Das Kreuz mit den Privilegiendebatten

Dieses Thema „Privilegien“ und die Frage ihrer richtigen Kritik ist kontrovers; insofern herrscht Bedarf nach mehr guten Artikeln und weniger schlechten Polemiken. Da die Kulturellepraxis dies gerade nicht zu leisten vermag, versuchen wir, wenigstens auf der Metaebene beizutragen und an dieser Stelle do-s & don’t-s vorzuschlagen, basierend darauf, was in bisheriger Lektüre an Käse unterkam.

  • Es sollte klar erläutert werden, was „Privileg“ bedeuten soll
    • Ebenfalls hilfreich: Im Blick zu behalten, was „Privileg“ bedeuten kann
    • Im falle der Rekonstruktion andererleute Verwendungen ist das principle of charity unbedingt anzuwenden
  • Klar herausstellen: Wird über verkürzte Lesarten oder das Potential einer Theoriepraxis gesprochen?
    • Wenn Ersteres der Fall ist: Wer nimmt diese Verkürzungen vor und wie verbreitet sind diese?
  • Es sollten Quellen genutzt werden, diese sinnvoll und nicht suggestiv ausgewählt, sowie offengelegt. Für diesen Artikel reden wir uns mal hierauf (sowie die dortigen Links) ‚raus.
  • Es sollte auf unnötige (küchen-)Psychoanalyse verzichtet werden: Derartige Debatten funkionieren oftmals – auch da es damit so einfach ist – über gegenseitige Unterstellungen versteckter/unbewußter niederer Motive. (z.B. „Lustfeindlichkeit“ vs. „Privilegienverteidigung“).
    • Sicherlich kann gerade in derartigen Debatten nicht die Deutungshoheit für die Motive einzelner Personen ihnen selbst überlassen werden
      • Gerade versuche, derartige Debatten durch „ich meine ja nur …“ und „die uns doch auch …“ artige Argumentationsfehler zu derailen trugen höchstwahrscheinlich massiv zur Verbreitung des Privilegienbegriffs als Gegenstrategie bei
      • Aus der ethischen Mottenkiste seien – leider mit dem äußerst problematischen Utilitarismus verbundene – konsequenzialistische Moralvorstellungen gefischt: Die Motive müssen nicht zwangsläufig ausschlaggebend zur Bewertung von Handlungen/Taten sein
      • Aus der psychologischen Mottenkiste sei die – leider mit dem äußerst problematischen Behaviorismus verbundene – Blackbox-Metapher gefischt: Wir können anderen Menschen nicht in die Köpfe sehen (und wenn doch: Es bringt nichts, wenn wir etwas über ihr Denken wissen wollen)
    • Die Psychoanalyse bietet einen mit etwas Wissen und Erfahrung gut zu bedienenden und Plausibilität erzeugenden Narrativgenerator
      • Gewarnt sei vor dem God Trick, die Psychoanalyse verleitet ganz besonders dazu
      • Oftmals kann mit einer „misanthropischen Unterstellung“ (Schulz von Thun) Kommunikation abgebrochen werden
        • Dies sei hier nicht generell bewertet, manchmal kann soetwas hilfreich sein. Nur sollten wir uns bewußt sein, es handelt sich damit lediglich um einen Zug in einem Macht-/Dominanzspiel, kein cat’s cradle (Haraway) gemeinsamer Wissensproduktion
      • Viele Ausprägungen der Psychoanalyse – auch die der Kritischen Theorie – sind heteronoramtiv und/bzw. homofeindlich. Siehe zur Psychoanalyse allgemein beliebige Lehrbücher, siehe zur Frankfurter Schule im Speziellen: Halle, Randall: Zwischen Marxismus und Psychoanalyse : Antifaschismus und Antihomosexualität in der Frankfurter Schule; in: Zeitschrift für Sexualforschung 9 (1996) S. 343-357.
      • Nahe am Kern der Theorie – also kaum durch kleinere Korrekturen behebbar – steht ein Modell unbewußter Triebe. Damit wird zumindest eine Art von Vorstellung über Begehren bzw. dessen Essenzialisierung nicht aus psychoanalytischer Theroriebildung loszuwerden sein. Welche impliziten Probleme/Ausschlüsse wir uns damit einhandeln sei am Beispiel von Asexualität verdeutlicht
    • Für die Erkenntnis, daß Motive nicht zwangsläufig bewußt und nicht zwangsläufig wie dargestellt sein müssen, sei auf Freud verzichtet – Koksen oder schreiben, eines von beidem hätte er lassen sollen – und auf den – gleichwohl nicht minder sexistischen – Nietzsche zurückgegriffen
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One Response to Das Kreuz mit den Privilegiendebatten

  1. Odradek sagt:

    Behind the Scenes:
    – Dies war ein guter Anlaß, mal meine Psychoanalysekritiken zusammenzufassen; und das dieses mal sogar ohne Foucaultzitate
    — Ein Argument für Psychoanalyse wäre, daß die Anzeichen klassischer Abwehrmechanismen – im Falle Magnus Klaues beispielsweise Projektion – zu deutlich wirken, um als zufällig abgetan werden zu können
    – Wem die Vorschläge für Privilegiendiskurse zu anstrengend wirken, empfehlen wir das bewegungsberaterische Consulting des Treitschke-Instituts
    – Implizit habe ich doch ein wenig Wissenschaftstheorie ‚druntergemixt. Um der guten Diskussion willen
    — Die Qualitätsforderungen sind – in stark reduzierter Form – durchaus wissenschaftlichen Kontexten entsprungen (Fragestellung, Forschungsstand, Fußnoten!). D.h., implizit steckt hier die Prämisse, wer etwas genau wissen will bzw. – zugegebenermaßen unter extrem großem Aufwand – mit den erfolgsversprechendsten Ansatz sich derartigen Fragen nähern will, sollte im weiteren Sinne wissenschaftliches Vorgehen versuchen
    — Hierbei ist mein Wissenschaftsverständnis stark von der Geschichtswissenschaft geprägt, allerdings immer im Versuch, Verallgemeinerungsmöglichkeiten auszuloten. Gute Argumente höchstwilkommen; Relativismusvorwürfe und Positivismusverteidigungen sind für diese Frage hingegen nicht zielführend
    – Einen eindeutig empfehlenswerten und einsteiger*innenfreundlichen Beitrag zum Thema hat die FSK-Sendung „der Computer kann alles“ geleistet; die gesamte Sendung ist auf Freie-Radios.net verfügbar, der Privilegienteil beginnt bei ca. 64 Minuten.

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