Alte und Kranke

1. Januar 2013

Mit Odradek

Zur „Pflege“ der „Populationsdynamik“ gilt die Jagd vielen aus „ökologischen Gründen“ als legitim. D.h., alte und kranke Tiere dürfen, sollen vom Hochsitz aus abgeschossen werden, um den Bestand zu sichern und unter Kontrolle zu halten. Da es sich nach neuesten biologischen Erkenntnisse bei Menschen aber auch um Tiere handelt, setzt das Forstamt künftig Sniper in Fußgänger*innenzonen ein, um Rentner*innen, von Behinderung betroffene Menschen und Wesen mit Erklältung zu Erschießen. Ein Honk aus aus Mannheim hierzu: „Natürlich war das für einige eine Umstellung. Katholiken hatten hier einen Vorteil, sie waren es gewohnt, (transsubstituiertes) Menschenblut und -fleisch zu verzehren. Der größte Vorteil an dieser Neuregelung ist, daß mit ihr endlich eine Anerkennung von Veganismus als Krankheit einherging. Wer also unsere Jagdgesellschaften stört, gilt künftig als Freiwild.“

Seit mit der Banken-/Finanzkrise verkürzte Kapitalismuskritik erstaunlich weite Kreise zieht, gelten Investmentbanker mittlerweile auch als Schadwild; allen Angehörige der RAF wurden aufgrund ihres Innovativen Ansatzes der Bestandspflege – einzelne Exemplare zugunsten der Gesamtpopulation abzuschießen – die Deutsche Jägermedaille am Band verliehen.

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Mehr Studies #0: Einleitung

26. Dezember 2012

Neben des Turn-Turns“ haben wir auch eines „Studies-Turn“ zu verzeichnen, also eine Tendenz, Fachrichtungen mit dem modischen Zusatz „-Studies“ zu versehen. Sei es, weil die Sichtweisen im Ursprungsfachbereich als unzureichend erwiesen haben (z.B. Disability Studies), sei es, sich ‚interdisziplinär‘ mit einem ‚vollkommen originellen‘ Thema zu befassen (Critical-Boot-Studies, Johnny-Studies); meist liegen Mischformen vor.

Die Marketingabteilung des Treitschke-Instituts für geisteswissenschaftliche Nutzenoptimierung nimmt sich im Rahmen dieser Reihe eine Optimierung der Philosophie (künftig: Wisdom Studies) vor. Bereiche der Philosophie zu eigenes -studies zu erklären war überfällig und marketingmäßig unausweichlich, bedenken wir v.a., daß die meisten Wissenschaften – mit Ausnahme der Medizin1 – letztlich nur erfolgreich werdende Zweige der Philosophie waren.

(to be continued)


1 Insofern bedeutet es Entwicklungshilfe für die Psychologie, sich auf philosophische Verwurzelung des Faches zu besinnen, damit wären Psycholog*innen zu kritischerem Denken zu befähigen als dem ärztlichen. Hier liegt auch ein Unterschied zwischen Psychologie und Psychoanalyse, diese ist in jenem verwurzelt und obwohl Psychologie wie Medizin in erster Linie experimental-statistisch arbeiten, scheint die Psychoanalyse auf Ärzte größere Anziehungskraft als die Psychologie auszuüben, während Psychoanalyse in dieser wiederum eher marginal ist.


Kulturellepraxis live

6. Dezember 2012

Gastbeitrag von ihdl

„‚Außen‘ ist das konstitutive Außen von ‚innen'“


Theorie & Praxis

23. November 2012

Mit Hackerschorsch

  • Theoretiker*Innen sind Menschen die praktisch nur denken
  • Nachts ist alle Theorie grau
  • In der Theorie sind Theorie und Praxis ein und dasselbe – in der Praxis nicht
  • Praxis schützt nicht vor Theorie, nur vor theoretischer Reflexion(1)
  • Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie

Humanismus abschaffen oder doch lieber dekonstruieren?

31. August 2012

Mit Odradek

Am Eingang des Supermarktes das Bild eines Hundes (Messerwetzen durch Odradek) „Wir müssen draußen bleiben“.

