Offener Brief

10. Mai 2014

mit @Bediko, @Literalschaden, @Ultras_Luhmann, @sanczny und unnamed

Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit
Dr. Harald Parigger
Praterinsel 2
80538 München

Bayer. Informationsstelle gegen Extremismus im Landesamt für Verfassungsschutz
Knorrstr. 139
80937 München

 

Sehr geehrte Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, liebe Bayerische Informationsstelle gegen Extremismus im Landesamt für Verfassungsschutz,

mit Erstaunen mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass in Ihrer Sammlung linksextremistischer Ideologien, wir als queerfeministische poststrukturalistische Postmarxist*innen, postkoloniale Intersektionalist*innen / Critical Whiteness Schnubbis, radikale Linksluhmannianer*innen und Team Adorno nicht vorkommen. Wir sind auch linksextrem! Das Auslassen unserer linksextremistischen Strömung*en und die damit einhergehende Diffamierung als nicht-linksextrem empfinden wir als äußerst ignorant und verletzend.

Auch bei uns steht das Individuum nicht im Mittelpunkt, wir dekonstruieren es gar bzw. betrachten es als Teil der Umwelt. Auch unsere Theorien verknüpfen Wissenschaft und „Handlungsanleitung“ (siehe „Knutschverbot“, #mackergohome). „Dem Menschen angeborene, unveränderliche und vorstaatliche Grundrechte“ existieren auch unserer Auffassung nach nicht, sie sind immer Resultat einer historisch-diskursiven Formation. Selbst das Konzept des „Menschen“ teilen wir nicht.

Wenn von einer freiheitlich demokratischen Grundordnung die Rede ist, kann vom ‚Menschen‘ schon nicht mehr die Rede sein, da wir der Meinung sind, dass Menschen in sozialen Systemen sowieso nichts verloren haben. Nur das soziale System (oder halt die Klasse)! Der Mensch ist hier nur noch als irgendwie vorhandene Bedingung zur Entstehung sozialer Systeme notwendig und da schmunzeln wir nur. Aber klar, wenn es darum geht, zu einem sozialen System „eurer“ Umwelt zu gehören, sind wir sofort dabei. Denn auch wir wollen erwähnt werden, wenn es darum geht, linksextrem und gefährdend zu sein. Zur Not greifen wir auch zum Hardcover und schrecken auch vor der Benutzung bei Demos nicht zurück. Zum Glück schließt linksextreme Kommunikation eben auch an diese an. Und wir lassen uns nicht nehmen, dass auch in der Evolution linksextremer Kommunikation und Konstitution linksextremer sozialer Systeme die Linksluhmannianer*innen vorkommen. Und sowieso: „Systemtheorie ist eine besonders eindrucksvolle Supertheorie“ (Luhmann, Niklas: Soziale Systeme: Frankfurt/Main 1984; S. 19 Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 666)

Vom „Menschen“ zu sprechen ermöglicht sogleich dessen konstitutives Äußeres, Personen zu entmenschlichen. So sollte „Mensch“ nicht synonym für „alle“ verwendet werden – alle einschließen zu können ist auch eine Allmachtsphantasie -, da es sich hier um eine aus der kolonialen Aufklärung geborenes Konzept handelt. In diesem Sinne kann “man sehr wohl wetten, daß der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.” (Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge: Frankfurt/M 1974; S. 462.)

Auch unsere Positionen haben starken Bezug zu „1968“, so läßt sich der Poststrukturalismus als Versuch deuten, die Lehren aus dessen Scheitern zu ziehen, so bot die Kritische Theorie Adornos und Horkheimers zu dem Zeitpunkt bereits eine entwickelte Alternative zu von Ihnen vorgestellten marxistischen Strömungen. Insofern möchten wir alle als „Weiterentwicklungen“ angeführt werden.

Auch wir halten es für geboten eine „kapitalistische“ (das heißt sowas Ähnliches wie der Euphemismus „marktwirtschaftlich“) Gesellschaftsstruktur als solche zu benennen, obschon Ökonomie unserer Ansicht nach lediglich als eine von mehreren – mindestens: Race, Class, Gender, Ability – zusammenwirkenden Machtachsen ist.

Gleichwohl nicht im Anarchismus verortet, klingen letztlich „Freiheit, Freizeit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung“ gar nicht so schlecht – rhetorisch hätte die Aufzählung übrigens besser aus dreien bestehen sollen.

