Kulturellepraxis live

24. November 2012

Inspiriert von @Elquee

„Gibt es eine Liste von den ganzen Honks?“ – „Problem ist, die Domain ’stinkstiefel.de‘ ist bereits an eine Schuhspraywerbung vergeben.“


Powersätze fürs Wandern

8. November 2012
  • „Ich fühle mich so unterwandert“ (verschwörungstheoretiker*innenungeeignet)
  • „Das sind die richtigen Stiefel, ich habe Critical Bootstudies studiert“
  • „Norden müßte ungefähr diese Richtung sein“ (Hand weist gen südosten)
  • „Nein, der Fluß ist die A1“
  • „Hier müßten wir auf die Gleise treffen – Wer hat die Gleise gestohlen?!?“
  • „In dieser Gegend ist noch niemand verschollen. Zumindest niemand d* ich kenne“ (True Story: 2½ Jahre zuvor wurde in der Region eine zerstückelte Leiche gefunden, allerdings in einer 40km entfernten Kleinstadt ermordet. Zu dem Zeitpunkt war der Täter bereits gefaßt, aber der Verdacht auf eine Mordserie noch nicht ausgeschlossen)
  • „Lieber durch brusthohe Brennesseln, als umzukehren“
  • „Dürfen wir hier durch? Ich habe weder Zaun, noch Verbotsschild gesehen“
  • „Wenn wir hier einen Weg durchfinden, können wir die Strecke gewaltig abkürzen“

Towel Day

25. Mai 2012

Mit Odradek

Die Kulturelle Praxis sieht die Zeit für einen Paradigmawechsel kommen: Die Boot Studies mögen interessante Erkenntnisse geliefert haben, sind aber in ihrer Ausrichtung und Perspektive zu einseitig. Die reduktionistische Fokussierung auf Stiefel – oder bei manchen Autor*Innen: Die an Hegel angelegte Dialektik zwischen Schirmherr und Stiefelknecht – hinkt gewaltig, die Argumentation gerät ins stoplern. Nun streben einige nur eine geringfügige Ausweitung und mithin nur scheinbar paradigmatische Verschiebung auf das Schuhwerk an, das ist in ihren Grundzügen bereits deterministisch.

Die Kulturellepraxis versucht systematisch weiterzudenken. Dafür müssen wir tiefer als nur das Schuhwerk denken: Die Socken. Doch wäre dies ein komplett ahistorisches Konzept. Bis in den zweiten Weltkrieg verwendete Vorläufer der Socken waren um die Füße geschlungene Tücher. Damit die Sache aber Hand und Fuß hat (und eben in trockenen Tüchern ist), braucht die Forschung zusätzlich: Handtücher!

Diese Erkenntnis hatten bereits vor uns fernwestliche Weisheitsleeren, sie wiesen darauf hin, daß das Leben ein unsichtbares Handtuch ist, doch diese Erkenntnis ging durch einen Übersetzungsfehler verloren.

Also im Klartext: Die Critical Boot Studies benötigen dringend einen Towel-Turn. Die Kulturelle Praxis regt dabei zum Weiterdenken das Konzept ‚Handtuch‘ als neuen Aufhänger an, das selbstverständlich einen Haken hat: Das Gebiet mag zunächst etwas trocken klingen. Zugegeben, ist es auch, denn das haben Handtücher so ‚an sich‘1. Es ist ihre Funktion im Sinne einer Propensität2 des Trocknens.

Gehen wir also ins Detail:

Schon in der Antike sprach der griechische Philosoph Pluton in seinem Handtuchgleichnis von einem Idealhandtuch. Einer Urform in der Vorstellung, auf die sich alle sinnliche Wahrnehmungen beziehen und der alle Erscheinungen nachgeordnet sind.

Auch zählten in der Antike – neben Ringen, Boxen, Speerweitwurf, Diskuswerfen, Wettlauf, Mikado, Schnickschnackschnuck und „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann“3Handtuchkämpfe zu den neun olympischen Grunddisziplinen. Wie viele Sportarten hat auch diese praktischen Nutzen in der Kriegskunst.

Dies bot Norbert Elias Anlass, im Handtuch ein maßgebliches Mittel der Zivilisierung zu erkennen: Es behielt bis in die heutige Zeit hinein die zivilisatorische Funktion der Bestrafung, Selbstkasteiung und Disziplinierung (Handtuchkampf diente nach Elias als sublimierte Funktion der Gewalt). Bisher übersehen und erst durch den Towel Turn aufgedeckt, sehen wir hier eine indirekte Bezugnahme und Kritik an Marx‘ historischer These von den Stiefeln.

Kritik an Elias übte Michel Foucault: Ihm zufolge diente bis in die Disziplinargesellschaften des 18. Jahrhunderts das Handtuch zunächst noch als Instrument der Strafe, wurde aber mehr und mehr durch die neue biopolitische Handtuchpraxis der ‚Hygiene‘ verdrängt, die Foucault mit dem Aufkommen der ‚Bevölkerung‘ im 18. Jahrhundert in Verbindung bringt.

