Grenzwertige Aussage

18. November 2018

Die aktuelle Konkret hat einen Artikel zu Luhmann, noch dazu einen nicht ganz negativen – klar muß ich das lesen. Dazu vielleicht später mehr, aber auf der letzten Seite – Gremlizas Express – wird Sahra Wagenknecht zitiert mit:

„Eine Gesellschaft ohne Grenze ist keine Gesellschaft […] Grenzen können liberal und offen gestaltet werden. Aber mein Satz dazu ist. Man kann eine Grenze nur öffnen, wenn man sie hat.“ [Konkret 11/2008 S. 66. Auslassung von der Kulturellenpraxis]

Hermann Gremliza antwortet selbstverständlich geschliffener und pointierter als ich es je könnte, aber irgendwie fühle ich mich mit meiner Schwäche für Systemtheorie erwischt, die Aussage, daß sich ein System durch seine Abgrenzung zu dessen Umwelt definiert gehört doch zu den systemtheoretischen Grundlagen.

Nur was meint sie mit Grenze? Gegen eine Grenze wie zwischen Stadtteilen oder Postleitzahlenbereichen, die zu überschreiten eins selten merkt hat doch wohl niemand d* „no border“ ruft im Sinn, auch eine Grenze wie zwischen Bundesländern, in denen schon andere Gesetze wirksam sind, andere Behörden tätig usw. kann nicht gemeint sein. Gibt es nach Wagenknecht also überhaupt diesen Stadtteil, diesen Bezirk, dieses Stadtstaat-Bundesland? Selbst ein Autonomes Zentrum ist ein Raum der sich durch selbst gegebene Regeln von dem Unterscheidet was es nicht ist, aber niemand würde die Tür als „Grenze“ bezeichnen, selbst wenn ich dort einen Flyer mit den Hausregeln in die Hand gedrückt bekomme und Rechte diesen Raum als „Parallelgesellschaft“ bezeichnen.

Aber sie sagt ja was sie eingegrenzt sehen will, nämlich „Eine Gesellschaft“. Systemtheoretisch macht es schon Sinn Gesellschaft als System zu beschreiben das sich von dem was es nicht ist unterscheidet aber daß diese Abgrenzung mit einer Grenze einher geht, geschweige denn dem engen Verständnis einer Grenze zwischen Nationalstaaten folgt daraus nicht zwingend. Systemtheoretisch sauber formuliert müßte es also heißen: Bedingung für eine Gesellschaft ist, daß zwischen dieser Gesellschaft und ihrer Umwelt unterschieden wird. Und damit ist noch nichteinmal gesagt ob eine Person nicht auch mehreren solcher Systeme gleichzeitig angehören kann – verläuft die „Grenze“ dann in deren Kopf? Oder muß die Person ständig über eine Linie springen je nachdem wie sie gerade verortet wird?

Wir wurden also sprachlich aufs Glatteis geführt: „Gesellschaft“ und „Nationalstaat“, so wie „Unterscheidung“ und „Grenze zwischen Nationalstaaten“ werden gleichgesetzt. So gesehen läßt sich linksluhmannianisch nur fordern Schlandland zur Umwelt zu machen!

Was mit „Grenze“ gemeint sein soll ist so schwammig, daß die Bemerkung suggeriert es sei eine Äußerung zu Grenzpolitiken, aber jede konkrete Positionsbestimmung kann als Unterstellung abgetan werden.

Also haben wir hier ein schönes Expemplar für „populistische“ Vorgehensweisen: Sprachliche Irreführung und Assoziationsketten.

Bei aller Kritik an großen Erzählungen über Philosophie: Genau gegen solche Sophistereien wurde die Philosophie erfunden!

Werbeanzeigen

Kulturellepraxis live

29. Oktober 2018

„Da steht der Feind!“ – „Wo? Ich sehe nur einen Nebel aus Assoziationsketten …“


Flachzangen immer wieder

23. August 2018

Dank an @momorulez für den Hinweis

Gut eingebubblet um wenig davon mitzubekommen und keine Motivation für lau ausführlich zu recherchieren – Unsinn ist ohnehin leichter in die Welt zu setzen als zu widerlegen – ließ es sich dennoch nicht vermeiden neueste Tiefpunkte die im Assoziationsraum „Postmoderne“ verbreitet werden schmerzlich wahrzunehmen.

Die Gefährdung durch die Postmoderne™ wurde anscheinend von „neoliberal“ auf „faschistisch“ hochgestuft. Im Rauschen des Diskurses sind Essenzialismusvorwürfe an den Poststrukturalismus zu vernehmen. Nach Jahrzehnten der ermüdenden Relativismusdebatten und „killing the messenger“ für vorhergesagte „postfaktische“ Politikstrategien nun auf einmal Essenzialismus?!?

Dahinter scheint eine Assoziationskette von „Poststrukturalismus = Postmoderne = Critical Whiteness = Ethnopluralismus“ zu stehen.

Daß diese Gleichsetzungen nicht zutreffen und darüber hinaus die einzelnen Positionen lediglich durch Gerüchte beschrieben werden wurde – u.a. hier – schon so häufig erklärt, daß wir uns damit nicht weiter aufhalten sollten. Viel mehr beängstigt diese Ignoranz, zumal wenn wir genauer untersuchen wie diese funktioniert: Wir haben gestapelte Assoziationsketten, Gerüchte, welche sich zu Wahrheitswirkungen verdichten, ein wir:die-Schema, bei dem auch noch die Gegner*innen alle irgendwie zusammenhängen und nur erfolgreich sind indem sie falsch spielen. Das sind Muster von Verschwörungstheorien und dennoch gehen sie in sich als links verstehenden Kreisen als Theoriediskussion durch.

