Kommentar: Postmoderner Wahrheitsgewinn

29. September 2018

Wenn ich über Methoden der Wahrheitskonstruktion (meinetwegen auch -rekonstruktion, das ist diese Altersmilde) schreibe ist die virtuelle Teeküche Twitter sicherlich kein harter Ausgangspunkt. Dennoch fangen wir mal so an: Am „Nebentisch“ zufällig diesen Thread mitbekommen.

Kurz zusammengefaßt: Die Wahrheit werde uns nicht frei machen, bei politischen Entscheidungsprozessen wie der Kavanaugh Anhörung gehe es um handfeste politische Interessen und die Beteiligten unterscheiden nicht in „wahr“ oder „unwahr“, sondern ob etwas ihren Interessen diene. Sie gehen rechtfertigend davon aus daß alle anderen ebenso vorgehen. Sich in Details zu verlieren um immer wieder die „Wahrheit“ ans Licht zu bringen damit alles besser werde sei somit Zeitverschwendung.

Als praktischen Hinweis für politische Aktivist*innen könnten wir es dabei belassen: Das bessere Argument oder gar „die Wahrheit“(tm) auf der eigenen Seite zu haben bewirkt erstmal deprimierend wenig. Nebenher seien zweifel an demokratischer Redlichkeit angemeldet wenn Leute behaupten sie dienem dem Interesse einer abstrakten Masse/Allgemeinheit/Mehrheit.

„Postmodern“(tm) formuliert: Im Wahrheitsspiel politischer Durchsetzung sind bewährte Methoden Fakten festzustellen ein äußerst schwacher Zug, Wahrheitswirkungen werden nicht durch durch „guteGründe“(tm) im Sinne der Erkenntnis- oder normativer Argumentationstheorie hergestellt. Daß damit „reine“ Philosophie zu kurz greift und Interdisziplinarität was Feines wäre nur als Bonusbinsenweisheit. Rationalitäten die stattdessen am Werke sind zu untersuchen wäre tägliches Brot z.b. diskusrsanalytischer Methoden: die Zaubertricks verraten.

Das erklärt vielleicht auch weshalb sich mit solchen Methoden so gut untersuchen läßt, aber Versuche diese Theorien in Aktivismus umzusetzen oftmals schief gehen, z.B. mit sein-sollens Fehlschlüssen: Wir haben es mit Unterschiedlichsten Formen von wirksamer „Wahrheit“ zu tun: wie sollte sie zustande kommen, wie setzt sie sich durch, welche Funktionen muß sie erfüllen. Damit wäre „Wahrheit weitaus mehr als nur das Gegenteil von Lügen; was wiederum auch heißt daß sich aus der Erkenntnis daß gelogen wird noch nicht unbedingt rekonstruieren läßt was der Fall ist.

Fazit: Politiker*innen lügen und die Wahrheit alleine wird uns nicht frei machen. Duh.

Doch leider scheinen diese Erkenntnisse in der gegenwärtigen politischen Situation bereits „eingepreist“. „Die lügen doch eh alle“ oder pathologischer: „Die anderen lügen doch eh immer“ gehört schon zur Folkore. D.h. dies festzustellen bringt uns nicht wirklich weiter.

Schlimmer noch: So etwas hat Trump erst ermöglicht. Zum einen Authentizität: Als Gegenbild der aus zweckrationaler Opportunität lügender Politiker*innen bietet sich ein Authentizitätsideal an, das Trump gut zu darzustellen versteht; also er trotz zahlloser Lügen ehrlich wirkt – authentische Lügen (ist das „Hyperrealität“? Ich habe keine Ahnung). Zum anderen Kapitulation vor lauter Desinformationen: Wenn viel gelogen wird und wir es wissen ist es das einfachste sich die Wahrheit nach „Truthyness“ auszusuchen; was idr. stark mit Zugehörigkeit zusammenhängt. Bei Lügen mag es manchmal der Fall sein, aber Wahrheit läßt sich eben nicht an äußeren Authentizitätsmarkern erkennen.

Die Frage warum kein einzelnes Medium es (mehr?) schafft als neutrale Instanz zu gelten klammern wir an dieser Stelle mal aus.