Einige Vertreter*Innen der Towelpsychologie gingen in der Belle Epoche davon aus, dass das Handtuch zu den Grundbedürfnissen des Menschen gehöre. Wie Alvin Cotton in seinen bekannt gewordenen Feldforschungen in der Sauna feststellte, ist das Handtuch das einzige, was Menschen dort mit hinein nehmen. Er schlussfolgerte, dass eine universelle tiefe melancholische Verhaftung mit diesem Objekt bestehe. Eine Annahme jedoch, die sich mit der Unhaltbarkeit des Konzepts ‚Mensch‘ erledigte: „The Cyborg is a creature in a post-towel world.“ (Dronna Hairdryway)

Der Philosoph Toweldor Double-U Ahdochnö sprach schon in seinen Arbeiten zur Kultur der Nachkriegszeit von der verschleiernden Wirkung des Handtuchs.

„Die Ersatzbefriedigung, die die Handtuchindustrie den Menschen bereitet, indem sie das Wohlgefühl erweckt, die Welt sei in eben der Ordnung, die sie ihnen suggerieren will, betrügt sie um das Glück, das sie ihnen vorschwindelt. Der Gesamteffekt der Handtuchindustrie ist der einer Anti-Aufklärung; in ihr wird Aufklärung, nämlich die fortschreitende technische Naturbeherrschung, zum Massenbetrug, zum Mittel der Fesselung des Bewußtseins. Sie verhindert die Bildung autonomer, selbstständiger, bewußt urteilender und sich entscheidender Individuen. Die aber wären die Voraussetzung einer demokratischen Gesellschaft, die nur in Mündigen sich erhalten und entfalten kann.“ (Ahdochnö, Toweldor Double-U: Resümé über die Handtuchindustrie. Frankfurt/Oder: Sauerkamp, 1966, S.17)“

Die Handtuchindustrie war wesentlicher Faktor der damals einsetzenden Konsumgesellschaft, die in erster Linie auf die Gestaltung von Freizeit (Hobbies/Aktivitäten/Unterhaltung) des/der Einzelnen abzielte. Beispielhaft sei an den beginnenden Massentourismus erinnert, der nur durch das Bestehen der Handtuchindustrie ermöglicht wurde, die nun begann massenhaft Badetücher für Strandurlauber*Innen herzustellen und ein Gefühl der Pseudoindividualität („Da wo mein Handtuch liegt, das ist meine Liege!“) zu vermitteln.

Das Handtuch ist also nur ein Produkt der Ideologie: Während das bloße Abtropfenlassen des Geschirrs nach dem Abwasch den Individuen eine größere Autonomie ermöglicht, hat das Abtrocknen als Arbeit deutlich entfremdende Wirkung. Dabei muss ein bereits lange bestehendes Missverständnis aus der Welt geräumt werden: ‚Das Handtuch werfen‘ ist ein emanzipatorischer Akt und kein Signal des Aufgebens. Ferner wird in der von der Handtuchindustrie dominierten Welt das Handtuch zum Fetisch schlechthin, auf Grund dessen verschwinden weltweit tagtäglich Handtücher aus Hotels.

Der Fetischcharakter zeigt sich in filmischer Nutzung dieses Gegenstands. Die erotische Aufforderung zum Applizieren eines Handtuchs („Dry me“), bei gleichzeitigem Reichen dieses kommt sowohl in Blade Runner, als auch Strange Days vor. In beiden Fällen symbolisiert das Handtuch ein Zeichen des Begehrens und zeigt uns somit die Mittelbarkeit allen Begehrens über Zeichen auf;4 da das Begehrte aber immer ein Zeichen ist, haftet jeder Erfüllung, jeden Erlangen des Zeichens etwas unechtes, enttäuschendes an. Beide Szenen spiegeln das, indem sie Situationen der Täuschung sind: In Blade Runner nutzt die Replikatin Zhora durch diese Aufforderung verursachte Verunsicherung der Hauptfigur Deckard, um diesen anzugreifen und zu fliehen. In Strange Days stellt sich die erotische Szene als Erinnerungsaufzeichnung heraus, welche Hauptfigur Lenny Nero der verflossenen Beziehung nachtrauernd konsumiert.

