Querverweis

26. November 2016

Fauchi Stomborn, Comrade of Drag_ons
foto-0440aus dem Team der Kulturellenpraxis hat einen Gastbeitrag für die Prinzessinnenreporter geschrieben. Im Sinne einer „groundless solidarity“ hoffen wir alle, daß sich für kommende Kämpfe doch noch ein wenig Verstand zusammenballen läßt und danken den linkshirnextremistischen Prinzessinnen.


Neues aus der Kulturellen Praxis

11. August 2015

Political Ambiguity, Explicit Sarcasm
– Hallo und herzlich Willkommen in der kulturellen Praxis. Was führt Sie in unsere Berufsorientierung?
– Ich möchte Terrorist werden
– Was bringen Sie an Qualifikationen mit?
– War 1½ Jahre ohne festen Wohnsitz, d.h., ich habe viel Erfahrung mit mobilem Lebenswandel. Außerdem schreibe ich gerne ideologisch, habe ja auch Geisteswissenschaften studiert. Durch Jahre politischen Engagements habe ich genug Haß auf die Welt und wer möchte in der jetzigen gesellschaftlichen Situation nicht gerne was in die Luft jagen?
– [Blättert in den Bewerbungsunterlagen] Fürchte, für die gängigen Bekennerschreiben ist Ihr Stil dann leider doch zu gut, selbst an Ihrer Rechtschreibung müßten Sie noch weiter verschlechternd arbeiten. Meinen Sie, in eine Terrorzelle …
– … ich würde es lieber „autopoietisches Terrorsystem“ nennen und sehe den Biologismus in dieser Metapher grundsätzlich kritisch
– Das sind gute Voraussetzungen, dominantes Redeverhalten und Sie lassen sich in Ihren Überzeugungen nicht von Common-Sense beeinflussen. Was ich fragen wollte, meinen Sie, in eine terroristische Gruppierung zu passen?
. Ja, ich bin begeisterungsfähig und möchte gerne in einem engen Team arbeiten
– Ja, Autopropaganda ist das Wichtigste an der Sache, ich schau‘ mal was wir da so haben [holt Werbebroschüre aus dem Regal]. Besonders beliebt bei Leuten ohne spezielle Sachkenntnisse zu Terrorismus sind Stellen im Bereich Islamismus, Sie müßten allerdings dafür ersteinmal ein Auslandspraktikum absolvieren
– Ach nee, der Bart kratzt mir zusehr und für organisierte Religion bin ich ohnehin zu zynisch
– Zynisch, zynisch [kramt im Zettelkasten] – ja, das sieht gut aus, es gibt noch staatlich finanzierte Stellen
– Tschuldigung, aber ist da mein politisches Engagement nicht ein Hindernis
– [Schaut sich Lebenslauf noch einmal genauer an] Achso „ANTIfaschistische Aktivitäten“. Würde ich an Ihrer Stelle dennoch versuchen, Extremismustheoretiker*innen verwechseln manchmal links und rechts oder vielleicht bekommen Sie sogar eine Umschulung an der Horst-Mahler-Akademie; Querfront ist gerade der Wachstumsmarkt. Rassistische Morde schaden auf jeden Fall Ihrem gesellschaftlichen Ansehen nicht, vielleicht erreichen Sie sogar eine Verbeamtung. Großer Trend aus den USA, wird gerne vergessen, daß es das auch bei uns gibt: Rassistische Morde durch Polizist*innen, fällt letztlich auch unter einige Terror(ismus)definitionen
– Weiß nicht, Rassismus ist nicht so mein Ding …
– Das ist schlecht. Wenigstens ein wenig Antisemitismus?
– Sry, Antideutsche Verbindungen …
– Wie wollen Sie erfolgreicher Terrorist und Antisemitismus werden?!? Kennen Sie auch nur eine* wirklich erfolgreichen Terrorist*in der letzten 30 Jahre ohne ausgeprägte antisemitische Überzeugungen? Nein, nein, so ein wenig Radikalismus reicht da bei Weitem nicht. Der Verfassungsschutz kann auch nicht jeden Unsinn tolerieren und überhaupt, wenn Sie von irgendwie revolutionärem Kampf träumen, müssen Sie doch die Massen mobilisieren wollen, wie soll das Ohne Rassismus/Antisemitismus gehen? Und ich kann Sie ja noch nochnichteinmal an subrevolutionäre Projekte der Ökosparte, wie Tierbefreiung vermitteln, nachher verteidigen Sie noch das Schächten! Wie will so jemand Terrorist werden?
– Aber ich hasse die Menschheit und möchte Leuten schaden!
– Warum sagen Sie das nicht gleich, in der Unternehmensberatung ist linkes Knowhow immer gerne gesehen!
– Danke, Dr. Schmid!