Der Alltagsverstand produziert halbwegs brauchbare „Wahrheiten“ mittels möglichst unaufwendigen Methoden. Ich optimiere mein Vorgehen beim Abwasch nicht mit wissenschaftlichem Vorgehen, mache mir nicht bewußt daß ich von einem impliziten Modell ausgehe, überprüfe dieses auf konsistenz, sondern fange einfach irgendwie an nach dem was ich irgendwie mal gesehen gehört habe zum abwaschen und was schonmal irgendwie funktioniert zu haben scheint. Das Spart anstrengendes Denken, ist aber deshalb für ernsthaftere Fragen ungeeignet. Ein möglicher Zusammenhang zwischen Populismus und auf Politisches angewendetem Alltagsverstand sei hier aber auch ausgeklammert, so wie die Frage wie überhaupt politische Wahrheiten und Ziele zu Stande kommen, wir wollen auf einem Blog wie diesem ja nicht zu praktisch werden.

Die Wissenschaft hat konkrete Probleme wie z.B. Publication-Bias, Reproduktionskrise in einigen Fächern uvm. und grundsätzlichere, daß nämlich Entstehung und Verbreitung einer wissenschaftlichen Tatsache [Fleck 1935] kein einfaches beobachtendes Abbilden, sondern ein aktiver und sozialer Prozeß ist. Dessen Ergebnisse häufig vorläufig und uneindeutig sein können, damit gar nicht gängigen Vorstellungen von „Wahrheit“, geschweige denn „harten Wissenschaften“ entsprechen. Die Stärke der Wissenschaften, ein Prozeß und nicht dessen Ergebnisse zu sein wird nach solchen Vorstellungen leider als Schwäche wahrgenommen; und gerne den Geisteswissenschaften untergeschoben.

Interessant könnten evtl. auch – unter Kostendruck zeitgemäßer Medienproduktion völlig veraltete – journalistische Tugenden sein, wie sie z.B. Woodward jüngst eingebracht hat: Sich auf konkrete Ereignisse beziehen und die Informationen aus voneinander unabhängigen Quellen abgleichen. Nur stößt ein reines „was ist passiert“ auch an Grenzen – sonst bräuchten wir ja kein Kommentargenre; aber brauchen wir es? -, wir scheinen von „Wahrheit“ mehr zu erwarten.

Also statt eine abstrakte nicht erreichbare „Wahrheit“ zu verehren könnte es produktiv sein ersteinmal zu fragen was wir von der Wahrheit konkret wollen und wie dafür angemessene Methoden aussehen. „Postmodern“ formuliert: „Die Wahrheit“ als große Erzählung kann als gescheitert gelten; das heißt nicht daß sich mit „Wahrheit“ kein sinnvoller Unterschied mehr ausdrücken ließe oder daß es nur noch individuelle Gewißheiten gebe – im Gegenteil, auch das autonome Individuum ist eine der gescheiterten großen Erzählungen. D.h.: Wenn wir diese Theorien als Werkzeugkisten [Foucault 1976] für Befreiendes einsetzen wollen brauchen wir beide Kritiken: Die an der Objektivität und die an der Individualität.

Wir haben damit zwar keine metaphysische Letztbegründung für Wahrheitsproduktion und zugleich Verantwortung für unsere Wahrheitsproduktionsmethoden ohne das mit einem „ist so“ oder einem „ist ja eh beliebig“ abkürzen zu können. „Verantwortung“ heißt auch daß welche Methoden und welche Sorgfalt wir zur Erkenntnis anwenden auch zur ethischen Frage wird. Das ist nur etwas für Leute die sich mit Theorie das Leben schwerer, nicht einfacher machen wollen.

Der Schluß sich vor einfachen Wahrheiten zu hüten wäre genau so eine, also enden wir einfach mit – Truth: It’s complicated.

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Flachzangen immer wieder

23. August 2018

Dank an @momorulez für den Hinweis

Gut eingebubblet um wenig davon mitzubekommen und keine Motivation für lau ausführlich zu recherchieren – Unsinn ist ohnehin leichter in die Welt zu setzen als zu widerlegen – ließ es sich dennoch nicht vermeiden neueste Tiefpunkte die im Assoziationsraum „Postmoderne“ verbreitet werden schmerzlich wahrzunehmen.

