Nachlese #1 Das Didaktik Dilemma

20. Juli 2013

Wir unterbrechen die Kalauer für ein paar Fingerübungen

Tja, einige Begeisterungen, einige vernichtende „Kritiken“, letztlich keine wirklich produktive Debatte. Damit will ich nicht behaupten, der Artikel mit @sanczny und @yetzt sei ein Fehlschlag gewesen. Nur hatte er kommunikationstechnisch merkwürdige Ergebnisse. Und dabei sei offensichtliches Getrolle, welches von derartigen Themen stets angezogen wird einmal ausgeklammert.

Ein paar auf Twitter aufgetauchte „Kritikpunkte“ sollen hier  ‚abzuschmeckend‘ Anlaß für sein, ein paar Gedanken festzuhalten. Um die Bleiwüsten überschaubar zu halten, wird das ganze thematisch gestückelt und am Ende zusammengefaßt.

#1 Es fehlen die Anknüpfungspunkte „mit den Menschen da draußen“. D.h., der Text sei „zu akademisch“.

Letztlich könnten wir den alten Horkheimer strapazieren, daß „konstruktive Kritik“ immer einen gewissen Rahmen affirmiert, welcher aber auch kritisiert gehört. D.h. unmittelbare Anwendbarkeit oder Anschlußfähigkeit funktioniert nur unter Prämissen, die kritisiert gehören. Alles Zweifelhafte ist anzuzweifeln!

„Zu akademisch“ ist hier in sofern ein merkwürdiger Einwand, alsdaß alle Beteiligten einen gewissen Abstand zur Uni haben, einige gehen sogar „nützlichen“ Tätigkeiten nach. Gleichwohl gewisse akademische Vorkenntnis sicherlich herauszulesen sind. Doch war mir die Idee stets zuwider, für eine abstrakte Masse von Durchschnittsmenschen zu sprechen/schreiben; die wirklich interessanten Leute bleiben bei derartigen Vorstellungen auf der Strecke. Um nicht zu sagen: Antiintellektualismus ist mir zuwider. Hinzu kommt, daß auf Dauer ausschließlich für Publikum mit geringem Vorwissen zu texten zu einer gewissen Art der Denkfaulheit führt.

Nach dem Principle of Charity ein stichhaltiges Argument suchend, dann das, daß hier (welches „hier“ eigentlich, gleichwohl durch Hyperlinks oftmals Decodierungshilfen angeboten werden, Insiderscherze Markenzeichen der Kulturellenpraxis!) massiv Übersetzungsarbeit für Leute mit wenig Vorwissen hätte geleistet werden können. Also noch mehr unbezahlte Arbeit.

Hinzu kommt aber ein Problem, welches „Paradigmengebundenheit“ genannt sei. Nach Kuhn wachse Wissen nicht immer akkumulativ, lediglich in Phasen der s.g. „Normalwissenschaft“, in denen eine Art Probleme zu sehen und lösen – „Paradigma“ genannt, da an Lösungsbeispielen erlernt – unhinterfragbar herrscht. Auch Fleck würde eine Denkstilgebundenheit jeglicher Forschung annehmen, aber diese Denkstile in einem permanenten Prozeß der Verschiebung sehen, sodaß er die Vorstellung akkumulativen Wachstums noch konsequenter zurückweist:

„Wissenschaften wachsen nicht wie Kristalle durch Apposition, sondern wie lebende Organismen, die jede oder fast jede Einzelheit in Harmonie mit der Ganzheit entwickeln.“
–Fleck, Ludwik: Wissenschaftstheoretische Probleme; in: ders.: Erfahrung und Tatsache : Gesammelte Aufsätze mit einer Einleitung; hg.v. Schäfer, Lothar; Schnelle, Thomas; Frankfurt/M 1983; S. 128-146; S. 129.

D.h., wenn mit „Vorwissen“ nicht Rahmen des Denkens (Paradigma/Denkstil) gedacht wird, sondern lediglich zusätzliches Wissen in einem unsichtbaren Denkstil gemeint ist, hilft auch Übersetzungsarbeit nicht. Dann es ist ein Irrtum der Akkumulationstheorie des Wissens, daß Unverständnis schlimmstensfalls komplizierter, bestenfalls komplexer Sachverhalte nur eine Frage des Vorwissens sei. Oder allgemeiner ausgedrückt: Es ist falsch anzunehmen, daß einfaches Begreifen lediglich eine Frage des Vorwissens sein müsse.

