Evolutionsbedingte Denkfehler

13. Februar 2020

Da sowohl verfügbare Zeit als auch Energie zum Denken in der Menschheits – selbst in der Zivilisationsgeschichte – Mangelware waren ist klar, daß das was uns überzeugt nicht auf „Wahrheit“ optimiert sein kann, sondern mit Möglichst wenig Aufwand zu einem Ergebnis zu kommen. Damit liegt es in der Evolutionsgeschichte der Menschheit daß Menschen auf das schmale Brett kommen konnten Überlegungen wie diese1 für irgendwie sinnvoll zu halten. Wenn also Evopsych ein durch die menschliche Natur bedingt ist frage ich Euch: „Der Mensch ist etwas, was überwunden werden soll, was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?“2


1 Die Truthynessmechanismen sind bei näherer Betrachtung – die eine so evolvierte Denkweise tunlichst vermeiden sollte – deutlich komplexer. Sowohl naturwissenschaftlich gesicherte Elemente – die nicht gegen „Garbage in, Garbage out“ helfen, ex falso quodlibet – als auch Anschlußfähigkeit an gesellschaftlich verbreitete Überzeugungen tragen zur Überzeugungskraft bei. Dann wäre zu berücksichtigen daß die Wissenschaft leider auch nicht komplett unabhängig von nicht sachbedingter Überzeugungskraft ist und dann noch externe Faktoren wie beispielsweise Forschungsförderung wirken.

2 Läßt sich leicht genug googlen, eine Fußnote wäre damit nur Traditionspflege.


#Cutenessrevolution anderswo #6: Podcast zur Teddybärgeschichte

7. Dezember 2019

Der zugegebenermaßen recht knapp gehaltene und auch nicht nur durch die Werbepausen recht kommerziell klingende Podcast „Pessimists Archive“ beschäftigt sich mit Teddybären. Da können die Plüschtierstudies natürlich nicht weghören.

Die oberflächlichen Aspekte – Steiff und Michtom bringen beide 1902 Spielzeugbären heraus, nach einer Jagdgeschichte über Theodore Roosevelt (Roosevelt der 26.) setzt sich die Bezeichnung „Teddy Bear“ für soetwas durch – wurden ja auch in unseren Plüschstudies erwähnt, doch dieser Podcast spricht einen weiteren Aspekt an: 1907 wurden „Teddybären“ im US Amerikanischen Blätterwald kontrovers diskutiert, in einer Weise, die für diskursgeschichtliche Herangehensweisen1 äußerst fruchtbar2 scheint.

Da auch im Podcast darauf hingewiesen wird, daß es nicht viel Forschung zu Teddybären gibt, sei an dieser Stelle nochmal darauf hingewiesen: Die Plüschtierstudies könnten eine interdisziplinäre Dissertationsfabrik werden, wenn nur internationale Konferenzen und ein Institut finanziert würden *prettypleasewithcherryontop*!

Zum Inhalt: Da Teddybären zunächst als Jungendspielzeug gedeutet wurden und da befürchtet wurde, sie könnten Puppen – die als Mittel Mädchen zur Häuslichkeit zu erziehen gesehen wurden – verdrängen, gab es panische eugenisch durchsetzte Warnungen von Konservativen daß Teddybären eine Gefahr für die Gesellschaft seien; es kristallisierten sich also Diskurse zu Race und Gender an diesen – damals gar nicht mal so – kuscheligen Companions. Dies ließe sich weiter spinnen zur These daß Plüschtiere eine subversive Kraft besäßen und zeigt, daß auch Feminismus und Plüschstudies ein längst nicht zuende gedachtes Thema sind, also ihre hier dargestellte Anschlußfähigkeit an Haraways Cyborgfeminismus nur eine erste Schneise durchs Themenfeld sind.

Am Ende wird erwähnt, daß Teddybären im Laufe ihrer Entwicklung immer stärker in Richtung Niedlichkeit optimiert wurden. Doch da es über „Kindchenschema“ und Evolution von Konsumprodukten gedeutet wird, bringt uns das erstmal leider nicht über einen Funfact hinaus und zeigt, daß bei allen interessanten Informationen nicht ums selbst Denken und Forschen herumkommen, solche Podcast mögen zwar bisweilen anregen, werden es uns aber nicht abnehmen.


1 Früher hätten hier Hinweise auf die einschlägige Literatur gestanden. Daß Landwehr und Sarasin gute Einführungen dazu geschrieben haben nur am Rande. Leider nicht mehr auf dem Laufenden seiend, sei statt einer Bibliographie ein willkürlich gewähltes Beispiel aus jüngerer Zeit wie sich sowas an einem anderen Thema praktisch aufziehen läßt präsentiert.

