Plüschie Theorie #11: Weltraum

1. Juni 2020

Bereits auf Reisen tragen die Plüschtiere unsere Hoffnungen, Romantisierungen und Begeisterung. Eine Steigerung davon sind die Weltraumplüschies.

Raumfahrende Plüschtiere haben eine lange Tradition, so alt wie die bemannte1 Raumfahrt. So können diese die Schwerelosigkeit demonstrieren und als leichte und weiche Wesen dabei ungefährlich zu sein; Cuteness im Sinne von Harmlosigkeit hat hier also praktisch-handlungsrelevante Bedeutung. Dazu paßt, daß seit den 60ern der Comichund Snoopy mit Genehmigung des Schöpfers Charles M. Schulz als Sicherheitssymbol bei der NASA eingesetzt wird.

Mit Raumfahrt, pilotierter1 zumal, sind Hoffnungen verbunden, daß sich die Menschheit als ein Ganzes begreifen könne, Forschung zu positiven Dingen wie Erkenntnisvermehrung/Entdeckung eingesetzt werde. Zwar ließe sich dies als Gegenbild zu Ängsten vor Kernwaffen konstruieren, dieses Konstrukt müßte aber vernachlässigen daß diese durch Raketentechnik einsetzbarer wurden.

Die Raumfahrt war zunächst ein Nebenprodukt der militärischen Raketenforschung. Schlimmer noch: Mit Privatisierung der Raumfahrt und mit militärischer Nutzung des Alls, instituttionell durch die US-„Space Force“ – vorerst symbolisch – vorangetrieben ist das Thema der Territorialiserung des Alls aktueller denn je. Weltraum als Spielwiese der Wissenschaft gilt – wie im Falle des Internets – zur nostalgischen Vergangenheitsverklärung zu verkommen. Mit Haraway können wir nur darauf hinweisen, daß Cyborgs ihren Wurzeln gegenüber untreu sind und das Cyborgmanifest während Kämpfen gegen Kernkraftwerke und SDI („Star Wars“) geschrieben wurde, wir es also nicht mit einer reinen Utopie zu tun haben, sondern die Dystopie – so in Elon Musks Bioshock ähnlichen Marsbesiedlungsvorstellungen – beängstigend nahe liegt, wir uns dem widersprüchlichen Gemenge also nur mit Ironie nähern können.

„The main trouble with cyborgs, of course, is that they are the illegitimate offspring of militarism and patriarchal capitalism, not to mention state socialism. But illegitimate offspring are often exceedingly unfaithful to their origins. Their fathers, after all, are inessential.“ —Cyborgmanifest, S.10.

Auf die Frage „was tun?“ ist die erste Antwort „was tun“. Welche auswirkungen der technische „Fortschritt“ hat und in welche Richtung diese Prozesse laufen ist kein Schicksal. Aber es erfordert politisches Engagement. Der springende Punkt ist dann, daß sich nur gemeinsam die  vollends verwaltete Welt bekämpfen läßt, aber dieses Sich-Organisieren eben nicht selbst dieses vollends verwaltete sein/werden soll. Nur ist der „Partiality“ teil der „postmodernen“ Antwort bei der Raumfahrt unzureichend, gerade wenn wir Ressourcen – sei es für die Raumfahrt, sei es gegen die kritisierenswerten Aspekte – bündeln wollen. Da müssen wir tiefer in die Beziehungsweisen- und Organsationsformen Werkzeugkiste greifen. Die gebotenen Optionen an Verwaltungsformen – staatliche Autorität oder „freie“ Wirtschaft“ sollten uns jedenfalls zu einem „keines davon“ anstacheln.

Es kommt auf die Gemeinschaftsformen an. Die Plüschtiere rücken wegen Covid-19 zusammen, solange wir es nicht können.