Wir sind nicht damit einverstanden, als theoretische Intellektuelle des linksextremen Spektrums verschwiegen zu werden, nur weil wir nicht zur Traditionslinken zählen. Als Philosoph*innen könn(t)en wir Leute totquatschen unsere Texte eignen sich gesprochen wie geworfen zur Folter! Damit wären wir als „diskursiv gewaltbereit“ einzustufen. Auch wir lehnen Herrschaft, „Hierarchie und Unterordnung“ ab – gleichwohl mit einem elaborierteren Verständnis davon – und somit auch Sie, liebe Bayerische Landeszentrale und Informationsstelle.

Wir fordern Sie daher auf, uns als queerfeministische poststrukturalistische Postmarxist*innen, postkoloniale Intersektionalist*innen / Critical Whiteness Schnubbis, radikale Linksluhmannianer*innen und Team Adorno, in ihre Sammlung linksextremistischer Ideologien aufzunehmen, für die wir sicherlich eine Bereicherung darstellen, sowie hinreichend geschultes Personal einzustellen, sich mit unseren Ideologien auseinanderzusetzen; für entsprechende Fortbildungen wenden Sie sich gerne an uns.
Wir fordern Sie darüber hinaus auf, die angegebenen Aktionsfelder von Linksextremisten um Antirassismus, Anti-/Cis-/Heterosexismus, Kampf für Barrierefreiheit, freie Bildung, freie Software, Subversion, Freibier, alkoholfreie Erfrischungsgetränke und vegane Snacks zu erweitern.

Viva la revolución und mit freundlichen Grüßen
Ihre queerfeministischen poststrukturalistischen Postmarxist*innen, postkolonialen Intersektionalist*innen / Critical Whiteness Schnubbis, radikalen Linksluhmannianer*innen und Team Adorno


Das Kreuz mit den Privilegiendebatten

13. November 2013

Dieses Thema „Privilegien“ und die Frage ihrer richtigen Kritik ist kontrovers; insofern herrscht Bedarf nach mehr guten Artikeln und weniger schlechten Polemiken. Da die Kulturellepraxis dies gerade nicht zu leisten vermag, versuchen wir, wenigstens auf der Metaebene beizutragen und an dieser Stelle do-s & don’t-s vorzuschlagen, basierend darauf, was in bisheriger Lektüre an Käse unterkam.

