Humanismus abschaffen oder doch lieber dekonstruieren?

31. August 2012

Mit Odradek

Am Eingang des Supermarktes das Bild eines Hundes (Messerwetzen durch Odradek) „Wir müssen draußen bleiben“.

Indessen in diesem Supermarkt: Als Angestellte* dieses Supermarktes ist mensch [sic!] verpflichtet bzw. dazu angehalten, Ungeziefer im Interesse des Unternehmes zu vernichten: z.B. Fliegen im Kuchentresen, Wespen in der Obstabteilung, Getreidemotten beim Mehl etc.

Wieso?

Nein, liebe unkritischen Kritiker, das ist nicht nur der böse Kapitalismus, den da die/der Chef*In des Unternehmens verkörpert und die/der seine Angestellten zum Schutze des Eigentums und Umsatzes zum Fliegenklatschen anstiftet („Wenn die Fliegen das Obst anknabbern, kann ich das nicht mehr verkaufen!“)…sondern es ist auch die Versicherungsproblematik (Versicherung, wo – menschlicher? – Verstand zugunsten des Formalismus zurücktreten muß), die aus der Produktion von potenziellen Risiken und Gefahren für Leib und Seele hervorgeht, welche wir wiederum getrost mit biopolitischen und persönlichkeitsrechtlichen Diskursen in Verbindung bringen können: „Wenn die Wespen die Kunden stechen, dann haben wir eine Klage alá „McDonalds Kaffeebecher“ am Hals.“ „Die Fliegen sind eine Gefahr, denn sie verteilen Keime!“ Und die Keimbekämpfung ist EU-Vorschrift. Jede Gesellschaft hatte Reinheitsdiskurse.

Wenn ein*e Kund*In allerdings eine halbe Melone plumpsen lässt oder in der Brotabteilung sämtliche Brote betoucht, dann darf ich den/die nicht totschlagen, obwohl das doch auch umsatzschädigend ist: „Kann ich nicht mehr verkaufen, weil die Melone ist Matsch, weil die Keime von der/dem sind jetzt auf allen Broten verteilt. Igit!“

WILLKOMMEN ALSO IM HUMANISMUS!!!!

Da wo im Interesse der Menschen (gut, liebe unkritischen Kritiker*: auch im Interesse eines Unternehmens, diesen Zusammenhang sehen wir und betonen wir gerne) nichtmenschliche Tiere einfach ohne großes Nachdenken eliminiert werden, und Menschen andere Menschen nicht eliminieren dürfen.

Oder dürfen sie? Das Unternehmen Staat erteilt Ausnahmegenehmigungen, von denen die flächendeckendste „Krieg“ (oder „bewaffneter Konflikt“ oder „Friedensintervention mit rubustem Mandat“) genannt wird. Der s.g. „finale Rettungsschuß“ funktioniert nach oben angeführter Logik: Um (menschliche) Tiere  zu schützen kann, darf, muß eines getötet werden. Nicht so leichtfertig wie die Fliegen im Supermarkt. Hier werden Hierarchisierungen sichtbar, von denen die Mensch-Tier Trennung sicherlich eine der größeren ist, aber nicht die einzige. Die Angestellten werden nicht dazu angehalten, das erwähnte Hundeverbot auf gleiche Weise wie das Insektenverbot durchzusetzen. Rassistische Morde werden nicht mit der Vehemenz verfolgt wie klassistische. Auch dürfen zwar begrabbelnde Kund*n nicht getötet werden, Obdachlose aber vom Gelände vertrieben. Mit Derrida1 können wir festhalten, wer „Tier“ sagt, sagt was Dummes. Mit anderen Worten: die/der Obdachlose (oder noch weiter ausgedrückt: die zivilgesellschaftlich nicht ertragbare und verwahrloste Gestalt) fällt gleichbedeutend mit Hunden in die Zwischenstufe der humanistischen Hierarchie (ein Schild vor dem Supermarkt, das Obdachlosen genauso wie Hunden den Eintritt verwehrt, schickt sich aber nicht, dieser Auschlussmechanismus bleibt also zunächst unsichtbar). Jede Gesellschaft bringt ein Wahrheitsregime (Normen/Maßstäbe/Naturalisierungen/ethische Codes etc.) hervor, „das von Anfang an entscheidet, was eine anerkennbare Form des Seins ist und was nicht.“ 2

Zur Ordnung dieser Hierarchie: Ganz oben (und vollends human, privilegiert, vom Wahrheitsregime „anerkannt“) der/die brave, verantwortungsbewußte, engagierte, produktive Bürger*In; in der Mitte stehen die Unproduktiven, Verwahrlosten, Unterklassigen (ökonomisch/kulturell/sozial) sowie die ‚ethnisch‘, ‚geistig‘ und ‚körperlich‘ Abweichenden zusammen mit Haus- und Nutztieren; unten das Ungeziefer. Die Mitte der Hierarchie ist äußerst prekär und durchlässig nach unten.