„Postmoderne“ im Sinne des Scheiterns der großen Erzählungen läßt sich so verstehen, daß diese in viele kleinere, nebeneineinander und widersprüchlich existierende zerfallen. Die praktische Seite davon wäre Standpunkttheorie und die Einsicht, daß abstrakte Gleichheitsansätze in Antidiskriminierungsfragen meist nur eine mächtige unmarkierte Position repräsentierten. Doch dies ist nur eine der vielen möglichen Erzählungen über Postmoderne und sie stößt gerade hier an eine ihrer Grenzen: Grundlagenforschung ist – gerade in der Raumfahrt – teuer und per defitionem nicht unmittelbar Nutzbringend. Auch müssen wir feststellen daß es nur genau eine Erde gibt. D.h. für die pilotierte1 Raumfahrt sollten wir eine kleine große Erzählung der Moderne bewahren. Zumal die Dystopie ja immer mitfliegt und wir das Weltraum dieser zumindest nicht kampflos überlassen sollten!2

Die praktische Seite dieser Utopie ist die ISS, in vielen Bereichen rivalisierende Staaten finanzieren die Raumstation gemeinsam, für die Astronauten scheint Nationalität eher etwas von folkloristischer Freizeitgestaltung – welches Plüschtier und welche Musik dabei ist – als lebensbestimmende Identität zu haben, denn der Alltag ist von den praktischen Anforderungen geprägt. Hier gibt es eine gemeinsame Sprache: Die Sprache der Wissenschaft.

Ein Moment, der diese Weltraumplüschutopie verkörpert wäre dieses Aufeinandertreffen alter Bekannter: Ein deutscher Astronaut bringt zwei Figuren aus der Wissenschaftskommunikationssendung „Sendung mit der Maus“ mit, ein US Astronaut wegen der tschechischen Herkunft seiner Ehefrau ein Plüschtier der Zeichentrickfigur kleinen Maulwurf, der aber auch in der Sendung mit der Maus gezeigt wurde.

„Cyborg unities are mon­strous and illegitimate; in our present political circumstances, we could hardly hope for more potent myths for resistance and recoupling.“ —Cyborgmanifest S. 13.

Vielleicht sind Cyborgs dafür eine etwas technische Figuration – so würde wahrscheinlich die späte Haraway einwenden -, doch genau da kommen unsere kuscheligen Companions ins Spiel. Auch im wörtlichen Sinne: nämlich u.a. sich als Spielende begegnen, wobei die Wissenschaft ein sehr ernstes Spiel ist. Das Plüschtier kennt nicht die harte Konkurrenz, die wir sowohl in der Wirtschaft wie der Wissenschaft erleben müssen. Das Plüschtier will nicht die welt kontrollieren; und ist damit umso geeigneter sie ein kleines bißchen auszurichten: Plüschtiere an die Macht!

„Monster“ sind auch eine von Haraways wiederkehrenden Figurationen der Widerständigkeit. Gerade da wir bei einigen Themen die schrecklichen Aspekte nicht ausblenden können. Doch Monster sind auch beliebte Plüschfiguren, verlieren aber in ihrer Niedlichkeit den Schrecken.

Solange Plüschtiere mitfliegen ist materialisierte Hoffnung auf diese kleine große Utopie der Raumfahrt immernoch dabei!


1 Halt, nein, das geht so nicht! 1963 war nicht erst gestern, Mann zu sein ist keine Voraussetzung. „Crewed“ wäre zwar geschlechtneutral, aber letztlich muß sich doch auch ein deutsches Wort dafür finden lassen ohne auf Umschreibungen zurückzugreifen. Hier ist freilich entscheidend ob die Missionen beplüscht sind. Mit Rückübersetzung aus dem Russischen versuchen wir es mal mit „pilotierter“.

2 Bei Plüschtieren gilt: „I’m guided by the beauty of our weapons“!

Noch ’ne Kleinigkeit: Das aktuelle Space Plüschtier, Ty-Saurier Tremor ist im Space-X Shop deutlich überteuert, support you local store! Und falls dieser Typ vergriffen sein sollte: Es gibt so viele Plüschtierfabrikate die schon im Weltall waren …


