Zum Materialismus #2

10. Juli 2019

Wieso nutzen eigentlich sich als „Materialist*n“ bezeichnende Theoriepraxen letztlich nur einen politisch aufgebohrten Idealismus? Marxens Argumentationsweisen ist anzumerken daß er im deutschen Idealismus studiert hat. Wenn wir jetzt Lenin folgend annehmen daß Materialismus „von den Dingen ausgehen“ sei, wäre doch eigentlich die analytische Philosophie das Richtige („Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.“ –Tractatus 2.01); die Marx noch nicht zur Verfügung stand. Noch alberner wird es wenn die Frankfurtfankurve Individualpsychologie als Erklärungsmuster nutzt, sich aber trotzdem von „den Pomos“ als Materialistisch abgrenzen, obwohl sich glücklicherweise die meisten von denennicht (mehr?) so viel „Idealismus“ leisten.

Um auf die rhetorische Frage zu antworten: Das Verständnis von „Materialismus“ ist weit gestreut – nach Principle of Charity stürzen wir uns mal ausnahmsweise nicht auf die mögliche Bedeutung für die Dinge wie sie sind sprechen zu wollen und also übersinnlichen Zugang zur Wahrheit vorauszusetzen – und irgendwelche Verortungen im Netz der Positionen des 19. Jahrhunderts bringen uns heute nicht sonderlich weiter. Dieser Gegensatz ist wahrscheinlich mittlerweile nicht einmal mehr zu dekonstruieren, sondern gleich zu destruieren.

Wenn wir das aus dem Weg haben können wir anfangen produktiv darüber nachzudenken wie wir die Verzahnungen von Wahrheitswirkungen, Praxen, Institutionen usw. am besten untersuchen ohne einseitig die bretter immer nur an der dünnsten stelle zu bohren.

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Save the Date! Plüschtiertstudies live in Hamburg

8. April 2019

Plüschtierstudies – Zu postmodernen Subjekten und ihren Erweiterungen
Im Rahmen der Vorlesungsreihe der Ag Queer Studies: Jenseits der Geschlechtergrenzen
Mittwoch 29.05.2019, 19ct, Hamburg, Von-Melle-Park 5 („WiWi Bunker“) 0079

Für diesen Anlaß hat sich Pizzafahrer Olaf Wachenhausen bereiterklärt die Kulturellepraxis zu repräsentieren, die Chefredakteur*innen werden aber anwesend sein

Abstract
Wie bei Haraways Cyborg scheinen auch bei Plüschtieren gewohnte Dichotomien nicht ganz zu passen, so beispielsweise die den meisten essenzialistischen Ansätzen zu grundeliegende von Subjekt und Objekt: Wir können unsere kuscheligen Begleiter*innen fürs Leben nicht guten Gewissens nur als Objekte bezeichnen, wissen aber, dass sie nicht unabhängig von unserer Subjektivität sind. Wir bilden sozusagen ihr „Wirtsbewusstsein“, wie es der Pionier der Plüschtierpsychoanalyse, Dr. Wood, so treffend formuliert.

Doch leider behandelt die bisherige Forschung Plüschtiere ansonsten fast ausschließlich im Zusammenhang mit Kindern und erklärt das Phänomen der Niedlichkeit meist biologistisch weg („Kindchenschema“). Somit können die transdisziplinären Plüschtier-Studies zunächst lediglich Schneisen in dieses neue Forschungsfeld schlagen, hoffend, am Rande Erkenntnisse über Subjekttheorie, radikale Selfcare und möglicherweise sogar Gemeinschaftlichkeitsutopien zu finden.

Plüschtiere werden gebeten, zu ihrem Vortrag ihre großen Trampler („Menschen“ u.ä.) mitzubringen.


Flachzangen, immer wieder

26. Januar 2019

Mal wieder auf eine Materialsammlung von „Kritik“ an Queerfeminismus und allem was locker damit assoziiert wird gestoßen; will das nicht verlinken, will nicht in der tiefe analysieren – schon gar nicht für umme -, also beteilige ich mich einfach mal an dem Quatsch und rante inhaltsleer drauflos.

