Geschäftsschädigung: Kriminelle entsetzt über Polizeiskandale

18. November 2020

Hehlerei, Drogendelikte, rechtsextreme Chats: Die Unterwelt sieht ihre Geschäfte durch immer neue Skandale bei der Polizei bedroht. „Das ist doch total rufschädigend“, klagt etwa ein 47-jähriger, der sich gegenüber der Kulturellenpraxis als „Polizeioberrat Förster“ vorstellt und seinen Lebensunterhalt mit Telefonbetrügereien bestreitet. „Die Leute knallen schon den Hörer auf, wenn sie nur das Wort ‚Hauptkommissariat‘ hören. Soll ich etwa in meinem Alter noch auf Enkeltrick umschulen?“ Simon K. (21), der sich sein Jurastudium durch Fahrraddiebstähle finanziert, ist ebenfalls empört: „Die kommen gratis an die beste Ware ran, während ich in Bolzenschneider und anderes teures Equipment investieren muss. Das ist klare Wettbewerbsverzerrung.“

Besorgnis herrscht auch beim organisierten Verbrechen und in der Naziszene. „Die Mitglieder dieser selbsternannten Polizeifamilie kontrollieren ganze Stadtteile und schrecken dabei vor Gewalt nicht zurück“, beschwert sich der 66-jährige Mafiapate Luigi C., „früher war das unsere Domäne. Und die glauben wohl, sie hätten das Gesetz des Schweigens für sich gepachtet.“ Cindy S. (39), die die Kasse der Freien Kameradschaft Hinterlausitz verwaltet, pflichtet ihm bei: „Straffrei Linke und Ausländer zusammenschlagen und dafür noch bezahlt werden, das können wir den jungen Leuten nicht bieten. Das stellt uns natürlich vor ernste Nachwuchsprobleme.“

Immerhin führen die Vorkommnisse in den Sicherheitsbehörden dazu, dass manch einer seine kriminelle Karriere an den Nagel hängt. „Das Geschäft lohnt sich einfach nicht mehr, seit die Leute sich ihr Zeug direkt vom sogenannten Blaulichtexpress liefern lassen“, begründet der ehemalige Drogendealer Lukas B. seine Entscheidung, ins bürgerliche Leben zurückzukehren. Der 22-jährige strebt jetzt eine Laufbahn bei der Kripo an.


Klimawissenschaftspraxis

12. November 2020

Friedrich Merz kritisiert Greta Thunberg und co: Klimaaktivisten fehle Kompromissbereitschaft.

Linda Teuteberg (FDP, MdB) fügt einer Kritik Luisa Neubauers an dieser Kritik hinzu: „Weder mit dem Grundgesetz noch mit einem aufgeklärten Wissenschaftsbegriff vereinbar.“

Eigentlich scheint es müßig auf solche Kommentare einzugehen, da sie offensichtlich nicht durch ernsthafte Wahrheitssuche motiviert sind, sondern lediglich eine Gruppe mit ihren – wissenschaftlich fundierten – Forderungen abzuwehren versuchen. Doch verweisen sie auf zu interessante Probleme um sie unkommentiert zu lassen: Wie ist das Verhältnis der Politik zu wissenschaftlichen Fakten? Und spricht ein antiessenzialistisches und antirealistisches Verständnis von Wissenschaft – wie es auch die Kulturellepraxis entschieden vertritt – gegen den Umgang mit Fakten zum Klimawandel der Fridays for Future Bewegung?

Zunächst einmal kommt „Fakt“ von „facere“, auch Tatsachen sind gemacht. Dabei fließt auch Soziales mit ein, sie sind nicht metaphysisch letztbegründbar und v.a. niemals als endgültig zu betrachten. Da es aber schwer fällt Fehler einzugestehen und häufig Wiederholtes den Anschein von Wahrheit bekomnmen kann, läßt sich Letzteres kaum überbetonen, genauer: Einer Metaphysik der entgültigen Wahrheiten sollte ein Verständnis veränderbarer Wissensstände gegenübergesetzt werden. Das bedeutet nicht, Fakten wären beliebig, also eine Annahme sei so gut wie jede andere. Entscheidend ist der Prozeß und damit die Methoden ihrer Entstehung.

Modelle zum Klimawandel wurden im wissenschaftlichen Betrieb immer wieder getestet und ihre Prognosen sind beängstigend nahe am – nämlich häufig unterhalb des – Eintreffenden. Damit sind diese bei aller Vorläufigkeit und Unsicherheit härter als Resultate unseres Alltagsverstands. Es herrscht innerwissenschaftlich über die von FFF verwendeten Fakten extrem wenig Disput. D.h., so interessant es sein könnte mit Aktivist*innen über Wissenschaftstheorie zu diskutieren, an der Richtig- und Wichtigkeit ihrer Forderungen ändert das nichts.

Das Coronavirus, der Klimawandel, Mitch McConnell und andere Naturkatastrophen gehen keine Kompromisse ein. Merz fordert dennoch von Klimaaktivist*innen offen Kompromißbereitschaft. Viele Maßnahmen gegen Covid19 – so Schulschließungen zu vermeiden – scheinen halbherzig bis widersprüchlich in dem Sinne, daß ihnen keine konsistenten Annahmen über das Virus zugrunde liegen können. Es scheint, das Wahrheitsspiel des Systems Politik lege keinen Wert auf Konsistenz der handlungsanleitenden Annahmen und Inputs hätten die Form von Interessen oder Meinungen, zwischen denen dann im Laufe des politischen Prozesses eine möglichst ausgleichende Lösung gefunden werden müsse. Dann ließe sich allenfalls kritisieren wer warum wie viel Einfluß hat.