Einfach und kurz ausgedrückt werden kann nur das, was nahe-liegend ist. Nun wäre es ein durchaus legitimer Einwand, innerhalb gewisser Denkstile einfach zu fachsimpeln, d.h., die Gedanken paradigmenimmanent keine Tiefe hätten und deshalb für alle, die mit der Materie vertraut sind zu einfach wären. Doch die – leider auch in universitären Kreisen um sich greifende – „zu akademisch“ Denkfigur funktioniert entgegengesetzt und versucht, als übergeordneten Denkstil eine Art Alltagsverstand in Stellung zu bringen. Der beliebte Denkfehler, Mangel an Kenntnis mit Unvoreingenommenheit zu verwechseln. Da ließe sich zunächst fragen: Wessen Alltagsverstand eigentlich? Die Vorstellung von Massen der Normalen(tm) auseinanderzunehmen ist mir hier zu trivial. Falls irgendwelche Zweifel herrschten: Im konkreten Fall ging es darum, daß gewisse Vorstellungen leider hegemonial sind und versucht wurde, diese ein Stück weit aufzubrechen.

Was auf ein Problem der Hochschullandschaft verweist – wenn schon zu akademisch, dann richtig. Merkwürdigerweise Parallel zu Unterwürfigkeit, Autoritäten und Hierarchien für nicht hinterfragbar zu halten, treten einige fordernd auf, als hätten sie ein Anrecht auf Ignoranz (Beispiele). Wer also eine mangelnde Geduld gegenüber Unverständnis wahrnimmt: Bedankt Euch bei den Honks, welche Ignoranz als Unwissen tarnen. Hinzu kommt die zeitgemäße Forderung, zu Lernendes müsse einfach und umittelbar praxisrelevant sein.

Was sind die Ursachen?

Zunächst einmal universitäre Strukturen; und damit sind durchaus auch ökonomsiche gemeint. Bei der Einführung von Studiengebühren wurde behauptet, die Studierenden hätten als Kund*innen mehr Rechte. Nun sind in Hamburg die Studiengebühren zwar wieder abgeschafft, daß die Studierenden als Kund*innen einer Ausbildung, nicht Mitglieder einer Bildungseinrichtung gesehen werden ist dadurch ungebrochen.

Was die Nutzbarkeit von Wissen angeht: Auch wenn queer häufig Neoliberalismus vorgeworfen wird, hier könnten wir den Spieß umdrehen, denn ein gewisser Materialismus zeigt sich in diesem Fall durchaus kompatibel zu um sich greifender kapitalistischen Verwertungsrationalität, während alte idealistische Bildungsideologien auch Freiräume für Linkes bedeuten konnten.

Eine weitere mögliche Ursache wäre der Trend zum Auswendiglernen unter permanentem Druck und Zeitdruck. Da ist wirklich Kompliziertes nicht vorsehbar und Lernen zu aufwändig. Interessanterweise könnte dies in einen Teufelskreis führen: Da unter Druck zu lernen kein tiefes Verständnis hervorbringt, werden einfach die Anforderungen, wieviel zu lernen ist hochgesetzt. Problematischerweise gehen also durch Versuche, sich dem Druck der Anforderungen zu entziehen – ein gutes Pferd spring nicht höher als es muß – weitere verbliebene Freiräume möglicherweise verloren; use it or lose it.

Veränderungen im Schulsystem mögen einen Anteil haben, hier fehlt mir der Einblick. Lediglich daß problematische Verständnisse von Pädagogik – inkl. Methoden- und Machbarkeitsglauben – Teil des Problems sein könnten sei als These festgehalten. Beispiel hierfür wäre der um sich greifende Begriff der „Motivation“: Ob die Pädagogikopfer durch Druck oder pädagogische Übertölpelung zum erwünschten Verhalten gebrachten werden ist nur ein Scheingegensatz.

