Mit Philosophie gegen Covid-19?

7. Mai 2020

Verschwörungstheorien1 zur Coronasituation waren zu erwarten. Doch scheint die Gruppe der Leute, welche die Seuche nicht ernst nehmen bzw. die Maßnahmen dagegen für maßlos übertrieben halten sich nicht ausschließlich aus jenen zu rekrutieren, Verbindungspunkte wie Jakob Augstein sind keine hinreichende Erklärung bei Leuten denen wir selbstständiges Denken zugetraut hatten. Nach Erklärbärtriage haben wir es nicht nur mit hoffnungslosen Fällen zu tun. Bei aller Haßliebe zu Sir Karl Raimund P.: Sich und anderen die Frage zu stellen wann eine These gescheitert ist, kann zu den gedanklichen „Powertools“ gehören, sei es auch nur um sicherzustellen daß eine Diskussion wirklich sowas wie einer „Wahrheits“2suche dient.

Damit sind plötzlich „philosophische“ Fragen – etwa wie wir im Alltag zu unseren handlungsrelevanten Urteilen kommen – plötzlich überlebensrelevant. Doch genauer: Auch wenn es sich um „Philosophie“ im umgangssprachlichen Sinne handelt, sind wir bei solchen Fragen auf Interdisziplinarität angewiesen. Alleine die Frage was warum überzeugt reicht von Erkenntnistheorie über Psychologie bis zur Rhetorik und hat mit Sicherheit soziale, damit also sozialwissenschaftlich zu fassende Aspekte.

Die Ausgangslage ist eine „postmoderne“3: Es herrschaft kein Mangel, sondern ein Übermaß an Informationen, aber keine davon ist unbeschränkt vertrauenswürdig. Diese müssen für das Handeln bewertet werden, möglichst in einer unaufwendigen Weise; es wäre etwa zu viel verlangt, sich vor einem handlungsleitenden Urteil über die Lage biologisches und medizinisches Grundlagenwissen, so wie einen Überblick über den Forschungsstand zu verschaffen. Damit dürfen wir epistemische Arbeitsteilung für unser Denken nicht unterschätzen. Dies heißt auch: Von der Glaubwürdigkeit von Wissenschaftskommunikation hängen Menschenleben ab #nopressure!

Fazit: „Coronaskeptiker“ ohne verschwörungstheoretischen Hintergrund stellen uns vor die Aufgabe das Alltagsdenken grundlegend zu untersuchen und hoffentlich auch zu verbessern. Dies setzt aber Bereitschaft zu lernen von allen beteiligten Seiten voraus, so wie ein Wahrheitsverständnis das das – brüchtige -Zustandekommen betont statt sich Wahrheit als „isso“ zu modellieren. Auch bei geisteswissneschaftlichen Problemen geht es um Menschenleben – packen wir’s an!


1 Auch wenn Entschwörungstheoretiker Kulla längst zu anderen Sachen arbeitet sei hier eine Hoffnung geäußert, er dekliniere seine Thesen nochmal an diesem Fall durch.
Update: Dies ist bereits geschehen und hier zu sehen. Vielen Dank!

2 Was auch immer das ist. Aber daß das Gesuchte nicht auffindbar ist, kann ja auch das Ergebnis einer Suche sein.

3 Statt sich in Grundsatzdebatten zu verzetteln oder auf kohärenzarm verplattete Standpunkttheorien zu setzen sollte Grundlagenarbeit geleistet werden. Die Produktionsbedingungen und die Verfügbarkeiten von Informationen haben sich seit dem 19. Jahrundert geändert, „Postmoderne“ hieße damit auch, einen erkenntnistheoretischen Umgang damit zu suchen!


Geisteswissenschaftliche Triage

3. April 2020

Mit Covid-19 verbreiten sich auch die gefährlichen Fehleinschätzungen1 exponentiell. Wie reagieren wir auf solche aus dem engeren Umfeld – beispielweise der Bio- oder Wahlfamilie? Das Problem ist leider aus bereichen wie Queer, Antirassismus, Antiinllektualismuskritik bekannt. Das Phänomen der Orks2 und Trolle erschwert offene Kommuikation, sollte uns aber nicht entmutigen diese grundsätzlich anzustreben.3 Zumal sich einzububblen häufig nur zu Spaltungen über noch kleinere Unstimmigkeiten führt.