Was mach ‚mer also jetzt? Humanismus abschaffen oder dekonstruieren? Denn essenzialistisch legitmieren lässt er sich nicht: „Menschen bringen Tiere um, das liegt in der Natur. Genauso wie andere Tiere andere Tiere töten.“ Gegenfrage: „Wenn es doch selbst in der sog. Natur Kannibalismus gibt, wieso darf ich dann nicht auch andere Menschen jagen und essen?“ Und „If they are our brothers, how come we can’t eat them?“ (1). Ach, Mist… Humanismus eben.

Kommen wir zum philosophischen Teil:

Der humanistische Grundannahme „der Mensch ist“ impliziert stets sein Gegenteil, Nicht-Menschen. Dies trifft der Spezies nicht zugeordnete deutlich härter, ist aber nicht auf diese beschränkt. In der obigen Hierarchie, stellen die Unproduktiven, Verwahrlosten, Unterklassigen das konstitutive Außen für die hegemoniale Subjektform, also die Form eines „kompletten Menschen“: Das unproduktive (oder unkreative) Subjekt, ohne Bereitschaft etwas zu bewegen und an sich selbst Arbeit zu leisten (personal growth), stellt beispielsweise das konstitutive Außen zum Subjekt der creative class.3 Das primitive Subjekt bildet seit dem 19. Jahrhundert (in unterschiedlichen Formen: zunächst die Kolonialvölker, heute sind es vor Allem die nach westlichen Standards politisch (und wirtschaftlich) unzivilisierten, nicht-demokratiefähigen, „chaotischen“ Regionen der Welt (akutelle Beispiele: Ägypten, Syrien)) das konstitutive Außen zum zivilisierten bürgerlichen Subjekt, ebenso wie die Unterklassigen (bspw. das Proletariat des 19. Jahrhunderts, heute vermischt sich Nicht-Gebildetheit mit der Anforderung des Kreativseins und wird zum neuen Subjekt der Unterklasse: die uncreative class?). Bedenken wir zudem die Bedeutung von Tier- und Naturvergleichen in allerhand Diskriminierungsformen.

Zur Kenntlichkeit verfremdet aus dem 13. Jahrhundert: „Das vollkommenste unter den Tieren ist der Pygmäe. Von allen macht er den meisten Gebrauch von seinem Gedächtnis und von Lauten, wenn er sich verständigen will. Deshalb imitiert er Vernunft, ohne sie wirklich zu besitzen. Vernunft ist das Vermögen der Seele, auf Grundlage der Erfahrung aus zurückliegenden Erinnerungen und durch syllogistische Folgerungen zu lernen, Universale abzuleiten und sie auf ähnliche Fälle in Kunst und Wissenschaft anzuwenden. Das aber vermag der Pygmäe nicht.“4 Wer glaubt solche Rassismen seien Geschichte, der führe sich noch einmal obige Hierarchie vor Augen: Die Grenzen werden heute lediglich anders gezogen. Diskurse wandeln sich.

Vielleicht könnten wir hier Connell aus der Mottenkiste holen. Mit einem Theorietransplantat ersetzen wir in guter europäischer Tradition „Mann“ durch „Mensch“. Brauchbar ist hier vielleicht der Begriff „Komplizenschaft“, bedenken wir, daß „Mensch“ durch gewisse Anforderungen hergestellt wird, erfüllen die wenigsten alle Kriterien vollkommen – sie dürften auch Widersprüche enthalten: eine „Subjektkultur“ ist niemals rein, sondern beinhaltet „Friktionen“ und Kontingenzprobleme,5 Widersprüche und Alternativen bilden (neben dem kulturellen Außen) konstitutive Bestandteile. Jedoch bietet es dividendenartig dennoch Vorteile, sich in dieses Hierarchiesystem einzufügen.


