PSA/PttC: Flachzangen

20. Mai 2017

Auf der Suche nach interessanten Gedanken begegnen uns häufig Artikel und Vorträge, die sich zwar auf interessant-theoretisches Zeug beziehen, bei näherer betrachtung aber nicht nur nicht bilden, sondern Halbbildung1 vermitteln.

So werden beispielsweise empirisch und/oder argumentativ bestenfalls dünne Assoziationsketten einander gegenübergestellt. Selbst wenn das als „Dialektik“ zu verkauft wird, billige Dualismen sind Denkfallen aus denen sich rauszumanövrieren schwer sein kann.

Konkret bezieht sich dies häufig auf die unter dem Begriff „Flachzangen“ häufiger schon berantete Tendenz, essenzialistische Gewißheiten gegen poststrukturalistische Verkomplizierungen durch Verteufelung jenes (meist unter dem allerweltsbegriff „Postmoderne“, gleichwohl dieser Vorwurf gegen sehr unterschiedliche Strömungen in Stellung gebracht wird) zu „verteidigen“. Killing the messenger. Letztlich haben wir es hier häufig – und das bei scheinbar abstrakten Texten – mit Abstraktionsfeindlichkeit und damit – scheinbar „intellektuellem“ – Antiintellektualismus zu tun. Politische und akademische Lagerbildung macht es attraktiv auf diese Weise mit Uneinigkeiten umzugehen.2

Auf einem begrenzten und geteilten Raum von Gewißheiten ein paar leicht originelle Denkfiguren zu drehen hat nichts mit Erkenntnissuche zu tun. Fallacies – v.a. Zirkelschlüssen und Strohpuppen – zu erkennen sollte wichtiger sein als die Truthiness des Ergebnisses zu bewerten.



1 „Das Halbwissen ist siegreicher, als das Ganzwissen: es kennt die Dinge einfacher, als sie sind, und macht daher seine Meinung fasslicher und überzeugender.“ —Nietzsche


2. Ernsthaftes Denken bedeutet Aufwand. Deshalb bietet die Kulturellepraxis auch nur ähnlich aufwandsarme Gegenpolemiken statt unbezahlte Arbeit.


Verkehrsmittel

8. Februar 2017

Was ist besser als ein Shetland-Pony im Kofferraum?
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Alt Write

26. Dezember 2016

Anspruch:

„Es eigentlich ganz OK, Sprache entwickelt sich lebendig weiter und wenn die Anzahl der Fälle verringert wird ohne die Ausdrucksmöglichkeiten zu beschränken macht es diese sogar eleganter. Es gibt voll funktionstüchtige Sprachen mit deutlich mehr und auch mit weniger. Was zählt ist doch, daß die Kommunikation – oder die Differenzierung oder das Sprachspiel oder die Koordination von Koordinationen oder wasauchimmer Sprache macht – funktioniert und die Funktionsweise ist ja nicht betroffen; im Gegenteil: Einfacher heißt oftmals weniger Risiko zu Mißverständnissen. Finde ja auch die ähnlich und aus ähnlichen Ecken beklagte Entwicklung zum Anglizismus ‚Sinn machen‘ extrem sinnvoll, wir sollten uns bewußter werden, daß Sinn etwas Gemachtes und nicht etwas sich passiv Ergebendes ist. Und letztlich stehen hier doch auch nur Gewohnheiten gegeneinander. Einziger Grund darauf zu bestehen ist doch so ein klassistischer Standesdünkel, als ließe sich mit soetwas die eigene Privilegierung begründen oder absichern. …“

Wirklichkeit:

„Das heißt ‚wegen des‘ und nicht ‚wegen dem‘!“


Locker Room Talk

14. Oktober 2016

Nachdem diverse Anschuldigungen Donald Drumpf neige zu sexueller Belästigung wie soviele seiner Untragbarkeiten im „postfaktischen“ Diskurs versickert sind, fiel ihm das doch noch auf die Füße. Er, der sich – unprofessionell wie immer – im Januar über ein schlecht funktionierendes Mikrofon im Pensacola Bay Center beschwerte stolperte über ein allzu gut funktionierendes. Auf dem Weg zu einem Soap Opera Cameo in 2005 wurde ein Gespräch mitgeschnitten in dem Trump Hinweise zur sexuellen Belästigung von Frauen gab („Grab them by the pussy“; wir hoffen als Reaktion auf viel Pussy Riot). Jener Trump der die – sprichwörtlich gewordene – Silversternacht in Köln und die Behauptung, Mexiko schicke Vergewaltiger als Gründe gegen Migration sieht; der Unterschied sei „when you’re a star, they let you do it“. Daß sein Gesprächspartner Billy Bush ein Cousin des ehemaligen Gouverneurs und Präsidentschaftskandidaten-Kandidaten Jeb „FNX“[1] Bush war sei noch als pikantes Detail am Rade genannt.

Trump entschuldigte sich halbherzig mit der Begründung er sei nicht perfekt, es sei nur „locker room talk“ gewesen und Bill Clinton sei ja viel schlimmer. Dieser rhetorische Kniff, zu betonen wieviel schlimmer die anderen(tm) seien scheint das einzige was den Trump Anhänger*innen angesichts sinkender Umfragewerde und sich distanzierender republikanischer Partei bleibt. Wie jemand wie Trump überhaupt soviele Anhänger*innen bekommen konnte und wie der „postfaktische“ Diskurs – für den Drumpf wie kein anderer Populist steht – funktioniert sollte dringend ausführlicher aufgearbeitet werden, hier zunächst einmal „nur“ ein paar Anmerkungen zum „locker room talk“.

Es distanzierten sich u.a. Profi-Sportler von diesem Begriff, überraschenderweise werde beim Leistungssport in der Umkleide nicht über soetwas gesprochen. Daß deutsche Fußballer zugeben, schwule kollegen im Umkleideraum wären ihnen unangenehm tut scheinbar nichts zur sache. Nun mögen einige an feministischen Diskursen ernsthaft und wohlwollend teilnehmende männlich identifizierbare tatsächlich intakte Filterbubbles haben oder rechtzeitig aus dem Schrank gekommen sein um nichts von soetwas mitbekommen zu haben, aber leider ist derartiges sexistische Gelaber unter Heteromännern – auf Deutsch auch „Herrengespräche“ genannt – ein Ding.

Dies nicht zu verleugnen scheint auch deswegen so wichtig, da soetwas zu den Aspekten gehören, die das Aufwachsen als ungeoutet schwul oder asexuell schwerer machen, Menschen der geballten Heteronormativität aussetzen. Auch die Niceguys(tm) fallen ja nicht vom Himmel, wir könnten sie als das Produkt der in diesen Gesprächen ganz besonders übel manifestierten Diskurse darstellen. Diese Gespräche sind ein Reproduktionsmechanismus toxischer Männlichkeit in einer merkwüdigen – sehr drumpfigen – Überlagerung von „ich sage wie es ist“ und „ich meine es ja nicht ernst/wörtlich“. Freilich nicht so harmlos bei die Protagonisten behaupten, sondern ein oftmals unterbelichteter Aspekt der Rapeculture.

Ohne jetzt – nach sonstiger Gewohnheit – Diskurstheorie abzuhandeln sei vorausgesetzt, daß auf kommunikativem Weg Normalitäten und Selbstverständlichkeiten hergestellt werden und sich Diskurse zu etwas verdichten können was „Wahrheit“ genannt wird. Soziale Zusammenhänge können ihre eigenen Realitäten schaffen – im Extrem bei Sekten -, womit Theorien, welche diese Mechanismen untersuchen nicht die Ursache – killing the messenger -, sondern ein notwendiges Werkzeug sind, solch einen Irrsinn zu untersuchen.