Letztlich wird mit Mitteln von Verschwörungstheorien gearbeitet, Gerüchte, Falschaussagen, Gewohnheitsaussagen und -deutungsmuster, Othering zwecks Selbstverständnisfestigung. Ohne jetzt abstreiten zu können oder wollen daß viel – gerade auf Anwendungs- & Populärebene – im Argen liegt macht soetwas sinnvolle Kritik noch schwerer. Um bessere Theoriebildung kann es also schoneinmal nicht gehen.

Wie konnte es so weit kommen, daß akademische und bewegungsinterne Konkurrenz auf diesem Niveau angegriffen wird? Und anscheinend geht das nicht auf „die Postmoderne“ zurück, da es ja ihre Gegner*innen offensichtlich noch stärker betrifft und die Angegriffenen kaum noch tote französische Menners mit ihren schwer lesbaren Büchern in den Mittelpunkt stellen. Also: Don’t kill the messenger!

Nehmen wir mal die Forderungen nach „Materialismus“ ernster, denn so können wir ausschließen, daß es sich einfach um Versagen einzelner handelt oder daß das zu bekämpfende Problem irgendwelche falschen Theorien bzw. Meinungen sind. Also mit solch einer Form von Kritik überhaupt irgendetwas auszurichten ist. Ohne uns allzu lange beim Beobachter*innenproblem aufzuhalten, „Materialismus“ heißt auch daß Konzept und Ding nicht das selbe sind. Wenn also behauptet wird durch eine „materialistische“ Position im Namen der Dinge sprechen zu können, haben wir es lediglich mit Material für die Rundablage zu tun.

Nehmen wir mal an Wasser fließe immer von oben nach unten. Das schließt nicht aus gegen den Strom zu schwimmen, macht das aber schwer und v.a. längerfristig aussichtslos. Tote Fische schwimmen nicht nur mit dem Strom, sondern auch oben. Also statt stolz Recht zu haben wäre zu fragen warum so viel Müll wahrheitsfähig ist, d.h. wieso keine Überprüfungsmechanismen greifen, die solche Verschwörungstheorien – und bei der Gelegenheit auch gleich dumme Queer-Verflachungen auf der anderen Seite – eingrenzen.

Woran liegt das? Ich weiß es auch nicht. Aber bedenken wir daß ein fluffig-metaphysisches Konzept von Wahrheit nie hinreichend für Theoriebildungen war, müßten wir uns die Strukturen der Wahrheitsproduktionsmaschinerie anschauen. Also z.B. die „~krisen~“gebeutelten Printmedien und die reformgeplagten Universitäten. Kurzgeasagt: die „materiellen“ ressourcen sind in beiden Kontexten knapper geworden. Die Universitäten boten vor einiger Zeit noch gewaltige Freiheiten – warum auch nicht, das ist deutlich billiger als uns zu hospitalisieren -, es wird die „Linksintellektuellen“ Nische übervölkert haben. Mittlerweile haben die Universtitäten einen Haufen von Veränderungen hinter sich, die gerne mit dem Wort „Bologna“ abgekürzt werden. Klar wird sich das auf die Theoriebildung ausgewirkt haben.

Ich habe keine Antwort und keinen optimistischen Spin für Euch, sondern schreibe nur Nullnummern im 31. Stock. Schreibt doch einfach ein eigenen Ende und laßt es vielleicht hier in den Kommentaren.


Kulturellepraxis live

18. Januar 2019

Mit Kai Denker

Wieso nur??? Können möchtegernlinksintellektuelle Honks nicht weiter bei Adorno bleiben?!?“ – „Weil man jede mögliche Dummheit über den schon gesagt hat.“


Gewaltfreie Kommunikation

28. Dezember 2018

Pro:
Erstaunlich viele Konflikte basieren auf Kommunikation. Sie ist Operationsweise unseren Miteinanders und ein besseres Miteinander ist das Α&Ω besserer Gellschaft. Bedenken wir, daß Autentizität ein zeichenbasiertes Konstrukt ist, also auch eine scheinbar unregulierte Kommunikation keine ursprüngliche oder natürliche ist, sondern nur anderen – durchaus kritisierenswerten und kritisierbaren – Strukturen folgt. Die Freheit der einzelnen endet schließlich bei der der anderen. Polemisch zugespitzt: Nicht jede Mackerei muß als edgy Diskussionsstil anerkannt werden.
Lassen wir uns also nicht von den schlimmsten Versuchen entmutigen.

