Eine Lanze für #10 Glitzer

“Eine Lanze für … : Hantologische Streifzüge zu totgesagten Konzepten, in theoretischen Abfällen containernd”, Teil 10: Glitzer & Cuteness

„Die Horden der Finsternis glitzern nicht“ –Fauchi Stormborn

Vielleicht sollte Anwürfen aus dem küchenpsychoanalytischen Storygenerator nicht noch Aufmerksamkeit gewidmet werden und nicht die drölfzigste Widerlegung geschrieben werden. Vielleicht ist es aber auch ein guter Anlaß ein paar Dinge zu bärklären.

Dieses mal geht es um Cuteness- und Glitzerästhetiken. Diese seien ein Teil von Selbstinfantilisierung und zeigten daß die nutzenden harmlos gegenüber den herrschenden Verhältnissen sein wollen. Der Einwand daß feminine Ästhetiken abzuwerten misogyn motiviert sei reproduziere Rollenerwartungen. Und wir dachten die Rollentheorie wäre längst zerbröselt und durch Performanztheorien ersetzt..

Zunächst einmal müssen wir klären: Einhörner, Glitzer und Cuteness sind sicherlich streng Opt-In-Only! Wer es nicht versteht muß nur verstehen es nicht zu verstehen. Also müssen keine moralischen Verbindlichkeitsansprüche abgewehrt werden. Von daher scheint es verwunderlich daß überhaupt darüber kontrovers diskutiert wird. Ob so viel polarisierendes Potential bereits auf subversives hindeutet sei mal dahingestellt, aber anscheinend geht es zumindest nicht um Wirkungs- oder Bedeutungsloses.

Als Opt-In Modell müssen wir uns eigentlich auch nicht mit dem Problem beschäftigen, daß Subjektivierung ja nicht im luftleeren Raum stattfindet, also diese „Erwartungen“ nicht nur äußerliche sind, sondern sich dazu irgendwie zu ihnen verhalten und verhalten zu müssen Teil des Subjekt-Seins ist. Ohnehin bereitet das Dilemma daß einerseits jede Wiederholung eine Norm festigt, andererseits Ausdrucksmöglichkeiten pauschal herabzuwürdigen – zum Anderen, zum Untergeordneten machen – wiederum Teil dieser zu bekämpfenden Norm ist nur dann unlösbare Probleme wenn auf jegliche Ambiguität verzichtet wird. Nun ist es aber gerade Grundprogramm einiger poststrukturalistischer Queerverständnisse kleine Uneindeutigkeiten zu großen Möglichkeitsräumen ausweiten zu wollen. Hier fügen sich Cutenessästhetiken gut ein. Wenige Leute laufen anlaßlos als japanische Maskottchen rum, d.h. als großer Trampler (Mensch, Cyborg u.ä.) reine Cuteness darzustellen ist schwer bis unmöglich. Cutenessästhetiken werden also meist mit anderen Stilen kombiniert. Nun sind aber gerade ungewöhnliche Kombinationen die Seh- und Denkgewohnheiten durchkreuzen geradezu ein fast schon langweiliger Grundbaustein dieser Ecke von queerer Ästhetik. Da Cuteness aber als unmännlich und unerwachsen gilt können damit beispielsweise Selbstinszenierungserwartungen unterlaufen werden. Sich nicht zu ernst nehmen als politisches Programm.

Der „Selbstinfantilisierung“svorwurf ist nicht neu, von Safespaces bis zu ungeschickten Abkürzungen („Transpi“, „Lauti“) waren so manche Phänomene Aufhänger für diese kritischen Kritikversuche, doch nun hat die Autodeterminierung des Anwendungsbereichs endlich das (zu) offensichtliche Ziel gefunden: Ästhetiken die sich kindlich Konnotiertem bedienen. Dies zu verbinden bedient sich einer versteckten biologistischen Prämisse, nämlich Cuteness mit Kindchenschema und dieses mit „Nestpflege“ wegzuerklären; wie es leider auch in den Cuteness-Studies- das gibt es tatsächlich, allerdings mit zu nützlicher Ausrichtung um hier positiv beachtet zu werden – oftmals geschieht, daher heißt unser „postmoderner“ Gegenentwurf „Plüschtierstudies“, auch wenn er mittlerweile über Plüschtiere hinauszugehen vermag, aber nicht ohne sie vonstatten geht. Der Einwand das sei doch kindisch ist in diesem Fall so dermaßen naheliegend, daß davon auszugehen ist, Fans von Cutenessästhetiken hätten sich damit von sich aus auseinandergesetzt; sei es auch nur mit einem „na und!?“. Dies schließt zwar nicht aus daß unter Schichten von beispielsweise Ironie das offensichtlich Naheliegende versteckt sein kann, nur wären Leute die dies behaupten in der Pflicht solche – und andere – Schichten ersteinmal feinsäuberlich abzutragen.

Soetwas kann allerdigns schon deshalb nicht gelingen, weil wir es nicht mit einem klar umrissenen Ding zu tun haben, sondern einem dezentralen, bisweilen brüchigen und widersprüchlichen Gefüge. D.h. auch daß ähnlicher Ausdruck sehr Unterschiedliches bedeuten kann. Die eine, die eigentliche Bedeutung eines Zeichens festlegen zu wollen muß scheitern. Dies ist keine „postmoderne Beliebigkeit“, sondern eine Forderung nach gegenstandsangemessenen Methoden. Speziell politischer Ausdruck ist oftmals ein Move – im dreifachen Sinne von Spielzug, Bewegung zu und Absetzungsbewegung von – somit nicht ohne Absichten, Kontexte, Rezeptionen genauer zu untersuchen oder beurteilen. Beispielsweise Verunsicherungstaktiken – und mit diesen arbeitet „postmoderner“ Aktivismus ja gerne – können weder eindeutig, noch stabil sein. Ästhetiken lassen sich nicht vor Vereinnahmung schützen, das macht Cuteness so radikal, hier wird dies nichteinmal versucht.