Die Kulturellepraxis warnt: Kapitalismuskritische Beugekontraktur

8. Juni 2014

Wie Sehnen verkürzt sich auch Kapitalismuskritik, wenn diese nicht ständig in Bewegung bleibt. Die schlimmste Ausprägung hierbei ist die kapitalismuskritische Beugekontraktur, bei der die Kritik schräger Art und komplett versteift ist.

Ganz besonders hoch ist das Risiko im Zusammenhang mit zu lange ruhiggestellten historischen Brüchen, wie der Nationalsozialismus oder das Scheitern von 68; Geschichte in diesem Sinne ist, wenn es anders kommt als alle dachten. Aber auch organische Ursachen im Weichbirnengewebe können eine solche Verkürzung auslösen, jedoch ebenfalls in diesem Fall treten sie lagerbedingt auf.

Prophylaxe ist in diesem Fall besonders wichtig, da eine erstmal aufgetretene Beugekontraktur der Kapitalismuskritik nur kompliziert und langwierig mit Dialektik- oder Dekonstruktionstherapie behandelt werden kann, was auch nicht immer zum Erfolg führt.


Elendes Pack

24. August 2013

Siehe; Dank an Sanczny, Bewitchedmind & Runkenstein

„-Pack“ gilt als Klassismus reproduzierende Beleidigung, dies ließe sich gar am Duden – sowohl bei Bedeutung, als auch Etymologie – recht klar nachvollziehen. Dies heißt aber – wie bei vielen derartigen Erkenntnissen -, liebgewordene Sprachgewohnheiten ersetzen zu müssen

  • „Tetrapack“ -> „Tetra-Getränkekarton“
    • Für Verbalinjurien auch gerne in Kurzform: „Elende rechte Tetras“
  • „Ich packe meinen Koffer“ -> „Ich fülle meinen Koffer“
  • „Entpacker“ -> „Dateientkomprimierungsprogramm“ (siehe)
  • „Vollbepackt“ -> „Vollbeladen“
  • „Jetpack“ -> „Raketenbetriebene Einpersonenflugvorrichtung“
  • „Packstation“ -> „Postversandgutstation“
  • „Packung“ -> „Produktumhüllung“
  • „Pack“ -> 0,49079kg (SI ftw!)
  • „Pack“ -> Pneumatische Luftzirkulationsausstattung

Kulturellepraxis Shop #3: Sponsoring

6. Januar 2013

„Dieses Fettnäpfchen wurde Ihnen präsentiert vom veganen KP-Rapsöl“


Für wen?!?

20. Juli 2011

In Zusammenarbeit mit Odradek

Das Warten als ein Erlebnis der besonderen Art gestaltend, liegen im Wartezimmer beim Arzt so manche merkwürdige Zeitschriften. U.a. heißt eine davon „Für Sie“. Stellt sich die Frage, werden auch andere fiktive Kollektivsubjekte derartig adressiert?