#cutenessrevolution anderswo #5: Chiijohn

26. November 2019

Last Week Tonight beschäftigte sich bereits zuvor mit japanischen Maskottchen, u.a. mit einer Story über Chitan, einem inoffiziellen Maskottchen von welchem niedliche, aber äußerst kontroverse Videos kursierten. Abschlossen wurde der Bericht dadurch, daß als Ersatz für Chitan dem offiziellen Maskottchen der Stadt Susaki Shinjo-Kun ein neues, Moderator John Oliver ähnliches namens Maskottchen namens Chiijohn zur Seite gestellt wurde. Dazu gibt es jetzt eine sehr schön erzählte Folgegeschichte, die John Oliver mit Worten anmoderiert, die auch ein Grundsatzprogramm der Plüschstudies sein könnten:

The whole saga was heartwarming, wholesome and basically the exact opposite of what it feels like being alive right

Viel Spaß!

In Otter News: Ein Significant Otter auf Reisen


Hörflausch – Plüschtierstudies als Podcast

9. Oktober 2019

Eigentlich sollte nur der Plüschtiervortrag gesendet werden, jetzt wurde es dank Fiction for Fairies & Cyborgs doch eher ein Beispiel dafür was Freies Radio alles kann.

Fauchi Stormborn bei einem früheren Vortrag

Die freie Version findet sich Bei freie-radios.net und auf der soundcloud, doch aufgrund der CC-Lizenz können die Dateien ja auch weitergegeben oder woanders gespiegelt werden.

Mobile Abschlußkonferenz der Kulturellenpraxis zur Sendung


Objektivität, Subjektivität

19. Juli 2019

Neben der Suche nach in Annahmen von „es ist so wie es ist“ verschütteten Möglichkeiten ist es u.a. Aufgabe eines guten Antiessenzialismsus aufzuzeigen wie hinter scheinbaren Objektivismen Willkür und/oder Standpunktgebundenheit steckt.

So weit so gut. Doch ist nicht viel gewonnen wenn wir jetzt auf Kritik an Objektivität auf den scheinbaren Gegensatz „Subjektivität“ zurückfallen. Auch hier läßt sich einfach dröge-methodisch vorgehen und aufzeigen daß hinter radikalen Subjektivitätsaussagen versteckte objektivistische Prämissen stecken, oftmal auch ein „Schönwetterrelativismus“, der im Falle von ersthaften Konflikten auf diese zurückfällt. Hinzu kommt, daß sich auch längerfristig Veränderliches – wie „Kultur“ oder „Natur“ – unmittelbaren individuellen Möglichkeiten zum verändern entzieht und wir uns weder das Subjekt noch das Objekt als etwas Einfaches oder etwas außerhalb von Wahrnehmung, Sprechen darüber usw.usf. vorstellen können.

Der Gegensatz „Objektivität:Subjektivität“ muß also wirklich überwunden werden um nicht zur Denkfalle zu werden. Nicht nur weggemittelt, nicht nur von Assoziationsmüll definitorisch gereinigt, nicht nur um ein vergessenes/vermittelndes Drittes angereichert, denn es sind keine sinnvollen Ausgangspunkte: das anzunehmen verschleiert daß sie Ergebnisse komplexer Prozesse sind.


#cutenessrevolution anderswo #2: Spirit Bear

29. Juni 2019

Dank an Zweig_fragment für das Fundstück

Spirit Bear aus Prince George (British Columbia) ist nicht nur erfolgreich politisch aktiv und setzt sich für die Rechte von indigenen Kindern in Kanada ein, nach über zehn Jahren Engagements erhielt dieser unermüdliche Teddy einen Ehrentitel als „Honorary Bearister“ an der Osgoode Hall Law School. Artikel dazu hier.

Niedlichkeit sieg immer, Plüschtiere an die Macht!


#cutenessrevolution anderswo #1: TAZ

13. Juni 2019

In der Taz ist jüngst ein Artikel zu Plüschtieren erschienen mit dem richtigen und wichtigen Sätzen: „Ich glaube, in Wahrheit ist die Kuscheltierfraktion groß. Wir sind viele.“ —Christina Spitzmüller: Ein weicher Freund, der schweigt.