Eine Wahrheitssuche wie sie die Erkenntnis- oder Wissenschaftstheorie vorschlägt ist somit weder vorgesehen noch zielführend. Das Handeln nur auf gesicherte Fakten basieren zu wollen – möglicherweise gar auf einer Vorstellung unverrückbarer – und unterschiedliche Interessenspositionen zu ignorieren verunmöglicht den politischen Prozeß. Hinzu kommt, daß Fakten nicht für sich sprechen, sie müssen in den Prozeß eingebracht werden. Damit haben sie ersteinmal die äußere Form von meinungs- oder interessengeleiteten Eingaben oder erreichen gar die Politik häufig nur im Rahmen von solchen. Sie können sich – gerade bei laufender Forschung zu etwas neuen wie Covid19 – ändern und Wissenschaftler*innen sind nicht immer gleicher Ansicht, weshalb stets eine ungerade Anzahl an Expert*innen eingeladen wird. Da nur eine begrenzte Anzahl von Expert*innen gehört werden kann, braucht die Streuung und Verdichtung der Aussagen nicht der im Wissenschaftsbetrieb entsprechen.

Dies ist nicht nur ein Problem der Repräsentation des wissenschaftlichen Diskurses. Eine wissenschaftliche Eingabe kann als spezielle Art der Information betrachtet werden. Wissenschaftliche Fakten verändern sich anders und bisweilen deutlich schneller als politische Positionen. Wissenschaftler*innen und Wissenschaftskommunikator*innen können Laien nur eine unterkomplexe Darstellung ihres Wissens, nicht das Wissen selbst präsentieren. Damit können wissenschaftliche Fakten nicht dem eigenen Urteil in einer Weise – so dem vielbeschworenen GMV –  unterworfen werden in der es für andere Informationen gewöhnlich oder gar geboten wäre. Wissenschaftliche Tatsachen sind komplett anderen Prozessen inkl. Grenzen der Aushandlung unterworfen als Laien zugängliche.

Es sollten also Unterschiedliche Informationsarten angenommen werden, die grundlegend – also unabhängig vom konkreten Inhalt – unterschiedlich behandelt werden müssen. Das können wir als Ontologie bezeichnen. Damit ist in diesem Sinne keine metaphysische Überlegung über das So-sein der Welt gemeint, sondern Voraussetzungen die Welt wahr-zu-nehmen und über diese Wahrnehmung zu kommunizeren benennen und überdenken zu können, auch gerade welche Ontologie wir für spezielle Ziele – so z.B. Umgang mit einer Pandemie – brauchen.

So ließe sich zusammenfassen, daß im politischen Umgang mit Covid oder dem Klimawandel eine unzureichende Ontologie für wissenschaftliche Fakten zu beobachten ist. Darüber hinaus viel Bedarf nach guter Wissenschaftskommunikation – inkl. Vermittlung von weniger unterkomplexen Wissenschaftsvorstellungen – besteht, Repräsentation ein Problem ist und es einen Ort geben sollte, für den Wahrheitssuche – Faktenproduktion – im Vordergrund steht – das ist auch ein Ansatz zu Kritik am derzeitigen Wissenschaftsbetrieb und seiner Finanzierung -, eine unbedingte Universität.


MakroAggressionen

1. Oktober 2020

Laut einer Studie zu aggressivem Verhalten im Straßenverkehr seien männliche Fahrer mit überdurchschnittlichem Einkommen die aggressivste Gruppe, aber allgemein haben wir ein Problem; ein Problem das Leben kostet.

Dagegen kann und sollte einiges getan werden. Höhere Bußgelder, konsequentere Verfolgung der Vergehen – wenn selbst die Polizei keine Mindestabstände zu Radfahrer*innen einhält, haben wir ein Problem -, gute Fahrradinfrastruktur und besser ausgebauter wie günstigerer – vorzugsfrei entgeltloser – ÖPNV könnten zumindest in den Städten viel lösen und diese nebenbei angenehmer bewohnbar gestalten. Doch dies nur am Rande.

Der Straßenverkehr scheint bisweilen ein gewaltiger Aggressionsmultiplikator zu sein, Leute reagieren ihre Aggressionen ab und erzeugen damit mehr davon. Beispielsweise seien Phantasien von Schichtdienstleistenden, mit Schlafanzug und Katana auf unnötig Hupende loszugehen genannt. Zwar wurde die Situation des Autofahrens als eine speziell aggressionsbegünstigende ausgemacht, also auch hier wieder ein Argument für eine Verkehrswende, aber das ist keine vollständige Erklärung.

Denn auch wenn der Straßenverkehr Aggressionen begünstigt, scheint es unwahrscheinlich, daß dieser die alleinige Ursache ist. Beispielsweise ließe sich aufgrund von besonders üblen Aggressionen im Feierabendverkehr annehmen, hier werde Jobfrust abreagiert; was es nicht entschuldigt, aber schonmal Anschlußfähgkeit zu antikapitalistischen Theorien aufmacht. Speziell Verkehrsteilnehmer*innen die sich viel Raum nehmen und im Falle eines Unfalls weniger körperliche Gefahr als andere fürchten müssen – ganz besonders SUV Fahrer*innen, aber auch BMW und Audi sollte ihre unsichere Wetware zurückrufen – scheienen durch ihre teils tatsächlich herausragende Stellung im Straßenverkehr nicht entspannter, sondern im Gegenteil ganz besonders Teil dieses Problems.