  • Es sollte klar erläutert werden, was „Privileg“ bedeuten soll
    • Ebenfalls hilfreich: Im Blick zu behalten, was „Privileg“ bedeuten kann
    • Im falle der Rekonstruktion andererleute Verwendungen ist das principle of charity unbedingt anzuwenden
  • Klar herausstellen: Wird über verkürzte Lesarten oder das Potential einer Theoriepraxis gesprochen?
    • Wenn Ersteres der Fall ist: Wer nimmt diese Verkürzungen vor und wie verbreitet sind diese?
  • Es sollten Quellen genutzt werden, diese sinnvoll und nicht suggestiv ausgewählt, sowie offengelegt. Für diesen Artikel reden wir uns mal hierauf (sowie die dortigen Links) ‚raus.
  • Es sollte auf unnötige (küchen-)Psychoanalyse verzichtet werden: Derartige Debatten funkionieren oftmals – auch da es damit so einfach ist – über gegenseitige Unterstellungen versteckter/unbewußter niederer Motive. (z.B. „Lustfeindlichkeit“ vs. „Privilegienverteidigung“).
    • Sicherlich kann gerade in derartigen Debatten nicht die Deutungshoheit für die Motive einzelner Personen ihnen selbst überlassen werden
      • Gerade versuche, derartige Debatten durch „ich meine ja nur …“ und „die uns doch auch …“ artige Argumentationsfehler zu derailen trugen höchstwahrscheinlich massiv zur Verbreitung des Privilegienbegriffs als Gegenstrategie bei
      • Aus der ethischen Mottenkiste seien – leider mit dem äußerst problematischen Utilitarismus verbundene – konsequenzialistische Moralvorstellungen gefischt: Die Motive müssen nicht zwangsläufig ausschlaggebend zur Bewertung von Handlungen/Taten sein
      • Aus der psychologischen Mottenkiste sei die – leider mit dem äußerst problematischen Behaviorismus verbundene – Blackbox-Metapher gefischt: Wir können anderen Menschen nicht in die Köpfe sehen (und wenn doch: Es bringt nichts, wenn wir etwas über ihr Denken wissen wollen)
    • Die Psychoanalyse bietet einen mit etwas Wissen und Erfahrung gut zu bedienenden und Plausibilität erzeugenden Narrativgenerator
      • Gewarnt sei vor dem God Trick, die Psychoanalyse verleitet ganz besonders dazu
      • Oftmals kann mit einer „misanthropischen Unterstellung“ (Schulz von Thun) Kommunikation abgebrochen werden
        • Dies sei hier nicht generell bewertet, manchmal kann soetwas hilfreich sein. Nur sollten wir uns bewußt sein, es handelt sich damit lediglich um einen Zug in einem Macht-/Dominanzspiel, kein cat’s cradle (Haraway) gemeinsamer Wissensproduktion
      • Viele Ausprägungen der Psychoanalyse – auch die der Kritischen Theorie – sind heteronoramtiv und/bzw. homofeindlich. Siehe zur Psychoanalyse allgemein beliebige Lehrbücher, siehe zur Frankfurter Schule im Speziellen: Halle, Randall: Zwischen Marxismus und Psychoanalyse : Antifaschismus und Antihomosexualität in der Frankfurter Schule; in: Zeitschrift für Sexualforschung 9 (1996) S. 343-357.
      • Nahe am Kern der Theorie – also kaum durch kleinere Korrekturen behebbar – steht ein Modell unbewußter Triebe. Damit wird zumindest eine Art von Vorstellung über Begehren bzw. dessen Essenzialisierung nicht aus psychoanalytischer Theroriebildung loszuwerden sein. Welche impliziten Probleme/Ausschlüsse wir uns damit einhandeln sei am Beispiel von Asexualität verdeutlicht
    • Für die Erkenntnis, daß Motive nicht zwangsläufig bewußt und nicht zwangsläufig wie dargestellt sein müssen, sei auf Freud verzichtet – Koksen oder schreiben, eines von beidem hätte er lassen sollen – und auf den – gleichwohl nicht minder sexistischen – Nietzsche zurückgegriffen

Kulturellepraxis live

1. November 2013

„Skeptiker*innen? Da bin ich skeptisch, da es ihnen häufig an Skepsis fehlt“


Leute gibt’s

12. Oktober 2013

Mit: drkultur

Szenenase – damit die Hornbrille hält


Minima(le) Verspätung

25. August 2013

„Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt im falschen“


Flachzangen im Sonderangebot #3: Asexualitätsbashing

6. August 2013

Zu: Magnus Klaue „Das gelebte Nichts“, in Konkret 12.07.2013.
Eine deutlich kürzere Fassung wurde als Leser*innenbrief eingereicht

Mögen Artikel dieses speziellen Autors sonst bisweilen noch Spuren von Wahrheit enthalten, läßt dieser doch an den Standards jenes hochgeschätzen Mediums zweifeln. Vielleicht sollten Leser*innenzuschriften provoziert werden, vielleicht herrscht in dieser Zeitschrift der Grundsatz, ihr höherwertigeres Material nicht ins Netz zu stellen; insofern ließe der monatelange Ausfall von „Konkret goes FSK“ Meisterwerke erahnen.

Kenntnisarmer Pomo/Queer“kritik“ dürfte leider gewisser Gesinnungsapplaus – in den Worten des Autors: „Daß auch dieser Hirnschrott von den Leser_innen begeistert aufbereitet wird“ – sicher sein. Dabei fällt es schwer, es den kritischen Queerkritiker*innen recht zu machen; sonst als hedonistische Partykultur diffamiert, gilt jene Richtung hier auf einmal als nachbürgerlicher Puritanismus; nicht jede Kontradiktion ist ein Meisterwerk der Dialektik.

Statt honorarfreier Nachhilfe an dieser Stelle nur ein paar kleine Hinweise:
Originellerweise sind es hier nicht queere Theoretiker*innen, die sich sprachpolizeilicher Maßnahmen schuldig machen, Klaue versucht allerdings, sein Sprachverständnis im Namen der „vernunftverhafteten Normsprache“ [sic(k)] durchzusetzen. Daß die Fachsprache der Sozialpsychologie – in welcher eine „Minderheit“ auch quantitative Mehrheit sein kann – nicht dazuzählt, sei noch zugegeben. Ellenlange Ausführungen, Sprache besser nicht abbildend, Vernunft keinesfalls ahistorisch zu begreifen sparen wir uns an dieser Stelle, aber „Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben …“ —Nietzsche.