Die Kulturellepraxis rät deshalb zur Erklärbärtriage: Vor einer Erklärung abzuschätzen wie hoch die Erfolgsaussichten sind, möglicherweise modifziert durch eine Einschätzung wie wichtig eine* die Person ist.

Für die GuteSache(tm) aufgerieben helft Ihr nichts und niemandem, Self Care kann radikal sein!


1 Die Folgen von gezielten – inkl. zur Verhaltenskontrolle „wohlmeinenden“ – Desinformationen wären ein eigener Beitrag. Kurz: Wir sind auf epistemische Arbeitsteilung angewiesen und die Folgen von Informationen verselbstständigen sich, also 1.: don’t do it und 2.: gute und v.a. vertrauenswürdige Wissenschaftskommunikation rettet Leben.

2 Kleinere Verwandte der Trolle. Sie scheinen zunächst interessiert, sind aber nicht bereit zu lernen oder auch nur sich auf neue Gedanken einzulassen, womit Versuche etwas zu erklären in Zeit- und gewaltiger Energieverschwendung enden.

3 Best Practice: Humor um das Vor-den-Kopf-stoßen abzufedern und unterhaltsam auf Widersprüche aufmerksam zu machen. Gute Literaturlisten um Interessierten den Einstieg zu erleichtern und einen Haufen Vorrecherche zu ersparen, Uninteressierten ein RTFM zu präsentieren. Kurze, dichte Kommentare um zu sehen, ob sich die Mühe gemacht wird die Gedanken zu „entpacken“. All diese Strategien zielen darauf ab, zum einen den emotionalen Aufwand gering zu halten, zum anderen zu erkennen ob das Gegenüber grundsätzlich bereit ist eigene Mühen zu investieren und wenn nicht es lustvoll vor den Kopf zu stoßen.


Evolutionsbedingte Denkfehler

13. Februar 2020

Da sowohl verfügbare Zeit als auch Energie zum Denken in der Menschheits – selbst in der Zivilisationsgeschichte – Mangelware waren ist klar, daß das was uns überzeugt nicht auf „Wahrheit“ optimiert sein kann, sondern mit Möglichst wenig Aufwand zu einem Ergebnis zu kommen. Damit liegt es in der Evolutionsgeschichte der Menschheit daß Menschen auf das schmale Brett kommen konnten Überlegungen wie diese1 für irgendwie sinnvoll zu halten. Wenn also Evopsych ein durch die menschliche Natur bedingt ist frage ich Euch: „Der Mensch ist etwas, was überwunden werden soll, was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?“2


1 Die Truthynessmechanismen sind bei näherer Betrachtung – die eine so evolvierte Denkweise tunlichst vermeiden sollte – deutlich komplexer. Sowohl naturwissenschaftlich gesicherte Elemente – die nicht gegen „Garbage in, Garbage out“ helfen, ex falso quodlibet – als auch Anschlußfähigkeit an gesellschaftlich verbreitete Überzeugungen tragen zur Überzeugungskraft bei. Dann wäre zu berücksichtigen daß die Wissenschaft leider auch nicht komplett unabhängig von nicht sachbedingter Überzeugungskraft ist und dann noch externe Faktoren wie beispielsweise Forschungsförderung wirken.

2 Läßt sich leicht genug googlen, eine Fußnote wäre damit nur Traditionspflege.


Kulturellepraxis live

6. Dezember 2019

Wissenschaftliche Studien werden hoffentlich den epistemischen Wert wissenschaftlicher Studien klären


Lehrnarrativ

9. September 2019

Skepsis gegenüber Zweierteilungen ist wichtig, denn sie erweisen sich häufig als Denkfalle die die Welt nur scheinbar sortieren. Sie sind aber auch die einfachste Form der Differenz, also nach (post)strukturalistischem Sprachverständnis eine einfache Form etwas auszudrücken. Und unsere treuen Leser*innen kennen sich sicherlich hinreichend mit Dekonstruktion, negativer Dialektik etc. aus ihr Denken nicht von solch einer Spar-Differenz einfangen zu lasesen.