Interessant wäre es, die Struktur dieser – und vielleicht anderer – Alltagsaggressionen zu untersuchen. Arbeitshypothese wäre hier, daß – vielleicht ganz besonders in Schlandland – das aggressive Verhalten vor sich und anderen als gerecht, also sich für Gerechtigkeit einsetzen gerechtfertigt wird. Hier hätten wir einen Anschlußpunkt an die Selbstinszenierungen der s.g. „Wutbürger“, also daß rechte Narrative oftmals genau dieser Struktur, nämlich Empörung, daß andere sich angeblich ungerechtfertigte Vorteile zu eigenen Lasten verschaffen. Hier steckt offensichtlich auch Projektion hinter: Sind es ja gerade Privilegierte die in diesn Kontexten meist ihre Privilegien zu verteidigen suchen. Was eine teilweise Erklärung des SUV-Verhaltens sein kann.

Daß dieses Selbstbild, als zurückgesetzt für die eigenen Rechte eintretend, nur falsches Bewußtsein sein kann, zeigt sich bei Alltagsaggresssionen wie denen im Straßenverkehr bereits daran, daß selten bis nie Reue im unvermeidlichen und tatsächlich sogar häufigen Fall Irrtümern erkennbar ist. Der ADAC scheiterte mit dem Versuch, ein Handzeichen für „Entschuldigung“ einführen zu wollen.

Nun sind diese Beobachtungen an einige Theorien anknüpfbar. Vielleicht lassen sich die in Job, Straßenverkehr und Verhalten gegenüber Servicepersonal umhergehenden Aggressionen als Mikrofaschismen im Sinne von Deleuze/Guattari modellieren. Das Konzept der Autoritären Persönlichkeit der Frankfurter Schule sagt eine hohe Neigung zur Projektion voraus. Letztlich könnten wir von hier ausgehend ein interdisziplinäres Projekt von philosophischer Subjekttheorie, Soziologie und Psychologie starten, um eine umfassende Theorie des Wutmenschen aufzustellen. Nutzt die Kommentare, diskutiert auf Twitter oder finanziert uns ein Forschungsinstitut!


#Cutenessrevolution anderswo #7: Islieb?

2. September 2020

Dem ist nichts hinzuzufügen!


Plüschie Theorie #10: Avantgarde

17. Juni 2020

„Vielleicht ist es ja schon offensichtlich, aber da ich es gerne sagen möchte: Ich scheiße auch auf die revolutionären Avantgarden des ganzen Planeten.“ –Subcommandante Marcos, zitiert nach @elquee

Doch muß eins um auf die Avantgarde scheißen diese hinter sich gelassen haben. Doch wie und wo das geht hängt davon ab wie der theoretich-aktivistische – Plüschtier– & Barbiebilder mal als cutenessrevolutionärer Aktivismus verstanden – Raum strukturiert ist; gerade wenn wir ihn mit unserer Arbeit de- oder restrukturieren wollen.

Denn letztlich sind wir in Gefügen/Netzen/Mannigfaltigkeiten immer in der Mitte, von der aus wir den Verbindungen zu allen Seiten folgen können. Flausch streckt die Fasern nach uns aus und umschließt uns, es ist damit Teil der Circlusphere. Es geht ja gerade darum von hierarchischen, baumartigen Strukturen wegzukommen – weary of holism, but needy for connection -, über neue narrativen zu neuen Denk-, Wissens- und Gemeinschaftsstrukturen zu kommen.

D.h. was nahe(liegend), was fern, was vorne, was hinten ist hängt von den Verbindungen ab die wir knüpfen. Damit sind die Plüschtierstudies „vorne“ da sie die ersten sind die so etwas – strategisch offen gelassen was die Alleinstellungsmerkmale dieses „etwas“ sind – produzieren und „vorne“ daß sie einladen ihnen zu folgen; oder geben sie Impulse in eine Richtung? Dann wären sie aber schon wieder hinter dem was sie anschieben! Kümmmern wir uns also beim Tanzen nicht so sehr darum wann wir nun gerade wo stehen, sondern lassen uns auf die Bewegungen ein!


Prepping ist tot

29. April 2020

Eigentlich sollte eine echte – ja, hier legen wir uns fest! – Krise wie Covid-19 die Stunde der Prepper sein; alleine Vorräte um mit einem Lockdown umzugehen klingen ja recht hilfreich. Doch genau aus dieser Szene – u.a. – kommen jetzt Zweifel daß die Situation so ernst sei wie Fachleute behaupten und Forderungen nach gewohntem Zugriff auf andererleute Arbeitskraft.

Daß die rechte Szene voller weinerlicher Jammerlappen ist, die austeilen wollen, aber nicht einstecken können dürfte bekannt sein. Wie groß muß die Enttäuschung sein, daß echtes Survival eine* nicht zu* strahlenden Held* macht; in der Tat die Herausforderung teils darin liegt daß es so weitgehend unspektakulär ist.

Es wurde sich nicht auf konkrete Katastrophen, sondern auf Erzählungen und Vorstellungen von solchen vorbereitet; und kein Plan – nichteinmal ein guter – überlebt den ersten Feindkontakt. Von daher sind die – gescheiterten? – Erzählungen letztlich das Interessante hieran.

Zunächst wäre die toxische Männlichkeit zu betrachten: Sich als unabhängiges Individuum darzustellen, welches durch Härte, die sich auch in Rücksichtslosigkeit äußert nicht so verwundbar wie andere dasteht. Gepreppt werden bei dieser Deutung letztlich symbolische Härteverstärker, beispielsweise Waffen. Nun sind „materialistisch“ betrachtet Waffen aber keine Genitalverlängerungen, sondern gefährliche Gegenstände, d.h. für eine echte Waffe sollte prozedurale Vorsicht erlernt werden und verantwortungsvoller Einsatz, zumal sowohl eine zu schnell als auch eine nichteingesetzte Waffe schlimmere Folgen als keine hat.

