Einkaufen in Schland

11. April 2013

Abends begab ich mich zum Supermarkt meiner Wahl – d.h., dem einzigen, der zu jener Zeit noch geöffnet hatte – und bekam an der Kasse ungefragt eine mysteriöse Packung in die Hand gedrückt. Auf der Rückseite steht lediglich, daß der Inhalt für Kinder unter 36 Monaten nicht geeignet sei. Nun die Vorderseite betrachtend stellt sich heraus, für mich auch nicht:

Unser Deutschland Eine Liebeserklärung in 180 Stickern! 5 Sammelsticker Gratis!*

WTF?!? Und ja, das schreit nach einer Parodie, bedenken wir zumal, daß sich die als solche dokumentierten Nazi-Morde seit 1990 in dieser Größenordnung bewegen.(1)

Kommentar zu „Gratis!*“ überflüssig, zumal die Homepage der Supermarktkette das Ziel, irgendwelchen Tand zu verticken kaum mit Pseudo-Quizshow-(Halb)Bildungsgelaber verschleiert. Welche Positionen durch welche Art von Bildungskanon fest- & fortgeschrieben werden soll hier nicht ausgewalzt werden. Interessanter ist in diesem Zusammenhang, daß der Inhalt als „Sticker“, nicht als „Aufkleber“ bezeichnet wird. Soll dies eine Distanzierung von Deutschnational(ist)en und Neonazis sein, die sich – Maskulisten nicht unähnlich – der Reinhaltung der deutschen Sprache verpflichtet fühlen? Oder zeigt es lediglich, daß hier sogar habituell nationalistische Ideologie die der kapitalistischen Rationalität untergeordnet ist?

Der Inhalt besteht wenig überraschend aus einigen Stickern, etwa 5x7cm groß. Bei den meisten handelt es sich um Ausschnitte größerer Bilder, die Motive sind also höchstens zu erahnen. Dann ein Berliner Wappen; denke „Berlin hat Deutschland zu dem gemacht das es mal war“ –Ekel Alfred. Auf einem soll wohl ein „Ritter“ (der erste Eindruck entspricht der Aufschrift auf der Rückseite) zu erkennen sein; welch ein Glück, daß wir historische Ritter nicht mehr fragen können, ob diese sich deutsch fühlten und mir ist gerade entfallen, welche Weltanschauung ihre Vorstellung von „deutsch“ bis in tiefste Vergangenheit projiziert hat. Zuguterletzt ein Glitzeraufkleber – nach queerem Identitätsgedöns sollte ich das doch eigentlich mögen – abgebildet wird ein „Deutscher Schäferhund„.

Aber das interessanteste Bild befindet sich auf der Packung: Hintergrund bildet ein in Schwarz-Rot-Gelb gehaltener Umriß aktueller Grenzen der BRD (sollte mal bei gelegenheit lernen die Kartennetzentwürfe bei sowas zu unterscheiden), im Vordergrund ein Gartenzwerg, ein Fußball, ein Teddybär [?], ein Apfel, eine Goethe-Briefmarke und eine weiblich lesbare, wahrscheinlich minderjährige (Werbung an Kinder richten, ich find’s so dreckig, aber wenigstens sparen wir uns so die Anspielung auf die zweite Strophe) blonde, weiße Person, Schwarz-Rot-Gold in Gesicht und um Hals tragend, mit erhobenen Armen. Irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als würde blond-weiß-ableoide (inkl. Gewicht nahe an der Norm) Körper mit „Deutschland“ assoziiert.

Heimwärts gehend sehe ich, ein Flakscheinwerfer strahlt wieder vom Hochbunker, dieses mal gen Osten.