Möglicherweise Ursache, möglicheweise Symptom, jedenfalls guter Kristallisationspunkt ist das Feedback-Ritual. Feedbackgebende sollen anonym sein oder zumindest darf auf ihre Eingabe nicht geantwortet werden. D.h., Meinungen und Erwartungen in der Sprecher*innenposition d* Feedbackgebenden sind nicht zu hinterfragen und gelten als relevant, wenn gehäuft auftretend. Und somit gilt das Wohlbefinden der Mehrheit relevanter, da messbarer – Positivismuskritik, anyone? -, als solch diffusen Absichten wie beispielsweise „Lernen“.

Das Problem daran ist somit, dieses bedenkliche Problem einerseits nicht hinzunehmen – nicht mitzuspielen -, andererseits aber dennoch nicht komplett an jeglichem Publikum vorbeizuarbeiten. D.h., möglichst nur die Ignorant*innen vor den Kopf stoßen und möglichst viele Interessierte anzuregen; beispielweise dadurch, nicht zu wenig Übersetzungsarbeit zu leisten.. Das Dilemma zieht sich bis in solche Textungen.

tl;dr:

  • Nicht alles sollte einfach sein
  • Einfachheit ist nicht immer eine Frage des Vorwissens
  • Übersetzungsarbeit ist Arbeit, also von ehrenamtlichen Schreiber*innen schwer einforderbar
  • „Alltagsverstand“ ist kein neutrale oder allgemeinverbindliche Sprache
  • Feedbackkultur ist ein Kristallisationspunkt einer (auch akademischen) Kultur der Ignoranz
  • Es ist ein Dilemma, einerseits nicht am Publikum vorbeiarbeiten zu wollen, andererseits diese Kultur der Ignoranz nicht nachgeben zu wollen
Werbeanzeigen

Bauprojekte

16. Juli 2013

Schon jetzt gilt die unvollendete Elbphilharmonie mit 575 mio. Euro als das teurste Konzerthaus der Welt. Zum Vergleich: die Aussichtsplattformen des Fernsehturms wieder nutzbar zu machen wäre für 5-10 mio. machbar. Konzerte könnten auch hier stattfinden, die Akustik dürfte auch nicht schlechter sein, für das zu erwartende Interesse dürfte der Raum reichen. Angesichts der Berichterstattung über die Elbphilharmonie – siehe Ende dieses Artikels – besteht der Eindruck, als handele es sich um ein schlecht geplantes und lange verzögertes Projekt. Aber ist die Planung wirklich so schlecht? Ungeahnte Gewinne und lange gesichterte Arbeitsplätze deuten auf das Gegenteil hin. Und bislang kann von langer Bauszeit keine Rede sein, bedenken wir jene des Kölner Doms. Gleichwohl sich die Kosten für letzteren schwer errechnen lassen dürften, Hamburg hat hier nun endlich mal gelegenheit, zu zeigen was es kann und Köln im Bereich Korruption/Filz eindeutig gewachsen zu sein. Stuttgart und Berlin ohnehin: Der Neubau des Stadtschlosses dürfte, so nach historischen Plänen durchgeführt sogar funktionieren, in Preußen wurde Effiziente Planung noch großgeschrieben (siehe auch).

Angesichts dessen vermochten wir Gerüchte, besorgte Bürger*innen erstreben eine für die Stadt gesichtswahrende Exit-Strategie und suchen verzweifelt nach Weltkriegsbombenblindgängern (1), (2) für die Baustelle bislang nicht zu bestätigen. Da eine Fortsetzung des Baus den deutlich größeren Schaden anrichtet, scheinen auch terroristische Anschläge von Seeseite – wir erinnern uns, Terrorfahnder*innen in den Reihen unserer treuen Leser*innen begrüßen zu dürfen, an jenen auf die USS Cole – recht unwahrscheinlich. Und das nicht nur, weil kompetentes Personal schwer zu finden ist; bei jener kompetenten Architekturgestaltung könnte auch ein Schlauchboot ohne Sprengstoff reichen.

