Elke Wittich: Riecht nach Liebeskummertränen

5. Februar 2018

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin haben wir die Ehre einen Ausschnitt aus diesem Jungle World Artikel im Rahmen unserer Plüschie-Reihe zu übernehmen

So ein bisschen albern ist dieses »würde ich nie im Leben hergeben« ja schon, denn ganz oft braucht es nur veränderte Lebensumstände, technische Fortschritte oder auch nur neue Moden, und schon wird aus dem geliebten Dingens etwas unerhört Rückständiges, Unbrauchbares, Scheußliches – und so sind die Müllkippen voll mit Sachen, die einst für unverzichtbar gehalten und dann ganz einfach fortgeworfen wurden. Natürlich gibt es Ausnahmen, meinen Teddy zum Beispiel. Daran, wie er in mein Leben getreten ist, kann ich mich nicht erinnern, weil ich erst einen Tag alt war, aber wie die Familie übereinstimmend berichtete, war es damals, als mein Onkel ihn mir beim ersten Besuch ins Babybettchen legte, Abneigung auf den ersten Blick. Wobei Abneigung wohl ein Euphemismus ist: Ich konnte das blöde Scheißvieh nicht ausstehen, und das ungefähr zweieinhalb Jahre lang. Und dann kam der Tag, der alles änderte: Afrah, Omas ansonsten bemerkenswert gutmütiger Airdale-Terrier, schnappte sich den Teddy und verbuddelte ihn im Garten. Zwischen zwei Tannen, wo er vielleicht heute noch liegen würde, wenn ich nicht plötzlich entschieden hätte, dass ein weiteres Leben ohne ihn zwar möglich, aber nicht erstrebenswert wäre, und energisch Teddys Wiederbeschaffung verlangte. Der umgehend losgeschickte familiäre Suchtrupp grub das nunmehr geliebte Viech wieder aus und seither sind wir unzertrennlich, Teddy und ich. Naja, so ganz stimmt das nicht. Er darf nicht überallhin mit, weil er schon ziemlich kaputtgeliebt ist. Netterweise fanden sich im Laufe seines bisherigen Lebens zwar immer wieder Leute, die ihn geflickt haben (sogar mein Bruder hat einige sehr hübsche Frotteeflicken auf ihm hinterlassen, sozusagen als tätige Reue, nachdem er eine meiner Barbies geköpft hatte), aber jede weitere Reparaturarbeit würde die historischen Näharbeiten zerstören, und das geht natürlich nicht. Außerdem hat Teddy ein gebrochenes Bein, weshalb er ein geruhsames Leben im Regal neben dem Bett führen muss. Nur ganz manchmal darf er allerdings doch mit. Damals zum Beispiel, als von der IG Medien irgendwie nochmal versucht wurde, zwischen der Jungen Welt und uns doch noch eine Schlichtung hinzubekommen, kam er mit, nach der Gesamtlage gucken. Was nicht jeden der Kollegen freute, weil das alles ja so unglaublich wichtig war, und wie sieht das denn aus, wenn ein Teddy dabei ist, so einen kindischen Quatsch meinst du doch nicht ernst, oder? Oh wohl. Tat Teddy nämlich echt mal gut, zu sehen, dass er es besitzertechnisch viel schlimmer hätte treffen können als mit mir. Und nein, er muss auch jetzt nicht immer bloß im Regal sitzen. Manchmal wird er ein bisschen geknuddelt. Und es wird an ihm gerochen, er riecht nämlich nach Kindheit und Liebeskummertränen und nach allem, wonach viel beanspruchte Teddys so riechen. Und ganz manchmal bekommt er neue Anziehsachen. Früher trug Teddy wahlweise das Blümchenkleid einer sehr verhassten Puppe (die nicht lachte, weshalb ich praktisch sofort nach dem Auspacken ihren Mund mit einer Nagelschere beidseitig zu einem Lächeln verbreitern wollte, mit dem Erfolg, dass ich danach eine nichtlachende Puppe mit Schmissen im Gesicht hatte) oder einen von Oma gestrickten Overall, aber die Sachen sind schon lange kaputt. Da man ja nie so genau weiß, ob Teddy nicht doch friert, bekam er letztens einen Pullover gehäkelt, genauer: Es wurde so lange um ihn herum gehäkelt, bis etwas Pulloverähnliches entstand. Eine Hose hat er allerdings nicht gehandarbeitet bekommen – aber das ist auch nicht so schlimm, denn Teddy hat mittlerweile einen eigenen Twitteraccount (@ElqueesTeddy) und dadurch Kontakt zu anderen Teddys, die zwar schicke Oberbekleidung wie Lederjacken, aber auch alle keine Hosen haben. Ach ja, Teddy heißt natürlich im wirklichen Leben nicht Teddy, sondern anders, aber wie, das geht niemanden was an, denn auch Kuscheltiere haben das Recht auf ihre Privatsphäre. Und ich würde ihn niemals hergeben. Für nichts in der Welt.


