Klimawissenschaftspraxis

12. November 2020

Friedrich Merz kritisiert Greta Thunberg und co: Klimaaktivisten fehle Kompromissbereitschaft.

Linda Teuteberg (FDP, MdB) fügt einer Kritik Luisa Neubauers an dieser Kritik hinzu: „Weder mit dem Grundgesetz noch mit einem aufgeklärten Wissenschaftsbegriff vereinbar.“

Eigentlich scheint es müßig auf solche Kommentare einzugehen, da sie offensichtlich nicht durch ernsthafte Wahrheitssuche motiviert sind, sondern lediglich eine Gruppe mit ihren – wissenschaftlich fundierten – Forderungen abzuwehren versuchen. Doch verweisen sie auf zu interessante Probleme um sie unkommentiert zu lassen: Wie ist das Verhältnis der Politik zu wissenschaftlichen Fakten? Und spricht ein antiessenzialistisches und antirealistisches Verständnis von Wissenschaft – wie es auch die Kulturellepraxis entschieden vertritt – gegen den Umgang mit Fakten zum Klimawandel der Fridays for Future Bewegung?

Zunächst einmal kommt „Fakt“ von „facere“, auch Tatsachen sind gemacht. Dabei fließt auch Soziales mit ein, sie sind nicht metaphysisch letztbegründbar und v.a. niemals als endgültig zu betrachten. Da es aber schwer fällt Fehler einzugestehen und häufig Wiederholtes den Anschein von Wahrheit bekomnmen kann, läßt sich Letzteres kaum überbetonen, genauer: Einer Metaphysik der entgültigen Wahrheiten sollte ein Verständnis veränderbarer Wissensstände gegenübergesetzt werden. Das bedeutet nicht, Fakten wären beliebig, also eine Annahme sei so gut wie jede andere. Entscheidend ist der Prozeß und damit die Methoden ihrer Entstehung.

Modelle zum Klimawandel wurden im wissenschaftlichen Betrieb immer wieder getestet und ihre Prognosen sind beängstigend nahe am – nämlich häufig unterhalb des – Eintreffenden. Damit sind diese bei aller Vorläufigkeit und Unsicherheit härter als Resultate unseres Alltagsverstands. Es herrscht innerwissenschaftlich über die von FFF verwendeten Fakten extrem wenig Disput. D.h., so interessant es sein könnte mit Aktivist*innen über Wissenschaftstheorie zu diskutieren, an der Richtig- und Wichtigkeit ihrer Forderungen ändert das nichts.

Das Coronavirus, der Klimawandel, Mitch McConnell und andere Naturkatastrophen gehen keine Kompromisse ein. Merz fordert dennoch von Klimaaktivist*innen offen Kompromißbereitschaft. Viele Maßnahmen gegen Covid19 – so Schulschließungen zu vermeiden – scheinen halbherzig bis widersprüchlich in dem Sinne, daß ihnen keine konsistenten Annahmen über das Virus zugrunde liegen können. Es scheint, das Wahrheitsspiel des Systems Politik lege keinen Wert auf Konsistenz der handlungsanleitenden Annahmen und Inputs hätten die Form von Interessen oder Meinungen, zwischen denen dann im Laufe des politischen Prozesses eine möglichst ausgleichende Lösung gefunden werden müsse. Dann ließe sich allenfalls kritisieren wer warum wie viel Einfluß hat.

Eine Wahrheitssuche wie sie die Erkenntnis- oder Wissenschaftstheorie vorschlägt ist somit weder vorgesehen noch zielführend. Das Handeln nur auf gesicherte Fakten basieren zu wollen – möglicherweise gar auf einer Vorstellung unverrückbarer – und unterschiedliche Interessenspositionen zu ignorieren verunmöglicht den politischen Prozeß. Hinzu kommt, daß Fakten nicht für sich sprechen, sie müssen in den Prozeß eingebracht werden. Damit haben sie ersteinmal die äußere Form von meinungs- oder interessengeleiteten Eingaben oder erreichen gar die Politik häufig nur im Rahmen von solchen. Sie können sich – gerade bei laufender Forschung zu etwas neuen wie Covid19 – ändern und Wissenschaftler*innen sind nicht immer gleicher Ansicht, weshalb stets eine ungerade Anzahl an Expert*innen eingeladen wird. Da nur eine begrenzte Anzahl von Expert*innen gehört werden kann, braucht die Streuung und Verdichtung der Aussagen nicht der im Wissenschaftsbetrieb entsprechen.