Ein Sprecher des Hamburger Landesamtsverbands linksextremistischer Chaot*innen & Terrorist*innen dazu: „Was Elbphilharmonie und Hafencity angeht, setzen wir lieber auf eine Nachhaltige Strategie. Im Rahmen der deutschlandweiten Flutkampagne [siehe (3), siehe nicht (4); Anm. d. Red.] sind unsere Mitglieder sind zu möglichst hoher CO2 Produktion aufgerufen. Muhaha, einzig Helmut Schmidt könnte uns noch stoppen!“

Mehr zur Elbphilharmonie von der Kulturellenpraxis:

Siehe auch Postillon:


Neue Universität

17. Juni 2013

Mit Hackerschorsch

Nachdem der Umzug auf den kleinen Grasbrook wohl (hoffentlich) vom Tisch ist, aber immernoch Begehrlichkeiten auf die teuren Grundstücke der Universität Hamburg herrschen, außerdem „Einsparungen“ den Platzbedarf massiv herabgesetzt haben, wird nach einem neuen, allerdings innenstadtnahem Standort gesucht. Unter dem Titel „Heinrich-Hertz-Hochschule“ verlegen wir die Uni deshalb einfach in die seit 12 Jahren leerstehende Aussichtsplattformen des Hamburger Fernsehturms. Hier schonmal Material für die PR-Abteilung:

  • Hoch-Schule
  • Überblickswissen
  • Hohes Niveau
  • Leuchtturmprojekt
  • Herausragend („Stands out“)
  • Strahlt weit aus
  • Elfenbeinturm
  • Aufstiegsmöglichkeiten
  • regelmäßig polarisierend
  • stark frequentiert
  • angegliederte Autovermietung

Studieren Sie an der Heinrich-Hertz-Hochschule. Wir vermitteln Überblickswissen auf höchstem Niveau und bilden damit ein herausragendes Leuchtturmprojekt, welches weit ausstrahlt. Zwar bekennen wir uns zu klassischen Bildungsidealen des Elfenbeinturms, bieten aber auch gewaltige Aufstiegsmöglichkeiten. Unserem Namensgeber werden wir gerecht, denn nicht nur unsere angegliederte Autovermietung ist stark frequentiert, wir wirken auch regelmäßig polarisierend.

Allerdings soll die Köhlbrandbrücke abgerissen werden. Eine Uni, die schon bessere Tage gesehen hat würde perfekt zu diesem Bauwerk passen. Zumal dies optimal die Symblolik der Bridge-Trilogie aufgreift: Veraltete Technologie gerät in eine Krise, woraufhin durch Selbstorganisationsprozesse – in diesem Fall, wie auch schon in „Red Star, Winter Orbit“ durch Besetzung – ursprünglich unintendierte Verwendungspraxen entstehen. In einer cyberpunkigen Verbindung von Hightech und Lowlife, sowie Technologie und Mensch entsteht Neues.

  • Gehobene Ansprüche
  • Keine trockenen Stoffe
  • Erforschung von Brückentechnologien
  • Fördert Inselbegabungen
  • Tiefgründig basiert
  • Basis befindet sich im Fluss
  • Spannt einen weiten Bogen
  • Uferlose Möglichkeiten
  • Ermöglicht Zugang (z.B. nach Waltershof)

Die neue Hochschule für gehobene Ansprüche ermöglicht tiefgründig basiert ungeahnte Zugänge (z.B. nach Waltershof). Hier wird ein weiter Bogen gespannt von Brückentechnologien bis Inselbegabungen, hier herrschen uferlose Möglichkeiten. Dabei beschäftigen wir uns nicht mit trockenen Stoffen, denn unsere Basis befindet sich stets im Fluß.


Hochschulentwicklung

6. April 2013

Mit: FrlPia

Die Attraktivität dieses Fachbereiches Geschichte konnte bereits in der Vergangenheit, nach dem bahnbrechenden Wirken Heinrich von Treitschkes erfolgreich vermarktet werden: Sei es durch den Knoppismus, sei es in der Zusammenarbeit der Universität mit größeren Senior*innenresidenzen, deren Mangel an Tagesräumen mit Hilfe von Vorlesungen auszugleichen. So entstand in Marktoptimierung auf Kontaktstudierende bereits die Reihe „Erotik in Hitlers Cäsarbild“.