Contra:
Wir können zunächst einmal die Beobachtung festhalten: Es funktioniert anscheinend nicht so wie angenommen bzw. erhofft; und macht viele aggressiv. Scheinbar „weichgespülte“ Gruppierungen können in der Sache überraschend hart und kompromißloslos werden. Die „Gewaltfreiheit“ droht bisweilen in ihr Gegenteil zu umzukippen.
Als mögliche Erklärungen können wir unterschiedliche Theorien darauf werfen.
Zwar bezog sich Tiefenpsychologie-Vorläufer Nietzsche explizit auf das Christentum, doch seine Denkfigur, daß Verdecktes, Uneingestandenes, Verdrängtes unter der Oberfläche umso stärker nachwirkt, zumal wenn es kollektiv kanalisiert wird greift auch gerade hier.
Dann gehört Kult um die „Ich-Aussage“ kritisiert: Ziel sollte sein, sich vom behauptet-objektiven Standpunkt zurückzuziehen um Raum zur Aushandlung zu lassen. Tatsächlich macht dieser Rückzug aber die eingenommene Position unangreifbar, einer Ich-Aussage läßt sich nicht sinnvoll widersprechen. Es geht darum einen gemeinsamen Bezugsrahmen zu schaffen; dieser ist nicht die Realität, aber im Endeffekt eine.
Mit Luhmann’scher Systemtheorie können wir darüber hinaus einwenden, daß die einzelnen Menschen nicht als Teil des Systems betrachtet werden sollten, sondern als Teil von dessen Umwelt, da sonst sie – und nicht nur ihre Inputs – systemgerecht gemacht werden müssen.
Sich auf Mittel statt Inhalte zu beziehen scheint zunächst neutral, doch können diese auch so gewählt werden, daß bestimmte Postionen unangreifbarer oder angreifbarer werden; also schlimmstenfalls werden z.B. Einwände nur in einer Form zulassen, wenn diese ineffizient bleiben können. Doch wie auch immer die Mittel konfiguriert werden, die Suche nach Mitteln setzt den mit ihnen zu erreichenden Zweck ersteinmal absolut, enzieht also diesen implizit der Aushandlung. Hier liegt ein zentraler Punkt: Was wird wie und warum der Aushandlung entzogen; wenn das implizit/unansprechbar passiert ist die Intuition es mit versteckt aggressiver Durchsetzung zu tun zu haben berechtigt, dann sollte „gewaltfreie“ Kommunikation aggressiv machen! Nicht daß in Metakommunikation nicht auch zur Ablenkung von der nötigen dienen kann; aber die Fallacyforschung lassen wir heute mal weitgehend aus.
„Suche“ nach Mitteln bedeutet zudem auch anzunehmen, daß es ein geeignetes Mittel geben müsse, ein fataler Fall von Methodengläubigkeit.
Anzunehmen oder zu fordern das Miteinander habe ein harmonisches zu sein birgt das Risiko, alles was als Störung der Harmonie wahrgenommen wird als außerhalb zu verorten, was sowohl bedeutet einzelne Personen oder Gruppen als ein Außerhalb oder Problemträger wahrzunehmen zu können als auch Verschwörungstheorien – also hinter jeder wahrgenommenen Störung versteckte böse Absichten von einem tatsächlichen oder Imaginären Gegner zu vermuten – begünstigt.
Wenn wir also überlegen wie wir unser Miteinander und dessen Operation, die Kommunikation gestalten wollen sollten wir die Warnung des Argumentationstheoretikers Harald Wohlrapp berücksichtigen: Handelt es sich bei unserer Theorie vielleicht um „Schönwetterrelativismus“?