2 Mythenmetz’sche Abschweifung: Im Podcast wird kurz erwähnt, daß umstritten ist, wie alt das Konzept von Kindheit ist. Ließe sich „reaparieren“ mit der Aussage, daß das heutige Konzept – inkl. v.a. der Abgrenzungen – erstaunlich neu und erstaunlich veränderbar ist – und ja, diese Veränderungen auch im Zusammenhang mit den Produktionsverhältnissen stehen -, aber ein plattes „gab es nicht“ für frühere Verständnisse etwas kurz greift; Puppen sind bereits in der Antike nachgewiesen. Hier hilft Foucault, bzw. diskursgeschichtliche Methodik weiter: Was etwas vor der diskursiven Überformung ist läßt sich nicht sinnvoll sagen, das Wissen darüber wurde immer in vermachteten Prozessen hervorgebracht, in sofern macht es Sinn statt einem „Ding an sich“ nachjagen zu wollen, sich anzuschauen, wie sich beispielsweise das Sprechen über den Gegenstand geändert hat. Das heißt auch, daß die gesellschaftliche/kulturelle/sprachliche/usw. Bedingtheit unseres Wissens und Denkens zu hinterfragen mehr und anderes bedeutet als einfache „ist konstruiert“ oder „gibt es nicht“ Aussagen, sondern einen methodischen Aufwand erfordert; also vorsicht vor den falschen Denkabkürzungen!


Kulturellepraxis live

6. Dezember 2019

Wissenschaftliche Studien werden hoffentlich den epistemischen Wert wissenschaftlicher Studien klären


Kulturellepraxis live

4. November 2019

Auf dem Rad vorformulierte Aphorismen, auch bekannt als: Gedanken rundlutschen


Lehrnarrativ

9. September 2019

Skepsis gegenüber Zweierteilungen ist wichtig, denn sie erweisen sich häufig als Denkfalle die die Welt nur scheinbar sortieren. Sie sind aber auch die einfachste Form der Differenz, also nach (post)strukturalistischem Sprachverständnis eine einfache Form etwas auszudrücken. Und unsere treuen Leser*innen kennen sich sicherlich hinreichend mit Dekonstruktion, negativer Dialektik etc. aus ihr Denken nicht von solch einer Spar-Differenz einfangen zu lasesen.

Nach Heinz von Foerster sei eine legitime Frage eine auf die eins die Antwort nicht wisse, aber wissen wolle. Somit wirkt es unredlich wenn eine Aussage als Frage, Mitmacharbeit oder Ähnliches verschleiert wird. Das ist keine Didaktik – im Sinne der Kunst etwas nicht unnötig schwierig darzustellen -, das ist Knabenführung (Pädagogik). Zwar gibt es Fähigkeiten die nur in Anwendung erworben werden können, aber dies zum einzig gültigen Paradigma zu erklären wäre etwas beschränkt. Das mag auch als Verteidigung des verrufenen „Frontalunterrichts“ verwendet werden, speziell für Leute die sowas wie „Ehrlichkeit“ für einen Wert halten.

Das was jetzt „frontal“ vermittelt werden soll weist zwingend gewisse Strukturen auf, auch wenn die Fragen was, wie und warum strukturiert werden soll auf einem anderen Blatt steht. Probieren geht da ausnahmsweise tatsächlich mal über studieren um dem Methodenfetisch zu entkommen.

Ein zentripetales Narrativ zu wählen hilft bei vielen Anforderungen an gängige Unterrichtssituationen: es ist schneller nachvollziehbar, es produziert leichter abfragbare – und abgestuft bewertbare – Antworten. Das prägt wiederum eine Erwartung wie eine Lernsituation auszusehen hat, also prägt auch die Erwartungen des Publikums. Dies hat Grenzen, beispielsweise Deterritorialisierungsbemühungen können wir dabei knicken. Und auch wenn es ein Widerspruch wäre kritisches Denken lehren zu können, Hilfestellungen um mehr als Informationskonsument*innen zu sein lassen sich so auch schlecht bieten.

