompensatorisches „Gewinnen wollen“
    • Individuellen Mißerfolg in „Wir“ Identifikation und Gefühl der Verbundenheit entschädigen
    • Freisetzung von Emotionen & Abgabe von Verantwortlichkeit
    • Marginalisiertheit (selbst als Intellektuelle) nicht ertragen wollen, von daher Einschreibung in die große Gemeinschaft. Ein Hoch auf das Partielle und Unvollkommene seitens der Kulturellen Praxis
  • Leistungsdenken
    • Mit Cacaus Tor ging einigen – besser spät als nie – auf, daß „deutsch“ nicht an an Hautfarbe geknüpft sein muß. Doch wird Rassismus hier durch Leistungsdenken modernisierend ersetzt
    • Standardisierung der Regeln (Kontrollierbarkeit)
    • Autoritätshörige und hierarchische Strukturen innerhalb des Fußballs
    • Rollenvorbilds Fußballer: Leistungsbereite fröhlich-naive Anpaßung
    • Die Mehrzahl der Spielenden und die Mehrzahl der Mannschaften müssen zwangsläufig Verlierer sein
      • Identifikation nur mit den wenigen Gewinner*Innen
  • Sicherlich als Hauptkritikpunkt an diesem Rasensport kann seine Verknüpfung mit Nationalismus gelten. Das Feld der grundlegenden Kritik an Nationalismus und dessen deutschen Spezifka ist zu umfangreich, es hier im einzelnen aufzuführen. Deshalb sollen lediglich die Verbindungen zum Fußballnationalismus hergestellt werden
    • Als geradezu ikonisches Beispiel soll hierzu der s.g. „Pisser von Rostock“ dienen, am Rande rassistischer Übergriffe wurde eine Person beim Hitlergruß photographiert, welche ein Männerfußballnationalmannschaftstrikot mit Flüssigkeitsfleck in Lendengegend trug
    • Umso bedenklicher kann hierbei die Farbgebung des aktuellen Trikots gelten, bei welchem die Farbe gelb praktisch nicht mehr zur Geltung kommt, was an Traditionen schwarz-weiß-roter Farbgebung anknüpft
    • Derartige Anknüpfung nimmt unerträgliche Ausmaße an, wenn „Fans“ – wird leider immer häufiger berichtet – die erste Strophe des Deutschlandliedes anstimmen oder gar „Sieg Heil“ brüllen
      • Einigkeit gewinnt ihren Platz vor den Sekundär- und Tertiärtugenden („Recht & Freiheit“)
    • Rassistische und nationalistische Kommentierungen sind zahlreich, diese WM ist uns ein äußerer Reichsparteitag
    • Beliebte Verwendung von Kriegsmetaphern kann als problematisch betrachtet werden; gerade soetwas nicht nicht ausufern zu lassen ist Grundkonzept von „Sportlichkeit“ gesehen werden, doch scheint diese keine gleichwertige Gegenkraft zu National- und Leistungsdenken zu sein
    • Sprachgebrauch des „wir“
      • Wer wird (auch unwillentlich) eingeschlossen, wer wird ausgeschlossen?
      • „Wir“ bedeutet in Nationaldiskursen bereits „Papst“, „Kanzlerin“ und „Deutschland“, sollte dann „wann spielen wir“ nicht heißen „wann treffen sich Merkel und Ratzinger zum Kanaster? Diese Frage verneinend kann geschlossen werden, daß auf ein zu untersuchendes Konstrukt von Deutsch-sein in der Identifizierung mit der Nationalmannschaft liegt
    • Derartige Großereignisse bieten einen medialen Windschatten, unpopuläre politische Beschlüsse in dessen Windschatten medial unbehelligt durchzusetzen
  • Der kritisierte Fußballnationalismus hat konkrete Folgen, welcher medial systematisch unterbewertet werden
    • Sexuelle, homophobe und v.a. im Falle von Niederlagen rassistische Übergriffe
    • So scheint die letzten Tage notwendig geworden zu sein, daß die Polizei ein Gebäude mit einem deutschlandfeindlichen Banner in St.Pauli vor aufgebrachten „Fans“ beschützt hatte