Interessant ist, daß diese „viele“ keine Masse oder Organisation ist, sondern ein Gefüge. Die #cutenessrevolution besteht aus vielen Leuten die außer dem gemeinsamen Interesse relativ wenig gemein haben. Es geht nicht darum ein großes Ganzes anzustreben, sondern flauschige Verbindungen zu entdecken und schaffen. Finanziert uns jemand eine Konferenzenreihe oder ein Institut (wir haben schon Vorschläge für mögliche Standorte) dazu *prettypleasewithcherryontop*?

Ihr seht: Wer abgefahrene und unapologetische Plüschtiertheorie will ist hier in der Kulturellenpraxis richtig – Plüschtiere an die Macht!


Save the Date! Plüschtiertstudies live in Hamburg

8. April 2019

Plüschtierstudies – Zu postmodernen Subjekten und ihren Erweiterungen
Im Rahmen der Vorlesungsreihe der Ag Queer Studies: Jenseits der Geschlechtergrenzen
Mittwoch 29.05.2019, 19ct, Hamburg, Von-Melle-Park 5 („WiWi Bunker“) 0079

Für diesen Anlaß hat sich Pizzafahrer Olaf Wachenhausen bereiterklärt die Kulturellepraxis zu repräsentieren, die Chefredakteur*innen werden aber anwesend sein

Abstract
Wie bei Haraways Cyborg scheinen auch bei Plüschtieren gewohnte Dichotomien nicht ganz zu passen, so beispielsweise die den meisten essenzialistischen Ansätzen zu grundeliegende von Subjekt und Objekt: Wir können unsere kuscheligen Begleiter*innen fürs Leben nicht guten Gewissens nur als Objekte bezeichnen, wissen aber, dass sie nicht unabhängig von unserer Subjektivität sind. Wir bilden sozusagen ihr „Wirtsbewusstsein“, wie es der Pionier der Plüschtierpsychoanalyse, Dr. Wood, so treffend formuliert.

Doch leider behandelt die bisherige Forschung Plüschtiere ansonsten fast ausschließlich im Zusammenhang mit Kindern und erklärt das Phänomen der Niedlichkeit meist biologistisch weg („Kindchenschema“). Somit können die transdisziplinären Plüschtier-Studies zunächst lediglich Schneisen in dieses neue Forschungsfeld schlagen, hoffend, am Rande Erkenntnisse über Subjekttheorie, radikale Selfcare und möglicherweise sogar Gemeinschaftlichkeitsutopien zu finden.

Plüschtiere werden gebeten, zu ihrem Vortrag ihre großen Trampler („Menschen“ u.ä.) mitzubringen.


Wenn Wissenschaftler*innen über ihr Fach schreiben

20. März 2019

Kritik der Struktur „die denken das Falsche“ greift meist zu kurz; wenn überhaupt wohin. Sie ist zwar ein Standardzug im Konkurrenzkampf, aber damit alleine bleibt dieser schon ausgeblendet. Konkret hieße das, eine Kritik an Fehlentwicklungen in einem Fach – vielleicht erweiterbar auf linkspolitische Theoriepraxisdiskurse – sollte besser strukturelle/institutionelle berücksichtigen. Wir könnten das an den alten „Materialismus“:“Idealismus“ Gegensatz des 19. Jahrhunderts versuchen anzuknüpfen; müssen wir aber nicht.

Aus Sicht motvierter Geisteswissenschaftler*innen bedeutet Wissenschaft zunächst – sozusagen „den Acker pflügen“ – den Forschungsstand durchzugehen. Wenn sich die Arbeit darin erschöpfte hätten wir den Spott der Naturwissenschaftler*innen sogar verdient, aber Wissenschaft ist ein gemeinschaftliches Unterfangen, da macht es Sinn sich erstmal einen Überblick über den Wissensstand der Gemeinschaft zu verschaffen. Wenn wir dann noch aufhören zu unterschätzen wie veränderlich, kontrovers- poststruk formuliert: „brüchig“ – dieses Wissen sein kann und das ohne daß es sich mit Sortieren in „wahr“ und „unwahr“ so einfach lösen ließe – auch wenn es wieder der einfachste Zug im Theoriewettkampf ist alles was der eigenen Theorie/Hypothese entgegensteht als „falsch“ oder „irrelevant“ bei Seite zu räumen, Papier ist geduldig – können wir das Gerede vom „Cargo Kult“ bei Seite packen und mit der Vorbereitungsarbeit beginnen.