Nun mag es einigen noch originell vorkommen, Reagans „Special Interest Group“ Polemik in diesen Kontext zu transplantieren. Dennoch: Ein Mehrheitsargument(ationsfehler „argumentum ad populum“) in heutigen linken Medien zu lesen erscheint wie Hohn, es sei denn, Magnus Klaue hält irgendwo revolutionäre Massen versteckt oder ist heimlich irgendwelchen „wir sind die 99%“ Gruppierungen beigetreten.

Für diese Mehrheitsimagination die gute alte Zeit von „Frauen- und Homosexuellenbewegung“ der 60er und 70er ins Boot der Mehrheitsvorstellung zu holen führt dabei auf mehrerlei Ebene zu Widersprüchen. Zunächst einmal aufgrund in – auch Frankfurter Nutzung – der Psychoanalyse tief verwurzelten Homophobie (siehe: Halle, Randall: Zwischen Marxismus und Psychoanalyse : Antifaschismus und Antihomosexualität in der Frankfurter Schule; in: Zeitschrift für Sexualforschung 9 (1996) S. 343-357.). Wobei psychoanalytisch gesprochen dieser Autor die pathische Projektion durchaus zu beherrschen scheint (siehe). So können Aussagen, daß „Schwachsinn und Redseligkeit seit jeher proportional zueinander sind“ nur beantwortet werden durch: Si tacuisses, philosophus mansisses.

Beim Privilegienbegriff – so gefährlich dessen verkürzter Gebrauch sein mag – geht es eben nicht darum, daß nach psycho-un-logischer Küchenpsychoanalyse eigentlich selber solche begehrt werden, sondern daß die Bewohner*innen unmarkierten Kategorien der Normalität eben keineswegs der Normalfall sind, lediglich ein Ideal, dem die meisten nachzueifern versuchen. Auch insofern wäre es verfehlt, den Universalismus der 60er und 70er Bewegungen zu beschwören. Denn queere Theorie und Praxis entstand auch aus der Kritik an ausschlußproduzierender Identitätspolitik jener Zeit. Heute zeitgemäße – z.B. intersektionale – Ansätze sollten mehr leisten als die Interessen einer weißen Mittelschicht als universal zu feiern. Ob diese – kritisch theoretisch ausgedrückt – Preisgabe der Totalität in queeren Rahmen stets gelingt sei dahingestellt, denn solche Überlegungen gingen leider weit über den vorliegenden Text hinaus.

Die befreiende Kraft des sexuellen Begehrens zu strapazieren und damit den verbreiten Denkfehler der Repressionshypothese zu strapazieren mag einfach mit einem „RTFFF“ abgetan werden; gleichwohl ein wenig Dialektik hier auch hätte helfen können.

Trotz halbgebildeter Kompetenzsimulation mittels – wenigstens englischsprachiger – Wikipedia, wirklich peinlich wirkt der letzte Abschnitt über Asexualität. Erst nach langen Auseinandersetzungen nehmen langsam Teile der – nach wie vor sexualitätsbejahenden – queeren Community zur Kenntnis, daß es soetwas überhaupt geben könnte und evtl. gar zeigt, wie defizitär immernoch gängige Vorstellen sowie theoretische Werkzeuge über sexuelles Begehren sind. Klaue schafft es, dies durch den kläglichen Versuch eines doppelten Entlarvungsgestus – in Fachkreisen auch Reduktionismus genannt – komplett zu übergehen: Einerseits den neu entdeckten Aspekt als queern Mainstream zu kontruieren und diesen Maintream als Lustfeindlichkeit abzutun. Unkundige mögen dies mit einem originellen Gedanken verwechseln, doch erfordert es nicht allzuviel Erfahrung, hierin ein übles Cliché zu erkennen.

So schön die theoriegefestigte Vorstellung sein mag, die eigenen Begehrensformen und Theorien davon mögen – vielleicht mit kleinen Abweichungen – universal sein, die Gefahren solcher Ideen auszuloten sprengt den Rahmen eines Leserbriefs.