Fazit
False Dilemma. Habe ich gerade eine Diskussion mit mir selbst verloren?


Overthinking

11. Dezember 2018

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Lese das und überlege wie sich das modifizieren ließe. Ja, zugegeben: Wie ich einen Abstauberspruch mit kleinen verbesserungen bringen kann. Die nationalistischen Kontinuitäten lassen sich ja alleine schon aus dem Wort „Volk“ rekonstruieren – ohne die Ambiguität hier herunterspielen zu wollen; [eigentlich müßte ich auch noch was zur Bedeutung dieser für politische Bewegungen hinzufügen], aber da laufe ich Gefahr die gegenwärtigen rechten Bewegungen zu verharmlosen oder gar die DDR zu verherrlichen; [hier müßte noch eine klärende Bemerkung wie Kritik am Ostblock-„Sozialismus“ nicht mißverstanden werden sollte].

Wie @RubenMmkay doch so schön parodierte: „Keine Parolen, nur die ganze Wahrheit!

Solche Überlegungen deuten aber darauf hin daß es möglich und erstrebenswert sein könnte auch kurze pointieret Sachen mit ungeahnter Reflexionstiefe zu unterfüttern. Was heißt daß das beliebte Journalist*innenargument „ich habe nur x Zeichen“ aufs schärfste zurückgewiesen werden sollte, geht es darum daß sich kurz und verständlich zu fassen einfaches Denken und begrenztes Wissen erfordere, das ist ein Kategorienfehler. Doch halt – Principle of Charity: Ein Argument sollte zunächst als stärkstmögliche Form gedeutet werden! Unter kapitalistischen Bedingungen für ein ohnehin schon geringes Zeilengeld in Dissertationstiefe zu recherchieren treibt die Selbstausbdeutung zu weit.

Ja, das alles läßt sich problemlos als ein massiver Fall von Overthinking deuten. Doch gelten Liegestütze idr. nicht als „Overmoving“!


Nachtrag: Kommen wir nochmal zurück zu den Modifkationsmöglichkeiten eines solchen Spruchs. Die angedeutete mögliche Debatte um Wertungen und Nuancen ließe sich auch als Austausch von Varationen führen; fast schon eine mikro- & offline-Form von Memes. Also z.B.: Eine Person modifiziert den Spruch dahingehend den nicht-ganz-emanzipatorischen Charakter von ’89 überzubetonen. Wenn die nächste jetzt sagt: „Du mit Deiner DDR-Verherrlichung“ wäre sie jetzt Spielverderber*in, aber es steht ihr frei eine weitere Pointe draufzusetzen in der die Kritik an der DDR wiederum deutlich wird. Das sind ganz spezielle „Ordnungen des Diskurses“, wie sie z.B. manchmal in manchen Studicafés zu erleben sind. Also durch die gemeinsame Form des Herumalberns durchaus Kontroverse Punkte spielerisch austauschen.

Gut, das fällt leider immernoch unter „Schönwetterrelativismus“, da unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse oder Grundlagen für gemeinsames Handeln nicht direkt betroffen sind, aber ist ein schönes Modell wie diskursive Formengebung und soziale Interaktion zusammenwirken und daraus Kreatives entstehen kann; also „die macht“ – des „sei doch keine Spaßbremse“ – hier produktiv ist.


Kulturellepraxis live: Antwort

11. November 2018

„Ey, biste schwul?!?“ – „Da diese Frage höchstproblematische Präsuppositionen enthält – allen voran die Annahme einer diskreten Zweigeschlechtlichtkeit, so wie eines auf gewisse Abstraktion von Körperformationen gerichteten Begehrens – kann die Anwort nur lauten: Mu


Hinweis: Für derartige Antworten bei derartig fragenden empfiehlt sich eine Kampfkunstausbildung und/oder Bewaffnung – so z.B. griffbereites Tierabwehrspray – als Argumentationshilfe bei zu erwartenden … Folgefragen.