  • Race/Class/Gender:
    • „Für weiße“ (schwer zu finden, denn diese Zeitschrift ist unmarkiert)
    • Beim Warten auf dem Arbeitsamt: „Für Arbeiter“ (bleibt ungelesen liegen)
    • Auf dem Galãostrich in der Schanze: „Für Prviledged People(tm)“
  • An Schulen: „Für Dich“(wird meist ohne Inhalt ausgeliefert)
  • Beim Warten auf der Polizeiwache, das neue Magazin „He! Sie da!“
  • Bei einigen Zeitschriften ist unklar, wo diese verteilt werden können:

Die Kulturelle Praxis Teil III

14. Oktober 2010

In Zusammenarbeit mit Odradek

Arzt: Hallo und herzlich Willkommen in der kulturellen Praxis.
Wittgenstein: Grüßi.
Arzt: Wie kann ich helfen? Raus mit der Sprache!
Wittgenstein: Gern. Welches Sprachspiel möchten’s?
Arzt: (lacht) Na, das müssen Sie schon selbst wissen.
Wittgenstein: Aisdann. (zeigt mit Schmerzausdruck auf seine Backe und ruft) Abrakadabra!
Arzt: (verdutzt) Ähem, Entschuldigung bitte? Was meinen Sie?
Wittgenstein: Nun mit dem ‚Meinen‘ ist des so eine Sache…(Gibt ihm ein Exemplar der ‚Philosophischen Untersuchungen‘ in die Hand)…aber schaun’s da mal wegen ‚Abrakadabra‘ unter §665!
Arzt (blättert, bis er die Seite findet): (murmelt)… Abrakadabra…. Ach! Sie haben Zahnschmerzen?
Wittgenstein: Nun mit den ‚Schmerzen‘ ist des so eine Sache…blättern’s mal zu §244!
Arzt (blättert kurz, bricht dann genervt ab): Also ich glaube, Sie sind nichts weiter als ein verkappter Behaviourist. Sie sagen doch im Grunde, dass alles Fiktion ist, außer dem menschlichen Benehmen.
Wittgenstein: nahnah, … wenn ich von einer Fiktion red, dann von einer grammatischen Fiktion, können’s in §307 nachlesen!
Arzt: Meine Güte, sind Sie vielleicht arrogant.
Wittgenstein: Wissen’s: ich dacht mal, ich hätt so einige Probleme der Philosophie endgültig gelöst. Aber da kam so ein Italiener…des is eine prima Anekdote geworden… Heuer, möcht ich mit meiner Schrift nicht Andern des Denken ersparn, sondern beileifi Andre zu Gedanken anregen. Ziel der Philosophie ist es: der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen…
Arzt: (unterbricht) Ähm, nichts für ungut, aber für große Reden habe ich keine Zeit. Kommen wir zurück zur Sache! Was fehlt Ihnen denn jetzt genau?
Wittgenstein: Wissen’s: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
Arzt: ähhm.. (schweigt)
Wittgenstein wendet den Kopf zur Seite, schaut däumchendrehend aus dem Fenster.
Arzt (nach einer kurzen Pause): aber, …ich…ich…(schweigt)
Wittgenstein wandert mit seinem Blick die Decke entlang, pfeift leise vor sich hin.
Arzt blättert nervös die Unterlagen auf seinem Schreibtisch durch.
Wittgenstein: (richtet seinen Blick wieder auf den Arzt) …Aisdann Doktor Russell, ich geh hoamzua.
Arzt: Ähhja, auf Wiedersehen. Einen schönen Tag noch.
Er begegnet im Wartezimmer Karl Popper und greift sich einen Schürhaken
Wittgenstein: Sie – Geben’s ein Beispiel für eine moralische Regel!