Über jenen Twitteraccount läßt sich auch ein Bild dieses Teddys inkl. Häkelpullover finden.

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Ist es vorbei?

1. Februar 2018

Plüschie am Morgen des 09.07.2017 (also unmittelbar nach dem G20)


Plüschie Theorie #1: Wozu Plüschies?

30. Januar 2018

Nein, diese Plüschtierreihe ist weder für noch über Kinder. Wie es um unsere geistige Reife steht sei mal dahingestellt; d* Autor* ist tot – es lebe der Text. Es geht auch keineswegs darum sich nostalgisch eine gute alte Zeit zu erfinden. Es geht hier – wie sollte es anders sein – um postmoderne Subjekte. Wenn das was wir sind nicht zwangsläufig an der Haut endet oder von Haut umschlossene Entitäten umfassen muß1 lohnen sich immer Gedanken über Erweiterungen des „Ich“s2.

Wie Haraways Cyborg verwischen Plüschtiere gewohnte Abgrenzungen, sie sind in diesem Sinne ganz anders „Übergangsobjekte“ als es sich die Psychologie vorstellt. Sie bewohnen einen nicht-Raum der weder ganz „ich“, noch ganz „du“ ist, sie sind weder wirklich Subjekte, noch könnten wir guten Gewissens unsere kuscheligen Genoss*innen als reine Objekte bezeichnen. Jenseits der gewohnten Kategorien entsteht Interessantes.

So können Plüschtiere lebenslange Begleiter*innen sein und damit eine Kontinuität zwischen den vielen Personen die wir waren herstellen. So können wir erleben wie extrem vielseitig ein an sich unbewegliches Plüschtier ist. So kann ein aussagekräftiges Plüschtierbild (kurz Plüschie) Empathie mit Teilen von uns ausdrücken, die wir zuvor gar nicht bewußt wahrgenommen haben; und damit für sich und andere mehr oder anderes Selbst erschließen. So können und wollen wir hier erleben wie ein Plüschtier in unserer Phantasie ein Eigenleben entwickelt.

Wem das zu abstrakt ist: Laßt Euch von den Bildern belustigen, auch als Deko-Objekte die nichts weiter als schön sind lassen sich Plüschtiere einsetzen. Niedlichkeit siegt immer!

Holen wir uns also keine philosophischen Beulen an der Überlegung ob die vielen Möglichkeiten im Subjekt oder Objekt liegen. Der Blick bildet nie nur ab, er läßt etwas entstehen. Lassen wir uns darauf ein


Dank an Wolfseule, die Plüschmausbilder brachten mich zum Thema. Dank an K Kater, durch die Anregungen blieb ich beim Thema.

1 Haraway, Donna Jeanne: Ein Manifest für Cyborgs : Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften; in: Dies.: Die Neuerfindung der Natur : Primaten, Cyborgs und Frauen; Frankurt/M, New York 1995; S. 33-72, S. 68. Vgl. Butler, Judith: Bodies that matter : on the discursive limits of „sex“; New York, London 1993; S. 1.

2 Dieser Text wurde auf einem Laptop mit dem Hostname „Extelligenz“ geschrieben.


Cui Bono?

20. Januar 2018

Der Adorniterorden ist uns auf die Schlichte gekommen: großes Ziel der POSTMODERNE™ ist die Selbstinfantilisierung. Aber wer steckt dahinter?