Indessen in diesem Supermarkt: Als Angestellte* dieses Supermarktes ist mensch [sic!] verpflichtet bzw. dazu angehalten, Ungeziefer im Interesse des Unternehmes zu vernichten: z.B. Fliegen im Kuchentresen, Wespen in der Obstabteilung, Getreidemotten beim Mehl etc.

Wieso?

Nein, liebe unkritischen Kritiker, das ist nicht nur der böse Kapitalismus, den da die/der Chef*In des Unternehmens verkörpert und die/der seine Angestellten zum Schutze des Eigentums und Umsatzes zum Fliegenklatschen anstiftet („Wenn die Fliegen das Obst anknabbern, kann ich das nicht mehr verkaufen!“)…sondern es ist auch die Versicherungsproblematik (Versicherung, wo – menschlicher? – Verstand zugunsten des Formalismus zurücktreten muß), die aus der Produktion von potenziellen Risiken und Gefahren für Leib und Seele hervorgeht, welche wir wiederum getrost mit biopolitischen und persönlichkeitsrechtlichen Diskursen in Verbindung bringen können: „Wenn die Wespen die Kunden stechen, dann haben wir eine Klage alá „McDonalds Kaffeebecher“ am Hals.“ „Die Fliegen sind eine Gefahr, denn sie verteilen Keime!“ Und die Keimbekämpfung ist EU-Vorschrift. Jede Gesellschaft hatte Reinheitsdiskurse.

Wenn ein*e Kund*In allerdings eine halbe Melone plumpsen lässt oder in der Brotabteilung sämtliche Brote betoucht, dann darf ich den/die nicht totschlagen, obwohl das doch auch umsatzschädigend ist: „Kann ich nicht mehr verkaufen, weil die Melone ist Matsch, weil die Keime von der/dem sind jetzt auf allen Broten verteilt. Igit!“

WILLKOMMEN ALSO IM HUMANISMUS!!!!

Da wo im Interesse der Menschen (gut, liebe unkritischen Kritiker*: auch im Interesse eines Unternehmens, diesen Zusammenhang sehen wir und betonen wir gerne) nichtmenschliche Tiere einfach ohne großes Nachdenken eliminiert werden, und Menschen andere Menschen nicht eliminieren dürfen.

Oder dürfen sie? Das Unternehmen Staat erteilt Ausnahmegenehmigungen, von denen die flächendeckendste „Krieg“ (oder „bewaffneter Konflikt“ oder „Friedensintervention mit rubustem Mandat“) genannt wird. Der s.g. „finale Rettungsschuß“ funktioniert nach oben angeführter Logik: Um (menschliche) Tiere  zu schützen kann, darf, muß eines getötet werden. Nicht so leichtfertig wie die Fliegen im Supermarkt. Hier werden Hierarchisierungen sichtbar, von denen die Mensch-Tier Trennung sicherlich eine der größeren ist, aber nicht die einzige. Die Angestellten werden nicht dazu angehalten, das erwähnte Hundeverbot auf gleiche Weise wie das Insektenverbot durchzusetzen. Rassistische Morde werden nicht mit der Vehemenz verfolgt wie klassistische. Auch dürfen zwar begrabbelnde Kund*n nicht getötet werden, Obdachlose aber vom Gelände vertrieben. Mit Derrida1 können wir festhalten, wer „Tier“ sagt, sagt was Dummes. Mit anderen Worten: die/der Obdachlose (oder noch weiter ausgedrückt: die zivilgesellschaftlich nicht ertragbare und verwahrloste Gestalt) fällt gleichbedeutend mit Hunden in die Zwischenstufe der humanistischen Hierarchie (ein Schild vor dem Supermarkt, das Obdachlosen genauso wie Hunden den Eintritt verwehrt, schickt sich aber nicht, dieser Auschlussmechanismus bleibt also zunächst unsichtbar). Jede Gesellschaft bringt ein Wahrheitsregime (Normen/Maßstäbe/Naturalisierungen/ethische Codes etc.) hervor, „das von Anfang an entscheidet, was eine anerkennbare Form des Seins ist und was nicht.“ 2