Dies ist nicht nur ein Problem der Repräsentation des wissenschaftlichen Diskurses. Eine wissenschaftliche Eingabe kann als spezielle Art der Information betrachtet werden. Wissenschaftliche Fakten verändern sich anders und bisweilen deutlich schneller als politische Positionen. Wissenschaftler*innen und Wissenschaftskommunikator*innen können Laien nur eine unterkomplexe Darstellung ihres Wissens, nicht das Wissen selbst präsentieren. Damit können wissenschaftliche Fakten nicht dem eigenen Urteil in einer Weise – so dem vielbeschworenen GMV –  unterworfen werden in der es für andere Informationen gewöhnlich oder gar geboten wäre. Wissenschaftliche Tatsachen sind komplett anderen Prozessen inkl. Grenzen der Aushandlung unterworfen als Laien zugängliche.

Es sollten also Unterschiedliche Informationsarten angenommen werden, die grundlegend – also unabhängig vom konkreten Inhalt – unterschiedlich behandelt werden müssen. Das können wir als Ontologie bezeichnen. Damit ist in diesem Sinne keine metaphysische Überlegung über das So-sein der Welt gemeint, sondern Voraussetzungen die Welt wahr-zu-nehmen und über diese Wahrnehmung zu kommunizeren benennen und überdenken zu können, auch gerade welche Ontologie wir für spezielle Ziele – so z.B. Umgang mit einer Pandemie – brauchen.

So ließe sich zusammenfassen, daß im politischen Umgang mit Covid oder dem Klimawandel eine unzureichende Ontologie für wissenschaftliche Fakten zu beobachten ist. Darüber hinaus viel Bedarf nach guter Wissenschaftskommunikation – inkl. Vermittlung von weniger unterkomplexen Wissenschaftsvorstellungen – besteht, Repräsentation ein Problem ist und es einen Ort geben sollte, für den Wahrheitssuche – Faktenproduktion – im Vordergrund steht – das ist auch ein Ansatz zu Kritik am derzeitigen Wissenschaftsbetrieb und seiner Finanzierung -, eine unbedingte Universität.


Geschlosene Geschichten

22. September 2020

Ein Artikel oder Vortrag kann als didaktisch gelungen gelten wenn keine verwirrenden losen Enden vorhanden sind, gerade wenn der Gegenstand vor dessen Aufarbeitung arg zerfranst wirkte. Aus sich heraus verständlich zu sein ist auch gerade für journalistische Erzeugnisse ein Qualitätsmerkmal. Daß es immer mehr gibt müßten schließlich die meisten wissen.

Doch üben wir dadurch ein Verständnis von Beschreibung und damit von Welt ein, in der es glatte Oberflächen gibt. Dies erweist sich als Hindernis zum Weiterdenken. Nicht nur fehlen die Anschlüsse – so an den losen Enden -, auch entsteht der Eindruck, das Wissen verändere sich nicht grundlegend – nur noch in Details und in der Menge – mit mehr Kenntnis. Sich mit dieser Wissensform gegenseitig Kompetenz zu simulieren ist Halbbildung, nicht halbe Bildung, sondern das Gegenteil davon. Schlechte Didaktik fördert somit im Namen der Einfachheit Halbbildung und erweckt schlimmstenfalls den Eindruck, ein Anrecht auf einfache und geschlossene Erzählungen zu haben. Dies erschwert, tiefere Kenntnisse zu erlangen und verunmöglicht schlimmstenfalls kritische Auseinandersetzung mit dem vorliegenden Wissen oder reduziert solche scheinbar auf das Niveau von willkürlichen Meinungen. Von daher können auch Erwartungen nicht das entscheidende Bewertungskriterium für Didaktik sein, so verstandene „Feedbackkultur“ regelt die Qualität des Evaluierten runter, es geht ja gerade darum, daß sich die Erwartungen im Laufe des Lernprozesses ändern sollten.

Im Rhizom – das vielleicht besser durch ein Myzel figuriert würde – gibt es keinen Anfang, kein Ende, nur Mitte und Kontext. Auch wenn wir nicht ohne Emplotment auskommen, geschlossene Geschichten sind gefährlich.

Wie sehen die Alternativen aus? Komplett auf Zugänglichkeit zu verzichten wäre eine offensichtliche, aber sicherlich nicht gute Reaktion. Wenn alles mit allem verbunden ist, können wir das resultierende Gefüge nicht mehr von Entropie unterscheiden, a difference makes the difference. Also können wir – verstandene – Komplexität nur mit Komplexitätsreduktion aufbauen.