Die Gefährdung durch die Postmoderne™ wurde anscheinend von „neoliberal“ auf „faschistisch“ hochgestuft. Im Rauschen des Diskurses sind Essenzialismusvorwürfe an den Poststrukturalismus zu vernehmen. Nach Jahrzehnten der ermüdenden Relativismusdebatten und „killing the messenger“ für vorhergesagte „postfaktische“ Politikstrategien nun auf einmal Essenzialismus?!?

Dahinter scheint eine Assoziationskette von „Poststrukturalismus = Postmoderne = Critical Whiteness = Ethnopluralismus“ zu stehen.

Daß diese Gleichsetzungen nicht zutreffen und darüber hinaus die einzelnen Positionen lediglich durch Gerüchte beschrieben werden wurde – u.a. hier – schon so häufig erklärt, daß wir uns damit nicht weiter aufhalten sollten. Viel mehr beängstigt diese Ignoranz, zumal wenn wir genauer untersuchen wie diese funktioniert: Wir haben gestapelte Assoziationsketten, Gerüchte, welche sich zu Wahrheitswirkungen verdichten, ein wir:die-Schema, bei dem auch noch die Gegner*innen alle irgendwie zusammenhängen und nur erfolgreich sind indem sie falsch spielen. Das sind Muster von Verschwörungstheorien und dennoch gehen sie in sich als links verstehenden Kreisen als Theoriediskussion durch.

Zusammenhänge von Verschwörungstheorie, Antiintellektualismus und Antisemitismus aufzuzeigen sei den Leser*innen als einfache Hausaufgabe überlassen.

Bei theoretische Positionen kann eins schonmal unterschiedlicher Ansicht sein – wir kommen nur mit Irrtumslizenz weiter. Die Unis bieten auch nicht mehr so viele Freiräume, womit theoretisch in die Tiefe zu gehen schwieriger geworden ist. Auch wenn Leute sich in ihren Kämpfen nicht so sehr in diese theoretische Tiefen gehen wollen ist das nachvollziehbar; gleichwohl das – äußerst bewegliche – Verhältnis von Kämpfen und Theorie gründliche Reflexion vertragen könnte, doch wird gerade sowas durch haltlosen Behauptungen erschwert.

Verschwörungsdenken und Desinformationen um andere anzugreifen ist unter keinen Umständen emanzipatorisch.


Linke Homöopathie

18. Januar 2018

„Nach wie vielen Spaltungen sind wir endlich eine Volksbewegung?“


PSA/PttC: Flachzangen

20. Mai 2017

Auf der Suche nach interessanten Gedanken begegnen uns häufig Artikel und Vorträge, die sich zwar auf interessant-theoretisches Zeug beziehen, bei näherer betrachtung aber nicht nur nicht bilden, sondern Halbbildung1 vermitteln.

So werden beispielsweise empirisch und/oder argumentativ bestenfalls dünne Assoziationsketten einander gegenübergestellt. Selbst wenn das als „Dialektik“ zu verkauft wird, billige Dualismen sind Denkfallen aus denen sich rauszumanövrieren schwer sein kann.

Konkret bezieht sich dies häufig auf die unter dem Begriff „Flachzangen“ häufiger schon berantete Tendenz, essenzialistische Gewißheiten gegen poststrukturalistische Verkomplizierungen durch Verteufelung jenes (meist unter dem allerweltsbegriff „Postmoderne“, gleichwohl dieser Vorwurf gegen sehr unterschiedliche Strömungen in Stellung gebracht wird) zu „verteidigen“. Killing the messenger. Letztlich haben wir es hier häufig – und das bei scheinbar abstrakten Texten – mit Abstraktionsfeindlichkeit und damit – scheinbar „intellektuellem“ – Antiintellektualismus zu tun. Politische und akademische Lagerbildung macht es attraktiv auf diese Weise mit Uneinigkeiten umzugehen.2

Auf einem begrenzten und geteilten Raum von Gewißheiten ein paar leicht originelle Denkfiguren zu drehen hat nichts mit Erkenntnissuche zu tun. Fallacies – v.a. Zirkelschlüssen und Strohpuppen – zu erkennen sollte wichtiger sein als die Truthiness des Ergebnisses zu bewerten.