Was uns zum nächsten Problemkomplex bringt: Dem Verhältnis von Fach- und Populärwissenschaft zu Interdisziplinarität. Wir können öfters beobachten daß wenn Wissenschaftler*innen über Fragen die in ihr Fach fallen sprechen keinen Unterschied zu machen scheinen wenn sie über den Bereich ihrer speziellen Kompetenz hinausgehen, oftmals merken sie das gar nicht bewußt. Psychologisch interessant ist dabei wie sehr anscheinend die Anrufung als Expert*in, das Wahrgenommenwerden als kompetent auch die Selbstwahrnehmung beeinflußt. Das ist nicht nur eine Fehlerquelle, diese ließe sich noch durch gründlicheres und breiteres Einlesen abstellen, gerade Enzyklopädien erweisen sich als erstaunlich hilfreich die Randbereiche des eigenen Wissens abzurunden. Das Problem hängt darüber hinaus damit zusammen daß andere Arbeitsbereiche und erst recht Fächer andere Formen von Arbeitsweisen, Kontextwissens, Denkstil haben. Und soetwas wie „Alltagsverstand“ sollte keineswegs mit Abwesenheit von Denkstilen verwechselt werden, nur weil es einen Pool von Wissen und Denkweisen bietet die über die Fachgrenzen hinausgehen; es handelt sich um eine Denkweise, die meist einfachere, aber dafür deutlich fehleranfälligere Methoden nutzt – gerade davon wegzukommen gibt es ja Wissenschaft.

Polemisches Beispiel: Wenn Naturwissenschaftler*innen über „die Geschichte“ schreiben wissen studierte Historiker*innen schnell daß diese keinen „Stallgeruch“ haben, selbst wenn keine groben sachlichen Schnitzer vorkommen. Was eher unwahrscheinlich ist, gerade im Bereich Wissenschaftsgeschichte gibt es das Phänomen der Lehrbuchmythen. Es gehört zur fachlichen Kompetenz abschätzen zu können wo und wie weit einem Hand- oder Lehrbuch zu trauen ist, aber bei den „Geschichte des“ Teils überschätzen gerade Naturwissenschaftler*innen diese oftmals. Hinzu kommt, daß historische Umbrüche gerne zu einer Fortschrittsgeschichte umgeschrieben werden, T.S.Kuhn läßt grüßen. Wenn dann auch noch mit dem „Cargo Kult“ Argument etwas für richtig gehaltenes wiederholt wird ohne feinsäuberlich transparent zu machen woher welche Aussage genau stammt, können sich Desinformationen gut verbreiten. Oder praxisnäher: Eine falsche Aussage über die Geschichte des eigenen Faches kann nicht mit Messdaten kollidieren, etwas historisch zu widerlegen funktioniert überhaupt vollkommen anders als etwas physikalisch zu widerlegen. Damit entsteht der Eindruck als wären beispielsweise historische Aussagen nicht im selben Sinne wahrheitsfähig wie beispielsweise physikalische; einige nehmen dies als selbst erfüllende Lizenz zur Dummschwätzerei.

Doch funktioniert ja Wissenschaft nicht vollkommen unabhängig von denen die sie betreiben. D.h. ein Beweis oder eine Widerlegung sollte zwar gemäß ihrer fachlichen Relevanz und methodischen Korrektheit Wirkung entfalten (blenden wir mal aus wie uneindeutig diese Kriterien bei näherer Betrachtung sein können), sie entfalten aber nur ihre Wirkung wenn sie wahrgenommen werden und genug der richtigen Leute sie akzeptieren. D.h. Beweis und Widerlegung ist immer auch etwas Soziales im Wissenschaftsbetrieb, was nicht gegen das Ideal – als regulierendes Ideal – spricht, daß nur sachliche und fachliche Kriterien relevant sein sollten.