Eine Möglichkeit wäre praktizierter Antiessenzialismus: Bei möglichst vielen Konstrukten ihre Konstruiertheit – und damit auch ihre Kontingenz – durchblicken lassen, daß zu keinem Zeitpunkt der Eindruck entsteht, unser Bild von einem Gegenstand sei ein Abbild oder die Konstruktion sei eine Reibungsfreie. Ohnehin beginnt das Verständnis für ein Themengebiet erst, wenn die Fachkontroversen begriffen werden. Somit ist es auch ein Qualitätskriterium für Wissenschaftskommunikation, ob Unsicherheiten und Kontroversen vorkommen. „Forschungsstand“ und Methodenteil sind somit kein „Cargokult“, sondern Kontingenzmanagment und Öffnung der Erzählweisen.

Fazit: Auch wenn unnötige Kompliziertheit vermieden werden sollte, eine gute Darstellung sollte immer vermitteln, daß der Gegenstand komplexer ist als die Darstellung, also über sich hinausweisen. Als Modell für Lernen kann damit nicht das „Abholen“ auf einem „kleinsten gemeinsamen Nenner“ gelten, Überforderung – im Optimalfall kontrollierte – ist für Lernen das diese Bezeichnung verdient nie ganz zu vermeiden.


Plüschie Theorie #12 Kitsch

26. August 2020

Dank an K Kater

Wie grenzen wir die Plüschies von Kitsch ab? Gar nicht! Kitsch ist der Mut zu dummen Gefühlen und warum sollten wir uns verkneifen was Freude bereitet? Zu diesem Zweck müssen Plüschies auch nicht unbedingt originell sein; zumindest nicht in dem Sinne, daß sie die gebräuchlichen Ausdrucksmöglichkeiten zwingend erweitern müssen, es geht schließlich nicht um die Mittel, diese zum Zweck zu erheben kann gar vom Wesentlichen ablenken.

Nicht originell, aber betrachtenswert?

Das heißt nicht, daß Plüschies nicht Avantgarde sein können. Mit ihrer vollen Hingabe ließen sie sich beispielsweise als Camp bezeichnen und damit als queerästhetische „Kunst“ – wasauchimmer das ist. Doch spielt dies für ihr Entstehen keine Rolle, gewolltes Camp – Camping – wäre genau was Camp das subversive Potential nimmt und über „Bad Taste“ in den heteronormativen Mainstream Eingang findet; wenn Camp nicht ohnehin schon längst dort angekommen ist. Eher geht es um „Plüschies von unten“, also daß Mangel an Ausrüstung, Ausbildung und Inszenierungsaufwand niemanden abhalten sollte; mehr noch: der scheinbare Mangel läßt sich wiederum als Autentizitätsmarker nutzen.

Krokos Reaktion ist nicht übertrieben, sie ist … Camp?

Praktisch geht es zunächst darum die Vielseitigkeit unserer kuscheligen Companions zu finden, wie beispielsweise geringfügig geänderte Perspektiven zu einem komplett anderen Ausdruck führen können. Damit wird eine mögliche Originalität nicht von einem Künstlergenie erschaffen, sondern an einem – oftmals massenproduzierten – Plüschtier entdeckt. D.h. auch, daß der Zufall bei den Aufnahmen immer eine Rolle spielen sollte, speziell bei aufwendiger inszenierten.

Ein Motiv, drei verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten

Ideal ist es, Bilder zu schaffen auf denen Plüschtiere so lebendig scheinen wie in unserer Phantasie; der scheinbare Nachteil, daß sie sich – zumindest von sich aus – nicht bewegen können, wird für das Medium Foto fast zum Vorteil. Doch beduetet dies auch Verantwortung: Um den Subjektstatus der kuscheligen Companions zu affirmieren, sollte jedes Bild Respekt vor diesem ausdrücken, d.h. es ist an uns ihre Eigenwilligkeit darzustellen und sie nicht aus der Rolle fallen zu lassen. D.h., wir müssen die Agency von teilfiktiven – aber sind wir das nicht alle in einem gewissen Sinne – Subjekten respektieren; so sehr im Namen falsch verstandener Originalität die Grenzüberschreitung reizt. Diese Grenzen lassen sich nicht als Regeln formalisieren – höchstens eines das sich mit jeder Anwendung ändert -, es läßt sich nicht präzise definieren, nur schwammig mit Wegweisern wie „Flauschigkeit“ was genau möglich ist und was droht die zu schaffende Fiktion zu zerstören, diese Grenze ist also höchstens eine zu erspürende, keinesfalls eine klare.

Kroko mit MNS

Diese Grenze verläuft aber nicht – wie es bei einer möglichen Deutung von „Kitsch“ der Fall wäre – zwischen komplett Angenehmem und Unangenehmem. Unsere kuscheligen Companions begleiten uns in Krisenzeiten, manche sind besser darin in Abgründe zu schauen als andere, aber im Spiel, das ja unser Verhältnis zu ihnen – und über sie hoffentlich untereinander, das ist die Utopie der Cutenessrevolution – ausmacht werden die Schrecken der Realität nicht verdoppelt, sondern im Optimalfall transformiert.