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Hochschulentwicklung

6. April 2013

Mit: FrlPia

Die Attraktivität dieses Fachbereiches Geschichte konnte bereits in der Vergangenheit, nach dem bahnbrechenden Wirken Heinrich von Treitschkes erfolgreich vermarktet werden: Sei es durch den Knoppismus, sei es in der Zusammenarbeit der Universität mit größeren Senior*innenresidenzen, deren Mangel an Tagesräumen mit Hilfe von Vorlesungen auszugleichen. So entstand in Marktoptimierung auf Kontaktstudierende bereits die Reihe „Erotik in Hitlers Cäsarbild“.

Doch auch jüngere Studierende müssen noch stärker als Kund*innen begriffen werden; viele fordern solch eine Behandlung auch schon aktiv ein. Lehre muß sich konsequent an Erwartungen und Wohlbefinden der Konsument*innen anpassen, ein sehr positiver Schritt sind wellness-basierte Evaluationsverfahren

Auf diesem Wege erreichen wir einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz, was letztlich auch höhere Preise rechtfertigt. Gerade in Seminaren zu moralisch aufgeladenen Themen existiert gewaltiger Optimierungsbedarf, viele werden unnötig aus ideologischen Ansprüchen der Lehrenden – Gutmenschentum – enttäuscht.

Das Treitschke-Insitut für geisteswissenschaftliche Nutzenoptimierung präsentiert im Rahmen seines innovativen Hochschulentwicklungsplans ein Musterprojekt aus der Geschichtswissenschaft: Das zeitgemäße und kund*innenorientierte Genozid-Seminar. Freuen Sie sich auf Themen wie

  • Einführungssitzung: Der Untergang des Abendlandes – Freies Assoziieren zu beliebigen Textstellen
  • Die demographische Katastrophe: Deutschland schafft sich ab
  • Der wirklich echt wahre Hufeisenplan: Deutschland muß (wieder) Kriege wegen Auschwitz führen
  • Der Kulturelle Genozid in Tibet
  • Das große Konzentrationslager Gaza
  • Der Holocaust auf Deinem Teller
  • Der Baumholocaust durch Stuttgart21 und IBA
  • Der aliierte Bombenholocaust auf Dresden und andere deutsche Städte
  • Der Babyholocaust: Abtreibung fordernde Feminazis
  • (Sex)“Arbeit macht frei“: Eine Femen Gastreferentin erläutert die Parallelen zwischen „Prostitution“ und Nationalsozialismus
  • Die Amis
    • „Indianer“ mit anschließendem Karl May Lesekreis
    • Hiroshima
    • Vietnam (Agent Orange & Napalm)
  • Die Massenvergewaltigungen und Gulags: Warum Operation Barbarossa eine notwedige Verteidigungsmaßnahme war
  • Stalingrad: Nichts kann furchtbarer gewesen sein
  • Nachbereitung: Gegenseitiges Schulterklopfen und gegenseitiges Versichern, daß weiße heterosexuelle christliche ableoid Deutsche – Mittelschicht aufwärts und nicht zu links – doch voll OK sind

Elbphilharmonie

9. Januar 2013

00:00 – Große Science Fiction Party unter dem Titel „Living in the Future“, es ist eingetreten, was niepserd für möglich hielt: Die Elbphilharmonie, das teuerste Konzerthaus der Welt, ist fertiggestellt und wird an diesem Tag feierlich eröffnet

00:01 – Einladungen für den interdisziplinären Sprachphilosophisch-linguistischen Kongreß „Elbphilharmoie fertiggestellt, ein Schlag für das Futur III Bewegung?“ werden verschickt

06:03 – Vor dem Schlafengehen bloggt der Musicalfan

„Es bleibt zu hoffen, die Elbphilharomie verschafft uns dann endlich soviele schöne Stunden, wie es die Flora tat, ich werde ihr auf jeden Fall einen Besuch abstatten.