Dies bringt uns wieder in die Nähe der Anfangsthese und läßt sie uns als – Präsupposition einer – Frage reformulieren: Wie sieht das Verhältnis von inneren und äußeren Faktoren bei der wissenschaftlichen Wissenschaftsproduktion aus? Dies ist eine schwierige und viel diskutierte Frage die sich hier nicht so schnell lösen läßt, dennoch eine steile These dazu: Je mehr wir die äußeren Faktoren anerkennen, desto mehr können wir innere als Leitideal fordern. Doch die Inneren sollten ja nicht Erfindung – also Science-Fiction, sry für das Wortspiel – sein, sondern schon im Zusammenhang mit dem was Wissenschaft macht stehen.

Auch das Problem können wir hier nicht lösen, es bringt uns aber auf den letzten Problemkomplex: Das Verhältnis von Wissenschaft und Wissenschaftstheorie. Daß verstehen und anwenden nicht das selbe sind und sich die Wertigkeit immer wieder umkehren läßt ist Gegenstand zahlloser Physiker-, Ingeneur- und Mathematiker*innenwitze. Wieso sollten also Fachwissenschaftler*innen auf der Metaebene ihrer Tätigkeit – gemeint ist Wissenschaftstheorie, nicht Metaphysik, nochmals sry fürs Wortspiel – sonderlich kompetent sein, selbst Methodologie ist etwas Anderes als Methodik, d.h. hat ihre eigene Methodik. Also ist dies wieder so ein Bereich in denen viele Fachwissenschaftler*innen wenn sie Populärwissenschaft oder Wissenschaftskommunikation betreiben nicht merken wenn sie über die Grenzen ihrer Fähigkeiten hinaus gehen. Zu merken ist dies häufig leicht durch das Literaturverzeichnis. Gesetzt den Fall daß Fragen über Wissenschaft und nicht nur aus der Wissenschaft berücksichtigt werden, stehen Philosoph*innen dort nur als bildungsbürgerliche Referenz oder wurde der Forschungsstand durchgeackert, so daß dort die Leute stehen die einschlägige Sachen zu den Themen des Buches von sich gegeben haben? Wenn beispielsweise diskutiert wird welchen Einfluß Schönheit/Eleganz auf Theoriebildung haben sollte wäre zu erwarten ein paar Konventionalist*n im Literaturverzeichnis zu finden.

Umgekehrt gilt ein ähnlicher – aber entgegengesetzter – Einwand für Wissenschaftstheoretiker*innen, die versuchen ihre Tätigkeit auf ihren Kompetenzbereich – idr. einen auch sehr kleinen Bereich der Philosophie – ein zugrenzen, sie reden auch oftmals Blech, aber gerade dadurch nicht in anderen Bereichen dilettieren zu wollen, es geht ja wie erwähnt um Philosophy of Science, nicht Philosophy of Science Fiction (in your face, Sir Karl). D.h. Wissenschaftstheorie muß sich auch mit mindestens einer betrachteten Fachwissenschaft und mit Wissenschaftsgeschichte auseinandersetzen.

Auch hier können wir nur ersteinmal das Problem auf-, aber leider nicht zumachen. Eine sehr alte Antwort – hantologisch in philosophischen Abfällen containernd – wäre die Vorstellung daß Philosophie im Dialog stattfinde. Diese Vorstellung ist zwar sowohl durch die Art vieler Leute – gerade Philosoph*innen und solcher die es gerne wären – Dialoge zu führen diskreditiert; auch durchregeln bringt hier wenig, formale Systeme lassen sich hacken. Aber manchmal funktioniert es trotzdem. Auch Interdisziplinarität wäre hierbei ein Stichwort das oft fällt, doch selten ernst genug genommen wird und häufig in der Praxis scheitert – und es ist anzunehmen daß auch hier nicht nur charakterschwächen der beteiligten sondern Strukturen des Wissenschaftsbetriebs hinter stecken. Gute Vorschläge bitte in die Kommentare. Eine FSK-Sendereihe beantwortet diese Fragen Friedell-nahe mit dem schillernden Begriff „Dilettant*n“. Nicht zuletzt meint dies die ältere Bedeutung, nämlich Freude daran zu haben, es aber nicht beruflich zu machen, auch gerade das hier angerissene, sich auch an Themen außerhalb der fachlichem Komfortzone zu trauen, aber eben im Bewußtsein genau dies zu tun und dabei keine vorschnellen Antworten, sondern lieber kontroverse Fragen zu suchen und v.a. Neugierde als wissenschaftliche Tugend anzusehen; was für Wissenschaftsjournalismus i.w.S. und Essaysimus funktionieren mag, für Wissenschaft selbst jedoch kein vollständiges Patentrezept ist.

