Kulturellepraxis live

22. Juli 2013

„Das ist keine Sozialphobie, das ist Lernen aus Erfahrung!“

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Nachlese #1 Das Didaktik Dilemma

20. Juli 2013

Wir unterbrechen die Kalauer für ein paar Fingerübungen

Tja, einige Begeisterungen, einige vernichtende „Kritiken“, letztlich keine wirklich produktive Debatte. Damit will ich nicht behaupten, der Artikel mit @sanczny und @yetzt sei ein Fehlschlag gewesen. Nur hatte er kommunikationstechnisch merkwürdige Ergebnisse. Und dabei sei offensichtliches Getrolle, welches von derartigen Themen stets angezogen wird einmal ausgeklammert.

Ein paar auf Twitter aufgetauchte „Kritikpunkte“ sollen hier  ‚abzuschmeckend‘ Anlaß für sein, ein paar Gedanken festzuhalten. Um die Bleiwüsten überschaubar zu halten, wird das ganze thematisch gestückelt und am Ende zusammengefaßt.

#1 Es fehlen die Anknüpfungspunkte „mit den Menschen da draußen“. D.h., der Text sei „zu akademisch“.

Letztlich könnten wir den alten Horkheimer strapazieren, daß „konstruktive Kritik“ immer einen gewissen Rahmen affirmiert, welcher aber auch kritisiert gehört. D.h. unmittelbare Anwendbarkeit oder Anschlußfähigkeit funktioniert nur unter Prämissen, die kritisiert gehören. Alles Zweifelhafte ist anzuzweifeln!

„Zu akademisch“ ist hier in sofern ein merkwürdiger Einwand, alsdaß alle Beteiligten einen gewissen Abstand zur Uni haben, einige gehen sogar „nützlichen“ Tätigkeiten nach. Gleichwohl gewisse akademische Vorkenntnis sicherlich herauszulesen sind. Doch war mir die Idee stets zuwider, für eine abstrakte Masse von Durchschnittsmenschen zu sprechen/schreiben; die wirklich interessanten Leute bleiben bei derartigen Vorstellungen auf der Strecke. Um nicht zu sagen: Antiintellektualismus ist mir zuwider. Hinzu kommt, daß auf Dauer ausschließlich für Publikum mit geringem Vorwissen zu texten zu einer gewissen Art der Denkfaulheit führt.

Nach dem Principle of Charity ein stichhaltiges Argument suchend, dann das, daß hier (welches „hier“ eigentlich, gleichwohl durch Hyperlinks oftmals Decodierungshilfen angeboten werden, Insiderscherze Markenzeichen der Kulturellenpraxis!) massiv Übersetzungsarbeit für Leute mit wenig Vorwissen hätte geleistet werden können. Also noch mehr unbezahlte Arbeit.

Hinzu kommt aber ein Problem, welches „Paradigmengebundenheit“ genannt sei. Nach Kuhn wachse Wissen nicht immer akkumulativ, lediglich in Phasen der s.g. „Normalwissenschaft“, in denen eine Art Probleme zu sehen und lösen – „Paradigma“ genannt, da an Lösungsbeispielen erlernt – unhinterfragbar herrscht. Auch Fleck würde eine Denkstilgebundenheit jeglicher Forschung annehmen, aber diese Denkstile in einem permanenten Prozeß der Verschiebung sehen, sodaß er die Vorstellung akkumulativen Wachstums noch konsequenter zurückweist:

„Wissenschaften wachsen nicht wie Kristalle durch Apposition, sondern wie lebende Organismen, die jede oder fast jede Einzelheit in Harmonie mit der Ganzheit entwickeln.“
–Fleck, Ludwik: Wissenschaftstheoretische Probleme; in: ders.: Erfahrung und Tatsache : Gesammelte Aufsätze mit einer Einleitung; hg.v. Schäfer, Lothar; Schnelle, Thomas; Frankfurt/M 1983; S. 128-146; S. 129.