Doch auch jüngere Studierende müssen noch stärker als Kund*innen begriffen werden; viele fordern solch eine Behandlung auch schon aktiv ein. Lehre muß sich konsequent an Erwartungen und Wohlbefinden der Konsument*innen anpassen, ein sehr positiver Schritt sind wellness-basierte Evaluationsverfahren

Auf diesem Wege erreichen wir einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz, was letztlich auch höhere Preise rechtfertigt. Gerade in Seminaren zu moralisch aufgeladenen Themen existiert gewaltiger Optimierungsbedarf, viele werden unnötig aus ideologischen Ansprüchen der Lehrenden – Gutmenschentum – enttäuscht.

Das Treitschke-Insitut für geisteswissenschaftliche Nutzenoptimierung präsentiert im Rahmen seines innovativen Hochschulentwicklungsplans ein Musterprojekt aus der Geschichtswissenschaft: Das zeitgemäße und kund*innenorientierte Genozid-Seminar. Freuen Sie sich auf Themen wie

  • Einführungssitzung: Der Untergang des Abendlandes – Freies Assoziieren zu beliebigen Textstellen
  • Die demographische Katastrophe: Deutschland schafft sich ab
  • Der wirklich echt wahre Hufeisenplan: Deutschland muß (wieder) Kriege wegen Auschwitz führen
  • Der Kulturelle Genozid in Tibet
  • Das große Konzentrationslager Gaza
  • Der Holocaust auf Deinem Teller
  • Der Baumholocaust durch Stuttgart21 und IBA
  • Der aliierte Bombenholocaust auf Dresden und andere deutsche Städte
  • Der Babyholocaust: Abtreibung fordernde Feminazis
  • (Sex)“Arbeit macht frei“: Eine Femen Gastreferentin erläutert die Parallelen zwischen „Prostitution“ und Nationalsozialismus
  • Die Amis
    • „Indianer“ mit anschließendem Karl May Lesekreis
    • Hiroshima
    • Vietnam (Agent Orange & Napalm)
  • Die Massenvergewaltigungen und Gulags: Warum Operation Barbarossa eine notwedige Verteidigungsmaßnahme war
  • Stalingrad: Nichts kann furchtbarer gewesen sein
  • Nachbereitung: Gegenseitiges Schulterklopfen und gegenseitiges Versichern, daß weiße heterosexuelle christliche ableoid Deutsche – Mittelschicht aufwärts und nicht zu links – doch voll OK sind

Kulturellepraxis Shop #4 Kopfhörer

15. Februar 2013

Kopf hoch! Halten Sie immer den Kopf über Wasser, dank der KP-Schwimmkopfhörer“


Dialektik, Digga

8. Januar 2013

„Postmoderne“ läßt sich auf vielerlei weise fassen; platte Geschichtsphilosophie – die Moderne ideologisch beerben zu wollen -, Modewort – so hätte es wohl auch Focuault verstanden -, Abwertungsversuch gegen Poststrukturalismus, was mit intertextualität/zitaten/kombinierbarkeit, moderne redigieren. Wir haben es hier meist im Derrida’schen Sinne, als nicht vormoderne Kritik an der Moderne mit Mitteln dieser verwendet.

<#befindlichkeitstweet>In existenzialistischer (bei aller Kritik an den Inhalten/Antworten: Sie hatten zumindest guten Themen) Stimmung </#befindlichkeitstweet> mal das mit der Beliebigkeit: Nüchtern betrachtet entzündet sich der Konflikt meist an Verabschiedung des God-Tricks, daß keine Metaphysik das eigene Rechthaben verbürgt. Soweit, so trocken. Denn die philosophischen Überlegungen über Grenzen erfassen nicht diese kafkaeske Erfahrung, beim Versuch eine Realität abzubilden nur in einen zerbrochenen Spiegel zu schauen (oder auch beim Versuch, sich selbst zu erkennen, gleichwohl Psychoanalysefans genre darin Kaffeesatzlerei betreiben). Durch den Prozeß des Erkennens können wir keine tiefere Wahrheit hinter dem Erkennen erkennen; wie sollten wir wahrnehmen, was außerhalb der Wahrnehmung, sagen, was außerhalb der Sprache ist. Die Ent-Täsuchung ist also, daß alleine die Frage nach der wahren Realität also schon der Holzweg ist. Btw.: Wie Leute zum einen dsa „dialektischer“ am Materialismus überlesen, sowie Materialismus und Realismus verwechseln ist mir schleierhaft; der Glaube, die Welt müsse den eigenen Konzepten entsprechen ist Vulgäridealismus der übelsten Sorte.