Popper flieht ins Behandlungszimmer, schlägt die Tür zu und lehnt sich dagegen.
Arzt: Hallo und herzlich willkommen in der Kulturellen Praxis, wie geht es uns heute
Popper: Tut mir Leid, ich kann Ihnen nur mit Sicherheit sagen, wie es mir nicht geht
Artzt: Klingt ein wenig nach verdrehtem Positivismus. Stellen Sie doch einfach mal eine Arbeitshypothese auf
Sir Karl: Ich sehe immerzu weiße Schwäne. Das hört gar nicht mehr auf.
Arzt: Na und?
KRP: Tag und Nacht schwirrt mir diese Hypothese im Kopf herum, ich krieg Sie aber einfach nicht weg. Bitte, bitte, Herr Doktor, zeigen Sie mir einen schwarzen Schwan.
Arzt: Aha, ein ganz klarer Fall: Sie sind Falsifikationsabhängig. Aber… das bekommen wir schon hin. Ich verordne Ihnen ein wenig Archäologie des Wissens (gibt ihm eine Schaufel und zeigt auf einen Zettelstapel) Keine Angst, ich mache Sie zu einem glücklichen Positivisten.
KRP: Ach, das ist leicht, ich muß nur die empirischen Basissätze finden, dann häuft sich das Wissen fast von alleine an. (macht sich an die Arbeit)
Arzt: Mhh, abgesehen von der Theoriebeladenheit Ihrer Beobachtungen, haben Sie da nicht die Revolutionen vergessen? (Thomas S. Kuhn im Che-Shirt rennt in das Behandlungszimmer, bringt den Zettelstapel durcheinander, schreibt die Lehrbücher um und wird dabei unsichtbar)
KRP: (Nimmt das Handy ‚raus) Imre, der macht alles kaputt! … ah, ok, das könnte auch rational gewesen sein? … Ja, der Stapel könnte vielleicht so höher werden … Na dann ist ja gut (legt auf) Ganz ruhig, ich muß nur nach besseren Problemlösungen suchen.
Arzt: Nein, nein, Sie machen das vollkommen falsch, hören Sie doch mal auf zu stapeln und suchen nach der Totalität!
KRP: Nun seien Sie doch nicht immer so Kritisch, Dr. Adorno, Sie klingen ja wie ein alter Meckeropa. Ich bin mit Ihren Methoden nicht einverstanden und hole mir eine andere Meinung! (Verläßt den Raum durch die Hintertür)

Foucault steht kopfschüttelnd an der Tür
Adorno: Schon Schichtwechsel?
Foucault: Schauen Sie auf die Uhr, 2010 schon fast durch. Aber ein Tipp unter Kollegen: Sie sollten „Eine Menge von Aussagen nicht als die geschlossene und übervolle Totalität einer Bedeutung [..] beschreiben, sondern als eine lückenhafte und zerstückelte Figur“1 (wirft den Papierstapel in den Schredder) Und lassen Sie nicht immer Ihren Müll hier liegen.