D.h., wenn mit „Vorwissen“ nicht Rahmen des Denkens (Paradigma/Denkstil) gedacht wird, sondern lediglich zusätzliches Wissen in einem unsichtbaren Denkstil gemeint ist, hilft auch Übersetzungsarbeit nicht. Dann es ist ein Irrtum der Akkumulationstheorie des Wissens, daß Unverständnis schlimmstensfalls komplizierter, bestenfalls komplexer Sachverhalte nur eine Frage des Vorwissens sei. Oder allgemeiner ausgedrückt: Es ist falsch anzunehmen, daß einfaches Begreifen lediglich eine Frage des Vorwissens sein müsse.

Einfach und kurz ausgedrückt werden kann nur das, was nahe-liegend ist. Nun wäre es ein durchaus legitimer Einwand, innerhalb gewisser Denkstile einfach zu fachsimpeln, d.h., die Gedanken paradigmenimmanent keine Tiefe hätten und deshalb für alle, die mit der Materie vertraut sind zu einfach wären. Doch die – leider auch in universitären Kreisen um sich greifende – „zu akademisch“ Denkfigur funktioniert entgegengesetzt und versucht, als übergeordneten Denkstil eine Art Alltagsverstand in Stellung zu bringen. Der beliebte Denkfehler, Mangel an Kenntnis mit Unvoreingenommenheit zu verwechseln. Da ließe sich zunächst fragen: Wessen Alltagsverstand eigentlich? Die Vorstellung von Massen der Normalen(tm) auseinanderzunehmen ist mir hier zu trivial. Falls irgendwelche Zweifel herrschten: Im konkreten Fall ging es darum, daß gewisse Vorstellungen leider hegemonial sind und versucht wurde, diese ein Stück weit aufzubrechen.

Was auf ein Problem der Hochschullandschaft verweist – wenn schon zu akademisch, dann richtig. Merkwürdigerweise Parallel zu Unterwürfigkeit, Autoritäten und Hierarchien für nicht hinterfragbar zu halten, treten einige fordernd auf, als hätten sie ein Anrecht auf Ignoranz (Beispiele). Wer also eine mangelnde Geduld gegenüber Unverständnis wahrnimmt: Bedankt Euch bei den Honks, welche Ignoranz als Unwissen tarnen. Hinzu kommt die zeitgemäße Forderung, zu Lernendes müsse einfach und umittelbar praxisrelevant sein.

Was sind die Ursachen?

Zunächst einmal universitäre Strukturen; und damit sind durchaus auch ökonomsiche gemeint. Bei der Einführung von Studiengebühren wurde behauptet, die Studierenden hätten als Kund*innen mehr Rechte. Nun sind in Hamburg die Studiengebühren zwar wieder abgeschafft, daß die Studierenden als Kund*innen einer Ausbildung, nicht Mitglieder einer Bildungseinrichtung gesehen werden ist dadurch ungebrochen.

Was die Nutzbarkeit von Wissen angeht: Auch wenn queer häufig Neoliberalismus vorgeworfen wird, hier könnten wir den Spieß umdrehen, denn ein gewisser Materialismus zeigt sich in diesem Fall durchaus kompatibel zu um sich greifender kapitalistischen Verwertungsrationalität, während alte idealistische Bildungsideologien auch Freiräume für Linkes bedeuten konnten.

Eine weitere mögliche Ursache wäre der Trend zum Auswendiglernen unter permanentem Druck und Zeitdruck. Da ist wirklich Kompliziertes nicht vorsehbar und Lernen zu aufwändig. Interessanterweise könnte dies in einen Teufelskreis führen: Da unter Druck zu lernen kein tiefes Verständnis hervorbringt, werden einfach die Anforderungen, wieviel zu lernen ist hochgesetzt. Problematischerweise gehen also durch Versuche, sich dem Druck der Anforderungen zu entziehen – ein gutes Pferd spring nicht höher als es muß – weitere verbliebene Freiräume möglicherweise verloren; use it or lose it.

Veränderungen im Schulsystem mögen einen Anteil haben, hier fehlt mir der Einblick. Lediglich daß problematische Verständnisse von Pädagogik – inkl. Methoden- und Machbarkeitsglauben – Teil des Problems sein könnten sei als These festgehalten. Beispiel hierfür wäre der um sich greifende Begriff der „Motivation“: Ob die Pädagogikopfer durch Druck oder pädagogische Übertölpelung zum erwünschten Verhalten gebrachten werden ist nur ein Scheingegensatz.

