Die Kulturelle Praxis Teil II

25. September 2010

In Zusammenarbeit mit Odradek

Es klopft an der Tür.
Arzt: Herein.
Sprechstundenhilfe betritt das Zimmer.
Sprechstundenhilfe: Doktor Watzlawick, Soeben rief Herr Andi Essenzialismus an. Er benötigt ein neues Rezept gegen chronische Naturalisierung. Er holt es in den nächsten Tagen ab.
Arzt: Ist gut, ich stelle es aus. Er braucht gar nicht persönlich vorbeizukommen. Ich schicke es ihm per Post, das ist immernoch der beste Weg.

Kurze Zeit später betritt der Briefträger die Praxis.
Briefträger: Schönen guten, haben Sie Post für mich zum mitnehmen.
Doktor: Aber klar, wie immer reichlich. Hier bitte sehr. (Doktor überreicht einen Stapel Tagespost)
Briefträger: Vielen Dank.
Doktor: Und wie geht es Ihnen?
Briefträger: Ehrlichgesagt kann ich das nicht so genau sagen, mir sind alle großen Erzählungen gescheitert.
Doktor: Achje, was haben Sie denn?
Briefträger: Naja, in letzter Zeit fühle ich mich so beliebig.
Doktor: Also… vulgär postmodern?
Briefträger: Irgendwie schon. Dazu kommt noch beruflicher Druck: Ich soll flexibler werden, sagen die.
Doktor: Jaja, Sie fühlen sich auch neoliberal, das ist leider eine Begleiterscheinung von postmodern. Passenderweise sind Sie ja auch Dienstleister… Schonmal mit der Gewerkschaft gesprochen?
Briefträger: Ach die… die sind doch auch nicht mehr das, was Sie mal waren.
Doktor: Hmmm… Achja richtig, der Bedeutungsschwund… (überlegt kurz)…Wissen Sie was? Ihnen könnte Imagebuilding gut tun. Dazu ein bisschen Selbstmanagement und Selbstcoaching, vielleicht auch ein bisschen Joga, und schon sind Sie wieder auf’m Dampfer.
Briefträger: Wie meinen Sie das?
Doktor: Ganz einfach: Sie brauchen einen neuen Denkstil, dazu gehört auch ein passendes Äußeres…Also, Ihre Uniform ist viel zu Post*, stattdessen… (Doktor geht zum Schrank, holt einen schwarzen Mantel heraus)… verordne ich Ihnen erstmal ein wenig Neo*. Aber Vorsicht vor der heteronormativen Matrix.
Briefträger: Und Sie sind sicher das wirkt?
Doktor: Schau’n mer mal. Wenn nicht, müssen wir die Therapie durch kritisch-queere Widerständigkeit verschärfen. (nimmt eine Federboa aus dem Schrank)
Briefträger: Na gut. Vielen Dank, Frau Doktor Butler.
Doktor: Ich bitte Sie: Lassen Sie das ‚Frau‘ weg!
Briefträger: Entschuldigung.
Doktor: Nichts für ungut…

DER NÄCHSTE BITTE…

Meister Proper tritt ein.
Arzt: Hallo und herzlich willkommen in der Kulturellen Praxis, wie geht es uns heute … Moment, waren Sie nicht schonmal hier? Sie waren doch der Typ, der auf 14% Alkohol überforderte Hausfrauen Stalkte.
Meister Proper: Hey, ich bin clean!
Arzt: Nichts für ungut …
Meister Proper: Aber genau das ist jetzt mein neues Problem, alles um mich herum ist so … sauber, so perfekt. Und immer souverän-fröhlich wirken ist auf Dauer auch eine Qual.
Arzt: mmh… (nimmt die Jacke des Briefträgers aus dem Schrank) was sie ganz dringend brauchen ist ein wenig Postmoderne (holt eine Hornbrille aus der Schreibtischschublade) …wie wär es mit einer Umschulung auf Linksnietzscheaner? Die Frisur dafür haben Sie ja.
Meister Proper: Ach, wissen Sie… ich arbeite seit ’58 als Reinigungskraft, da hatte ich mehr als genug mit Philosoph*Innen zu tun.
Arzt: Gut, aber ihre Frisur hat Potential (holt eine Bomberjacke aus dem Schrank): Wie wär’s dann mit Skinhead?
Meister Proper: Ach, nee… ich bin zusehr in der Mittelschicht verwurzelt. Außerdem verbinden ohnehin schon zu viele ‚weiß‘ und ‚Reinheit‘ mit mir.
Arzt: Verstehe, ein schwieriger Fall; Punk könnte dann auch zu plebejisch … moment, das ist es! (Kramt in einer verstaubten Kiste mit der Aufschrift „80er“, Katana und monitorloses Notebook hinter sich werfend. Er gibt ihm Mirrorshades und einen weiten Ledermantel) Cyberpunk!
Meister Proper: Dystopien, wie sie immer auf solche Ideen kommen. Vielen dank und – hasta la vista, Dr.Gibson.