Kroko hilft bei unangenehmem Behördenkram

Ein gutes Beispiel wie so ein Umgang aussehen kann findet sich in der 2014er Drei Fragezeichen Livetournee „Phonophobia – Sinfonie der Angst“. Peter Shaw Sprecher Jens Wawrechek fragt ob sie gerade jemanden getötet hätten, argumentiert – gegen die Tode in den Titeln und eine harmlose Form von Grusel gehört zu diesem Hörspielgenre -, daß sie das nicht dürften, schlagendes Argument ist am Ende: „Wie soll man denn dabei einschlafen?“, woraufhin die Szene nach Rückspulgeräuschen geändert wird. D.h., hier werden die Regeln des fiktiven Universums angesprochen, im Bruch der 4. Wand zeigt sich die ironische Distanz der Sprecher*innen zu ihren Figuren, aber sie halten sich letztlich an die Grenze, daß jemanden umzubringen unpassend wäre. Dieses gleichzeitig ironische, aber auch respektvolle Verhältnis zu einer fiktiven Welt und ihren Figuren können wir als Merkmal, wenn nicht gar Grundhaltung der Cutenessrevolution festlegen.


Plüschie Theorie #10: Avantgarde

17. Juni 2020

„Vielleicht ist es ja schon offensichtlich, aber da ich es gerne sagen möchte: Ich scheiße auch auf die revolutionären Avantgarden des ganzen Planeten.“ –Subcommandante Marcos, zitiert nach @elquee

Doch muß eins um auf die Avantgarde scheißen diese hinter sich gelassen haben. Doch wie und wo das geht hängt davon ab wie der theoretich-aktivistische – Plüschtier– & Barbiebilder mal als cutenessrevolutionärer Aktivismus verstanden – Raum strukturiert ist; gerade wenn wir ihn mit unserer Arbeit de- oder restrukturieren wollen.

Denn letztlich sind wir in Gefügen/Netzen/Mannigfaltigkeiten immer in der Mitte, von der aus wir den Verbindungen zu allen Seiten folgen können. Flausch streckt die Fasern nach uns aus und umschließt uns, es ist damit Teil der Circlusphere. Es geht ja gerade darum von hierarchischen, baumartigen Strukturen wegzukommen – weary of holism, but needy for connection -, über neue narrativen zu neuen Denk-, Wissens- und Gemeinschaftsstrukturen zu kommen.

D.h. was nahe(liegend), was fern, was vorne, was hinten ist hängt von den Verbindungen ab die wir knüpfen. Damit sind die Plüschtierstudies „vorne“ da sie die ersten sind die so etwas – strategisch offen gelassen was die Alleinstellungsmerkmale dieses „etwas“ sind – produzieren und „vorne“ daß sie einladen ihnen zu folgen; oder geben sie Impulse in eine Richtung? Dann wären sie aber schon wieder hinter dem was sie anschieben! Kümmmern wir uns also beim Tanzen nicht so sehr darum wann wir nun gerade wo stehen, sondern lassen uns auf die Bewegungen ein!


Plüschie Theorie #11: Weltraum

1. Juni 2020

Bereits auf Reisen tragen die Plüschtiere unsere Hoffnungen, Romantisierungen und Begeisterung. Eine Steigerung davon sind die Weltraumplüschies.

Raumfahrende Plüschtiere haben eine lange Tradition, so alt wie die bemannte1 Raumfahrt. So können diese die Schwerelosigkeit demonstrieren und als leichte und weiche Wesen dabei ungefährlich zu sein; Cuteness im Sinne von Harmlosigkeit hat hier also praktisch-handlungsrelevante Bedeutung. Dazu paßt, daß seit den 60ern der Comichund Snoopy mit Genehmigung des Schöpfers Charles M. Schulz als Sicherheitssymbol bei der NASA eingesetzt wird.

Mit Raumfahrt, pilotierter1 zumal, sind Hoffnungen verbunden, daß sich die Menschheit als ein Ganzes begreifen könne, Forschung zu positiven Dingen wie Erkenntnisvermehrung/Entdeckung eingesetzt werde. Zwar ließe sich dies als Gegenbild zu Ängsten vor Kernwaffen konstruieren, dieses Konstrukt müßte aber vernachlässigen daß diese durch Raketentechnik einsetzbarer wurden.