Truth – It’s complicated.


Flachzangen, immer wieder

26. Januar 2019

Mal wieder auf eine Materialsammlung von „Kritik“ an Queerfeminismus und allem was locker damit assoziiert wird gestoßen; will das nicht verlinken, will nicht in der tiefe analysieren – schon gar nicht für umme -, also beteilige ich mich einfach mal an dem Quatsch und rante inhaltsleer drauflos.

Letztlich wird mit Mitteln von Verschwörungstheorien gearbeitet, Gerüchte, Falschaussagen, Gewohnheitsaussagen und -deutungsmuster, Othering zwecks Selbstverständnisfestigung. Ohne jetzt abstreiten zu können oder wollen daß viel – gerade auf Anwendungs- & Populärebene – im Argen liegt macht soetwas sinnvolle Kritik noch schwerer. Um bessere Theoriebildung kann es also schoneinmal nicht gehen.

Wie konnte es so weit kommen, daß akademische und bewegungsinterne Konkurrenz auf diesem Niveau angegriffen wird? Und anscheinend geht das nicht auf „die Postmoderne“ zurück, da es ja ihre Gegner*innen offensichtlich noch stärker betrifft und die Angegriffenen kaum noch tote französische Menners mit ihren schwer lesbaren Büchern in den Mittelpunkt stellen. Also: Don’t kill the messenger!

Nehmen wir mal die Forderungen nach „Materialismus“ ernster, denn so können wir ausschließen, daß es sich einfach um Versagen einzelner handelt oder daß das zu bekämpfende Problem irgendwelche falschen Theorien bzw. Meinungen sind. Also mit solch einer Form von Kritik überhaupt irgendetwas auszurichten ist. Ohne uns allzu lange beim Beobachter*innenproblem aufzuhalten, „Materialismus“ heißt auch daß Konzept und Ding nicht das selbe sind. Wenn also behauptet wird durch eine „materialistische“ Position im Namen der Dinge sprechen zu können, haben wir es lediglich mit Material für die Rundablage zu tun.

Nehmen wir mal an Wasser fließe immer von oben nach unten. Das schließt nicht aus gegen den Strom zu schwimmen, macht das aber schwer und v.a. längerfristig aussichtslos. Tote Fische schwimmen nicht nur mit dem Strom, sondern auch oben. Also statt stolz Recht zu haben wäre zu fragen warum so viel Müll wahrheitsfähig ist, d.h. wieso keine Überprüfungsmechanismen greifen, die solche Verschwörungstheorien – und bei der Gelegenheit auch gleich dumme Queer-Verflachungen auf der anderen Seite – eingrenzen.

Woran liegt das? Ich weiß es auch nicht. Aber bedenken wir daß ein fluffig-metaphysisches Konzept von Wahrheit nie hinreichend für Theoriebildungen war, müßten wir uns die Strukturen der Wahrheitsproduktionsmaschinerie anschauen. Also z.B. die „~krisen~“gebeutelten Printmedien und die reformgeplagten Universitäten. Kurzgeasagt: die „materiellen“ ressourcen sind in beiden Kontexten knapper geworden. Die Universitäten boten vor einiger Zeit noch gewaltige Freiheiten – warum auch nicht, das ist deutlich billiger als uns zu hospitalisieren -, es wird die „Linksintellektuellen“ Nische übervölkert haben. Mittlerweile haben die Universtitäten einen Haufen von Veränderungen hinter sich, die gerne mit dem Wort „Bologna“ abgekürzt werden. Klar wird sich das auf die Theoriebildung ausgewirkt haben.