Zur Ordnung dieser Hierarchie: Ganz oben (und vollends human, privilegiert, vom Wahrheitsregime „anerkannt“) der/die brave, verantwortungsbewußte, engagierte, produktive Bürger*In; in der Mitte stehen die Unproduktiven, Verwahrlosten, Unterklassigen (ökonomisch/kulturell/sozial) sowie die ‚ethnisch‘, ‚geistig‘ und ‚körperlich‘ Abweichenden zusammen mit Haus- und Nutztieren; unten das Ungeziefer. Die Mitte der Hierarchie ist äußerst prekär und durchlässig nach unten.

Was mach ‚mer also jetzt? Humanismus abschaffen oder dekonstruieren? Denn essenzialistisch legitmieren lässt er sich nicht: „Menschen bringen Tiere um, das liegt in der Natur. Genauso wie andere Tiere andere Tiere töten.“ Gegenfrage: „Wenn es doch selbst in der sog. Natur Kannibalismus gibt, wieso darf ich dann nicht auch andere Menschen jagen und essen?“ Und „If they are our brothers, how come we can’t eat them?“ (1). Ach, Mist… Humanismus eben.

Kommen wir zum philosophischen Teil:

Der humanistische Grundannahme „der Mensch ist“ impliziert stets sein Gegenteil, Nicht-Menschen. Dies trifft der Spezies nicht zugeordnete deutlich härter, ist aber nicht auf diese beschränkt. In der obigen Hierarchie, stellen die Unproduktiven, Verwahrlosten, Unterklassigen das konstitutive Außen für die hegemoniale Subjektform, also die Form eines „kompletten Menschen“: Das unproduktive (oder unkreative) Subjekt, ohne Bereitschaft etwas zu bewegen und an sich selbst Arbeit zu leisten (personal growth), stellt beispielsweise das konstitutive Außen zum Subjekt der creative class.3 Das primitive Subjekt bildet seit dem 19. Jahrhundert (in unterschiedlichen Formen: zunächst die Kolonialvölker, heute sind es vor Allem die nach westlichen Standards politisch (und wirtschaftlich) unzivilisierten, nicht-demokratiefähigen, „chaotischen“ Regionen der Welt (akutelle Beispiele: Ägypten, Syrien)) das konstitutive Außen zum zivilisierten bürgerlichen Subjekt, ebenso wie die Unterklassigen (bspw. das Proletariat des 19. Jahrhunderts, heute vermischt sich Nicht-Gebildetheit mit der Anforderung des Kreativseins und wird zum neuen Subjekt der Unterklasse: die uncreative class?). Bedenken wir zudem die Bedeutung von Tier- und Naturvergleichen in allerhand Diskriminierungsformen.

Zur Kenntlichkeit verfremdet aus dem 13. Jahrhundert: „Das vollkommenste unter den Tieren ist der Pygmäe. Von allen macht er den meisten Gebrauch von seinem Gedächtnis und von Lauten, wenn er sich verständigen will. Deshalb imitiert er Vernunft, ohne sie wirklich zu besitzen. Vernunft ist das Vermögen der Seele, auf Grundlage der Erfahrung aus zurückliegenden Erinnerungen und durch syllogistische Folgerungen zu lernen, Universale abzuleiten und sie auf ähnliche Fälle in Kunst und Wissenschaft anzuwenden. Das aber vermag der Pygmäe nicht.“4 Wer glaubt solche Rassismen seien Geschichte, der führe sich noch einmal obige Hierarchie vor Augen: Die Grenzen werden heute lediglich anders gezogen. Diskurse wandeln sich.

Vielleicht könnten wir hier Connell aus der Mottenkiste holen. Mit einem Theorietransplantat ersetzen wir in guter europäischer Tradition „Mann“ durch „Mensch“. Brauchbar ist hier vielleicht der Begriff „Komplizenschaft“, bedenken wir, daß „Mensch“ durch gewisse Anforderungen hergestellt wird, erfüllen die wenigsten alle Kriterien vollkommen – sie dürften auch Widersprüche enthalten: eine „Subjektkultur“ ist niemals rein, sondern beinhaltet „Friktionen“ und Kontingenzprobleme,5 Widersprüche und Alternativen bilden (neben dem kulturellen Außen) konstitutive Bestandteile. Jedoch bietet es dividendenartig dennoch Vorteile, sich in dieses Hierarchiesystem einzufügen.