Überleben hängt immer Verwundbarkeit zusammen; davon zu sprechen ergibt ohne keinen Sinn. Das setzt einen Umgang mit der eigenen Verwundbarkeit voraus und es bedeutet in den meisten Fällen – speziell diesem – von anderen abhängig zu sein. Ein Teil der alltäglichen Abhängigkeit läßt sich leicht verleugnen, da das gesellschaftliche Verhältnis abstrahiert durch bunt bedrucktes Papier reguliert wird. Doch zu glauben daß wenn diese gewohnten Prozesse nicht funktionieren es keine Gesellschaft gebe – oder daß es keine gebe – überschätzt dieses eine Verhältnis; und die Änderbarkeit der Verhältnisse.

In (nicht nur) dieser Krise scheinen Geduld, Solidarität und Verantwortungsbewußtsein – für sich wie andere – die entscheidenden Überlebenstugenden. Rücksichtslosigkeit scheint aber eine über bestimmte Szenen hinaus verbreitete Reaktion zu sein: Sich Vorteile auf Kosten Anderer verschaffen zu wollen. Soetwas näher zu untersuchen fällt in den hochspannenden Grenzbereich zwischen Psychologie kritishen Anspruchs, kapitalismuskritischen Gesellschaftswissenschaften und der Suche nach sinnvollen Subjekttheorien und wird uns auf diesem Blog sicherlich noch häufiger beschäftigen.

Oftmals werden diese mit „Überleben“ verbundenen Phantasien mit Ursprünglichkeitserzählungen begründet. Ganz gleich wie viele Forschungsergebnisse dagegen sprechen, „die Steinzeitmenschen“ oder „die Evolution“ dienen als Projektionsfläche und schlechte Post-Hoc Erklärungen. Dahinter könnte die Erzählung von „Kultur“ als Zähmung des an sich tierisch-bösen Menschen stehen, deren Wertung – wie es bei dieser Art von Gegensätzen oftmals passiert – umkippt. Nur wird mal wieder hier keine „Ursprünglichkeit“ befreit, sondern lediglich etwas das in einem Deutungs- und Handlungsmuster das behauptete etwas zu unterdrücken angelegt war; Foucault-Fußnote bitte selbst raussuchen.

Die Ursprünglichkeitserzählungen sind also gefährliche Wunschträume. Und wenn Überleben Verwundbarkeit und Abhängigkeit heißt, können wir in einigen Ecken feministischer Theorie deutlich nützlichere Konzepte als in der rechten Prepperszene finden; gut, letztlich überall wo Überleben ein Problem und nicht bloß eine Geschichte ist.

Dies heißt aber nicht, daß es nicht sinnvoll sein könnte für gewisse Notfälle vorbereitet zu sein. Wir können aus der Coronasituation lernen und es gibt Best Practice Empfehlungen für einige Katastrophenszenarien die sich ohne allzu viel Aufwand oder symbolischen umsetzen lassen.

Beispielsweise könnte es praktisch sein, von permanent gebrauchten, aber haltbaren Sachen die Vorräte aufzustocken. Hamsterkäufe sind ein Versuch sich Vorteile auf Kosten anderer zu verschaffen und je mehr Leute vor einem Notfall gewisse Vorräte haben desto geringer die Gefahr daß in einem solchen zu wenig verfügbar ist. Ein Nichtcoronabeispiel wäre ein „Grab & Go Bag“, also jederzeit auf ein paar unvorbereitete Übernachtungen woanders als zuhause vorbereitet zu sein, das schafft Handlungsmöglichkeiten, auch bei erfreulichen Anlässen.

Bildet Banden der Flauschigkeit und paßt aufeinaner auf!


#cutenessrevolution anderswo #3: Radwegwächter*innen

18. September 2019

https://mobile.twitter.com/nochrichten/status/1174353571040641027

Plüschtiere – der günstigeren Sorte – auf dem weißen Streifen der die Fahrbahn vom Radweg trennt aufgereiht. Bildunterschrift: „Mit Teddybären und vielen anderen Stofftieren auf der Markierung des Radfahrstreifens auf der Währinger Straße machte die
@radlobby das Radfahren dort für kurze Zeit sicherer. Gefordert wird eine kindergerechte Radinfrastruktur.“

Was machen wir aus Sicht der Plüschtierstudies daraus? Es scheint ja zunächst einmal gegen das fiktive Gesetz zum Schutz von Anscheinstieren zu verstoßen potentielle Companions auf eine befahrene Straße zu setzen; solch niedliche Wesen einer Gefahr auszusetzen fühlt sich unangenehm an. Und dieses unangenehme Gefühl ist beabsichtigt. Auch wenn diese Aktion damit einige Definitionen von Kunst erfüllen dürfte, werden die wehrlosen Plüschtiere hier nicht zu instrumentell eingesetzt? Zumal keine sündhaft teuren zu erkennen sind; also anzunehmen ist daß mit Schäden/Verlusten gerechnet wurde und sie als günstige Requisiten – also reine Objekte – erworben wurden.

Doch Plüschtiere – Teddybären zumal – können Beschützer*innen sein und gerade wenn ihre große Trampler Kinder sind, dürfte ihnen das ein Anliegen sein. Und um Schutz geht es hier ja in doppelter Hinsicht, zum einen unmittelbar – sie riegeln den Radweg vom motorisierten Individualverkehr ab – zum anderen in politischer Weise – sie machen darauf aufmerksam was für einer Gefahr sie und damit ihre Trampler durch diese Art von unzureichender Trennung ausgesetzt sind.