1 „Das Halbwissen ist siegreicher, als das Ganzwissen: es kennt die Dinge einfacher, als sie sind, und macht daher seine Meinung fasslicher und überzeugender.“ —Nietzsche


2. Ernsthaftes Denken bedeutet Aufwand. Deshalb bietet die Kulturellepraxis auch nur ähnlich aufwandsarme Gegenpolemiken statt unbezahlte Arbeit.


Multidingsens

9. Dezember 2016

Fefe ist allgemein ein guter Indikator, was unter Nervnerds schief läuft; und über ihn zu lästern generiert massig klicks. Im Raum steht die These, daß er die letzten Jahre weiter nach rechts gedriftet sei – was gesamtgesellschaftlich interessant sein könnte -, aber darum soll es dieses mal nicht gehen, zumal wir sowas nicht ohne wissenschaftliche – an dieser Stelle sei nochmal darauf hingeweisen, daß die Grenze zwischen harter und weicher Wissenschaftlichkeit nicht zwischen Natur- und Geisteswissenschaften verläuft – Untersuchungen abschließend behaupten würden.

Was hat er jetzt schon wieder angestellt?1 Die Fakten erweisen sich als berichtenswert: Titanic Chefredakteur Tim Wolff setzte eine Titelseite der Bild – welche Manfred Krug immer „die Blödzeitung“ nannte – mit der Schlagzeile „Die große Debatte um das Frauenbild von Flüchtlingen!“ in den Kontext des Frauenbilds der Bild – sexuell objektivierende Bilder normschönen solchen – und verbreitete diese in sozialen Medien. Im Falle von Facebook – die Kulturellepraixs meint übrigens „Facebook: not even once“ – sogar mit der Ansage versehen „Wenn Facebook den Post jetzt noch löscht, weil darin eine nackte Frauenbrust zu sehen ist, dann ist die Idiotie des Sexismus komplett abgebildet.“ Seine Prognose erwies sich als untertrieben: sie löschten nicht nur den Post, sondern sperrten gleich Wolffs Account.2

Dies böte Anlaß zu extrem altmodischer Nerdpropaganda: Welche Infrastrukturen wir nutzen spielt eine Rolle3. Statt unnötig Kontrolle abzugeben sollten wir auf die empowernde Kraft des DIY setzen und zudem Dezentralisierung fördern. Und Fefe praktiziert ja mit seiner eigenen, bewußt schlank gehaltenen Blogsoftware soetwas sogar. Davon ausgehend könnten wir überlegen, wie wir diese altbackenen Ideale ins socialmedia und webbasierte mobiledevice Zeitalter hinüberretten. Beispielsweise erweisen sich viele Verständnisse von „Dezentralisierung“ als nervig, wollen wir mit möglichst wenig Programmen/Seiten/Techniken mit möglichst vielen Leuten vernetzt bleiben. Auch das müssen wir leider erstmal offen lassen.

Fefe leitet so ein, er scheint es für keine gute Idee zu halten, eine Kontrolle des Contents in privatwirschaftlichen Sektor zu verlegen. Doch schreit er lieber „Zensur politisch unerwünschter Inhalte“ und schimpft auf Facebook und den Justizminister, der soetwas in Fefes Darstellung förderte, statt auf dieses Problem weiter einzugehen. Der Adorniterorden führt jetzt einen „I told you so“ Dance auf, die konformistische Revolte wolle lieber – gefühlt – „besser“ regiert werden als selbst Verantwortung zu übernehmen, sehnt sich nach „besserer“ Herrschaft statt die Herrschaft überwinden zu wollen; und wird von uns gleich durch den Hinweis gebremst, daß die tanzenden beängstigende Überschneidungen mit Fefe haben, u.a. Rosa-Wattebäuschchen abzulehnen und die Selbstinfantilisierungsthese zu vertreten (wohlgemerkt innerhalb eines Rufes nach besserem beherrscht-werden).

Und wie bei der Shirtless-Dude-Debatte4 sind viele Meinungen zu beobachten was die selbstverständlich richtige Position sei, aber wenig Positionen, die Autonomie – nach selbst als vernünftig erkannten Regeln leben – fordern. Dabei scheint der Gedanke, ein autonomes Zentrum oder eine Social Media Plattform habe gerade den Zweck, daß sich eine Community eigene Regeln geben könnten die von den allgemeinen Selbstverständlichkeiten bisweilen abweichen.