Zurecht wurde die obigen recht einseitigen Sichten auf das Handtuch jüngst einer Kritik unterzogen. Insbesondere wurde an die möglichen nicht-hegemonialen Nutzungspraktiken von Handtüchern (jenseits handtuchindustrieller Normen) erinnert. In Form einer bricolage lässt sich das Handtuch eben auch einfach als lustige Kopfbedeckung benutzen. Wem das noch nicht widerständig genug erscheint, der/die denke an die Möglichkeit, dass sich mit Hilfe von Handtüchern  Molotwococktails bauen lassen.5 (Hier wird die widerständige Bedeutung der Metapher ‚Handtuch werfen‘ natürlich um ein weiteres bestätigt)

In jüngerer Zeit bahnt sich eine Neoliberalisierung durch die Haushaltsrolle an, die das Handtuch zu verdrängen droht und damit massiv die Arbeitswelt verändert. Arbeiten wie Putzen, Aufräumen und Abwaschen werden so mehr und mehr zu Angelegenheiten von schnelllebigen Projekten. Nach Erledigung der Arbeit wird das Papier sofort entsorgt. Eine Parallele zur biopolitischen Verbreitung (keimfreier) Papiertaschentücher, die das Stofftaschentuch verdrängen.


1 Oder für die Hegelianer unter uns: ‚für sich‘ oder für die Foucaultianer unter uns: ‚Trockenheit wird zu jeweiligen Zeiten immer wieder hergestellt‘, also auch nochmal für die Butlerianer unter uns: ‚Trockenheit wird performt‘

2 Bigelow, J.; Pargetter, R.: Functions; in: Journal of Philosophy 84 ( 1987); S. 181-197.

3 Unklar und umstritten ist, ob es diese Disziplin zeitgenössich nicht eher „Wer hat Angst vorm Römer“ genannt wurde, und es sich hier um einen Übersetzungfehler handelt.

4 vgl. Kapitel II: Butler; Judith 1997: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Frankfurt/M: Suhkamp.

5 Die Tatsache, dass der Molotowcocktail entscheidend durch den finnischen Winterkrieg 39/40 geprägt wurde, regt zum re-reading von Alwin Cottons Thesen an, da Finnland ja auch das Land der Sauna ist. (Wird hier also die melancholische Verhaftung mit Handtüchern in Aggression sublimiert, wie Elias sagte?)


Critical Boot Studies #5: Musik

1. November 2011

Doch auch in emotionaler Hinsicht sind wir Zumutungen ausgeliefert, denen am besten mit Stiefeln zu begegnen ist, so thematisiert von Nancy Sinatra (Wortspiel am Rande). Sinatra nähert sich damit dem Begriff auch etymologisch, als daß „to boot“ ursprünglich für „treten“ stand.


Critical Boot Studies #4: Cowboys

31. Oktober 2011

Entgegen einschlägiger Chroniken und deshalb bisher noch weitgehend unbekannt ist, dass die HMS Beagle im Jahr 1833 auch in Nordamerika an Land ging. Auf seinen Reisen ins Landsinnere stellte Darwin fest, dass die Cowboys sich viel geschmeidiger und anpassungsfähiger bewegten als die Indianer. Er schrieb in einem bisher unveröffentlicht gebliebenen Kapitel in „On The Origin of Species“, dass „die Indianer mit ihren Mokassins oft erhebliche Nachteile in der Fortbewegung haben. Des Öfteren hat einer einen Stein im Schuh, ein anderer verstaucht sich den kleinen Zeh, einem dritten fällt die Tabakpfeife auf das leicht brennbare Material. Die Stiefel der Cowboys erweisen sich als zäh, genauso wie deren Träger, die auf Grund ihrer stärkeren Körperbehaarung, überhaupt echtere Männer sind, und damit besser mit den kalten Wintern zurecht kommen. So wird es in Bälde eintreten, daß in der nordamerkanischen Prärie, bis auf das Klirren von Stiefelschnallen und einem gelegentlichen „Yeeeh Haaah“, alle anderen Laute verstummt sind.“


Critical Boot Studies #3: Anthropologie des Moonboots

30. Oktober 2011

Auch die philosophische Anthropologie hat ein Wörtchen mitzureden. Den Begriff der Kultursphäre als Überlebensmerkmal des Menschen symbolisiert wenig so gut wie der Raumanzug: D* Astro/Kosmo-naut*In trägt gewissermaßen eine lebenstaugliche Umwelt mit sich herum. Doch was ist ein Raumanzug ohne Stiefel? Undicht. Wir halten fest, ohne Moonboots wären wir überhaupt nicht auf den Mond gekommen!


Critical Boot Studies #2: Märchen

29. Oktober 2011

Beginnen wir die Kritischen Stiefelstudien germanistisch mit dem gestiefelten Kater. Nun ja, fraglos ein ganz grimmiger und sicherlich gleich dem Kapitalisten zur Seite zu ordnen. Er trug zur fortschrittlichen „Entzauberung der Welt“ bei, indem er durch einen hinterlistigen Trick einen Magier verspeiste und damit dem armen Müller ein Leben in Reichtum und einen prestigeträchtigen Platz in der patriarchalen Matrix sicherte.
Siebenmeilenstiefel, ein weiteres Märchenmotiv, das die gnadenlose Mobilitätsanforderung der neoliberalen Optimierung des Kapitalismus vorwegnimmt.