Sehen wir dies also nach Principle of Charity als eine Demo mutiger Plüschtiere und fordern: Plüschtiere an die Macht!

 

Update: Die Plüschtiere hatten Erfolg!


Intellenz

8. September 2019

Ist es – unter Berücksichtigung des „falschen Ganzen“1 herrschender Verhältnisse – intelligent die verfügbare Intelligenz zu nutzen um sich das Leben einfacher2 zu machen oder schwieriger?

Plüschschwein Sokrates3, alias „Sokra-Pig“


1 Schließungen des Möglichkeitsraums trotz scheinbarer Widersprüche – genauer: Gegensätze – innerhalb wird bezeichnet mit dem aus fortgeschrittenen Dialektikarten entlehnten wissenschaftlichen Fachbegriff „Gesamtscheiße“

2 „Einfacher“ heißt auch, die vorhandenen Handlungsoptionen hinzunehmen und somit die „Gesamtscheiße“ aus der sie entstammen dadurch performativ zu festigen, ein Phänomen was die Kritische Psychologie als „restriktives Handeln“ zu fassen sucht, welches dem Subjekt dieser Theorie zu Folge letztlich immer schade

3 „It is better to be a human dissatisfied than a pig satisfied; better to be Socrates dissatisfied than a fool satisfied. And if the fool, or the pig, are of a different opinion, it is because they only know their own side of the question.“ —John Stuart Mill


Y-Tours auf der Schiene

21. August 2019

Viele Transportmittel der Bundeswehr befinden sich in nicht oder nur eingeschränkt funktionstüchtigem Zustand. Aber die zahlreichen, aktiven, gut vernetzten, aber anscheinend nur ein paar Linksextremist*n störenden Neonazis im tödlichsten Trachtenvereins des Landes wollen auf ihre Rechtsrockkonzerte und Prepper-Vernetzungstreffen.

Die Bundesregierung hier setzt klare Prioritäten: Während Geld für heimische Beatmung eingespart wird dürfen Bundeswehrsoldat*innen in Uniform künftig kostenlos die Bahn – inkl. ICE – nutzen. Kosten läßt sich die Bundesregierung dies „rund vier millionen Euro im Jahr“, was bei laut Bundeswehr.de 181.377 aktiven ziemlich genau 22€ pro Person pro Jahr bedeutet. Zum Vergleich: Eine Bahncard100 2. Klasse kostet derzeit 4395€ für ein Jahr und gewöhnliche Arbeitnehmer*innen müssen geldwerte Vorteile von über 44€ im Monat versteuern.

Da sich Uniformen gut fälschen lassen schlagen wir vor, daß dazu ein Sturmgewehr mitgeführt werden muß. Tatsächlich wird zu diesem Zweck ein Buchungsportal geplant; die gebuchten Plätze gehen vom Sparpreiskontingent ab.

Wie wird soetwas begründet? Die Verteidigungsministerin meint laut Zeit: „Die Bundeswehr wird damit sichtbarer in unserer Gesellschaft.“ Noch klarer drückt es CSU Landesgruppenchef Dobrint laut Spiegel-Online aus: Es gehe um einen „Beitrag für die Sichtbarkeit der Soldaten in der Gesellschaft. ‚Übrigens geht dies auch einher mit einem stärkeren Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger'“

Daß weniger Sichtbarkeit – und überhaupt Bedeutung – des Militärs vielleicht eine gesellschaftliche Errungenschaft sein könnte, daß gar die Person in der Uniform Staatsbürger*in bleiben sollte, also das Militär sich der Zivilgesellschaft annähern sollte, nicht umgekehrt gilt höchstwahrscheinlich schon wieder als linksextreme position. Von daher bleibt nur zu kritisieren daß die Soldat*innen doch bitte nicht wie in einer Geländeübung rumlaufen sollen, sondern gefälligst Ausgehuniform anlegen.

Was das Sicherheitsgefühl angeht: Leute die spotten daß diese Truppe niemandem Angst einjage haben noch keine Gruppen junger Männer im Zug erlebt: die Fußballfans bekommen künftig Unterstützung für das Bahnfahrerlebnis; und alle sind sie für Schland. Betrachten wir das Problem genauer: Wir haben eine Korrelation zwischen jungen Männern Anteil der 20- bis 29-Jährigen: 54,34 Prozent – und Bundeswehrangehörigen. Junge Männer sind genau die Gruppe von der die meisten Gewaltverbrechen ausgehen. Beachten wir daß Pazifist*innen in der Bundeswehr nicht vertreten sein dürften, rechtsextremistische Vorfälle hingegen aber häufiger bekannt werden – mit hoher Dunkelziffer, denn wegen Corpsgeist kann davon ausgegangen werden daß viele nicht gemeldet werden -, haben wir somit ein erhöhtes Risikoprofil für aggressives Verhalten; selbst wenn wir vernachlässigen, daß diese Leute ja zum töten ausgebildet werden mußten. Auch Autoritätskritische Leute werden in der Bundeswehr keinen Platz haben, viel mehr scheint – worauf Dobrints Äußerungen auch hindeutet – das Militär eine Faszination auf autoritäre Persönlichkeiten auszuüben. Dies bedeutet aber weitere Risikofaktoren im Sozialverhalten der künftigen kostenlosen Bahnreisenden: Hängt doch die autoritäre Persönlichkeit eng mit toxischer Männlichkeit und dessen Ritualen wie exzessivem Alkholkonsum zusammen; und in der Tat wird ein solcher Bundeswehrangehörigen in ihrer Freizeit gerne nachgesagt. Auch erzeugt ein autoritäres Umfeld eine Lust an der scheinbaren unmittelbaren Befreiung, dem „Über die Stränge schlagen“ als Ausgleich. Zu guterletzt existiert ein Zusammenhang zwischen autoritärer Persönlichkeit, Narzißmus – ein Selbstbild das nur durch Abwehr, u.a. durch Projekt, aufrechterhalten wird – und Nationalismus.

