Fat-[whatever]

Faszinierender Fail, präzise am Problem vorbei:

„Persönlich fände ich es gut, wenn es eine Bewegung gäbe, die die gesundheitlichen Gefahren von Unter- und Übergewicht anerkennt und darüber aufklärt und sich gleichzeitig dafür einsetzt, dass Menschen frei über ihren Körper entscheiden. Ich denke auch, eine wirklich freie Entscheidung ist nur mit allen Informationen möglich.“[1]

Genau bei „allen Informationen“ liegt doch das Problem, welches darüber zu diskutieren unmöglich macht. Genauer, daß es nicht um alle Informationen geht – die dürften bei sich damit jahrelang beschäftigenden weitgehend auf dem Tisch liegen -, sondern genau die kontroverse Frage, wie diese zu bewerten seien.

Scheinbar ‚objektive medizinische wahrheiten‘ werden gegen gewisse Körper in Stellung gebracht. Die Anrufung, die gesundheitlichen Gefahren anerkennen zu müssen ist genau das Mittel, gegen das gekämpft wird, um ein Stück Deutungshoheit über den eigenen Körper zurückzubekommen; freilich bisweilen mit dem Resultat ‚das Ziel ist im Weg‘.

Wiesehr scheinbar wissenschaftlich fundierte Hoffnungen (siehe hierzu z.b. diesen großartigen Artikel), durch Ernährungsänderungen das wohlbefinden zu steigern aberglaubensähnliche Züge annehmen ist ein Faß, daß hier nur gezeigt sei, aber ungeöffnet bleibt.

Nun könnten wir versuchen, „Gewißheiten“ zu isolieren, z.B., daß sich ständig über andererleute Gesundheitszustand zu verbreiten eine Form der Übergriffigkeit ist[2], das Problem bleibt dennoch: In einem Klima, in dem viele Gesundheitsprobleme unnötig auf die auffällige Abweichung „Übergewicht“ geschoben werden, ist es mindestens schwer zu beurteilen was “’gut“‘ für eins ist.3

Das wäre die erkenntnistheoretische Tücke hinter dem Problem: Es lassen sich Argumente für so ziemlich jede Position finden, daß sie bei derart umkämpften Themen keine Orientierung bieten. ‚Wissen‘ ist nichts Individuelles, entsteht immer in der Herde und da hier einiges auf Inkommensurabilität4 hindeutet, wird sich weder mit middleground, noch mit irgendwelchen unbestreitbaren „Fakten“ eine einfache Lösung finden lassen. Bleibt zu befürchten, daß sich Widersprüche gar nicht zum Höheren auflösen. Und dem Subjekt damit höchstens die Wahl bleibt, welchem bezugsgruppenbedinten Brett vor dem Kopf es sich unterordnet.5


3 Meine eigene gerade ganz gut funktionierende Lösung, auf Essen und Gewicht kein Wert zu legen, sondern Verbesserung (auch wieder so ein scheißneoliberales Konzept) des persönlichen Wohlbefindens in Kondition zu suchen – und mit jener als Kollateralnutzen auch noch ein wenig Geld zu verdienen – ist bestimmt nicht verallgemeinerbar.

4 Den üblichen Standards nach müßte an dieser Stelle eine Abhandlung mit einer oder zumindest eine Literaturliste stehen. Ätsch.

5 Und nein, wer behauptet, ganz individuell zu denken und keinen gruppenbedingten Standpunkt zu haben, vertritt meistens nur den unsichtbaren da unmarkierten Standpunkt.

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