Diese Ent-Täuschung setzt die Aufklärung voraus. In einem religiösen Weltbild ist die Welt zwar auch vollständig verstehbar, aber letztlich nur durch ein höheres Wesen. Der Positivismus tritt mit dem Glauben an, die Welt vollständig im Rahmen seines Wissenschaftsverständnisses erfassen zu können.1.) Mit anderen Worten: Das moderne Erkenntnisversprechen muß in der Welt sein, um sein Scheitern überhaupt erst denk-/meinbar zu machen.

Interessant wird das freilich erst, wenn es darum geht, das „was dann“ anzupacken; vielleicht der gemeinste Trick der Flachzangen, die Frage mittels zu einfacher Beantwortungsversuche (ob tatsächlich oder erfunden) abbügeln zu wollen. Beliebter Argumentationsfehler: In queeren Kreisen wurde mir auch ein Nichtfunktionieren simpler Identitätsablehnung für viele politische Kontexte als Argument gegen die queere Kernkompetenz der Identitätskrtiik verkauft.

Ein weiterer Versuch, den Bedeutungsnebel „Postmoderne“ dingfest zu machen wäre also: Sich epistemisch wie politisch von der Idee der Repräsentation2.) zu verabschieden.


1.) Beispiel: Die berühmte Verkürzung des Tractatus auf seine zwei besten Catchphrases, nämlich den ersten und den letzten Satz; meist von Leuten, die die PU nicht gelesen haben.

2.) So versucht dies auch dieser Vortrag zum Thema Marxismus, inkl. Postmarxismus zu fassen. Bei allen Enttäuschungen und Polemiken, wenn auf Audioarchiv mal wieder Flachzangiges angepriesen wird, wegen Fundstücken wie diesen (geschweige denn: Den Bini Adamczak Vorträgen) lohnt sich der Ärger eben doch manchmal. Das dürfte wohl auch sowasmitnichtidentisch sein.


Mehr Studies #0: Einleitung

26. Dezember 2012

Neben des Turn-Turns“ haben wir auch eines „Studies-Turn“ zu verzeichnen, also eine Tendenz, Fachrichtungen mit dem modischen Zusatz „-Studies“ zu versehen. Sei es, weil die Sichtweisen im Ursprungsfachbereich als unzureichend erwiesen haben (z.B. Disability Studies), sei es, sich ‚interdisziplinär‘ mit einem ‚vollkommen originellen‘ Thema zu befassen (Critical-Boot-Studies, Johnny-Studies); meist liegen Mischformen vor.

Die Marketingabteilung des Treitschke-Instituts für geisteswissenschaftliche Nutzenoptimierung nimmt sich im Rahmen dieser Reihe eine Optimierung der Philosophie (künftig: Wisdom Studies) vor. Bereiche der Philosophie zu eigenes -studies zu erklären war überfällig und marketingmäßig unausweichlich, bedenken wir v.a., daß die meisten Wissenschaften – mit Ausnahme der Medizin1 – letztlich nur erfolgreich werdende Zweige der Philosophie waren.

(to be continued)


1 Insofern bedeutet es Entwicklungshilfe für die Psychologie, sich auf philosophische Verwurzelung des Faches zu besinnen, damit wären Psycholog*innen zu kritischerem Denken zu befähigen als dem ärztlichen. Hier liegt auch ein Unterschied zwischen Psychologie und Psychoanalyse, diese ist in jenem verwurzelt und obwohl Psychologie wie Medizin in erster Linie experimental-statistisch arbeiten, scheint die Psychoanalyse auf Ärzte größere Anziehungskraft als die Psychologie auszuüben, während Psychoanalyse in dieser wiederum eher marginal ist.