Wir können also auf Basis mehrerer psychologischer Herangehensweisen festhalten, daß eine deutlich höhere Korrelation von Soldat*innen zu Gewaltverbrechen als bei der Durchschnittsbevölkerung zu rechnen ist. Salopper ausgedrückt: Da wird ein Haufen Stressofanten in die Züge kommen. Also nicht nur werden wissenschaftlich informierte Bürger*innen durch Soldat*innen im Zug weniger „Sicherheitsgefühl“ haben, die Vorstellung daß sich welche von Bemerkungen wie der Dobrints ermutigt sehen die „Sicherheit“ in die eigene Hand zu nehmen läßt weiteren Anstieg von Verbrechen fürchten. Wer der Ansicht ist damit zu Unrecht verdächtigt zu werden, möge sich gegen Racial Profiling einsetzen statt dem eine „not all“ Argumentation entgegenzusetzen, wir diskutieren hier schließlich nur statistische Risikofaktoren.

Es bleibt also zu fragen was das soll. Handelt es sich lediglich um Werbegeschenke Konservativer an ihre Zielgruppe bzw. erwähnte autoritäre Faszination mit dem Militär und dessen Symbolgehalt? Wird darauf gesetzt daß die Probleme v.a. marginalisierte Gruppen treffen werden? Oder geht es tatsächlich darum Militär und Militarismus als Mittel der Innenpolitik nutzen zu wollen, wie wir es bei Diskussionen um Bundeswehreinsatz im Inneren und Ausstattung der Polizei beobachten können? Einfacher ausgedrückt: Ist es wieder so weit?

Von daher seien hier Leute vorgeschlagen die vor/statt Bundeswehrangehörigen kostenlos Bahn fahren können sollten

  • PTBS erkrankte: Soldat*in zu sein heißt nicht zwingend im Auslandseinsatz gewesen zu sein, Auslandseinsatz heißt nicht im Kampfeinsatz gewesen zu sein, Kampfeinsatz heißt nicht dadurch geschädigt worden zu sein. Von daher wäre es sinnvoller einfach alle Leute mit posttraumatischer Belastungsstörung zu unterstützten
  • Freiwillige Feuerwehrleute: Angehörige dieser Gruppe riskieren wirklich ihr Leben und nicht nur für die deutsche Außenpolitik, sondern um konkrete Menschen zu retten. Prvilegien wurden u.a. durch Klagen auf „Gleichbehandlung“ abgebaut. Im Unglücksfall wissen diese Leute was zu tun ist, ihre Anwesenheit erhöht also tatsächlich die Sicherheit
  • Pflegepersonal: Unter schlechten arbeitsbedingungen opfern diese Leute ihre Gesundheit um wirklich notwendige soziale Tätigkeiten zu verrichten. Es herrscht Personalmangel in diesem Bereich, d.h. zusätzliche Anreize diesen Beruf zu ergreifen kommen letztlich allen zu gute. Pflegepersonal weiß wie es in medizinischen Notfällen zu reagieren hat und wie sie sich in schwierigen Situationen durchsetzen, also auch ihre Anwesenheit erhöht somit die Sicherheit im Zug
  • Radfahrer*innen: Sie riskieren täglich ihr Leben für unseren Planeten. Da viel über „Kampfradler“ schwadroniert wird erhöht es zumindest die gefühlte sicherheit wenn mehr von ihnen von der Straße auf die Bahn verlegt werden
  • Bahnpersonal: Dieses ist mit der neuen Regelung nämlich schlechter gestellt als Bundeswehrangehörige #keinepointe
  • Alle: Für den ÖPNV wird der entgeldlose Fahrgastverkehr länger diskutiert, durch eine Umlage könnte das Ticketwesen und das daraus folgende Kontroll(un)wesen – inkl. wegen Schwarzfahrens1 im Gefändnis sitzenden – gespart werden, die ökologisch notwendige Verkehrswende vorangetrieben werden und Sozialausgleich geschaffen werden, in den Städten die Einnahmen durch Tourismus steigen. Für den Fernverkehr scheint dies zwar derzeit recht radikal, aber die Verteidigungsministerin hat gezeigt daß es für 22€ pro Jahr pro Person ginge

1 An dieser Stelle sei dafür plädiert vor den rassistischen Assoziationen die dieses Wort auslöst nicht durch Ersetzung davonzulaufen, sondern ihnen mit einem Eigentlichkeitsmove die Wurzeln aus dem Rotwelsch entgegenzusetzen. Demnach hieße „schwarz fahren“ ‚eigentlich‘ „arm fahren“. Darin steckt mehr vergessene Sozialkritik als in den naheliegenden Ersetzungen und es bietet Anlaß über die bekämpften Spuren des Jiddischen und Romanes im Deutschen aufzuklären, so auch hier.