Nach Heinz von Foerster sei eine legitime Frage eine auf die eins die Antwort nicht wisse, aber wissen wolle. Somit wirkt es unredlich wenn eine Aussage als Frage, Mitmacharbeit oder Ähnliches verschleiert wird. Das ist keine Didaktik – im Sinne der Kunst etwas nicht unnötig schwierig darzustellen -, das ist Knabenführung (Pädagogik). Zwar gibt es Fähigkeiten die nur in Anwendung erworben werden können, aber dies zum einzig gültigen Paradigma zu erklären wäre etwas beschränkt. Das mag auch als Verteidigung des verrufenen „Frontalunterrichts“ verwendet werden, speziell für Leute die sowas wie „Ehrlichkeit“ für einen Wert halten.

Das was jetzt „frontal“ vermittelt werden soll weist zwingend gewisse Strukturen auf, auch wenn die Fragen was, wie und warum strukturiert werden soll auf einem anderen Blatt steht. Probieren geht da ausnahmsweise tatsächlich mal über studieren um dem Methodenfetisch zu entkommen.

Ein zentripetales Narrativ zu wählen hilft bei vielen Anforderungen an gängige Unterrichtssituationen: es ist schneller nachvollziehbar, es produziert leichter abfragbare – und abgestuft bewertbare – Antworten. Das prägt wiederum eine Erwartung wie eine Lernsituation auszusehen hat, also prägt auch die Erwartungen des Publikums. Dies hat Grenzen, beispielsweise Deterritorialisierungsbemühungen können wir dabei knicken. Und auch wenn es ein Widerspruch wäre kritisches Denken lehren zu können, Hilfestellungen um mehr als Informationskonsument*innen zu sein lassen sich so auch schlecht bieten.

Von daher sei dem ein Bild des zentrifugalen Narrativs – wie dem der Plüschtierstudies – entgegengesetzt: das Wissen wird nicht zu einem Kernpunkt hin zugespitzt, viel mehr liegt der Ausgangspunkt in einer verschiebbaren Mitte vieler weiterer Bezüge. Die Welt wird komplexer und größer; statt beherrschbarer. Damit werden aber – günstigenfalls intendiert – gängige Vorstellung von Lernen durchkreuzt, so jenes, das von einer fairen Prüfung aus gedacht die geschlossenen Narrative – also das Gegenteil der zentrifugalen narrativen Bewegung – anstrebt. Damit kann der Eindruck entstehen weniger zu lernen und daß diese Art des Lernens kompliziert und zu fortgeschritten sei. Sicherlich liegt – wie erwähnt – ein Moment des Ernstnehmens darin und die Überzeugung, daß „durch Nulpen dividieren“ niemanden dazu bringt das eigene Potential zu entwickeln. Aber auch wenn praktisch gerne so vorgegangen wird diese Denkbewegung weit Fortgeschrittenen zu reservieren, auch wenn auf einige gewohnte Erfolgserlebnisse verzichtet werden muß, letztlich basiert diese Vorstellung auf einem Kategorienfehler.

Denn eine zentrifugale Erzählweise bedeutet hohe Anforderungen an d* Lehrende*, so hoch daß auch der Kontrollverlust – gerade wenn in anderen Bereichen Kompetentere im Publikum sind – in Kauf genommen werden muß. Und etwas nicht unnötig kompliziert zu präsentieren schließt nicht aus sich mit der Komplexität des Gegenstands auseinandergesetzt zu haben. Auch wenn – Stichwort: Halbbildung – sich gegenseitig zu bestätigen daß gängige Vereinfachungen ein Zeichen von Kenntnis seien praktische Funktionen der Bildung – nicht zuletzt kulturelles Kapital – besser erfüllt als sich zentrifugal auf einen Gegenstand zu stürzen.