Methodendiskussion in den Plüschtierstudies

Daß aber Cutenessästhetiken vermehrt auftreten und – in manchen Kontexten – un-verschämt gezeigt werden, die scheinbare Grenze zwischen Spiel und Ernst verwischend und gar politisch eingesetzt werden, wollen wir „Cutenessrevolution“ nennen, wohlwissend daß sie – wie vielleicht jede Revolution bei näherer und dogmensparsamer Betrachtung – eine Mannigfaltigkeit mit unterschiedlichsten Zielen ist. Eine Aufgabe für die Plüschtierstudies wird es sein die Cutenessrevolution im den Kontext queerer Ästhetiken zu untersuchen und ihre queerenden Potentiale zu fördern.

Es mag Cuteness- und Glitzerästhetiken geben, die einfach nur oberflächlich sind – von allen zu verlangen immer und überall subversiv zu sein wäre zu viel verlangt und führte zu Überforderung. Dieser wird dann oftmals mit Abwehrmechanismen begegnet, welche die Psychoanalyse so trefflich beforscht hat. Jedenfalls könnte es sinnvoll sein „Guilty Pleasures“ – sondern höchstens ihre Folgen – nicht als Politisch-Moralisches zu untersuchen, darunter leiden unnötig entweder die Pleasures oder die Theorien mit denen sie gerechtfertigt werden. Wenn etwas Wohlbefinden spendet ohne anderen dabei zu schaden kann es beispielsweise als Selfcare dienen: aufgerieben im Namen der Gutensache(tm) nützt d* beste Revolutionär*in niemandem; und das Gefühl daß nicht alles von Nützlichkeit abhängt – sei es auch die für die gutesache(tm) – ist auch etwas Wert. Wir halten also fest: Cuteness macht nur dann Spaß wenn sie nicht unmittelbaren Zwecken untergeordnet ist oder ein Eigenleben neben den Zielen führt. Affinität zu Cuteness besser leben zu können ist für manche eine Befreiung; kein gelöster Hauptwiderspruch, aber doch mehr Handlungsmöglichkeiten. Nicht zuletzt für Plüschtiere, die jetzt mehr unter die Leute kommen. Die Cutenessrevolution hat also subrevolutionäre Anteile, doch schadet dies nur in einem Entweder-Oder-Denken. Selbst das beste Schwert funktioniert nicht ohne stumpfe Teile.

Die Plüschtierstudies grenzen sich gezielt vom Thema Kinder ab, gerade um die Assoziationskette Niedlichkeit:Kindlichkeit:Unschuld zu durchbrechen; dort geht es nicht um Unschuld, nichteinmal verlorener oder bekämpfter. Dies grenzt sich in zwei Richtungen ab: Zum einen gegen Kritik die – bestenfalls durch versteckte biologistische Prämissen, schlimmstenfalls durch Assoziationsschlüsse – den Cutenessästhetiken Kindlichkeit unterstellt, zum anderen bedeutet das auch eine Aufgabe für die Cutenessrevolution, die Elemente jenseits von Unschuld und platter Distanzierungsironie – beispielsweise durch ernstes Spiel – weiter zu entwickeln.

Doch erstaunlich viele die sich positiv auf derartige Ästhetiken beziehen haben in Abgründe geblickt. Somit läßt sich nicht ohne Weiteres erkennen ob hinter einer Affinität zu Cuteness Naivität, Wunsch nach Naivität oder das genaue Gegenteil, nämlich sich bewußt zur Ent-Täuschung dieser zu verhalten ist. Vielleicht gar dem irreparabel beschädigtem Leben vitale Fiktionen entgegenzusetzen.

Damit ließe sich im Stil der Küchenpsychoanalyse – und mit dessen deutungshoheitsgreifenden wie assoziativen Methoden – polemisieren, daß vor sich herzutragen Safespaces und Cutenessästhetiken nicht zu verstehen oder gar zu verachten zeige, die Gründe für Bedürfnisse danach nicht nachvollziehen zu wollen und können. Der Selbstinfantilisierungsvorwurf wäre dann als projektiv einzuordnen, wird er doch durch Naivität aufrecht erhalten und basiert auf der Abwehr der Befürchtung, die eigene Reife und Abgeklärtheit sei nur Simulation. Aber so zu argumentieren wäre weder methodisch noch moralisch vertretbar. Glücklicherweise ist ernsthafte Subjekttheorie weiter als solch feuilletonistischen Sparversionen.

Wie steht aber Cuteness jetzt zu Harmlosigkeit? Dies ist eine offene Debatte. Doch glücklicherweise ist dessen Ergebnis hier nicht praxisrelevant. Die Militanzdebatte steht nämlich auf einem anderen Blatt. Militanz ist keine Lebensform, keine Ästhetik – Ästhetiken können ohnehin keine festen Größen sein – und sollte die Frage nach den Beziehungsweisen nicht beantworten. Also wäre es ein fataler Kategorienfehler Cuteness mit irgendwelchen taktische Entscheidungen in Verbindung zu bringen. Nur so viel sei verraten:

Feder & Schwert (gut, Kugelschreiber und Multitool), die Waffen einer Punkprinzessin #cutenessrevolution

Fazit: Realität ist etwas für Leute die nicht mit Einhörnern klarkommen – Philosoph*n gegen Realität und Plüschtiere an die Macht!

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