Eine Lanze für #10 Glitzer

20. August 2019

“Eine Lanze für … : Hantologische Streifzüge zu totgesagten Konzepten, in theoretischen Abfällen containernd”, Teil 10: Glitzer & Cuteness

„Die Horden der Finsternis glitzern nicht“ –Fauchi Stormborn

Vielleicht sollte Anwürfen aus dem küchenpsychoanalytischen Storygenerator nicht noch Aufmerksamkeit gewidmet werden und nicht die drölfzigste Widerlegung geschrieben werden. Vielleicht ist es aber auch ein guter Anlaß ein paar Dinge zu bärklären.

Dieses mal geht es um Cuteness- und Glitzerästhetiken. Diese seien ein Teil von Selbstinfantilisierung und zeigten daß die nutzenden harmlos gegenüber den herrschenden Verhältnissen sein wollen. Der Einwand daß feminine Ästhetiken abzuwerten misogyn motiviert sei reproduziere Rollenerwartungen. Und wir dachten die Rollentheorie wäre längst zerbröselt und durch Performanztheorien ersetzt..

Zunächst einmal müssen wir klären: Einhörner, Glitzer und Cuteness sind sicherlich streng Opt-In-Only! Wer es nicht versteht muß nur verstehen es nicht zu verstehen. Also müssen keine moralischen Verbindlichkeitsansprüche abgewehrt werden. Von daher scheint es verwunderlich daß überhaupt darüber kontrovers diskutiert wird. Ob so viel polarisierendes Potential bereits auf subversives hindeutet sei mal dahingestellt, aber anscheinend geht es zumindest nicht um Wirkungs- oder Bedeutungsloses.

Als Opt-In Modell müssen wir uns eigentlich auch nicht mit dem Problem beschäftigen, daß Subjektivierung ja nicht im luftleeren Raum stattfindet, also diese „Erwartungen“ nicht nur äußerliche sind, sondern sich dazu irgendwie zu ihnen verhalten und verhalten zu müssen Teil des Subjekt-Seins ist. Ohnehin bereitet das Dilemma daß einerseits jede Wiederholung eine Norm festigt, andererseits Ausdrucksmöglichkeiten pauschal herabzuwürdigen – zum Anderen, zum Untergeordneten machen – wiederum Teil dieser zu bekämpfenden Norm ist nur dann unlösbare Probleme wenn auf jegliche Ambiguität verzichtet wird. Nun ist es aber gerade Grundprogramm einiger poststrukturalistischer Queerverständnisse kleine Uneindeutigkeiten zu großen Möglichkeitsräumen ausweiten zu wollen. Hier fügen sich Cutenessästhetiken gut ein. Wenige Leute laufen anlaßlos als japanische Maskottchen rum, d.h. als großer Trampler (Mensch, Cyborg u.ä.) reine Cuteness darzustellen ist schwer bis unmöglich. Cutenessästhetiken werden also meist mit anderen Stilen kombiniert. Nun sind aber gerade ungewöhnliche Kombinationen die Seh- und Denkgewohnheiten durchkreuzen geradezu ein fast schon langweiliger Grundbaustein dieser Ecke von queerer Ästhetik. Da Cuteness aber als unmännlich und unerwachsen gilt können damit beispielsweise Selbstinszenierungserwartungen unterlaufen werden. Sich nicht zu ernst nehmen als politisches Programm.

Der „Selbstinfantilisierung“svorwurf ist nicht neu, von Safespaces bis zu ungeschickten Abkürzungen („Transpi“, „Lauti“) waren so manche Phänomene Aufhänger für diese kritischen Kritikversuche, doch nun hat die Autodeterminierung des Anwendungsbereichs endlich das (zu) offensichtliche Ziel gefunden: Ästhetiken die sich kindlich Konnotiertem bedienen. Dies zu verbinden bedient sich einer versteckten biologistischen Prämisse, nämlich Cuteness mit Kindchenschema und dieses mit „Nestpflege“ wegzuerklären; wie es leider auch in den Cuteness-Studies- das gibt es tatsächlich, allerdings mit zu nützlicher Ausrichtung um hier positiv beachtet zu werden – oftmals geschieht, daher heißt unser „postmoderner“ Gegenentwurf „Plüschtierstudies“, auch wenn er mittlerweile über Plüschtiere hinauszugehen vermag, aber nicht ohne sie vonstatten geht. Der Einwand das sei doch kindisch ist in diesem Fall so dermaßen naheliegend, daß davon auszugehen ist, Fans von Cutenessästhetiken hätten sich damit von sich aus auseinandergesetzt; sei es auch nur mit einem „na und!?“. Dies schließt zwar nicht aus daß unter Schichten von beispielsweise Ironie das offensichtlich Naheliegende versteckt sein kann, nur wären Leute die dies behaupten in der Pflicht solche – und andere – Schichten ersteinmal feinsäuberlich abzutragen.

Soetwas kann allerdigns schon deshalb nicht gelingen, weil wir es nicht mit einem klar umrissenen Ding zu tun haben, sondern einem dezentralen, bisweilen brüchigen und widersprüchlichen Gefüge. D.h. auch daß ähnlicher Ausdruck sehr Unterschiedliches bedeuten kann. Die eine, die eigentliche Bedeutung eines Zeichens festlegen zu wollen muß scheitern. Dies ist keine „postmoderne Beliebigkeit“, sondern eine Forderung nach gegenstandsangemessenen Methoden. Speziell politischer Ausdruck ist oftmals ein Move – im dreifachen Sinne von Spielzug, Bewegung zu und Absetzungsbewegung von – somit nicht ohne Absichten, Kontexte, Rezeptionen genauer zu untersuchen oder beurteilen. Beispielsweise Verunsicherungstaktiken – und mit diesen arbeitet „postmoderner“ Aktivismus ja gerne – können weder eindeutig, noch stabil sein. Ästhetiken lassen sich nicht vor Vereinnahmung schützen, das macht Cuteness so radikal, hier wird dies nichteinmal versucht.