 1 Derrida, Jacques: Das Tier, welche ein Wort!; in: Stiftung Deutsches Hygiene-Museum: Mensch und Tier : Eine paradoxe Beziehung (Begleitbuch zur Ausstellung “Mensch und Tier. Eine Paradoxe Beziehung”, Deutsches Hygiene-Museum Dresden, 22. November 2002 bis 10. August 2003); Ostfildern 2002; S. 191-210, S. 191.
2 Butler, Judith: Kritik der ethischen Gewalt. Frankfurt a.M. 2003, S.31.
3 vgl. Reckwitz, Andreas: Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne. Weilerswist 2008, S.500-630.
4 zitiert nach: Magnus, Albertus: De animalibus XXI. 1,2, S.1327; vgl. hierzu: Friedrich, Udo: Menschentier und Tiermensch. Diskurse der Grenzziehung und Grenzüberschreitung im Mittelalter. Göttingen, 2009, S.139.
5 vgl. Reckwitz, Andreas: Das hybride Subjekt, S.14ff.

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Dekoration

12. August 2012

In einem spanischen Museum habe ich gelernt: „Adorno“ heißt auf spanisch allgemein „Dekoration“/Verziehrung“, in der Musik bezeichnet es „Ornamente“, also schriftlich notierte Zusätze bei Noten, denen die Interpret*Innen eine Verziehrung verleihen sollten.

Interpretieren wir nicht alle unsere Adornos?


Wie subj. merkt, wenn eine Diskussion in die falsche Richtung läuft, Teil #1

17. Juli 2012

Diskussionspartner*Innen beginnen Sätze folgendermaßen:

– „Es ist wissenschaftlich erwiesen…“
– „Das ist nicht nachweisbar…“
– „Schon die Bibel lehrt uns…“
– „Es ist doch völlig normal, dass…“
– „Dann einigen wir uns doch darauf…“
– „Wir alle wissen doch…“
– „Ich denke jeder sollte selbst wissen/entscheiden, was richtig für einen ist…“
– „Ich respektiere andere Meinungen und finde gut, dass es solche abweichenden Gedanken gibt, trotzdem denke ich…“
– „Der gesunde Menschenverstand…“
– „Ich bin kein *ist, aber …“
– „Wenn du aber ehrlich bist, dann…“
– „Jetzt denk doch nochmal richtig nach…“
– „Das ist unlogisch…“
– „Das ist reine Spekulation…“
– „Fakt ist…“
– „Geh mal tief in dich und sage mir dann…“
– „Es ist doch nicht zu bestreiten, dass …
– „Das fühlt man doch …“
– „Aber die eigentliche Frage ist doch …“


Dein Bart für’n A

12. Juni 2012

Mit Odradek

Beängstigend die Kampagne „Dein Bart für Deutschland„! Diese unheilige Allianz zwischen Sport, Nationalismus und Männlichkeitsgedöns müssen wir unseren Leser*innen nicht näher erläutern, „All nationalisms are gendered, all are invented, and all are dangerous.“(1)

Damit erreicht der Satz „Beards Don’t Kill People, People With Beards Kill People“ ungeahnte Aktualität. Waren Bärte nicht gerade noch Symbol für den gefürchteten islamistischen Terrorist*n? Müssen Bart tragende Personen jetzt fürchten, von Antideutschen als General- oder Sippenverdächtige angegriffen zu werden? Ein betroffener dazu: „Ich habe bereits erwogen, mir einen Davidstern ‚reinzurasieren, aber wahrscheinlich gibt es insgesamt doch mehr Antiimps und NeoNazis, zumal gewaltbereite.“

Die Idee, Bärte zu Fußballevents zu tragen ist nicht neu, sie wurde bereits von  antiken Griechen praktiziert (siehe). Aber wir dürfen nicht vergessen, daß mit Karl Marx, Friedrich Engels, Wau Holland, Richard Stallman und Heinz Diogenes diverse – größtenteils übergewichtige – linke Vordenker Bärte trugen.

Vielleicht müssen das Verhältnis von Nationalismus, Haaren und Begehren dekonstruieren und komplett neu denken, schließlich gibt es auch andere kontroverse Formen der Enthaarung; auch wollen wir nicht männlich identifizierte Wesen mit Bartwuchs nicht unnötig marginalisieren.

Wieauchimmer. Die Kulturelle Praxis ruft zur Gegenkampagne auf! Doch wie sollte diese Gegenkampagne aussehen?