Auf Nachfrage, ob er jetzt unter die Linksextremist*innen gegangen sei ergänzt er

Natürlich meine ich die Flora mit der roten Fassade, die andere finde ich komplett uninteressant. Sry für das Mißverständnis, bin gerade etwas unorganisiert

08:46 – Der Kaffee in der Strafversetzungsabteilung des Verfassungsschutz ist alle. Der zuständige Sachbearbeiter für Blogdurchsuchungen sieht die Meldung im Tran und berichtet seinem Vorgesetzten:

Chaoten aus dem Flora-Umfeld planen „schöne Stunden“ in der Elbphilharmonie

09:23 – Der Vorgesetzte(1) überprüft den o.g. Blogger und findet heraus, der Titel seiner Dissertation lautet: „Aspekte des Autonomiebegriffs in §8 der Kritik der praktischen Vernunft“. Sofort geht eine Alarmmeldung an die Hamburger Polizei,

Autonome aus dem Flora Umfeld planen, der Elbphilharmonie „einen Besuch abzustatten“

11:48 – Großalarm bei der Hamburger Polizei. Der Innensenator sucht sein jägergrünes Sakko heraus. Gerüchte, daß der gesamte Seeheimer Kreis in StahlKevlarhelmen sind reichlich übertrieben.

12:56 – Ein erster Zwischenfall ekaliert, als sich Dekorateur*innen an der Sicherheitsschleuse vorstellen mit „Wir sind die Floristen“. Da per definitionem verhältnismäßige Mittel eingesetzt wurden, kann den betroffenen wegen ihrer gebrochenen Knochen trotz des bedauerlichen Irrtums die Anzeige wegen Widerstands nicht erspart werden

13:32 – Großeinsatz mehrerer Hundertschaften, eine Mobiltoilette wurde mit der Aufschrift „besetzt“ versehen. fünf Beamte werden leicht durch die eingesetzten Unmengen an Reizgas verletzt.

13:34 – Die DPolG gibt eine Erkärung heraus.

Fünf verletzte Beamte ist ein trauriger Rekord an menschlicher Grausamkeit, den der schwarze Block heute angerichtet hat. Es zeigt, niemand respektiert unsere Autorität. Deshalb muß ein Verbot von Kennzeichnungsschildern im Grundgesetz verankert werden und die Hamburger Polizei braucht endlich eine Bärenstaffel!

Versehentlich geht die Pressemitteilung an alle Hamburger Radiosender heraus.

14:03 – Im FSK Büro liest ein Büro-AG Mitglied diese Meldung. Da die eigentlich gerade sendende Person verspätet ist, wird die Gelegenheit genutzt, eine bissige Kurzmeldung zu den Ereignisse zu senden. Auf mysteriösen Verbreitungswegen landet die Meldung letztlich auf Facebook

14:51 – Gerade in ihren Eigentumswohnungen in der Schanze erwachende elbvorortsstämmige Studierende nützlicher Fächer lesen diese Facebookmeldung, hoffen auf ein unterhaltsames Krawallerlebnis – für irgendwas müssen die teuren Anwälte ja gut sein – und holen die 79€ teuren Kapuzenpullis aus den begehbaren Wandschränken

16:26 – Um den anstehenden Großeinsatz zügig und koordiniert über die Bühne zu bringen entscheidet sich die Polizeiführung zum Einsatz von Agents Provocateurs

17:13 – Agents Provocateurs, Verfassungsschutz-V-Leute und o.g. Elbvorortkiddies treffen aufeinander. Aus Angst vor Spitzeln gilt jedes Zögern und Mäßigen schnell als Anzeichen von Verrat.

18:56 – Erste Ausschreitungen. Der Innensenator ordnet an „verhaften Sie die üblichen verdächtigen“. Dies erweist sich als überraschend einfach, da sich die meisten dieser gerade bei einer Podiumsdiskussion in der (roten)Flora über den verkürzten Kapitalimusbegriff der Occupybewegung (untertitel: „was hätte Adorno gesagt“) mit anschließendem Breakcore-Konzert befinden.