Methodendiskussion in den Plüschtierstudies

Daß aber Cutenessästhetiken vermehrt auftreten und – in manchen Kontexten – un-verschämt gezeigt werden, die scheinbare Grenze zwischen Spiel und Ernst verwischend und gar politisch eingesetzt werden, wollen wir „Cutenessrevolution“ nennen, wohlwissend daß sie – wie vielleicht jede Revolution bei näherer und dogmensparsamer Betrachtung – eine Mannigfaltigkeit mit unterschiedlichsten Zielen ist. Eine Aufgabe für die Plüschtierstudies wird es sein die Cutenessrevolution im den Kontext queerer Ästhetiken zu untersuchen und ihre queerenden Potentiale zu fördern.

Es mag Cuteness- und Glitzerästhetiken geben, die einfach nur oberflächlich sind – von allen zu verlangen immer und überall subversiv zu sein wäre zu viel verlangt und führte zu Überforderung. Dieser wird dann oftmals mit Abwehrmechanismen begegnet, welche die Psychoanalyse so trefflich beforscht hat. Jedenfalls könnte es sinnvoll sein „Guilty Pleasures“ – sondern höchstens ihre Folgen – nicht als Politisch-Moralisches zu untersuchen, darunter leiden unnötig entweder die Pleasures oder die Theorien mit denen sie gerechtfertigt werden. Wenn etwas Wohlbefinden spendet ohne anderen dabei zu schaden kann es beispielsweise als Selfcare dienen: aufgerieben im Namen der Gutensache(tm) nützt d* beste Revolutionär*in niemandem; und das Gefühl daß nicht alles von Nützlichkeit abhängt – sei es auch die für die gutesache(tm) – ist auch etwas Wert. Wir halten also fest: Cuteness macht nur dann Spaß wenn sie nicht unmittelbaren Zwecken untergeordnet ist oder ein Eigenleben neben den Zielen führt. Affinität zu Cuteness besser leben zu können ist für manche eine Befreiung; kein gelöster Hauptwiderspruch, aber doch mehr Handlungsmöglichkeiten. Nicht zuletzt für Plüschtiere, die jetzt mehr unter die Leute kommen. Die Cutenessrevolution hat also subrevolutionäre Anteile, doch schadet dies nur in einem Entweder-Oder-Denken. Selbst das beste Schwert funktioniert nicht ohne stumpfe Teile.

Die Plüschtierstudies grenzen sich gezielt vom Thema Kinder ab, gerade um die Assoziationskette Niedlichkeit:Kindlichkeit:Unschuld zu durchbrechen; dort geht es nicht um Unschuld, nichteinmal verlorener oder bekämpfter. Dies grenzt sich in zwei Richtungen ab: Zum einen gegen Kritik die – bestenfalls durch versteckte biologistische Prämissen, schlimmstenfalls durch Assoziationsschlüsse – den Cutenessästhetiken Kindlichkeit unterstellt, zum anderen bedeutet das auch eine Aufgabe für die Cutenessrevolution, die Elemente jenseits von Unschuld und platter Distanzierungsironie – beispielsweise durch ernstes Spiel – weiter zu entwickeln.

Doch erstaunlich viele die sich positiv auf derartige Ästhetiken beziehen haben in Abgründe geblickt. Somit läßt sich nicht ohne Weiteres erkennen ob hinter einer Affinität zu Cuteness Naivität, Wunsch nach Naivität oder das genaue Gegenteil, nämlich sich bewußt zur Ent-Täuschung dieser zu verhalten ist. Vielleicht gar dem irreparabel beschädigtem Leben vitale Fiktionen entgegenzusetzen.

Damit ließe sich im Stil der Küchenpsychoanalyse – und mit dessen deutungshoheitsgreifenden wie assoziativen Methoden – polemisieren, daß vor sich herzutragen Safespaces und Cutenessästhetiken nicht zu verstehen oder gar zu verachten zeige, die Gründe für Bedürfnisse danach nicht nachvollziehen zu wollen und können. Der Selbstinfantilisierungsvorwurf wäre dann als projektiv einzuordnen, wird er doch durch Naivität aufrecht erhalten und basiert auf der Abwehr der Befürchtung, die eigene Reife und Abgeklärtheit sei nur Simulation. Aber so zu argumentieren wäre weder methodisch noch moralisch vertretbar. Glücklicherweise ist ernsthafte Subjekttheorie weiter als solch feuilletonistischen Sparversionen.

Wie steht aber Cuteness jetzt zu Harmlosigkeit? Dies ist eine offene Debatte. Doch glücklicherweise ist dessen Ergebnis hier nicht praxisrelevant. Die Militanzdebatte steht nämlich auf einem anderen Blatt. Militanz ist keine Lebensform, keine Ästhetik – Ästhetiken können ohnehin keine festen Größen sein – und sollte die Frage nach den Beziehungsweisen nicht beantworten. Also wäre es ein fataler Kategorienfehler Cuteness mit irgendwelchen taktische Entscheidungen in Verbindung zu bringen. Nur so viel sei verraten:

Feder & Schwert (gut, Kugelschreiber und Multitool), die Waffen einer Punkprinzessin #cutenessrevolution

Fazit: Realität ist etwas für Leute die nicht mit Einhörnern klarkommen – Philosoph*n gegen Realität und Plüschtiere an die Macht!