Kurz darauf klingelt das Telephon
Arzt: Bonjour, Kulturelle Praxis.
Wehler: Wehler hier – Dr. Foucault, ich bin mit Ihren Methoden nicht einverstanden, einer ihrer Patienten hat wissenschaftlich beobachtet, daß das was sie produzieren empirisch-historisch vollkommen unzureichend ist!
Arzt: Könnten Sie etwas genauer werden?
Wehler: Das ist es ja, das ist alles „zum Verzweifeln undifferenziert“2. Und ‚Kultur‘ ist ohnehin soein Gummibegriff. Das ist doch bestenfalls gehobenes Feuilleton!
Arzt: Das wäre gegenüber Ihrer Arbeit schon ein Fortschritt. Sehen Sie’s ein, die Moderne ist die Zukunft von gestern.
Wehler: Sie kennen ja noch nichteinmal Norbert Elias! Sie mit ihrer einseitigen Quellenauswahl.
Arzt: Einseitig? Was ich mache, „heißt den Typ von Positivität eines Diskurses zu definieren. Wenn man an die Stelle der Suche nach den Totalitäten die Analyse der Seltenheit, an die Stelle des Themas der transzendentalen Begründung die Beschreibung der Verhältnisse der Äußerlichkeit, an die Stelle der Suche nach dem Ursprung die Analyse der Häufung stellt, ist man ein Positivist, nun gut, ich bin ein glücklicher Positivist“.3
Wehler: Sie sind doch nur „ein intellektuell unredlicher, empirisch absolut unzuverlässiger, kryptonormativistischer ‚Rattenfänger‘ für die Postmoderne“4.
Arzt: Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an den Diskurs. Ich führe hier zwar eine nicht-diskursive Praxis, aber kann Ihnen auch nur das weiterleiten, was der Diskurs mir empfiehlt.
Wehler: Das ist doch alles nur Sprache!
Arzt: Das sagen Sie!
Wehler: Ach hören Sie doch auf! Sie sind ein Pfuscher. Ich schicke Ihnen das Ordnungsamt auf den Hals. Ich verlange Aufklärung.
Arzt: Ach, was ist Aufklärung? Schon gut, so lange keine Humanisten dabei sind. Nun, ich gebe zu… ich mag manchmal nicht ganz astrein gearbeitet haben, aber Sie wollen mich jetzt wohl nicht wegen dieser Kleinigkeiten Überwachen und Strafen? Nur weil mir und meinem Kollegen Barthes letztens der Autor auf dem OP-Tisch abgekratzt ist, heißt das noch lange nicht, dass hier die Dinge nicht in Ordnung sind. Sorgen Sie …(hält auf einmal inne)…NIETZSCHE!
Wehler: Gesundheit!
Arzt: Danke! …Wo war ich? Achja: Sorgen Sie lieber mal um sich!
Wehler: Ich bitte Sie, da war doch noch einiges mehr als der Autor. Der Patient Chomsky hat nach der Behandlung bei Ihnen nie wieder zu seiner Kreativität zurückgefunden oder LHabermas, der hat versucht, die Moderne gegen leute wie Sie zu verteidigen, aber Sie sind solch ein „irritierender Autor“5, daß jetzt nur noch seine Tochter bedeutende Werke schreibt
Arzt: (unterbricht) Alles hoffnungslose Fälle.
Wehler: Und was ist mit dem Kollegen Sartre? Den haben Sie doch ausgebootet, der ist Pleite…
Arzt: Nicht meine Schuld, er hat mich als letztes Bollwerk der Bourgeoisie bezeichnet!6
Wehler: Nein, Sie sind an allem Schuld. Permanent stecken Sie Leute mit Ihrer unsauberen Theorie an.
Arzt: So, ein Quatsch. Das lag alles an dieser Episteme…ähhh ich meine, Epidemie.
Wehler: Ha! Sehen Sie, da haben wir’s! Sie verstehen noch nicht einmal ihr Handwerk richtig, da wimmelt’s nur so von „Begriffskonfusionen und Widersprüchen“7
Arzt: Handwerk? Sie verwechseln hier einen Baumarkt mit einer Tischlerei. Ich biete meinen Patient*Innen „kleine Werkzeugkisten. Wenn die Leute sie aufmachen wollen oder diesen oder jenen Satz, diese oder jene Idee oder Analyse als Schraubenzieher verwenden um die Machtsysteme kurzuschließen, zu demontieren oder zu sprengen, einschließlich vielleicht derjenigen Machtsysteme, aus denen diese meine Bücher hervorgegangen sind- nun gut, umso besser.“8
Wehler: Ich sag‘ doch: Kryptonormativist. So eine unwissenschaftliche Modeströmung wird nicht lange Bestand haben!
Arzt: „Ich möchte, daß meine Bücher Skalpelle, Molotowcocktails oder Minengürtel sind und daß sie nach Gebrauch wie ein Feuerwerk zu Asche zerfallen.“9 Aber lassen Sie uns das am besten bei einem Abendessen besprechen!?
Wehler: Wo denken Sie hin?!? Ich weiß doch, Sie sind ein „Homosexueller, später als Sadomasochist mit harten Praktiken bekannt“10 (legt auf)
Arzt: (legt auf) Leute gibt’s …

Blende ins Wartezimmer: Dort sitzt ein inzwischen ungeduldiger Marshall Sahlins. Genervt schaut er auf seine Armbanduhr und murmelt grimmig: Waiting for Foucault, Still!