Kulturellepraxis live

2. Oktober 2016

„… und so konnte ich sogar die Bookmarks wieder herstellen und damit war trotz des Updates wieder alles in Ordnung“ – „Laut Adorno kann nach Auschwitz nie wieder alles in Ordnung sein!“


Flachzangen mal wieder

12. Februar 2016

Wider besseres Wissen las ich einen Artikel mit „Intersektionalität“ in der Überschrift und zwar diesen: http://jungle-world.com/artikel/2016/06/53480.html

Dabei ist immer wieder faszinierend, mit wie wenig geistigem Aufwand sich offenbar ein Artikel in einer überregionalen Zeitung veröffentlichen läßt. Früher hätte ich vielleicht nochmal „Intersektionalität“ erklärt, mache aber nicht kostenlos andererleute Arbeit mehr.

Zunächst einmal fällt die vernachlässigte Recherche auf. Hier werden zu den Ereignissen von Köln halbgare Überzeugngen präsentiert, ein Mädchenmannschaftsartikel gelesen, Intersektionalität, Critical Whiteness weder verstanden noch auseinandergehalten. Dies kennen wir von Debatten die mit Gerüchten über „die Postmoderne“ geführt wurden, auch hier konnten die wenigstens Autor*innen Postmoderne, Poststrukturalismus und Gerüchte darüber unterscheiden. Besonders spektakulär wird die Arbeitsweise des Artikels demonstriert im Zitat einer „Nadja Shehade“. Mutmaßlich sollte damit Nadia „Shehadistan“ Shehadeh bezeichnet werden; wird sie aber nicht. Abgesehen von der Peinlichkeit, in einem Artikel über Rassismus den Namen einer PoC falsch zu schreiben, spricht dies Bände über die Arbeitsweise der Autorin.

Nun ist das (fast) zitierte Blog Mädchenmannschaft ohnehin ein beliebtes Feindbild, sie zu rügen kann auch in diesem Artikel nicht fehlen: Kartoffeln wollen nicht Kartoffeln genannt werden und natürlich kennen sich diese in Rassenkunde aus, wissen also genau, wer „Nordafrikaner“ ist.

Als ich unironische Verwendung des Wortes „Denkverbote“ las, prüfte ich nochmal, ob ich wirklich auf der Seite der Jungleworld war oder einem Organ der „besorgten Bürger“.

Hier wird von „Realität“ gesprochen – allgemein ein schlechtes Zeichen – und vorgeworfen, daß „die Welt da draußen aber schlicht nicht ihr Forschungsgegenstand ist“. Nun, der Artikel dekliniert lediglich – zudem teils nach rechts anschlußfähige – Überzeugungen durch und kommt zu Resultaten, die auch wenig Ähnlichkeit mit dem haben, was von Leuten vor Ort berichtet wird – so etwas hier http://www.sueddeutsche.de/panorama/hamburger-tuersteher-die-groessten-probleme-machen-nicht-fluechtlinge-sondern-anzugtraeger-ueber–1.2857617#

Da läßt sich fragen, handelt es sich bei dem Realitätsgerede um eine pathische Projektion oder bloß Idealismus im Sinne der Überzeugung, daß die Realität mit den eigenen Konzepten übereinzustimmen habe? Jedenfalls können wir, wenn „die Welt da draußen“ einem „Forschungsgegenstand“ gegenüber gestellt wird, Antiintellektualismus feststellen. Da die Autorin beklagt, daß ihr Lieblingsthema Antisemitismus vernachlässigt werde, kann sie als Übungsaufgabe den Zusammenhang von Antisemitismus und Antiintellektualismus recherchieren.

Hier wurden mal wieder Wohlfühlgewissheiten eines Szenesplitters kenntnisfrei in Polemik umgesetzt und es beängstigt, daß Leute offenbar denken, an soetwas könnte etwas dran sein. Denn selbst wenn dies der Fall wäre, es dermaßen schlecht zu vertreten sollte selbst die Anhänger*innen dieser Meinungen abstoßen.

Die rot angestrichene Flachzange des Monats geht an: Hannah Wettig.


Neues im DFB-Skandal

17. November 2015

Die Welt titelt:
NATIONALMANNSCHAFT Löw und Co. werden mit Maschinenpistolen bewacht

Die Kulturellepraxis ruft diesen Bewacher*innen zu:

Fight the game, not the player!