Von daher sei dem ein Bild des zentrifugalen Narrativs – wie dem der Plüschtierstudies – entgegengesetzt: das Wissen wird nicht zu einem Kernpunkt hin zugespitzt, viel mehr liegt der Ausgangspunkt in einer verschiebbaren Mitte vieler weiterer Bezüge. Die Welt wird komplexer und größer; statt beherrschbarer. Damit werden aber – günstigenfalls intendiert – gängige Vorstellung von Lernen durchkreuzt, so jenes, das von einer fairen Prüfung aus gedacht die geschlossenen Narrative – also das Gegenteil der zentrifugalen narrativen Bewegung – anstrebt. Damit kann der Eindruck entstehen weniger zu lernen und daß diese Art des Lernens kompliziert und zu fortgeschritten sei. Sicherlich liegt – wie erwähnt – ein Moment des Ernstnehmens darin und die Überzeugung, daß „durch Nulpen dividieren“ niemanden dazu bringt das eigene Potential zu entwickeln. Aber auch wenn praktisch gerne so vorgegangen wird diese Denkbewegung weit Fortgeschrittenen zu reservieren, auch wenn auf einige gewohnte Erfolgserlebnisse verzichtet werden muß, letztlich basiert diese Vorstellung auf einem Kategorienfehler.

Denn eine zentrifugale Erzählweise bedeutet hohe Anforderungen an d* Lehrende*, so hoch daß auch der Kontrollverlust – gerade wenn in anderen Bereichen Kompetentere im Publikum sind – in Kauf genommen werden muß. Und etwas nicht unnötig kompliziert zu präsentieren schließt nicht aus sich mit der Komplexität des Gegenstands auseinandergesetzt zu haben. Auch wenn – Stichwort: Halbbildung – sich gegenseitig zu bestätigen daß gängige Vereinfachungen ein Zeichen von Kenntnis seien praktische Funktionen der Bildung – nicht zuletzt kulturelles Kapital – besser erfüllt als sich zentrifugal auf einen Gegenstand zu stürzen.

Nun soll die Wertung – laut Derrida ja einer der Gefahren solcher Zweiergegensätze – hier nur als umkehrbar dargestellt werden, ohne zu verleugnen daß beispielsweise „Komplexitätsreduktion durch Komplexitätsaufbau“ auch ein wertvolles Lernkonzept sein kann, wenn dadurch die Komplexität des Gesamtgegenstands nicht aus dem Blick gerät. Auch sind Informationen sicherlich eine wichtige Grundlage zum Denken, also sei hier nur v.a. vor Einseitigkeit gewarnt.

Seien wir – mit Haraway – also auch bei De- und Reterritorialisierungsprozessen im Lernprozeß lustvoll im Verwischen und verantwortungsvoll im Ziehen von Grenzen!


Intellenz

8. September 2019

Ist es – unter Berücksichtigung des „falschen Ganzen“1 herrschender Verhältnisse – intelligent die verfügbare Intelligenz zu nutzen um sich das Leben einfacher2 zu machen oder schwieriger?

Plüschschwein Sokrates3, alias „Sokra-Pig“


1 Schließungen des Möglichkeitsraums trotz scheinbarer Widersprüche – genauer: Gegensätze – innerhalb wird bezeichnet mit dem aus fortgeschrittenen Dialektikarten entlehnten wissenschaftlichen Fachbegriff „Gesamtscheiße“

2 „Einfacher“ heißt auch, die vorhandenen Handlungsoptionen hinzunehmen und somit die „Gesamtscheiße“ aus der sie entstammen dadurch performativ zu festigen, ein Phänomen was die Kritische Psychologie als „restriktives Handeln“ zu fassen sucht, welches dem Subjekt dieser Theorie zu Folge letztlich immer schade

3 „It is better to be a human dissatisfied than a pig satisfied; better to be Socrates dissatisfied than a fool satisfied. And if the fool, or the pig, are of a different opinion, it is because they only know their own side of the question.“ —John Stuart Mill


Doktorgedankenspiele

3. September 2019

Doktor der Politikwissenschaft – summa cum laude – wird Doktor der Medizin vorgestellt. Um klarzustellen daß sie keine Berufstandsgenoss*innen sind mit der Einschränkung: „The useless kind of doctor“.

Doch ließe sich anmerken, daß ein Doktorgrad als Ergebnis drei bis fünf Jahre langer Forschungstätigkeit und in dicken Büchern resultierend im Vergleich zu einem meist lediglich als Zusatzteil des Studienabschlusses erlangten doch wie „the real kind“ erscheint. Die Arbeitsgruppe „Philosoph*n gegen Realität“ folgert somit messerscharf: „useless“ und „real“ fallen hier zusammen!

Daß der noch aktive und der promovierende Teil des Kulturellepraxis-Teams z.Zt. disjunkt sind läßt aber hoffentlich trotzdem keine Rückschlüsse auf unsere Real- oder Usefulness zu. i² – keepin‘ it real!