Elke Wittich: Riecht nach Liebeskummertränen

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin haben wir die Ehre einen Ausschnitt aus diesem Jungle World Artikel im Rahmen unserer Plüschie-Reihe zu übernehmen

So ein bisschen albern ist dieses »würde ich nie im Leben hergeben« ja schon, denn ganz oft braucht es nur veränderte Lebensumstände, technische Fortschritte oder auch nur neue Moden, und schon wird aus dem geliebten Dingens etwas unerhört Rückständiges, Unbrauchbares, Scheußliches – und so sind die Müllkippen voll mit Sachen, die einst für unverzichtbar gehalten und dann ganz einfach fortgeworfen wurden. Natürlich gibt es Ausnahmen, meinen Teddy zum Beispiel. Daran, wie er in mein Leben getreten ist, kann ich mich nicht erinnern, weil ich erst einen Tag alt war, aber wie die Familie übereinstimmend berichtete, war es damals, als mein Onkel ihn mir beim ersten Besuch ins Babybettchen legte, Abneigung auf den ersten Blick. Wobei Abneigung wohl ein Euphemismus ist: Ich konnte das blöde Scheißvieh nicht ausstehen, und das ungefähr zweieinhalb Jahre lang. Und dann kam der Tag, der alles änderte: Afrah, Omas ansonsten bemerkenswert gutmütiger Airdale-Terrier, schnappte sich den Teddy und verbuddelte ihn im Garten. Zwischen zwei Tannen, wo er vielleicht heute noch liegen würde, wenn ich nicht plötzlich entschieden hätte, dass ein weiteres Leben ohne ihn zwar möglich, aber nicht erstrebenswert wäre, und energisch Teddys Wiederbeschaffung verlangte. Der umgehend losgeschickte familiäre Suchtrupp grub das nunmehr geliebte Viech wieder aus und seither sind wir unzertrennlich, Teddy und ich. Naja, so ganz stimmt das nicht. Er darf nicht überallhin mit, weil er schon ziemlich kaputtgeliebt ist. Netterweise fanden sich im Laufe seines bisherigen Lebens zwar immer wieder Leute, die ihn geflickt haben (sogar mein Bruder hat einige sehr hübsche Frotteeflicken auf ihm hinterlassen, sozusagen als tätige Reue, nachdem er eine meiner Barbies geköpft hatte), aber jede weitere Reparaturarbeit würde die historischen Näharbeiten zerstören, und das geht natürlich nicht. Außerdem hat Teddy ein gebrochenes Bein, weshalb er ein geruhsames Leben im Regal neben dem Bett führen muss. Nur ganz manchmal darf er allerdings doch mit. Damals zum Beispiel, als von der IG Medien irgendwie nochmal versucht wurde, zwischen der Jungen Welt und uns doch noch eine Schlichtung hinzubekommen, kam er mit, nach der Gesamtlage gucken. Was nicht jeden der Kollegen freute, weil das alles ja so unglaublich wichtig war, und wie sieht das denn aus, wenn ein Teddy dabei ist, so einen kindischen Quatsch meinst du doch nicht ernst, oder? Oh wohl. Tat Teddy nämlich echt mal gut, zu sehen, dass er es besitzertechnisch viel schlimmer hätte treffen können als mit mir. Und nein, er muss auch jetzt nicht immer bloß im Regal sitzen. Manchmal wird er ein bisschen geknuddelt. Und es wird an ihm gerochen, er riecht nämlich nach Kindheit und Liebeskummertränen und nach allem, wonach viel beanspruchte Teddys so riechen. Und ganz manchmal bekommt er neue Anziehsachen. Früher trug Teddy wahlweise das Blümchenkleid einer sehr verhassten Puppe (die nicht lachte, weshalb ich praktisch sofort nach dem Auspacken ihren Mund mit einer Nagelschere beidseitig zu einem Lächeln verbreitern wollte, mit dem Erfolg, dass ich danach eine nichtlachende Puppe mit Schmissen im Gesicht hatte) oder einen von Oma gestrickten Overall, aber die Sachen sind schon lange kaputt. Da man ja nie so genau weiß, ob Teddy nicht doch friert, bekam er letztens einen Pullover gehäkelt, genauer: Es wurde so lange um ihn herum gehäkelt, bis etwas Pulloverähnliches entstand. Eine Hose hat er allerdings nicht gehandarbeitet bekommen – aber das ist auch nicht so schlimm, denn Teddy hat mittlerweile einen eigenen Twitteraccount (@ElqueesTeddy) und dadurch Kontakt zu anderen Teddys, die zwar schicke Oberbekleidung wie Lederjacken, aber auch alle keine Hosen haben. Ach ja, Teddy heißt natürlich im wirklichen Leben nicht Teddy, sondern anders, aber wie, das geht niemanden was an, denn auch Kuscheltiere haben das Recht auf ihre Privatsphäre. Und ich würde ihn niemals hergeben. Für nichts in der Welt.


Über jenen Twitteraccount läßt sich auch ein Bild dieses Teddys inkl. Häkelpullover finden.

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