Konsequent sämtliche Haare abrasieren unter dem Motto „Deine Glatze gegen ‚Schland“ scheint nicht optimal. Doch böte sie zumindest eine Eskalation des zu erwartenden nationalismuskritischen Rasierzwangs: „Wer sich nicht von allen Haaren trennt ist kein rechter Linker!“ Und endlich könnte unfreiwillige Kahlköpfigkeit etwas Widerständiges sein.

Sollten wir nicht lieber mit portablen Rassierapparaten – Naßrasierer könnten gegen die Versammlungsauflagen verstoßen, aber Geräte der Marke Philips kommen auch nicht in Frage – über Fanmeilen laufen und auf diese Art und Weise Widerstand leisten? Zwangsenthaarungen stehen in bester realsozialistischer Tradition.

Wäre es nicht auch möglich einen Bart Simpson Schlüsselanhänger (als Symbol der Bricolage) zu tragen?

Weitere Vorschläge werden gerne angenommen, als erster Preis winkt ein Original Mensa-Kaffee (Reisekosten nicht inkl.).


Towel Day

25. Mai 2012

Mit Odradek

Die Kulturelle Praxis sieht die Zeit für einen Paradigmawechsel kommen: Die Boot Studies mögen interessante Erkenntnisse geliefert haben, sind aber in ihrer Ausrichtung und Perspektive zu einseitig. Die reduktionistische Fokussierung auf Stiefel – oder bei manchen Autor*Innen: Die an Hegel angelegte Dialektik zwischen Schirmherr und Stiefelknecht – hinkt gewaltig, die Argumentation gerät ins stoplern. Nun streben einige nur eine geringfügige Ausweitung und mithin nur scheinbar paradigmatische Verschiebung auf das Schuhwerk an, das ist in ihren Grundzügen bereits deterministisch.

Die Kulturellepraxis versucht systematisch weiterzudenken. Dafür müssen wir tiefer als nur das Schuhwerk denken: Die Socken. Doch wäre dies ein komplett ahistorisches Konzept. Bis in den zweiten Weltkrieg verwendete Vorläufer der Socken waren um die Füße geschlungene Tücher. Damit die Sache aber Hand und Fuß hat (und eben in trockenen Tüchern ist), braucht die Forschung zusätzlich: Handtücher!

Diese Erkenntnis hatten bereits vor uns fernwestliche Weisheitsleeren, sie wiesen darauf hin, daß das Leben ein unsichtbares Handtuch ist, doch diese Erkenntnis ging durch einen Übersetzungsfehler verloren.

Also im Klartext: Die Critical Boot Studies benötigen dringend einen Towel-Turn. Die Kulturelle Praxis regt dabei zum Weiterdenken das Konzept ‚Handtuch‘ als neuen Aufhänger an, das selbstverständlich einen Haken hat: Das Gebiet mag zunächst etwas trocken klingen. Zugegeben, ist es auch, denn das haben Handtücher so ‚an sich‘1. Es ist ihre Funktion im Sinne einer Propensität2 des Trocknens.

Gehen wir also ins Detail:

Schon in der Antike sprach der griechische Philosoph Pluton in seinem Handtuchgleichnis von einem Idealhandtuch. Einer Urform in der Vorstellung, auf die sich alle sinnliche Wahrnehmungen beziehen und der alle Erscheinungen nachgeordnet sind.

Auch zählten in der Antike – neben Ringen, Boxen, Speerweitwurf, Diskuswerfen, Wettlauf, Mikado, Schnickschnackschnuck und „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann“3Handtuchkämpfe zu den neun olympischen Grunddisziplinen. Wie viele Sportarten hat auch diese praktischen Nutzen in der Kriegskunst.

Dies bot Norbert Elias Anlass, im Handtuch ein maßgebliches Mittel der Zivilisierung zu erkennen: Es behielt bis in die heutige Zeit hinein die zivilisatorische Funktion der Bestrafung, Selbstkasteiung und Disziplinierung (Handtuchkampf diente nach Elias als sublimierte Funktion der Gewalt). Bisher übersehen und erst durch den Towel Turn aufgedeckt, sehen wir hier eine indirekte Bezugnahme und Kritik an Marx‘ historischer These von den Stiefeln.