Als humorlose Sexismuspolizei wünsch eins sich jedenfalls bisweilen ein paar Wasserwerfer.


Nachlese #2: Pomo und der Rest

2. August 2013

Wir unterbrechen die Kalauer für ein paar Fingerübungen

Tja, einige Begeisterungen, einige vernichtende „Kritiken“, letztlich keine wirklich produktive Debatte. Damit will ich nicht behaupten, der Artikel mit @sanczny und @yetzt sei ein Fehlschlag gewesen. Nur hatte er kommunikationstechnisch merkwürdige Ergebnisse. Und dabei sei offensichtliches Getrolle, welches von derartigen Themen stets angezogen wird einmal ausgeklammert. Dies war ein kollateralnutzen: Bequem die richtigen zum blocken präsentiert bekommen.

Ein paar auf Twitter aufgetauchte ernsthaftere „Kritikpunkte“ sollen hier  ‚abzuschmeckend‘ Anlaß für sein, ein paar Gedanken festzuhalten. Um die Bleiwüsten überschaubar zu halten, wurde das ganze thematisch gestückelt, der erste Teil findet sich hier.

  • „Wichtigere Probleme“

Stelle mir vor, daß Ärzt*innen keine Magenprobleme mehr behandeln, da Krebserkrankungen viel schlimmer seien. Will sagen, soetwas mag für die eigenen Prioritäten manchmal praktisch sein, als „Argument“ gegen andererleute Tun oder gar Schreiben ist es eine glatte Fallacy. Hinzu kommt, daß Nebenwiderspruchslogik eigentlich der Vergangenheit – oder Dumpfheit – angehören sollte.

Auch wenn das Framework hierfür nicht immer so klar wird – „Intersektionalität“, das große Unbekannte -, unbestrittenerweise zieht sich die Ökonomie – sagen wir einfach: Folgen der kapitalistischen Produktionsweise – durch viele Problemkomplexe. In der Betrachtung diesen Aspekt auszublenden wäre fatal.

Aber nur die Alternativen „Ausblenden“ oder „Reduktionismus“ – tertium non datur – anzuerkennen wäre auch eine glatte Fallacy (False Dilemma). Und überhaupt: Wider die monokausalen Erklärungen!

  • „Ich bin Materialist*in“, „Macht & Herrschaft sollten nicht bloß noch in sich drinnen gesehen werden“

„Materialism must be a form of idealism, since it’s wrong—too.“ —Sahlins

Polemik am Anfang: Die Denkfigur einer „Klasse an sich“ wirkt – wie so vieles von Marx – schon recht verwurzelt in der idealistischen Philosophie.

Doch Polemtik gibt es hierzu mehr als genug. Leider wird hier mit sovielen gegenseitigen Unterstellungen gearbeitet, daß Argumentieren schwierig ist, zumal unklar, ob nicht längst schon feststeht, was jeweils verstanden werden soll – d.h., wir haben es bestenfalls mit Inkommensurabilität, schlimmstensfalls mit interessierten Mißverständnisse zu tun.

Sicherlich wäre es ein Fehler, strukturelle Probleme durch reine Reflexion – „mit Deinem Geist gegen das System“ – überwinden zu wollen, sicherlich wäre es ein Fehler, Auswirkungen und/oder Ursachen von gesellschaftlichen Strukturen alleine ins Individuum zu verlegen; das ist einer der fiesesten Tricks des Neoliberalismus. Es ist nicht auszuschließen, daß dies nicht auch unter Zuhilfenahme poststrukturalistischer Theorien versucht wird. Der akademische Betrieb vermag die emanzipatorischsten Theorien zu harmlosen Untersuchungsmethoden zu zähmen (hierzu, sowie allgemein zu der Frage des emanzipatorischen Potentials des Poststrukturalismus sei allerwärmstens dieser Text empfohlen); und oftmals gibt sich der karrieristische Distinktionsgewinn als rebellisch. Das ist mit Traditionsmarxismus oder Adornismus sicherlich noch nie passiert. Gehen wir davon aus, wer will wird dies von grundsätzlichem Unbehagen mit der Gesamtscheiße unterscheiden können; es sei denn, derartige Vorwürfe dienen wiederum der eigenen Profilierung.