Die Raumfahrt war zunächst ein Nebenprodukt der militärischen Raketenforschung. Schlimmer noch: Mit Privatisierung der Raumfahrt und mit militärischer Nutzung des Alls, instituttionell durch die US-„Space Force“ – vorerst symbolisch – vorangetrieben ist das Thema der Territorialiserung des Alls aktueller denn je. Weltraum als Spielwiese der Wissenschaft gilt – wie im Falle des Internets – zur nostalgischen Vergangenheitsverklärung zu verkommen. Mit Haraway können wir nur darauf hinweisen, daß Cyborgs ihren Wurzeln gegenüber untreu sind und das Cyborgmanifest während Kämpfen gegen Kernkraftwerke und SDI („Star Wars“) geschrieben wurde, wir es also nicht mit einer reinen Utopie zu tun haben, sondern die Dystopie – so in Elon Musks Bioshock ähnlichen Marsbesiedlungsvorstellungen – beängstigend nahe liegt, wir uns dem widersprüchlichen Gemenge also nur mit Ironie nähern können.

„The main trouble with cyborgs, of course, is that they are the illegitimate offspring of militarism and patriarchal capitalism, not to mention state socialism. But illegitimate offspring are often exceedingly unfaithful to their origins. Their fathers, after all, are inessential.“ —Cyborgmanifest, S.10.

Auf die Frage „was tun?“ ist die erste Antwort „was tun“. Welche auswirkungen der technische „Fortschritt“ hat und in welche Richtung diese Prozesse laufen ist kein Schicksal. Aber es erfordert politisches Engagement. Der springende Punkt ist dann, daß sich nur gemeinsam die  vollends verwaltete Welt bekämpfen läßt, aber dieses Sich-Organisieren eben nicht selbst dieses vollends verwaltete sein/werden soll. Nur ist der „Partiality“ teil der „postmodernen“ Antwort bei der Raumfahrt unzureichend, gerade wenn wir Ressourcen – sei es für die Raumfahrt, sei es gegen die kritisierenswerten Aspekte – bündeln wollen. Da müssen wir tiefer in die Beziehungsweisen- und Organsationsformen Werkzeugkiste greifen. Die gebotenen Optionen an Verwaltungsformen – staatliche Autorität oder „freie“ Wirtschaft“ sollten uns jedenfalls zu einem „keines davon“ anstacheln.

Es kommt auf die Gemeinschaftsformen an. Die Plüschtiere rücken wegen Covid-19 zusammen, solange wir es nicht können.

„Postmoderne“ im Sinne des Scheiterns der großen Erzählungen läßt sich so verstehen, daß diese in viele kleinere, nebeneineinander und widersprüchlich existierende zerfallen. Die praktische Seite davon wäre Standpunkttheorie und die Einsicht, daß abstrakte Gleichheitsansätze in Antidiskriminierungsfragen meist nur eine mächtige unmarkierte Position repräsentierten. Doch dies ist nur eine der vielen möglichen Erzählungen über Postmoderne und sie stößt gerade hier an eine ihrer Grenzen: Grundlagenforschung ist – gerade in der Raumfahrt – teuer und per defitionem nicht unmittelbar Nutzbringend. Auch müssen wir feststellen daß es nur genau eine Erde gibt. D.h. für die pilotierte1 Raumfahrt sollten wir eine kleine große Erzählung der Moderne bewahren. Zumal die Dystopie ja immer mitfliegt und wir das Weltraum dieser zumindest nicht kampflos überlassen sollten!2

Die praktische Seite dieser Utopie ist die ISS, in vielen Bereichen rivalisierende Staaten finanzieren die Raumstation gemeinsam, für die Astronauten scheint Nationalität eher etwas von folkloristischer Freizeitgestaltung – welches Plüschtier und welche Musik dabei ist – als lebensbestimmende Identität zu haben, denn der Alltag ist von den praktischen Anforderungen geprägt. Hier gibt es eine gemeinsame Sprache: Die Sprache der Wissenschaft.

Ein Moment, der diese Weltraumplüschutopie verkörpert wäre dieses Aufeinandertreffen alter Bekannter: Ein deutscher Astronaut bringt zwei Figuren aus der Wissenschaftskommunikationssendung „Sendung mit der Maus“ mit, ein US Astronaut wegen der tschechischen Herkunft seiner Ehefrau ein Plüschtier der Zeichentrickfigur kleinen Maulwurf, der aber auch in der Sendung mit der Maus gezeigt wurde.

„Cyborg unities are mon­strous and illegitimate; in our present political circumstances, we could hardly hope for more potent myths for resistance and recoupling.“ —Cyborgmanifest S. 13.