Zusammenhänge von Verschwörungstheorie, Antiintellektualismus und Antisemitismus aufzuzeigen sei den Leser*innen als einfache Hausaufgabe überlassen.

Bei theoretische Positionen kann eins schonmal unterschiedlicher Ansicht sein – wir kommen nur mit Irrtumslizenz weiter. Die Unis bieten auch nicht mehr so viele Freiräume, womit theoretisch in die Tiefe zu gehen schwieriger geworden ist. Auch wenn Leute sich in ihren Kämpfen nicht so sehr in diese theoretische Tiefen gehen wollen ist das nachvollziehbar; gleichwohl das – äußerst bewegliche – Verhältnis von Kämpfen und Theorie gründliche Reflexion vertragen könnte, doch wird gerade sowas durch haltlosen Behauptungen erschwert.

Verschwörungsdenken und Desinformationen um andere anzugreifen ist unter keinen Umständen emanzipatorisch.


Skandal am Heiligen See

6. Juni 2018

Inspiriert von C_Holler

Nach den Erfolgen der bayrischen Polizei im Einsatz gegen Schulschwänzer*innen zog die brandenburger nach und machte sich auf die Jagd auf Verdächtige, die werktags Freizeitaktivitäten nachgehen. Die SoKo „Kristina“ war nach der ehemaligen Familienministerin Kristina Schröder benannt und ihrer weit rezipierten Frage: „Ist das gerecht gegenüber denen, die arbeiten?“

Eingentlich erwarteten die Polizisten bei dieser Razzia krank gemeldete Mindestlohnempfänger*innen zu erwischen, nicht aber den Parteivorsitzenden und Bundestagsabgeordneten Alexander Gauland an einer illegalen Badestelle aufzugreifen.

Ein anonymer Polizeisprecher hierzu: „Jemand mit seinem Einkommen müßte wirklich das Geld für einen Freibadbesuch – oder ordnungsgemäßes Parken – haben, Bademeister retten Leben und der Herr ist ja auch nicht mehr der Jüngste. Aber als wir ihn in Badehose abführten jammerte er irgendwas von einer gestohlenen Hose. Ich dachte ja bislang, Rechte hätten einen Sinn für Ordnung und eine gewisse Härte, wie man sich irren kann.“

Leider druckte die s.g. „Lügenpresse“ geschlossen die Geschichte von einer gestohlenen Hose ab – als ermittele der Staatsschutz bei Dummjungenstreichen -, vom doppelten Fehlverhalten des Herrn Gaulands abzulenken.

Indessen ging nun auch offiziell die Klage der Guanoproduzent*innen bei Gericht ein, daß Gauland ihr Produkt („Vogelschiss“) geschäftsschädigend herabwürdige.


Cui Bono?

20. Januar 2018

Der Adorniterorden ist uns auf die Schlichte gekommen: großes Ziel der POSTMODERNE™ ist die Selbstinfantilisierung. Aber wer steckt dahinter?

Die Plüschtiere! Es geht darum daß die Plüschtiere für eine bessere Welt die Macht übernehmen.

Plüschtiere an die Macht!


Linke Homöopathie

18. Januar 2018

„Nach wie vielen Spaltungen sind wir endlich eine Volksbewegung?“


Neues Musical

27. Juli 2017

Neue Flora besetztHeute legte die Rote Flora ihr neues Nutzungskonzept vor, den Vorstellungen der Politik von dieser Stadt näher zu kommen.  Nach der erfolgreichen Inszenierung des an diesem Ort so geschichtsträchtigen „Phantom der Oper“[1] folgt nun das nächste Musical am Achidi-John-Platz: „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“. Die Handlung ist am gleichnamigen DEFA-Film angelehnt, doch die musikalische Gestaltung folgt unlängst entdeckten Partituren von Hans Eisler aus einem verloren geglaubten Briefwechsel mit Theodor W. Adorno.

Die HADAG sagte bereits zu, die „C-Star“ aufzukaufen und anläßlich des Musicals in „Ernst Thälmann“ umzubenennen, am Design der neuen Lackierung wird z.Zt. fieberhaft von HfBK Studierenden gearbeitet. Nach ersten Soundchecks zeigte sich Kultursenator Dr. Brosda (SPD) beeindruckt und bot den Gestaltenden der Roten Flora spontan einen Gebäudetausch mit der Elbphilharmonie an.

Einzig aus den Reihen der Partei „die Partei“ gab es Proteste, Hamburg müsse Muscalfreie Zone werden[2], eine Räumung der Neuen Flora wird diskutiert. Anwohner*innen zeigten sich diesem Vorschlag gegenüber aufgeschlossen, gingen doch deutlich stärkere Belästigungen für sie vom Publikum der Neuen Flora aus. Innensenator Grote (SPD) bot an, die Lage mit dem erfolgreichen Einsatzkonzept vom 06.07.2017 ff zu entschärfen: Wer vor der Neuen Flora auf dem Radweg geht kann im Rahmen hamburger Verhältnismäßigkeit künftig mit Pfefferspray rechnen.

Im Rahmen dieser Kompromißverhandlungen unterzeichnete Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation bereits einen Kooperationsvertrag mit „Der Schwarze Block“® gGmbH, künftig müssen Halter*innen verkehrswidrig geparkter Fahrzeuge mit unbürokratischen Schnellverfahren mittels Grillanzünder rechnen.