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Die Kulturelle Praxis Teil I

24. September 2010

DER NÄCHSTE BITTE…

Patient tritt ein, setzt sich.
Arzt: Schönen guten Tag und Willkommen in der kulturellen Praxis, was fehlt Ihnen denn?
Patient: Mir fehlt’s an Kultur, jedenfalls bekomme ich das von allen Seiten meines Umfelds zu spüren.
Arzt: Haben Sie es mal mit Bildung versucht?
Patient: Jo! Das hab ich zur Schulzeit viel genommen aber es hat nicht gewirkt.
Arzt: Hmmm…ahja, working class: dann versuchen wir es doch mal mit Subkultur. Was machen Sie beruflich?
Patient: Im Moment bin ich erwerbslos!
Arzt: Aha, verstehe… dann verschreibe ich Ihnen folgendes Mittel. (kritzelt auf Papier)
Patient: Was ist das?
Arzt: Ist ein Haarfärbemittel. Ich verordne Ihnen zwei Wochen Punk, wenn’s danach noch nicht besser ist, kommen Sie nochmal wieder.
Patient: Jo! Ich werd’s versuchen, muss ich irgendetwas besonderes beachten?
Arzt: Nein, eigentlich müssen Sie gar nichts tun. Denken Sie aber daran, immer viel zu trinken.
Patient: Jo, vielen Dank Herr Doktor Hebdige.
Arzt: Nichts für ungut….

DER NÄCHSTE BITTE…

Patient tritt ein, setzt sich.
Arzt: Schönen guten Tag und Willkommen in der kulturellen Praxis, wo drückt der Schuh?
Patient: Ehrlich gesagt sind’s nicht meine Schuhe, sondern meine Motorradstiefel, außerdem lastet ein unglaublicher Druck auf meinen Schultern…
Arzt: Sie haben psychischen Stress?
Patient: Ähh, nein, meine Lederjacke ist ganz einfach zu schwer.
Arzt: Jaja, genau darauf wollte ich hinaus. Wissen Sie, rein technisch gesehen, ist Ihre Lederjacke nur das Symptom oder das Zeichen eines verkehrten Lebenswandels. Mein Rat als Medizinier: Sie sollten aufhören.
Patient: Aufhören? Womit?
Arzt: Geben Sie das Rocker-Rowdytum auf. Dieses achtstündige Umherfahren und Leuteaufmischen bekommt Ihnen nicht gut. Sie sollten dem Gruppendruck standhalten und in den entscheidenden Momenten einfach mal ‚Nein‘ zur Lederjacke sagen. Ganz egal, was Ihre Freunde tun und machen.
Patient: Aber irgendwie muss ich das doch kompensieren? Ich meine… einfach so, von heute auf morgen Schluss mit Allem? Das packe ich nicht.
Arzt: Deshalb schlage ich Ihnen zur Entwöhnung eine Mod-Therapie vor: Statt ihrer schweren Lederjacke tragen Sie einen leichten Parka, ihren Chopper tauschen sie gegen eine Vespa und… machen Sie Schluss mit Bill Haley, hören Sie The Who. (Kritzelt auf ein Papier) Hier ist noch ein Rezept für Drinamyl, bekommen Sie eigentlich in jedem guten Club. Fragen Sie einfach nach Purple Hearts.
Patient: Also gut. Ich werd’s versuchen. Vielen Dank Herr Doktor Willis.
Arzt: Nichts für ungut…

Das Telefon klingelt…
Arzt (nimmt Hörer ab): Hallo kulturelle Praxis, Dr. Althusser am Apparat.
Am anderen Ende der Leitung: Hallo hier spricht der Diskurs.
Arzt: Ach! Schön mal wieder was von Ihnen zu hören. Man bekommt Sie ja nur selten mal zu fassen, manchmal kommt es einem so vor, als ob Sie gar nicht existierten.
Diskurs: Jaja! Das kommt schonmal vor, hehe… Nun ich rufe an wegen eines Problems, Herr Doktor.
Arzt: Schießen Sie los.
Diskurs: Seit gestern spüre ich meinen Körper nicht mehr, ich hab das Gefühl, einen Bruch oder eine gefährliche Transformation erlitten zu haben.
Arzt: Nun das ist durchaus mal normal: Ihr Körper ist ja schlicht immer auch das, was Sie aus ihm machen. Das heißt im Klartext: Wirken Sie auf ihn ein! Tun Sie alles was in Ihrer Macht steht!
Diskurs: Ich werd’s versuchen. Aber sollte ich das nicht doch noch einmal irgendwo checken lassen?
Arzt: Wenn es nicht besser wird, rufen Sie einfach nochmal an. Ich kann Sie an ein paar Expert*Innen vermitteln, die sich bestens mit sowas auskennen. Ich rate Ihnen aber davon ab, vorschnell eine ‚Kernspin‘ oder ähnliches zu machen. Die finden in der Regel sowieso nix bzw. sind auf solchen Aufnahmen viele maßgebliche Prozesse und Dinge des Körpers nicht zu erkennen.
Diskurs: Also gut Herr Doktor. Mache ich so.
Arzt: Jaja, das wird schon wieder.
Diskurs: Vielen Dank, Herr Doktor.
Arzt: Nichts für ungut… Diskurs, Sie wissen ja, ich bin Ihr Arzt und als solchen können Sie mich jederzeit anrufen.
Diskurs: Ähh… ja, ich weiß. Auf Wiederhör’n.
Diskurs legt auf (es rauscht im Hörer).
Arzt legt auf.