Die Plüschtiere! Es geht darum daß die Plüschtiere für eine bessere Welt die Macht übernehmen.

Plüschtiere an die Macht!


Linke Homöopathie

18. Januar 2018

„Nach wie vielen Spaltungen sind wir endlich eine Volksbewegung?“


Neues Musical

27. Juli 2017

Neue Flora besetztHeute legte die Rote Flora ihr neues Nutzungskonzept vor, den Vorstellungen der Politik von dieser Stadt näher zu kommen.  Nach der erfolgreichen Inszenierung des an diesem Ort so geschichtsträchtigen „Phantom der Oper“[1] folgt nun das nächste Musical am Achidi-John-Platz: „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“. Die Handlung ist am gleichnamigen DEFA-Film angelehnt, doch die musikalische Gestaltung folgt unlängst entdeckten Partituren von Hans Eisler aus einem verloren geglaubten Briefwechsel mit Theodor W. Adorno.

Die HADAG sagte bereits zu, die „C-Star“ aufzukaufen und anläßlich des Musicals in „Ernst Thälmann“ umzubenennen, am Design der neuen Lackierung wird z.Zt. fieberhaft von HfBK Studierenden gearbeitet. Nach ersten Soundchecks zeigte sich Kultursenator Dr. Brosda (SPD) beeindruckt und bot den Gestaltenden der Roten Flora spontan einen Gebäudetausch mit der Elbphilharmonie an.

Einzig aus den Reihen der Partei „die Partei“ gab es Proteste, Hamburg müsse Muscalfreie Zone werden[2], eine Räumung der Neuen Flora wird diskutiert. Anwohner*innen zeigten sich diesem Vorschlag gegenüber aufgeschlossen, gingen doch deutlich stärkere Belästigungen für sie vom Publikum der Neuen Flora aus. Innensenator Grote (SPD) bot an, die Lage mit dem erfolgreichen Einsatzkonzept vom 06.07.2017 ff zu entschärfen: Wer vor der Neuen Flora auf dem Radweg geht kann im Rahmen hamburger Verhältnismäßigkeit künftig mit Pfefferspray rechnen.

Im Rahmen dieser Kompromißverhandlungen unterzeichnete Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation bereits einen Kooperationsvertrag mit „Der Schwarze Block“® gGmbH, künftig müssen Halter*innen verkehrswidrig geparkter Fahrzeuge mit unbürokratischen Schnellverfahren mittels Grillanzünder rechnen.


Science- & Humanities Fiction: Hoffnungen für Star Trek

27. März 2017

„I’d like a Star Trek future, where the abundance created by technology is distributed to all & we move past money to quality of life.“ —@aicilalewis

Dieser Tweet wirft so viele Ambivalenzen auf, daß es einen kleinen Blogartikel wert ist. Es wird nur manchmal am Rande erwähnt, gehört aber zu den Sachen die Star Trek so groß machen.

Das gibt-kein-Geld-mehr war leider nicht wirklich gut durchdacht und weist bisweilen Lücken auf, bleibt aber zumindest eine mutige Utopie. Daß bei VOY ausgerechnet geldähnliche Rationierung eingeführt wurde sobald die Ressourcen knapp zu werden drohten war somit ein Armutszeugnis.

Die m.E. schwiergiste Problem hierbei – und allgemeiner – ist die Frage des Miteinander. Immer unter der Prämisse daß im Bereich Subjekttheorie noch viel zu tun ist, das Verhältnis von Sein und Bewußtsein ein nichttriviales ist und besseres Miteinander keine Frage Pädagogischen Enforcement ist. Nehmen wir fürs Erste alleine die Annahme, daß nicht alle Konflikte verschwinden wenn Wohlstand gerechter verteilt wird, aber doch viele Arten von Konflikt betroffen sein dürften.

Zunächst einmal wäre zu fragen ob hier nicht sogar die Form eine Utopie darzustellen an ihre Grenzen stößt. Klare Aussagen – wie eben dieses „es gibt kein Geld mehr“ – wären auf dieser Ebene gerade ein Zeichen daß etwas nicht rund läuft; also wenn überhaupt müßte das zu subtil sein oder moralisierend holzhammern – und wir erinnern uns, es geht auch um sowas wie Unterhaltung oder vielleicht gar künstlerischen Anspruch.