Die Figuren dieser Geschichte sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit den zitierten Autor*Innen wären rein zufällig.


1Foucault, Michel: Archäologie des Wissens; Frankfurt/M 1973; S. 182.

2 Wehler, Hans-Ulrich: Die Herausforderung der Kulturgeschichte; München 1998; S. 81.

3 Foucault: Archäologie S. 182.

4 Wehler: Herausforderung S. 91.

5 ebd. S. 77.

6 L’Arc 30 (1966); S. 87-88.

7 Wehler: Herausforderung S. 91.

8 Foucault, Michel: Mikrophysik der Macht : Über Strafjustiz, Psychiartrie und Medizin; Berlin 1976; S. 53.

9 Foucault, Michel: Schriften in vier Bänden : Dits et écrits, Bd.2; Frankurt/M 2003; S. 894.

10 Wehler: Herausforderung S. 90.


Die Kulturelle Praxis Teil II

25. September 2010

In Zusammenarbeit mit Odradek

Es klopft an der Tür.
Arzt: Herein.
Sprechstundenhilfe betritt das Zimmer.
Sprechstundenhilfe: Doktor Watzlawick, Soeben rief Herr Andi Essenzialismus an. Er benötigt ein neues Rezept gegen chronische Naturalisierung. Er holt es in den nächsten Tagen ab.
Arzt: Ist gut, ich stelle es aus. Er braucht gar nicht persönlich vorbeizukommen. Ich schicke es ihm per Post, das ist immernoch der beste Weg.

Kurze Zeit später betritt der Briefträger die Praxis.
Briefträger: Schönen guten, haben Sie Post für mich zum mitnehmen.
Doktor: Aber klar, wie immer reichlich. Hier bitte sehr. (Doktor überreicht einen Stapel Tagespost)
Briefträger: Vielen Dank.
Doktor: Und wie geht es Ihnen?
Briefträger: Ehrlichgesagt kann ich das nicht so genau sagen, mir sind alle großen Erzählungen gescheitert.
Doktor: Achje, was haben Sie denn?
Briefträger: Naja, in letzter Zeit fühle ich mich so beliebig.
Doktor: Also… vulgär postmodern?
Briefträger: Irgendwie schon. Dazu kommt noch beruflicher Druck: Ich soll flexibler werden, sagen die.
Doktor: Jaja, Sie fühlen sich auch neoliberal, das ist leider eine Begleiterscheinung von postmodern. Passenderweise sind Sie ja auch Dienstleister… Schonmal mit der Gewerkschaft gesprochen?
Briefträger: Ach die… die sind doch auch nicht mehr das, was Sie mal waren.
Doktor: Hmmm… Achja richtig, der Bedeutungsschwund… (überlegt kurz)…Wissen Sie was? Ihnen könnte Imagebuilding gut tun. Dazu ein bisschen Selbstmanagement und Selbstcoaching, vielleicht auch ein bisschen Joga, und schon sind Sie wieder auf’m Dampfer.
Briefträger: Wie meinen Sie das?
Doktor: Ganz einfach: Sie brauchen einen neuen Denkstil, dazu gehört auch ein passendes Äußeres…Also, Ihre Uniform ist viel zu Post*, stattdessen… (Doktor geht zum Schrank, holt einen schwarzen Mantel heraus)… verordne ich Ihnen erstmal ein wenig Neo*. Aber Vorsicht vor der heteronormativen Matrix.
Briefträger: Und Sie sind sicher das wirkt?
Doktor: Schau’n mer mal. Wenn nicht, müssen wir die Therapie durch kritisch-queere Widerständigkeit verschärfen. (nimmt eine Federboa aus dem Schrank)
Briefträger: Na gut. Vielen Dank, Frau Doktor Butler.
Doktor: Ich bitte Sie: Lassen Sie das ‚Frau‘ weg!
Briefträger: Entschuldigung.
Doktor: Nichts für ungut…