Ich habe keine Antwort und keinen optimistischen Spin für Euch, sondern schreibe nur Nullnummern im 31. Stock. Schreibt doch einfach ein eigenen Ende und laßt es vielleicht hier in den Kommentaren.


Plenumsphobie

21. Dezember 2018

Dieses Stück ist mitten aus dem Leben gegriffen, beeindruckend vollständig und gut umgesetzt. Kurzgesagt: Hit too close to home.

Wir könnten es bei dem Seufzer der bedrängten Angestellten belassen und aus dem Kontetext Meme wie „Meetnapping“ oder „I survived another meeting that should have been an email“ importieren. Doch unterschätzen wir nicht das Problem.

Zunächst einmal geht es um Koordinationsarbeit und gemeinsame Entscheidungsfindung. Im Berufsleben und in politischen Zusammenhängen wo die Entscheidungsstrukturen idR. hierarchisch getroffen werden ist der Aspekt von Meetings also nur zeitverschwendende Demokratiesimulation. Nur können wir selbst schon in einem so einfachen Setting wie sozialpsychologischen Kleingruppenexperimenten nachweisen, daß je komplexer die Aufgaben werden, desto mehr geht der anfängliche Vorteile von zentralisierten Strukturen verloren. Damit ist festzuhalten: Wenn einzelne Personen oder Untergruppen ein Plenum dominieren deutet das darauf hin daß wir die dort verbrachte Lebenszeit lieber mit bezahlter Arbeit verbracht hätten. An dieser Stelle seien Zweifel angemeldet ob sich soetwas durch formale Regelungen angehen läßt, komplexe formale Systeme lassen sich immer hacken.

Das bringt uns schon zum nächsten Problem: Die naheliegende Lösung für Probleme mit dem Miteinander auf Plena wären Regeln einzuführen. Neben allgemeinem Zweifel an formalen Systemen, durch diese Regeln wird das ganze häufig noch anstrengender, sperriger, komplizierter. Nicht daß es im Einzelfall nicht helfen kann und allgemeiner in erwünschtem Verhalten resultieren kann, wie eine gute Lösung klingt das nicht, eher nach Flickschusterei.

Plena grundsätzlich abzulehnen wirft nicht nur die Frage auf wie wir dann gemeinsame Entscheidungen und Koordinationen hinbekommen sollen – und es ist eine ernstgemeinte Frage, keine rhetorische, wir wollen hier schließlich nicht Mittel und Zweck gleichsetzen. Das bringt uns zum entscheidenden Punkt: Linke Plena haben irgendwie meist das Ziel einer besseren Gesellschaft – wie klein oder groß diese Verbesserung auch aussehen mag, wie indirekt das konkrete Plenum auch damit zusammenhängt. Wenn jetzt aber die „Sachzwänge“ der politischen Arbeit dafür sorgen daß wir uns regelmäßig gegenseitig quälen – denn wer Plena mag ist Teil des Problems und sollte keine Besuchen dürfen – scheint es mit der Utopie eines besseren Miteinanders nicht so weit her zu sein; und nein, das Ziel zu erreichen in ferne Zukunft, die alles vorherige rechtfertigt zu verlegen ist keine Lösung.

Fazit: Wir hätten längst eine bessere Gesellschaft wenn es nicht so furchtbar wäre sich zu organisieren. Wenn eine andere Gesellschaft möglich ist, müßte ein anderes unmittelbares Miteinander auch bei politischer Koordinations- und Entscheidungsarbeit zumindest in Ansätzen erkennbar sein können.

Ich habe keine Antworten. Denn die offensichtlichen Antworten – von pädagogisch-methodengläubigen Regelwerken bis „seid lieb zueinander“ – wirken häufig nur problemverschärfend, „konstruktivistische“ Philosophien müssen sich an dieser Stelle bewähren mehr als Schönwetterrelativismus zu sein. Ich will nur sagen: Bei den Beziehungsweisen spielt die Musik!