Vielleicht sind Cyborgs dafür eine etwas technische Figuration – so würde wahrscheinlich die späte Haraway einwenden -, doch genau da kommen unsere kuscheligen Companions ins Spiel. Auch im wörtlichen Sinne: nämlich u.a. sich als Spielende begegnen, wobei die Wissenschaft ein sehr ernstes Spiel ist. Das Plüschtier kennt nicht die harte Konkurrenz, die wir sowohl in der Wirtschaft wie der Wissenschaft erleben müssen. Das Plüschtier will nicht die welt kontrollieren; und ist damit umso geeigneter sie ein kleines bißchen auszurichten: Plüschtiere an die Macht!

„Monster“ sind auch eine von Haraways wiederkehrenden Figurationen der Widerständigkeit. Gerade da wir bei einigen Themen die schrecklichen Aspekte nicht ausblenden können. Doch Monster sind auch beliebte Plüschfiguren, verlieren aber in ihrer Niedlichkeit den Schrecken.

Solange Plüschtiere mitfliegen ist materialisierte Hoffnung auf diese kleine große Utopie der Raumfahrt immernoch dabei!


1 Halt, nein, das geht so nicht! 1963 war nicht erst gestern, Mann zu sein ist keine Voraussetzung. „Crewed“ wäre zwar geschlechtneutral, aber letztlich muß sich doch auch ein deutsches Wort dafür finden lassen ohne auf Umschreibungen zurückzugreifen. Hier ist freilich entscheidend ob die Missionen beplüscht sind. Mit Rückübersetzung aus dem Russischen versuchen wir es mal mit „pilotierter“.

2 Bei Plüschtieren gilt: „I’m guided by the beauty of our weapons“!

Noch ’ne Kleinigkeit: Das aktuelle Space Plüschtier, Ty-Saurier Tremor ist im Space-X Shop deutlich überteuert, support you local store! Und falls dieser Typ vergriffen sein sollte: Es gibt so viele Plüschtierfabrikate die schon im Weltall waren …


Mit Philosophie gegen Covid-19?

7. Mai 2020

Verschwörungstheorien1 zur Coronasituation waren zu erwarten. Doch scheint die Gruppe der Leute, welche die Seuche nicht ernst nehmen bzw. die Maßnahmen dagegen für maßlos übertrieben halten sich nicht ausschließlich aus jenen zu rekrutieren, Verbindungspunkte wie Jakob Augstein sind keine hinreichende Erklärung bei Leuten denen wir selbstständiges Denken zugetraut hatten. Nach Erklärbärtriage haben wir es nicht nur mit hoffnungslosen Fällen zu tun. Bei aller Haßliebe zu Sir Karl Raimund P.: Sich und anderen die Frage zu stellen wann eine These gescheitert ist, kann zu den gedanklichen „Powertools“ gehören, sei es auch nur um sicherzustellen daß eine Diskussion wirklich sowas wie einer „Wahrheits“2suche dient.

Damit sind plötzlich „philosophische“ Fragen – etwa wie wir im Alltag zu unseren handlungsrelevanten Urteilen kommen – plötzlich überlebensrelevant. Doch genauer: Auch wenn es sich um „Philosophie“ im umgangssprachlichen Sinne handelt, sind wir bei solchen Fragen auf Interdisziplinarität angewiesen. Alleine die Frage was warum überzeugt reicht von Erkenntnistheorie über Psychologie bis zur Rhetorik und hat mit Sicherheit soziale, damit also sozialwissenschaftlich zu fassende Aspekte.

Die Ausgangslage ist eine „postmoderne“3: Es herrschaft kein Mangel, sondern ein Übermaß an Informationen, aber keine davon ist unbeschränkt vertrauenswürdig. Diese müssen für das Handeln bewertet werden, möglichst in einer unaufwendigen Weise; es wäre etwa zu viel verlangt, sich vor einem handlungsleitenden Urteil über die Lage biologisches und medizinisches Grundlagenwissen, so wie einen Überblick über den Forschungsstand zu verschaffen. Damit dürfen wir epistemische Arbeitsteilung für unser Denken nicht unterschätzen. Dies heißt auch: Von der Glaubwürdigkeit von Wissenschaftskommunikation hängen Menschenleben ab #nopressure!

Fazit: „Coronaskeptiker“ ohne verschwörungstheoretischen Hintergrund stellen uns vor die Aufgabe das Alltagsdenken grundlegend zu untersuchen und hoffentlich auch zu verbessern. Dies setzt aber Bereitschaft zu lernen von allen beteiligten Seiten voraus, so wie ein Wahrheitsverständnis das das – brüchtige -Zustandekommen betont statt sich Wahrheit als „isso“ zu modellieren. Auch bei geisteswissneschaftlichen Problemen geht es um Menschenleben – packen wir’s an!


1 Auch wenn Entschwörungstheoretiker Kulla längst zu anderen Sachen arbeitet sei hier eine Hoffnung geäußert, er dekliniere seine Thesen nochmal an diesem Fall durch.
Update: Dies ist bereits geschehen und hier zu sehen. Vielen Dank!