DER NÄCHSTE BITTE…

Meister Proper tritt ein.
Arzt: Hallo und herzlich willkommen in der Kulturellen Praxis, wie geht es uns heute … Moment, waren Sie nicht schonmal hier? Sie waren doch der Typ, der auf 14% Alkohol überforderte Hausfrauen Stalkte.
Meister Proper: Hey, ich bin clean!
Arzt: Nichts für ungut …
Meister Proper: Aber genau das ist jetzt mein neues Problem, alles um mich herum ist so … sauber, so perfekt. Und immer souverän-fröhlich wirken ist auf Dauer auch eine Qual.
Arzt: mmh… (nimmt die Jacke des Briefträgers aus dem Schrank) was sie ganz dringend brauchen ist ein wenig Postmoderne (holt eine Hornbrille aus der Schreibtischschublade) …wie wär es mit einer Umschulung auf Linksnietzscheaner? Die Frisur dafür haben Sie ja.
Meister Proper: Ach, wissen Sie… ich arbeite seit ’58 als Reinigungskraft, da hatte ich mehr als genug mit Philosoph*Innen zu tun.
Arzt: Gut, aber ihre Frisur hat Potential (holt eine Bomberjacke aus dem Schrank): Wie wär’s dann mit Skinhead?
Meister Proper: Ach, nee… ich bin zusehr in der Mittelschicht verwurzelt. Außerdem verbinden ohnehin schon zu viele ‚weiß‘ und ‚Reinheit‘ mit mir.
Arzt: Verstehe, ein schwieriger Fall; Punk könnte dann auch zu plebejisch … moment, das ist es! (Kramt in einer verstaubten Kiste mit der Aufschrift „80er“, Katana und monitorloses Notebook hinter sich werfend. Er gibt ihm Mirrorshades und einen weiten Ledermantel) Cyberpunk!
Meister Proper: Dystopien, wie sie immer auf solche Ideen kommen. Vielen dank und – hasta la vista, Dr.Gibson.


Die Kulturelle Praxis Teil I

24. September 2010

DER NÄCHSTE BITTE…

Patient tritt ein, setzt sich.
Arzt: Schönen guten Tag und Willkommen in der kulturellen Praxis, was fehlt Ihnen denn?
Patient: Mir fehlt’s an Kultur, jedenfalls bekomme ich das von allen Seiten meines Umfelds zu spüren.
Arzt: Haben Sie es mal mit Bildung versucht?
Patient: Jo! Das hab ich zur Schulzeit viel genommen aber es hat nicht gewirkt.
Arzt: Hmmm…ahja, working class: dann versuchen wir es doch mal mit Subkultur. Was machen Sie beruflich?
Patient: Im Moment bin ich erwerbslos!
Arzt: Aha, verstehe… dann verschreibe ich Ihnen folgendes Mittel. (kritzelt auf Papier)
Patient: Was ist das?
Arzt: Ist ein Haarfärbemittel. Ich verordne Ihnen zwei Wochen Punk, wenn’s danach noch nicht besser ist, kommen Sie nochmal wieder.
Patient: Jo! Ich werd’s versuchen, muss ich irgendetwas besonderes beachten?
Arzt: Nein, eigentlich müssen Sie gar nichts tun. Denken Sie aber daran, immer viel zu trinken.
Patient: Jo, vielen Dank Herr Doktor Hebdige.
Arzt: Nichts für ungut….