Auch wenn es verfehlt wäre, eine „eigentliche“ oder „ursprüngliche“ Stoßrichtung von post*Theorien zu konstruieren, sie lassen sich anders deuten als sowas; wir deuten sie anders als sowas: Es geht u.a. darum, gerade das Wirken der Struktur in dem und durch das Individuum aufzuzeigen, d.h., daß die Struktur eben nicht halt an unserer Rationalität oder unseren Empfindungen macht und nur äußerlich zwinge. Das läuft nicht auf „Beliebigkeit“ hinaus, wie es auch einige unreflektierte post*Fans glauben mögen, sondern zunächst einmal darauf, den „God Trick“ (vgl.), sich als von oben auf die Verhältnisse blickend – alles Zombies außer mir – zu imaginieren aufzugeben.

Sogesehen sollte untersucht werden, wie Subjektivierung innerhalb gegebener Verhältnisse funktioniert, wie Wissensproduktion nicht losgelöst von den Verhältnissen zu denken ist: „Ideologie“ ist weit mehr als lediglich Verschleierung des Wahren.

Das macht das Ganze komplizierter. Deal with it, die naheliegenden Lösungen waren für den Arsch.

Nochmal an einem besonders nervigen Beispiel erläutert: Die leninistische Vorstellung „objektiver Interessen“ sollte m.E. klar abgelehnt werden. Es handelt sich um den antidemokratischen Trugschluß der besten Lösung für alle – adornitisch ausgedrückt „Totalität“ -, es essenzialisiert eine Interessenslage als die einzig emanzipatorische und ihre Erkennenden/Vertretenden als Avantgarde im Namen dieser. So steckt in dieser Denkfigur vieles von dem, was den Leninismus – gerade für eine kommunistische Politik – so inakzeptablel macht.

  • Das ist doch nur eine Poly- Schrebergartenlösung

Auch wenn ich nicht für die Mitautor*innen sprechen kann oder will, es ging eben gerade nicht darum, sondern im Gegenteil, Möglichkeitsräume zu eröffnen – oder zumindest die Begrenztheit der bestehenden aufzuzeigen. Die meisten müssen sich bewegen, um zu merken, daß sie in Ketten liegen. Gerade um nicht zuviel Abstraktheit vorgeworfen zu békommen – siehe – läßt sich dies am einfachsten an konkreten Beispielen entwickeln. Wobei Poly* in diesem Fall gar nicht so prominent war; der Verdacht liegt nahe, daß gelesen wurde was erwartet war.

Ja, der „Schrebergarten“, d.h. selbstgenügsam in der eigenen hochregulierten Gruppe zu verbleiben ist immer ein Risiko, wenn sich Leute politisch organisieren wollen. Noch viel schlimmer ist die leninistische Denkfigur der „revolutionären Klasse“, also daß eine Gruppe von Menschen aufgrund irgendwelcher – identitärer? – Eigenschaften zwangläufig dazu ausersehen sind, „die guten“ oder „Träger*innen des Fortschritts“ zu sein. Nun trat „queer“ eigentlich genau mit dem Impetus der Dezentrierung an, d.h., gerade nicht eine Beziehungs- oder Begehrensform als die „eigentliche“ zu setzen. „Emanzipatorische Subjektpositionen“ können also getrost als Queerleninismus abgetan werden.

Szenigkeit gibt es in jeder Szene. Gerade deshalb liegt soviel Potential in Themen, die noch nicht erschlossen und in Fertigergebnisse eingetütet wurden, die sich leider immer wieder einschleichenden Denkgewohnheiten zu verqueeren. Speziell das hier thematisierte „(dauerhaft) kein Sex“ schien dazuzugehören. Dabei ließ sich das letztlich nur gut über Asexualität aufgreifen, denn alleine die Definitionen von Incel und Enthaltsamkeit enthalten idR. ein „Fehlen von …“ oder „Verzicht auf …“; d.h., das Problem steckt hier schon in der Definition. Hinzu kommt, daß viele dies thematisierende Betroffenen auch zu häufig Vollhonks sind. D.h., so lange Asexualität noch nicht – wie Magnus Klaue schonmal vorsorglich behauptet – queerer Mainstream ist, sondern teils Zone der Unbewohnbarkeit, bietet dies Sprengkraft: Den Universalitätsanspruch eigener Denk-, Fühl- und Lebensweisen anzukratzen. Und darum sollte es bei solcher Denkerei doch eigentlich gehen.