2 Was auch immer das ist. Aber daß das Gesuchte nicht auffindbar ist, kann ja auch das Ergebnis einer Suche sein.

3 Statt sich in Grundsatzdebatten zu verzetteln oder auf kohärenzarm verplattete Standpunkttheorien zu setzen sollte Grundlagenarbeit geleistet werden. Die Produktionsbedingungen und die Verfügbarkeiten von Informationen haben sich seit dem 19. Jahrundert geändert, „Postmoderne“ hieße damit auch, einen erkenntnistheoretischen Umgang damit zu suchen!


Geisteswissenschaftliche Triage

3. April 2020

Mit Covid-19 verbreiten sich auch die gefährlichen Fehleinschätzungen1 exponentiell. Wie reagieren wir auf solche aus dem engeren Umfeld – beispielweise der Bio- oder Wahlfamilie? Das Problem ist leider aus bereichen wie Queer, Antirassismus, Antiinllektualismuskritik bekannt. Das Phänomen der Orks2 und Trolle erschwert offene Kommuikation, sollte uns aber nicht entmutigen diese grundsätzlich anzustreben.3 Zumal sich einzububblen häufig nur zu Spaltungen über noch kleinere Unstimmigkeiten führt.

Die Kulturellepraxis rät deshalb zur Erklärbärtriage: Vor einer Erklärung abzuschätzen wie hoch die Erfolgsaussichten sind, möglicherweise modifziert durch eine Einschätzung wie wichtig eine* die Person ist.

Für die GuteSache(tm) aufgerieben helft Ihr nichts und niemandem, Self Care kann radikal sein!


1 Die Folgen von gezielten – inkl. zur Verhaltenskontrolle „wohlmeinenden“ – Desinformationen wären ein eigener Beitrag. Kurz: Wir sind auf epistemische Arbeitsteilung angewiesen und die Folgen von Informationen verselbstständigen sich, also 1.: don’t do it und 2.: gute und v.a. vertrauenswürdige Wissenschaftskommunikation rettet Leben.

2 Kleinere Verwandte der Trolle. Sie scheinen zunächst interessiert, sind aber nicht bereit zu lernen oder auch nur sich auf neue Gedanken einzulassen, womit Versuche etwas zu erklären in Zeit- und gewaltiger Energieverschwendung enden.

3 Best Practice: Humor um das Vor-den-Kopf-stoßen abzufedern und unterhaltsam auf Widersprüche aufmerksam zu machen. Gute Literaturlisten um Interessierten den Einstieg zu erleichtern und einen Haufen Vorrecherche zu ersparen, Uninteressierten ein RTFM zu präsentieren. Kurze, dichte Kommentare um zu sehen, ob sich die Mühe gemacht wird die Gedanken zu „entpacken“. All diese Strategien zielen darauf ab, zum einen den emotionalen Aufwand gering zu halten, zum anderen zu erkennen ob das Gegenüber grundsätzlich bereit ist eigene Mühen zu investieren und wenn nicht es lustvoll vor den Kopf zu stoßen.


Evolutionsbedingte Denkfehler

13. Februar 2020

Da sowohl verfügbare Zeit als auch Energie zum Denken in der Menschheits – selbst in der Zivilisationsgeschichte – Mangelware waren ist klar, daß das was uns überzeugt nicht auf „Wahrheit“ optimiert sein kann, sondern mit Möglichst wenig Aufwand zu einem Ergebnis zu kommen. Damit liegt es in der Evolutionsgeschichte der Menschheit daß Menschen auf das schmale Brett kommen konnten Überlegungen wie diese1 für irgendwie sinnvoll zu halten. Wenn also Evopsych ein durch die menschliche Natur bedingt ist frage ich Euch: „Der Mensch ist etwas, was überwunden werden soll, was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?“2


1 Die Truthynessmechanismen sind bei näherer Betrachtung – die eine so evolvierte Denkweise tunlichst vermeiden sollte – deutlich komplexer. Sowohl naturwissenschaftlich gesicherte Elemente – die nicht gegen „Garbage in, Garbage out“ helfen, ex falso quodlibet – als auch Anschlußfähigkeit an gesellschaftlich verbreitete Überzeugungen tragen zur Überzeugungskraft bei. Dann wäre zu berücksichtigen daß die Wissenschaft leider auch nicht komplett unabhängig von nicht sachbedingter Überzeugungskraft ist und dann noch externe Faktoren wie beispielsweise Forschungsförderung wirken.