Kritik an Elias übte Michel Foucault: Ihm zufolge diente bis in die Disziplinargesellschaften des 18. Jahrhunderts das Handtuch zunächst noch als Instrument der Strafe, wurde aber mehr und mehr durch die neue biopolitische Handtuchpraxis der ‚Hygiene‘ verdrängt, die Foucault mit dem Aufkommen der ‚Bevölkerung‘ im 18. Jahrhundert in Verbindung bringt.

Einige Vertreter*Innen der Towelpsychologie gingen in der Belle Epoche davon aus, dass das Handtuch zu den Grundbedürfnissen des Menschen gehöre. Wie Alvin Cotton in seinen bekannt gewordenen Feldforschungen in der Sauna feststellte, ist das Handtuch das einzige, was Menschen dort mit hinein nehmen. Er schlussfolgerte, dass eine universelle tiefe melancholische Verhaftung mit diesem Objekt bestehe. Eine Annahme jedoch, die sich mit der Unhaltbarkeit des Konzepts ‚Mensch‘ erledigte: „The Cyborg is a creature in a post-towel world.“ (Dronna Hairdryway)

Der Philosoph Toweldor Double-U Ahdochnö sprach schon in seinen Arbeiten zur Kultur der Nachkriegszeit von der verschleiernden Wirkung des Handtuchs.

„Die Ersatzbefriedigung, die die Handtuchindustrie den Menschen bereitet, indem sie das Wohlgefühl erweckt, die Welt sei in eben der Ordnung, die sie ihnen suggerieren will, betrügt sie um das Glück, das sie ihnen vorschwindelt. Der Gesamteffekt der Handtuchindustrie ist der einer Anti-Aufklärung; in ihr wird Aufklärung, nämlich die fortschreitende technische Naturbeherrschung, zum Massenbetrug, zum Mittel der Fesselung des Bewußtseins. Sie verhindert die Bildung autonomer, selbstständiger, bewußt urteilender und sich entscheidender Individuen. Die aber wären die Voraussetzung einer demokratischen Gesellschaft, die nur in Mündigen sich erhalten und entfalten kann.“ (Ahdochnö, Toweldor Double-U: Resümé über die Handtuchindustrie. Frankfurt/Oder: Sauerkamp, 1966, S.17)“

Die Handtuchindustrie war wesentlicher Faktor der damals einsetzenden Konsumgesellschaft, die in erster Linie auf die Gestaltung von Freizeit (Hobbies/Aktivitäten/Unterhaltung) des/der Einzelnen abzielte. Beispielhaft sei an den beginnenden Massentourismus erinnert, der nur durch das Bestehen der Handtuchindustrie ermöglicht wurde, die nun begann massenhaft Badetücher für Strandurlauber*Innen herzustellen und ein Gefühl der Pseudoindividualität („Da wo mein Handtuch liegt, das ist meine Liege!“) zu vermitteln.

Das Handtuch ist also nur ein Produkt der Ideologie: Während das bloße Abtropfenlassen des Geschirrs nach dem Abwasch den Individuen eine größere Autonomie ermöglicht, hat das Abtrocknen als Arbeit deutlich entfremdende Wirkung. Dabei muss ein bereits lange bestehendes Missverständnis aus der Welt geräumt werden: ‚Das Handtuch werfen‘ ist ein emanzipatorischer Akt und kein Signal des Aufgebens. Ferner wird in der von der Handtuchindustrie dominierten Welt das Handtuch zum Fetisch schlechthin, auf Grund dessen verschwinden weltweit tagtäglich Handtücher aus Hotels.

Der Fetischcharakter zeigt sich in filmischer Nutzung dieses Gegenstands. Die erotische Aufforderung zum Applizieren eines Handtuchs („Dry me“), bei gleichzeitigem Reichen dieses kommt sowohl in Blade Runner, als auch Strange Days vor. In beiden Fällen symbolisiert das Handtuch ein Zeichen des Begehrens und zeigt uns somit die Mittelbarkeit allen Begehrens über Zeichen auf;4 da das Begehrte aber immer ein Zeichen ist, haftet jeder Erfüllung, jeden Erlangen des Zeichens etwas unechtes, enttäuschendes an. Beide Szenen spiegeln das, indem sie Situationen der Täuschung sind: In Blade Runner nutzt die Replikatin Zhora durch diese Aufforderung verursachte Verunsicherung der Hauptfigur Deckard, um diesen anzugreifen und zu fliehen. In Strange Days stellt sich die erotische Szene als Erinnerungsaufzeichnung heraus, welche Hauptfigur Lenny Nero der verflossenen Beziehung nachtrauernd konsumiert.