 1 Derrida, Jacques: Das Tier, welche ein Wort!; in: Stiftung Deutsches Hygiene-Museum: Mensch und Tier : Eine paradoxe Beziehung (Begleitbuch zur Ausstellung “Mensch und Tier. Eine Paradoxe Beziehung”, Deutsches Hygiene-Museum Dresden, 22. November 2002 bis 10. August 2003); Ostfildern 2002; S. 191-210, S. 191.
2 Butler, Judith: Kritik der ethischen Gewalt. Frankfurt a.M. 2003, S.31.
3 vgl. Reckwitz, Andreas: Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne. Weilerswist 2008, S.500-630.
4 zitiert nach: Magnus, Albertus: De animalibus XXI. 1,2, S.1327; vgl. hierzu: Friedrich, Udo: Menschentier und Tiermensch. Diskurse der Grenzziehung und Grenzüberschreitung im Mittelalter. Göttingen, 2009, S.139.
5 vgl. Reckwitz, Andreas: Das hybride Subjekt, S.14ff.


Equi-Feminismus

16. August 2012

Es existiert eine neuer feministischer Trend, der Equi-Feminismus. Devise dieses Feminismusverständnis lautet:

Ex equo pugnare

Was sie angenehm von den Equity-Feminist*innen unterscheidet, welche nur von selbigem erzählen. Allerdings ist der Anteil an männlich identitifizierten Anhänger*innen bedenklich hoch. Auch ein beliebter, aber zu vermeidender Fehler sind Verwechselungen mit dem Eques-Feminismus (dessen Anhänger*innen als Equitates bezeichnet werden).

Ziel des Equi-Feminismus ist, feministische Konzepte von jener Art her (genauer: Der Unterart Equus ferus caballus) zu denken. Der antiobjektivistische Aspekt einer solchen Vorgehensweise lehnt sich an die Standpunkttheorie von Haraways „Situated Knowledges“ an und wird vereinfachend durch den einschränkenden Zusatz „my“ verdeutlicht. Auch wurde die begrenzte Reichweite anthropozentrischer Aussagen bewußt mitgedacht und deshalb als weitere Einschränkung i.d.R. ein zusätzliches „little“ hinzugefügt.

Vertreter*innen dieser Richtung betonen in Tradition der Queer Theory eine Vielfalt und Vervielfältigung von Femininitätskonstruktionen. Eine Vordenkerin faßt die Grundkonzepte folgendermaßen zusammen [Quelle: Internet]:

  • There are lots of different ways to be a girl. You can be sweet and shy, or bold and physical. You can be silly and friendly, or reserved and studious. You can be strong and hard working, or artistic and beautiful. This show is wonderfully free of “token girl” syndrome, so there is no pressure to shove all the ideals of what we want our daughters to be into one package. There is a diversity of personalities, ambitions, talents, strengths and even flaws in our characters–it’s not an army of cookie-cutter nice-girls or cookie-cutter beauty queens like you see in most shows for girls.
  • Find out what makes you you. Follow your passions and ambitions [die Anlehnung an den existenzialistischen Feminismus Simone deBeauvoirs ist hier eindeutig zu erkennen, Anm. d. Red.], not what others expect of you. For instance, if you like sports don’t let someone’s suggestion that that is unfeminine stop you from doing what you love. Be considerate of others’ feelings, but not at the expense of your own goals and dreams.
  • You can be friends with people who are vastly different from you. And even though all friendships have their share of disagreements and moments when you don’t get along, that does not mean that your friendship has to end.

Hierdurch wurde das Konzept der Solidarität radikalisiert, mit dem Ergebnis, daß Freundschaft magisch sei.


man PoMo

8. August 2012

Postmoderne ist die Fortsetzung der Moderne mit anderen Mitteln