DER NÄCHSTE BITTE…

Patient tritt ein, setzt sich.
Arzt: Schönen guten Tag und Willkommen in der kulturellen Praxis, wo drückt der Schuh?
Patient: Ehrlich gesagt sind’s nicht meine Schuhe, sondern meine Motorradstiefel, außerdem lastet ein unglaublicher Druck auf meinen Schultern…
Arzt: Sie haben psychischen Stress?
Patient: Ähh, nein, meine Lederjacke ist ganz einfach zu schwer.
Arzt: Jaja, genau darauf wollte ich hinaus. Wissen Sie, rein technisch gesehen, ist Ihre Lederjacke nur das Symptom oder das Zeichen eines verkehrten Lebenswandels. Mein Rat als Medizinier: Sie sollten aufhören.
Patient: Aufhören? Womit?
Arzt: Geben Sie das Rocker-Rowdytum auf. Dieses achtstündige Umherfahren und Leuteaufmischen bekommt Ihnen nicht gut. Sie sollten dem Gruppendruck standhalten und in den entscheidenden Momenten einfach mal ‚Nein‘ zur Lederjacke sagen. Ganz egal, was Ihre Freunde tun und machen.
Patient: Aber irgendwie muss ich das doch kompensieren? Ich meine… einfach so, von heute auf morgen Schluss mit Allem? Das packe ich nicht.
Arzt: Deshalb schlage ich Ihnen zur Entwöhnung eine Mod-Therapie vor: Statt ihrer schweren Lederjacke tragen Sie einen leichten Parka, ihren Chopper tauschen sie gegen eine Vespa und… machen Sie Schluss mit Bill Haley, hören Sie The Who. (Kritzelt auf ein Papier) Hier ist noch ein Rezept für Drinamyl, bekommen Sie eigentlich in jedem guten Club. Fragen Sie einfach nach Purple Hearts.
Patient: Also gut. Ich werd’s versuchen. Vielen Dank Herr Doktor Willis.
Arzt: Nichts für ungut…

Das Telefon klingelt…
Arzt (nimmt Hörer ab): Hallo kulturelle Praxis, Dr. Althusser am Apparat.
Am anderen Ende der Leitung: Hallo hier spricht der Diskurs.
Arzt: Ach! Schön mal wieder was von Ihnen zu hören. Man bekommt Sie ja nur selten mal zu fassen, manchmal kommt es einem so vor, als ob Sie gar nicht existierten.
Diskurs: Jaja! Das kommt schonmal vor, hehe… Nun ich rufe an wegen eines Problems, Herr Doktor.
Arzt: Schießen Sie los.
Diskurs: Seit gestern spüre ich meinen Körper nicht mehr, ich hab das Gefühl, einen Bruch oder eine gefährliche Transformation erlitten zu haben.
Arzt: Nun das ist durchaus mal normal: Ihr Körper ist ja schlicht immer auch das, was Sie aus ihm machen. Das heißt im Klartext: Wirken Sie auf ihn ein! Tun Sie alles was in Ihrer Macht steht!
Diskurs: Ich werd’s versuchen. Aber sollte ich das nicht doch noch einmal irgendwo checken lassen?
Arzt: Wenn es nicht besser wird, rufen Sie einfach nochmal an. Ich kann Sie an ein paar Expert*Innen vermitteln, die sich bestens mit sowas auskennen. Ich rate Ihnen aber davon ab, vorschnell eine ‚Kernspin‘ oder ähnliches zu machen. Die finden in der Regel sowieso nix bzw. sind auf solchen Aufnahmen viele maßgebliche Prozesse und Dinge des Körpers nicht zu erkennen.
Diskurs: Also gut Herr Doktor. Mache ich so.
Arzt: Jaja, das wird schon wieder.
Diskurs: Vielen Dank, Herr Doktor.
Arzt: Nichts für ungut… Diskurs, Sie wissen ja, ich bin Ihr Arzt und als solchen können Sie mich jederzeit anrufen.
Diskurs: Ähh… ja, ich weiß. Auf Wiederhör’n.
Diskurs legt auf (es rauscht im Hörer).
Arzt legt auf.