Möglicherweise Ursache, möglicheweise Symptom, jedenfalls guter Kristallisationspunkt ist das Feedback-Ritual. Feedbackgebende sollen anonym sein oder zumindest darf auf ihre Eingabe nicht geantwortet werden. D.h., Meinungen und Erwartungen in der Sprecher*innenposition d* Feedbackgebenden sind nicht zu hinterfragen und gelten als relevant, wenn gehäuft auftretend. Und somit gilt das Wohlbefinden der Mehrheit relevanter, da messbarer – Positivismuskritik, anyone? -, als solch diffusen Absichten wie beispielsweise „Lernen“.

Das Problem daran ist somit, dieses bedenkliche Problem einerseits nicht hinzunehmen – nicht mitzuspielen -, andererseits aber dennoch nicht komplett an jeglichem Publikum vorbeizuarbeiten. D.h., möglichst nur die Ignorant*innen vor den Kopf stoßen und möglichst viele Interessierte anzuregen; beispielweise dadurch, nicht zu wenig Übersetzungsarbeit zu leisten.. Das Dilemma zieht sich bis in solche Textungen.

tl;dr:

  • Nicht alles sollte einfach sein
  • Einfachheit ist nicht immer eine Frage des Vorwissens
  • Übersetzungsarbeit ist Arbeit, also von ehrenamtlichen Schreiber*innen schwer einforderbar
  • „Alltagsverstand“ ist kein neutrale oder allgemeinverbindliche Sprache
  • Feedbackkultur ist ein Kristallisationspunkt einer (auch akademischen) Kultur der Ignoranz
  • Es ist ein Dilemma, einerseits nicht am Publikum vorbeiarbeiten zu wollen, andererseits diese Kultur der Ignoranz nicht nachgeben zu wollen

Reaktanz

18. Juli 2013

OH: „Schwarz ist keine Farbe, sondern die Abwesenheit von Farbe“

Sicher? Was bedeutet überhaupt „Farbe“? Physikalisch wird sie versucht mit „Wellenlänge des Lichts“ zu operationalisieren. Aber sogesehen käme wirkliches „Schwarz“ i.e.S. in unserer Erlebniswelt nicht vor; und „Ähnlichkeit“ ist ein sehr tückisches Konzept. Einmal ganz davon abgesehen, daß – Stichwort beispielsweise Farbkonstanz – Wellenlänge gar nicht zwangsläufig einziges und ausschlaggebendes Element der Farbwahrnehmung ist. Wir gebrauchen „Schwarz“ i.d.R. wie die Bezeichnung einer Farbe und wir drücken eine Differenz zu anderen Farben damit aus. Sprachlich und alltagspraktisch gesehen ist es somit eine. Wieso soll es jetzt „eigentlich“ keine sein? Oder anders ausgedrückt: Wieso gehört Naturwissenschaft stärker als Sprachphilosophie zur Halbbildungsinszenierung?


„Fundstück“

17. Juli 2013

Crosspostinigsvermeidungsverlinkung

Unter Beteiligung von Teilen der Kulturellenpraxis (Odradek) ist ein Artikel mit @sanczny und @yetzt zum Thema RZB unter dem Titel „Romantische Hachscheiße : Beziehungsformen mit ≥0 Partner*innen funktionieren einfach nicht“ entstanden, welchen Ihr HIER und HIER nachzulesen vermögt (bzw. nach nicht ganz neutraler Ansicht d* Coautor*n: solltet!).


Ordnung des Wissenschaftsdiskurses

27. Mai 2013

Offenbar qualifiziert in vielen diskursiven Kontexten Physik dafür, un-(bzw. nicht relevant)widersprochen im Namen DER Wissenschaft (Familienähnlichkeit anyone?) sprechen zu dürfen.

Philosoph*innen ärgert daran selbstverständlich am meisten, daß sie von Leuten, die sich kein solides wissenschaftstheoretisches Grundwissen erarbeitet haben und statt Überblick über andere Wissenschaftsbereiche Halbbildung, Erkenntnisversprechen  und Verabsolutierung ihres Wissenschaftsverständnisses präsentiert bekommen (vgl.). Wenn das Ganze noch in der Behauptung gipfelt, in der Wissenschaft komme es ja nicht darauf an wer etwas sage, sondern wie die Qualität des Gesagten sei, ist unklar, on gelacht oder geweint werden soll.