Nur – so der naheliegende Einwurf gegen solch eine „postmoderne“ moderne Utopie – was passiert jetzt wenn die Filterbubbles aufeinanderprallen. Es gibt nuneinmal Räume5 in denen eins nicht nur auf gleichgesinnte trifft, es gibt Zwangsgemeinschaften wie Uni, Arbeitsplatz oder Straßenverkehr in denen es fatal wäre wenn eine Sub-Gruppe einseitig ihre Vorstellung von Gemeinschaftsstandards durchsetzen könnte. Auch wenn dies zu behaupten wenn einer Interessenslage entgegen gekommen wird ein beliebter rhetorischer Trick ist.

Zunächst einmal sei zugegeben: Das ist ein haariges Problem. Aber ein Problem das sich offensichtlich nicht dadurch lösen läßt wenn verschiedene Gruppen empört sind, daß die anderen nicht anerkennen was ihres erachtens nach selbstverständlich richtig sei. Diplomatie ist erst zwischeneinander möglich, nicht wenn sich jemand bereits in der Rolle des objektiven Beobachters von oben wähnt. Und an diesem Punkt können alle ihre Patentlösungen – größtmögliche Freiheit, Manieren, whatever – auspacken, aber gegeneinander abwägen.

Im „postmodernen“ Sinne ist die Gefahr der Filterbubbles somit nicht deren Diversität, sondern daß die je-eigene auch in unpassenden Kontexten absolut gesetzt wird. Dies berührt zunächst einmal nur das Miteinander, erkenntnistheoretische Aspekte von „Wahrheit“ und „Realität“ greifen wir gerne demnächst wieder auf.


1 Den Artikel des Anstoßes schonmal hier, dank Pingback sicherstellen, daß Fefe das auch liest.

2 Titanic Presseerklärung , vgl. Spiegel

3 Einschlägig dargestellt: Dieser

4 Wir parodierten

5 Exkurs über den Spatial Turn und eine damit einher gehende massive Erweiterung des Raumbegriffs an dieser Stelle ausnahmsweise mal ausgelassen


Haushaltssicherheit

18. Juni 2016

Idee: Prokopius

Haushaltsunfälle häufen sich in Deutschland. Mit ca. 90001 Toten durch Haushaltsunfälle im Jahr 2014 ist die Gefahr deutlich höher als jene durch Verkehrsunfälle (ca. 35001) einzuschätzen. Doch während im Straßenverkehr zahlreiche Regulierungen und Kontrollen für unsere Sicherheit sorgen, ist der Bereich des Haushalts nach wie vor unterreguliert; und das trotz Fortschritten wie flächendeckende Rauchmelder, sowie deren Umbenennung in Brandmelder.

Hier will jetzt die Bundesregierung eingreifen. In enger Zusammenarbeit mit den Handwerkskammern entsteht gerade ein neues Gesetz zur Optimierung der Treppensichierheit, das an die überragenden Erfolge der #dankhelm Kampagne2, 3 des Verkehrsministeriums anknüpfen soll. Künftig müssen in jedem mehreren Mietparteien zugänglichen Treppenhaus Sturzhelme ausliegen. Diese werden dann halbjährlich vom Schornsteinfeger kostenpflichtig überprüft. Sollte das Angebot ausliegender Helme nicht auf Basis freiwilliger Selbstverpflichtungen durch die Mieter*innen hinreichend genutzt werden, wird eine Kameraüberwachung der Treppenhäuser erwogen, auch um der Gefahr entgegenzuwirken, Einbrecher*innen könnten aus der Position eines Helms folgern, wer gerade nicht daheim ist.


Kritik der Kritischen HAS-Kritik – Wir sitzen immernoch in einem Boot

24. Februar 2016

Schon interessant: die Art in der einstmals der Poststrukturalismus (meistens als „Postmoderne“, wer da keinen Unterschied sieht ist Teil des Problems und möge sich als Flachzange bezeichnet sehen) kritisiert wurde findet jetzt Anwendung auf die Human-Animal-Studies (HAS). Gut, auch in diesen gibt es Pomobashende Adorniter*innen, aber dies nur am Rande, tu quoque als argumentum ad hominem wäre ein non sequitur.

