Plüschie Theorie #7: Fiktionen

Die Kulturellepraxis und damit die Plüschtierstudies sind Antiessenzialismus im Sinne daß Wahr-Nehmung nicht abbildet verpflichtet. Aber – selbst wenn wir uns hier die pseudoetymologischen Sophistereien über facere und fingere ausnahmsweise mal sparen – das Faktische läßt sich doch schon vom Fiktiven unterscheiden. Nehmen wir das erstmal hin, dann handeln wir uns die altbekannten Probleme eines zweier-Gegensatzes ein.1

Zunächst einmal ist in einem solchen meist eine Wertigkeit versteckt, eines von beidem wird dem anderen als untergeordnet begriffen. Nun ließe sich anhand von Plüschtieren schön zeigen in wiefern diese Wertung umkehrbar ist, wir könnten dies gar zum zentralen Punkt erklären, beispielsweise daß vielen ihrer Trampler vor lauter Wirklichkeitssinn der Möglichkeitssinn abhanden komme. Mehr noch: Die Tendenz zum „Postfaktischen“ ließe sich damit erklären, daß das Fiktive nicht ernst genug genommen wird2 und daher Fiktionen als faktisch behauptet werden um ihnen Geltung zu verschaffen, als sei nur das Faktische wichtig. Dabei wird aber oftmals übersehen, daß auch Fiktionen nicht etwa beliebig sind,3 sie lassen sich etwa nach ästhetischen Maßstäben kritisieren; was bedeutet daß wir uns nicht nur aus moralischen oder sachlichen Gründen – Fakten – von rechtem Gedankengut fernhalten sollten, alleine für schöne und wohlgeformte Geschichten wäre ein großer Bogen darum zu machen.4
Die Abgrenzung zwischen den Gegensatzteilen ist bei näherer Betrachtung nie einfach oder klar. Beispielsweise könnten wir das Mögliche irgendwo zwischem dem Faktischen und Fiktiven verorten; ein Grund sich weiterhin gerne mit SciFi zu beschäftigen. Diese scheinbaren Graubereiche auszuloten ist nicht etwa philosophische Haarspalterei, auch wenn sich Versuche den Grenzbereich zu kartieren sich darin erschöpfen können, speziell wenn es lediglich um den Zweck die Grenze intakt zu halten geht. Doch beachten wir eine weitere Tücke von zweier-Gegensätzen, nämlich die des „konstitutiven Außen“, also daß die Trennung erst dadurch zustande kommt daß sie immer etwas aus dem Blick rückt, wird klar warum eine scheinbar kleine Anomalie im Zwischenraum ein Ausgangpunkt für neue Kartierungen sein kann, der vormalige kleine Punkt wird plötzlich zum neuen Territorium.

Doch auch wenn wir die Trennung von Faktischem und Fiktiven als für das Handeln nützlich anerkennen und somit hinnehmen, entkommen wir nicht der Einsicht daß es sich um Modelle handelt. Im Optimalfall werden Bereiche der Erfahrung durch diese Modellierungen so getrennt, daß wir nicht nur zwischen Irrtum und Tatsache, sondern auch zwischen äußerlichen und innerlichen Urachen unterscheiden können. Nun ist jede Beobachtung theoriebeladen und auch beispielsweise Träume beziehen sich meist irgendwie auf Erlebtes, es ist also eine mühsam aufrecht zu erhaltende, komplexe Trennung; wäre die Unterscheidung immer einfach, bräuchten wir keinen solchen Wert auf sie zu legen. Doch gerade da Erkenntnisse ob etwas innerlich oder äußerlich verursacht sei für Handeln und Wohlbefinden entscheidend sein können, sei an dieser Stelle die Grenzziehung nicht verworfen.5 Nur deutet schon die Tatsache, daß wir uns in dieser Einordnung irren können darauf hin daß es sich um eine Verarbeitung von Erfahrung – die vielleicht einen Bezug zur Realität hat – handelt, nicht die Realtiät selbst.

Das Faktische wie das Fiktive beziehen sich also auf Erfahrung um verschiedene Bereiche von Realität zu modellieren und durch diese Modellierung zu trennen, aber „the map is not the territory“, das Faktische ist nicht gleichzusetzen mit der Realität.

Ein Ziel der Plüschtierstudies ist es, Modellierungstechniken für Zugang zum Fiktiven zu entwickeln. Wenn das auf die Realität zurückwirkt – umso besser!


1 Derrida, frei nach Moebius, Stephan; Wetzel, Dietmar J.: absolute Jaques Derrida; Berlin 2005

2 Mag für sich eine steile These sein, aber nicht verglichen mit Feuilleton-Psychoanalyse, die regelmäßig Beteiligten die Deutungshoheit über ihr Denken und Handeln mittels eines etablierten Storygenerators stiehlt.

3 Im Goldenen Hecht. Über Konstruktivismus und Geschichte : Ein Gespräch zwischen Heinz von Foerster, Albert Müller und Karl H. Müller; in: ÖZG 8 (1997) Bd.1; 129-143; S. 132. Online verfügbar.

4 Dank an Bewitchedmind für den Hinweis, daß mit der ausgeprägten Jammer- und Kleinbürgerrhetorik vieler Rechtpopulismus ihnen selbst das Inszenierungstalent der historischen Faschisten und Nazis fehlt. Das rechte Metanarrativ, eigentlich überlegen, aber durch fiese Gegner*innen um zustehende Position betrogen worden zu sein findet sich leider auch in einigen linken Erzählungen, also vorsicht vor Querfronten, schon weil es eine schlicht schlechte Story ist.

5 Vgl. Haraway, Donna J.: A Manifesto for Cyborgs : Science, Technology, and Socialist Feminism in the 1980s; in: dies.: The Haraway Reader; New York, London 2004 [Ersterscheinen des Artikels: 1985]; S. 7-45, S. 8: „This chapter is an argument for pleasure in the confusion of boundaries and for responsibility in their construction.“ [Hervorhebungen im Originaltext]

One Response to Plüschie Theorie #7: Fiktionen

  1. Odradek sagt:

    Paßt zu einem Koan: „Wenn ihr dies einen Stab nennt, so verleugnet ihr sein Wesen. Wenn ihr dies keinen Stab nennt, verleugnet ihr die Tatsache.“ —Iaido-Nord

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