19:36 – Da die Randalierenden ungwöhnlich gut organisiert sind, das Codewort nur selten vergessen wird und keine brauchbaren Lageberichte zur Verfügung stehen, weil aufgrund zu kurzen Vorlaufs keine FSK-Liveberichterstattung läuft, fordert der Bundesinnenminister – unter frenetischer Zustimmung des Finanzministers – Bundeswehreinsatz. Elternverbände werfen ihnen vor, zusehr durch die GTA-Spielereihe beinflußt zu sein.

20:15 – ARD-Brennpunkt. Die Elbphilharmonie ist nicht mehr, die Hafencity steht in Flammen. Ein Glücksfall für den Hamburger Landeshaushalt, der nun die Mehrkosten für die Elbphilharmonie nicht mehr schultern muß. Beobachter*innen sind sich einig, daß es sich um ästhetische Verbesserung für das Stadtbild handelt.

21:12 – Der Senat beschließt in Telephonkonferrenz, wie mit der bis auf die Grundmauern abgebrannten Elbphilharmonie zu verfahren ist. Konzerte finden auf dem nun freien Platz unter dem Namen Ground Xero statt. Zum Regenschutz sollen Vordächer an die verbleibenden Mauerreste angebracht werden. Nach einer Kosten- und Statikprognose von Hoch-Tief wird beschlossen, über V-Leute sich das Knowhow der Roten Flora dafür zu besorgen.


Kannst Dir nicht ausdenken

31. Dezember 2012

Beim Einkaufen fällt mein Blick auf eine Feuerwerkskörperverpackung mit der Aufschrift: „Raketen made in germany“. Ja, das hat Tradition (1, 2).


P.S.: <protowitz>Militärische Verwendungszwecke von Pyrotechnik ‚raussuchen</protowitz>


Deutsche Verhältnisse überall

14. Dezember 2012

Häufig sind die Probleme schlimm genug. In vielen Fällen stellen aber die angeblichen Lösungen ein mindestens genausogroßes Problem dar.

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Kulturellepraxis live: Zu spät

11. November 2012

„Deutschland gilt als verspätete Nation. Deshalb wird soviel Wert auf Pünktlichkeit gelegt.“


Vielleicht mag jepserd zu Japan kommentieren. Auch gerade der japanischen Geschäftswelt wird sehr viel Wertschätzung von Pünktlichkeit nachgesagt, gerade Japan kam spät, aber dafür umso heftiger zur Moderne (Moderne wohlgemerkt nie als linearer Fortschritt, sondern immer als Ideologie mit der Idee eines solchen verstanden).


Kevin & Chantal

8. Oktober 2012

Mit ihdl

Mittlerweile gibt es bereits für eine Zuordnung von gewissen Namen mit (ostdeutscher) Unterschicht Neologismen: „Kevinismus“ und „Chantalisierung“. Dies scheint reichlich überflüssig, könnten wir doch auch das eigentliche Problem beim Namen nennen: Antisolanismus und v.a. Klassismus. Aber wollen wir die Betrachtung nicht auf das Stigma begrenzen, sondern das oftmal übersehene symbolische Empowerment in derartigen Namen vergegenwärtigen:

So wurden die Kevins benannt nach Kevin Mitnick, einem der weltweit bekanntesten Hacker. Dahinter steckt also die Agenda, sich die Produktionsmittel des Informationsalters anzueignen und den Autoritäten durch technischen Sachverstand, gepaart mit Kreativität (vulgo: hacken) zuzusetzen. Auch erhebt diese Namensgebung Anspruch auf Zugehörigkeit zur – sonst recht privilegienblinden und mittelschichtsweißeheterocismänner dominierten – Geek-/Nerd-Kultur. Eine durch und durch sozialrevolutionäre Agenda.

Noch radikaler ist der Name Chantal. Unterschichtskinder nach einer der wichtigsten postmarxistischen Theoretikerinnen zu benennen zeugt nicht nur von einem höheren Reflexionsniveau als weite Teile der – ebenfalls mittelschichtsweißdominierten – Linken, sondern ist eine klare Kampfansage an herrschende Essenzialismen und Hegemonien.