Stiefel? Ja, Stiefel! Eine Genealogie des gesellschaftlichen Fortschritts

28. Oktober 2011

Zusammen mit Odradek

Critical Boot Studies #1

„Das Produkt – das Eigentum des Kapitalisten – ist ein Gebrauchswert, Garn, Stiefel usw. Aber obgleich Stiefel z.B. gewissermaßen die Basis des gesellschaftlichen Fortschritts bilden und unser Kapitalist ein entschiedener Fortschrittsmann ist, fabriziert er die Stiefel nicht ihrer selbst wegen.“

(S.200/201: Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Berlin: Dietz, 1971.)

Soso, jetzt sind’s also die Stiefel.
Die Kulturelle Praxis forscht nach:

Auf abstrakter Ebene bietet Marx eine schöne Synthese verschiedener Fortschrittstheorien. Zum einen (durch die Künstler*Innengruppe monochrom vertreten) die, daß jede mediale Innovation (Höhlenmalerei, Buchdruck, Film, Inet) in Zusammenhang mit Pornographie stand: Einigen Arten von Stiefeln (hohe, evtl. mit Stiletto-Absätzen), bzw. Arten diese zu tragen (Reiter*Innenlook: Stifel über enger Hose) haben zweifelsohne sexualisierten Fetischcharakter (nicht daß sich nicht so ziemlich alles fetischisieren ließe, aber diese Art ist gesellschaftlich sichtbar). Dann der zweite Innovationsmotor: Der Krieg. „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ (Clausewitz, Buch1, c.1, §24): Während Poltiker*Innen für gewohnlich Lackschuhe (oder Joschka: Turnschuhe) tragen, ist der Stiefel im Militär das andere Mittel. Stiefel sind nämlich klassische und bis heute genutzte Kampfbekleidung von Armeen. Auch werden unangenehme Charakter, wie sie in allen autoritären Organisationen zu finden sind „Stinkstiefel“ genannt. Dabei ist zu bemerken, daß sowohl monarchistische, als auch s.g. „totaliäre“ Regimen eine Neigung zu Knobelbechern hatten, der zivilisatorische/zivilisierende Fortschritt sich also in der flächendeckenden Einführung von Schnürstiefeln messen läßt. Auch die Entwicklung der Informationstechnologie hing maßgeblich am Technologietransfer dieser Innovation der Militärtechnik: Dem Schnürstiefel und der damit verbundenen Kulturtechnik des Bootstrapping (kurz „booten“), ohne das kein Computer und kaum ein Fernseher mehr auskommt.

Marx eröffnet hiermit ein weites Feld bislang unausgeschöpfter historischer Untersuchungen interdisziplinärer Prägung. Nennen wir sie provisorisch Critical Boot Studies (deutsch: Kritische Stiefelstudien). Diese Disziplin wird künftig von der Kulturellenpraxis in Zusammenarbeit mit dem Treitschke Institut für geisteswissenschaftliche Nutzenoptimierung in loser Reihe ausgelotet.