Zurecht wurde die obigen recht einseitigen Sichten auf das Handtuch jüngst einer Kritik unterzogen. Insbesondere wurde an die möglichen nicht-hegemonialen Nutzungspraktiken von Handtüchern (jenseits handtuchindustrieller Normen) erinnert. In Form einer bricolage lässt sich das Handtuch eben auch einfach als lustige Kopfbedeckung benutzen. Wem das noch nicht widerständig genug erscheint, der/die denke an die Möglichkeit, dass sich mit Hilfe von Handtüchern  Molotwococktails bauen lassen.5 (Hier wird die widerständige Bedeutung der Metapher ‚Handtuch werfen‘ natürlich um ein weiteres bestätigt)

In jüngerer Zeit bahnt sich eine Neoliberalisierung durch die Haushaltsrolle an, die das Handtuch zu verdrängen droht und damit massiv die Arbeitswelt verändert. Arbeiten wie Putzen, Aufräumen und Abwaschen werden so mehr und mehr zu Angelegenheiten von schnelllebigen Projekten. Nach Erledigung der Arbeit wird das Papier sofort entsorgt. Eine Parallele zur biopolitischen Verbreitung (keimfreier) Papiertaschentücher, die das Stofftaschentuch verdrängen.


1 Oder für die Hegelianer unter uns: ‚für sich‘ oder für die Foucaultianer unter uns: ‚Trockenheit wird zu jeweiligen Zeiten immer wieder hergestellt‘, also auch nochmal für die Butlerianer unter uns: ‚Trockenheit wird performt‘

2 Bigelow, J.; Pargetter, R.: Functions; in: Journal of Philosophy 84 ( 1987); S. 181-197.

3 Unklar und umstritten ist, ob es diese Disziplin zeitgenössich nicht eher „Wer hat Angst vorm Römer“ genannt wurde, und es sich hier um einen Übersetzungfehler handelt.

4 vgl. Kapitel II: Butler; Judith 1997: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Frankfurt/M: Suhkamp.

5 Die Tatsache, dass der Molotowcocktail entscheidend durch den finnischen Winterkrieg 39/40 geprägt wurde, regt zum re-reading von Alwin Cottons Thesen an, da Finnland ja auch das Land der Sauna ist. (Wird hier also die melancholische Verhaftung mit Handtüchern in Aggression sublimiert, wie Elias sagte?)


Humane Tierhaltung

20. Mai 2012

Kurzmeldung:

Massentierhaltung ist pervers! Tierhaltung auf Biohöfen mit genug Auslauf/Platz und dem richtigen Futter – da ‚artgerecht‘ – hingegen ist Ok und sollte weiterhin vorangetrieben werden. Dies ergab eine Studie bei der 500 Kühe, 1000 Schweine und 5000 Hühner befragt wurden. Die Interviewten auf Biohöfen gaben an, von Grund auf zufrieden zu sein. Ein Huhn hierzu: „Ich habe die 100 Tage meines Lebens total genossen.“ Viele der Befragten betonten immer wieder die humanen Bedingungen auf Biohöfen. Ein Schwein: „Schon seit Adorno wissen wir, dass die Kultierindustrie auf die Aufzucht von Massen aus ist. Hier hingegen sind wir frei und ich wünsche meinen Kollegen in der Massentierhaltung den orwellsch-emanzipatorischen Geist, damit es Ihnen hoffentlich auch bald so gut geht wie uns. Gut es muss ja nicht gleich ein neues System her (wie in der Orwell-Bibel), aber die soziale Tierwirtschaft ist schon ein historisch bedeutender Schritt.“  Eine Kuh eines biodynamischen Hofes erklärte: „Toll finde ich, wie individuell das hier zugeht. Zum Beispiel sprechen uns die Schlachter kurz vor der Schlachtung direkt mit Namen an. Da freue ich mich schon drauf!“


Epic Fails Sammlung #1

16. Mai 2012

Wikipediaartikel zu Philipp Sarasin: „Er gilt aufgrund seiner jüngeren Veröffentlichungen und Vorträge zu Michel Foucault als einer der besten deutschsprachigen Kenner des Werks des französischen Ideenhistorikers [sic!].“ (Anmerkung der Redaktion: Ja, in der Tat: Sarasin ist Foucaultexperte, der/die Autor*In hat sich aber soeben selbst disqualifiziert.)