Doch ist das ganze noch viel problematischer. Letztlich handelt es sich um eine Ideologie, ein bestimmtes Verständnis von Physik zum eigentlichen zu erklären, den Rest zum Anderen zu machen. Da läßt sich die Dialektik der Aufklärung live bestaunen, zum einen reagieren viele, wenn sie die Grenzen jenes Wissenschaftsideals erkennen damit, das Kind mit dem Bade auszuschütten und nicht diese Wissenschaftlichkeitsvorstellung konkret, sondern „Wissenschaftlichkeit“ abstrakt zu negieren. Zum anderen gerinnt hier vor unseren Augen die Aufklärung zu ihrem eigenen Mythos und wird zu nur noch einem weiteren Glaubenssystem.


Lovepicking

16. April 2013

„Hamburg übernimmt auch gerne die dümmsten Trends aus Berlin“, dachte ich mit Blick auf teure Dauerbaustelle der Elbphilharmonie, unterwegs heimwärts auf die Insel. Bekanntlich leidet Hamburg an Schlossneid. Nahe Landungsbrücken – zwischen Tourihorden und Österreichfahnen – hängen jetzt auch für queerlesende schnell als Lovelocks identifizierbare Vorhängeschlösser. Furchtbare Symbolik.

Ob nun den Lockpickingkompetenten in dieser Stadt normativitätskritisches Unbehagen an soetwas fehlt oder sie Sancznys Argumente so überzeugend fanden, bleibt ungeklärt. Doch keine voreiligen Schlüsse. Handelt es sich hier wirklich um ein hetero- und mono-normatives Ritual?

So kam es zu einer seltenen Verbindung aus der Quantifizierungswut meines Nebenfaches Psychologie und Neugier, durch welche ich mich entschied, statt des Alten Elbtunnels eine Fähre für die Heimfahrt zu nutzen – btw. sehr empfehlenswert – und die Wartezeit zählend zu nutzen.

Die Methode
Positivistischer Methodik ist leider ein Zug ins Affirmative inhärent, also schrieb ich Namen auf den Schlössern wenn möglich eines von zwei Geschlechtern zu. Unleserliche oder (vel) nicht problemlos zuordbare Namen, sowie unbeschriftete Schlösser wurden als „ungeklärt“ gelistet.

Das Ergebnis:
Heten: 30
Homo: 2 (jeweils weiblich identifizierten zuschreibbare Namen)
Ungeklärt: 17
Zwei Zusammengefügte Schlösser: 1
Schloss mit vier Namen (teils nicht eindeutig geschlechtlich zuordbar): 1

Die Auswertung:
Es gibt also auch andere kreative Methoden als Lovepicking, hetero- und mono-normative Momente an dieser Unsitte zu durchkreuzen; wobei fragtlich bleibt, wieviele sich diese dinger so genau ansehen. Zu hoffen wäre, daß – u.a. – damit dauerhaft der bereich der denkbaren Beziehungsformen erweitert werden kann.

Doch viel interessanter scheint die Frage, was dennoch unsichtbar bleibt; vielleicht sogar noch unsichtbarer wird. In diesem Fall läßt sich vergleichsweise einfach – auf die Gefahr hin, daß Spatzen und Kanonen aufeinander zu schießen beginnen – ein Beispiel finden: Beziehungslosigkeit. Nur ist das auch wieder so eine üble Gegensatz- und Sammelkategorie, mir fielen spontan Unterteilungen in Asexualität, Incel und Enthaltsamkeit ein, d.h., mir werden noch massenhaft andere entgangen sein; könnte interessant sein, sich darüber zu informieren. Bereitschaft dazuzulernen und hinter den Kollateralschäden der eigenen Bewegungspolitiken aufräumen mag ein viel zu seltener gemachter Anfang sein; aber ist das genug?

D.h., die Frage bleibt: Wie schaffen wir es, nicht nur die Enge eines „uns“(tm) zu konstruieren und für den Lebensstil dieses „uns“(tm) und evtl. unserer Freund*innen/Verbündeten zu kämpfen? Diese Frage nicht loszuwerden nenne ich „queer“.


Kulturellepraxis live

3. März 2013

„In welcher Form führt Du Dir Deine tägliche Dosis Meme zu?“