Jedenfalls tauchte (mal wieder) ein Sokal-esker Hoax auf, dieses mal auf einer Konferenz zu den HAS; deren Thema war recht konventionelle Kulturgeschichte. Nun wurde bereits vieles zum Thema gesagt, so daß hier v.a. ein paar Links zum selber denken zusammengetragen werden sollen

Zusätzliche kommentierten die Kaffeehausdilettant*n auf FSK:

  • Daß Belege – inkl. Archivmaterial – gründlich gefälscht wurden und einige steile Thesen im Review für eine Konferenz erstmal nicht auffielen sagt nichts aus über wissenschaftlichen Anspruch. In Naturwissenschaften flogen oftmals gefälschte Mess“ergebnisse“ erst nach Jahren aufCitation needed; siehe auch
    • Welche Thesen der HAS wie steil sind ist Teil der Kontroverse, sollte also nach geisteswissenschaftlichen Qualitätsstandards keinesfalls implizit verhandelt werden
  • Auch im Bereich der Informatik sind bereits Scherz-Artikel (automatisch generierte Papers) auf Konferenzen angenommen wordenCitation needed ohne daß dies breit Theorien, Fachbereichen oder Wissenschaftsgattungen angelastet wurde
    • Anzunehmen, nur weil Forschung nicht Politik als Gegenstand hat sei ihre Wahrheitsproduktion unpolitisch ist (leider?) ein Kategorienfehler
  • „Kritik“ ist stets ein – meist die eigene Bedeutung hervorhebender – Zug im akademischen Betrieb
    • Es wäre zu klären, wie innerakademische Kritik nicht Teil des Problems sein kann
    • Ein Teil des Problems ist innerakademische Kritik stets, wenn er die eigene Ingroup als ungerechtfertigt um Ressourcen gebracht sieht: Wissenschaft ist ein Prozeß, nicht das Ergebnis, also sollte „Wissenschaftlichkeit“ keine Frage der Positionen sein
      • Es geht hart & ungerecht zu. Eine konkurrierende (oder gar schwächere) Gruppe für schuldig zu erklären erinnert uns an …?
    • In der Diskussion unterbelichtet bleibt die gewachsene akademische Konkurrenz. Diese schlägt sich auch in Evaluationsverfahren (z.b.: wieviel wurde wo publiziert) nieder. Evaluation produziert leider in erster Linie Evaluationsergebnisse, nicht Qualität
      • Daß im gegenwärtigen Peer-Review System der Wurm ist, ist eine BinsenweisheitCitation needed, dennoch klammerten die Fälscher*innen diese aus ihrer Kritik aus
    • Es wäre – geschichts- & sozialwissenschaftlich – zu untersuchen, inwieweit innerwissenschaftliche Logiken gegenüber außerwissenschaftlichen „Sachzwängen“ an Bedeutung verlieren; eine reine und nur auf Wahrheit ausgerichtete Wissenschaft hat es zu keinem Zeitpunkt und in keinem Fach gegebencitation needed
  • An den gesunden Menschenverstand (GMV™) zu appellieren ist unwissenschaftlich
    • Der GMV sagt: Die Erde ist flach
    • U.a. durch den Cultural Turn wurden Alltagsphänomene geistes-/kultur-/sozialwissenschaftlich untersuchbar, am Gegenstand ist der wissenschaftliche Anspruch nicht ohne weiteres zu erkennen
    • An einer Prämisse läßt sich selten die Qualität eines wissenschaftlichen Ansatzes zu erkennen
    • Autodeterminierung des Anwendungsbereichs: Im Gegenteil lebt der wissenschaftliche Prozeß davon, daß Ansätze auf unintendierte Bereiche ausprobiert werden. Alleine um zu prüfen ob sich Ansätze der HAS in der Forschungspraxis als fruchtbar erweisen oder nicht, muß ihnen erstmal eine Irrtumslizenz ausgestellt werden
  • Kommt.Uns.Nicht.Mit.Humanismus!
  • Die Rolle der Ethik in der Wissenschaft
    • It’s complicated