Wichtiger Einwand gegen bei Star Trek zu sehende Praxen des Miteinander wäre, daß sowas wie Forschung in einer utopischen Zukunft hoffentlich nicht von einer militärischen Organisation durchgeführt wird; und manche militärische Traditionen vielleicht sogar für militärische Funktionen suboptimal sein könnten, nehmen wir als Beispiel alleine den Unterschied zwischen Uniform im engeren Sinne und Arbeitsbekleidung. Daß – bei Star Trek – häufig wichtige Entscheidungen in Konferenzräumen getroffen werden sei an dieser Stelle neutral vermerkt. Die einzelnen Führungsstile in den einzelnen Serien wären genauer zu untersuchen (stay tuned, grüße an den Rasterzeileninterrupt), aber allgemein bleibt die Hoffnung, daß es in einer utopischen Gesellschaft möglich sein sollte zumindest zeitunkritische Entscheidungen mit weniger Hierarchie gemeinsam(er?) zu treffen. Im Bereich Forschung ist das vielleicht z.Zt. utopischer als im Bereich Militär. Doch ob eine utopische Form Gemeinschaft für uns hier-und-jetzt Menschen überhaupt verständlich wäre darf bezweifelt werden; gerade da wir ja davon ausgehen, daß heutige Formen der Ressourcenkonkurrenz und die damit verzahnten Diskurse und Subjektivierungen überwunden sein werden/würden (ob und wenn ja wie sich diese Art von SciFi auf Zukunft bezieht klammern wir hier mal aus und nutzen die Arbeitshypothese, daß die Zukunft zumindest als Projektionsfläche für heutige Tendenzen dient, also SciFi doch irgendwie was mit sich-Zukunft-vorstellen zu tun haben könnte).

Jede Serie hatte ihre Zeitgebundenheit, beim Thema Sexismus ist seit TOS viel Positives geschehen, DS9 geht mit Homosexualität deutlich besser um als TNG usw., doch scheint hier beim sozialen Anspruch das Franchise ab VOY zu stagnieren, so daß in Bezug auf soziale Aspekte der Star Trek Utopie DS9 als Höhepunkt bezeichnet werden könnte. Noch hinzu kommen bei VOY und ENT bedenkliche Untertöne, beispielsweise Thematisierungen von Herkunft bei VOY, beispielsweise die Tatsache, daß das Foltertabu immer stärker erodiert – DS9 bleibt an dieser Stelle unabgeschmeckt, doch scheint ad hoc Picard der einzige mit Sicherheit in diesem Bereich vollkommen intgere Captain.

Zum Schluß sollten wir fragen weshalb es nicht mehr gelingt das utopische Potential zu erneuern (für spätere Verwendung: Dies wurde vor Veröffentlichung der 2017 erwareteten neuen Serie gepostet; und ja: pessimistische Prognose, sowie schwache Hoffnung sich zu irren) – die Märchenwelt von Star Wars erweist sich ja beispielsweise als recht gut aktualisierbar; interessanterweise gerade in Bezug auf Aspekte bei denen Star Trek mal Vorreiterrolle hatte: Auf der Brücke der ersten Enterprise saßen schon in den 60ern nicht nur weiße (daß nicht nur heterosexuelle stelle sich deutlich später raus) Männer! First Contact, ENT und das Film-Reboot verlagern das utopische Potential ja leider gar ins Retrofuturistische. Mit allzu verallgemeinernden Antworten, daß wir z.Zt. schlechte Bedingungen für Utopien hätten oder daß die Star Trek Utopie in einer Moderne verwurzelt sei deren Prämissen massiv zerfallen – also nicht mehr das Setting für zeitgemäße „postmoderne“ Utopien bieten könnten – machten wir es uns (hoffentlich) zu einfach. Also fragen wir als wissenschaftsbegeisterte Geeks, Freaks & Nerds doch mal wieder: Wie wollen wir das Weltall erforschen?