Nun soll die Wertung – laut Derrida ja einer der Gefahren solcher Zweiergegensätze – hier nur als umkehrbar dargestellt werden, ohne zu verleugnen daß beispielsweise „Komplexitätsreduktion durch Komplexitätsaufbau“ auch ein wertvolles Lernkonzept sein kann, wenn dadurch die Komplexität des Gesamtgegenstands nicht aus dem Blick gerät. Auch sind Informationen sicherlich eine wichtige Grundlage zum Denken, also sei hier nur v.a. vor Einseitigkeit gewarnt.

Seien wir – mit Haraway – also auch bei De- und Reterritorialisierungsprozessen im Lernprozeß lustvoll im Verwischen und verantwortungsvoll im Ziehen von Grenzen!


Objektivität, Subjektivität

19. Juli 2019

Neben der Suche nach in Annahmen von „es ist so wie es ist“ verschütteten Möglichkeiten ist es u.a. Aufgabe eines guten Antiessenzialismsus aufzuzeigen wie hinter scheinbaren Objektivismen Willkür und/oder Standpunktgebundenheit steckt.

So weit so gut. Doch ist nicht viel gewonnen wenn wir jetzt auf Kritik an Objektivität auf den scheinbaren Gegensatz „Subjektivität“ zurückfallen. Auch hier läßt sich einfach dröge-methodisch vorgehen und aufzeigen daß hinter radikalen Subjektivitätsaussagen versteckte objektivistische Prämissen stecken, oftmal auch ein „Schönwetterrelativismus“, der im Falle von ersthaften Konflikten auf diese zurückfällt. Hinzu kommt, daß sich auch längerfristig Veränderliches – wie „Kultur“ oder „Natur“ – unmittelbaren individuellen Möglichkeiten zum verändern entzieht und wir uns weder das Subjekt noch das Objekt als etwas Einfaches oder etwas außerhalb von Wahrnehmung, Sprechen darüber usw.usf. vorstellen können.

Der Gegensatz „Objektivität:Subjektivität“ muß also wirklich überwunden werden um nicht zur Denkfalle zu werden. Nicht nur weggemittelt, nicht nur von Assoziationsmüll definitorisch gereinigt, nicht nur um ein vergessenes/vermittelndes Drittes angereichert, denn es sind keine sinnvollen Ausgangspunkte: das anzunehmen verschleiert daß sie Ergebnisse komplexer Prozesse sind.


Zum Materialismus #2

10. Juli 2019

Wieso nutzen eigentlich sich als „Materialist*n“ bezeichnende Theoriepraxen letztlich nur einen politisch aufgebohrten Idealismus? Marxens Argumentationsweisen ist anzumerken daß er im deutschen Idealismus studiert hat. Wenn wir jetzt Lenin folgend annehmen daß Materialismus „von den Dingen ausgehen“ sei, wäre doch eigentlich die analytische Philosophie das Richtige („Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.“ –Tractatus 2.01); die Marx noch nicht zur Verfügung stand. Noch alberner wird es wenn die Frankfurtfankurve Individualpsychologie als Erklärungsmuster nutzt, sich aber trotzdem von „den Pomos“ als Materialistisch abgrenzen, obwohl sich glücklicherweise die meisten von denennicht (mehr?) so viel „Idealismus“ leisten.

Um auf die rhetorische Frage zu antworten: Das Verständnis von „Materialismus“ ist weit gestreut – nach Principle of Charity stürzen wir uns mal ausnahmsweise nicht auf die mögliche Bedeutung für die Dinge wie sie sind sprechen zu wollen und also übersinnlichen Zugang zur Wahrheit vorauszusetzen – und irgendwelche Verortungen im Netz der Positionen des 19. Jahrhunderts bringen uns heute nicht sonderlich weiter. Dieser Gegensatz ist wahrscheinlich mittlerweile nicht einmal mehr zu dekonstruieren, sondern gleich zu destruieren.

Wenn wir das aus dem Weg haben können wir anfangen produktiv darüber nachzudenken wie wir die Verzahnungen von Wahrheitswirkungen, Praxen, Institutionen usw. am besten untersuchen ohne einseitig die bretter immer nur an der dünnsten stelle zu bohren.