2 Läßt sich leicht genug googlen, eine Fußnote wäre damit nur Traditionspflege.


#Cutenessrevolution anderswo #6: Podcast zur Teddybärgeschichte

7. Dezember 2019

Der zugegebenermaßen recht knapp gehaltene und auch nicht nur durch die Werbepausen recht kommerziell klingende Podcast „Pessimists Archive“ beschäftigt sich mit Teddybären. Da können die Plüschtierstudies natürlich nicht weghören.

Die oberflächlichen Aspekte – Steiff und Michtom bringen beide 1902 Spielzeugbären heraus, nach einer Jagdgeschichte über Theodore Roosevelt (Roosevelt der 26.) setzt sich die Bezeichnung „Teddy Bear“ für soetwas durch – wurden ja auch in unseren Plüschstudies erwähnt, doch dieser Podcast spricht einen weiteren Aspekt an: 1907 wurden „Teddybären“ im US Amerikanischen Blätterwald kontrovers diskutiert, in einer Weise, die für diskursgeschichtliche Herangehensweisen1 äußerst fruchtbar2 scheint.

Da auch im Podcast darauf hingewiesen wird, daß es nicht viel Forschung zu Teddybären gibt, sei an dieser Stelle nochmal darauf hingewiesen: Die Plüschtierstudies könnten eine interdisziplinäre Dissertationsfabrik werden, wenn nur internationale Konferenzen und ein Institut finanziert würden *prettypleasewithcherryontop*!

Zum Inhalt: Da Teddybären zunächst als Jungendspielzeug gedeutet wurden und da befürchtet wurde, sie könnten Puppen – die als Mittel Mädchen zur Häuslichkeit zu erziehen gesehen wurden – verdrängen, gab es panische eugenisch durchsetzte Warnungen von Konservativen daß Teddybären eine Gefahr für die Gesellschaft seien; es kristallisierten sich also Diskurse zu Race und Gender an diesen – damals gar nicht mal so – kuscheligen Companions. Dies ließe sich weiter spinnen zur These daß Plüschtiere eine subversive Kraft besäßen und zeigt, daß auch Feminismus und Plüschstudies ein längst nicht zuende gedachtes Thema sind, also ihre hier dargestellte Anschlußfähigkeit an Haraways Cyborgfeminismus nur eine erste Schneise durchs Themenfeld sind.

Am Ende wird erwähnt, daß Teddybären im Laufe ihrer Entwicklung immer stärker in Richtung Niedlichkeit optimiert wurden. Doch da es über „Kindchenschema“ und Evolution von Konsumprodukten gedeutet wird, bringt uns das erstmal leider nicht über einen Funfact hinaus und zeigt, daß bei allen interessanten Informationen nicht ums selbst Denken und Forschen herumkommen, solche Podcast mögen zwar bisweilen anregen, werden es uns aber nicht abnehmen.


1 Früher hätten hier Hinweise auf die einschlägige Literatur gestanden. Daß Landwehr und Sarasin gute Einführungen dazu geschrieben haben nur am Rande. Leider nicht mehr auf dem Laufenden seiend, sei statt einer Bibliographie ein willkürlich gewähltes Beispiel aus jüngerer Zeit wie sich sowas an einem anderen Thema praktisch aufziehen läßt präsentiert.

2 Mythenmetz’sche Abschweifung: Im Podcast wird kurz erwähnt, daß umstritten ist, wie alt das Konzept von Kindheit ist. Ließe sich „reaparieren“ mit der Aussage, daß das heutige Konzept – inkl. v.a. der Abgrenzungen – erstaunlich neu und erstaunlich veränderbar ist – und ja, diese Veränderungen auch im Zusammenhang mit den Produktionsverhältnissen stehen -, aber ein plattes „gab es nicht“ für frühere Verständnisse etwas kurz greift; Puppen sind bereits in der Antike nachgewiesen. Hier hilft Foucault, bzw. diskursgeschichtliche Methodik weiter: Was etwas vor der diskursiven Überformung ist läßt sich nicht sinnvoll sagen, das Wissen darüber wurde immer in vermachteten Prozessen hervorgebracht, in sofern macht es Sinn statt einem „Ding an sich“ nachjagen zu wollen, sich anzuschauen, wie sich beispielsweise das Sprechen über den Gegenstand geändert hat. Das heißt auch, daß die gesellschaftliche/kulturelle/sprachliche/usw. Bedingtheit unseres Wissens und Denkens zu hinterfragen mehr und anderes bedeutet als einfache „ist konstruiert“ oder „gibt es nicht“ Aussagen, sondern einen methodischen Aufwand erfordert; also vorsicht vor den falschen Denkabkürzungen!


Kulturellepraxis live

6. Dezember 2019

Wissenschaftliche Studien werden hoffentlich den epistemischen Wert wissenschaftlicher Studien klären