Nachlese #2: Pomo und der Rest

Wir unterbrechen die Kalauer für ein paar Fingerübungen

Tja, einige Begeisterungen, einige vernichtende „Kritiken“, letztlich keine wirklich produktive Debatte. Damit will ich nicht behaupten, der Artikel mit @sanczny und @yetzt sei ein Fehlschlag gewesen. Nur hatte er kommunikationstechnisch merkwürdige Ergebnisse. Und dabei sei offensichtliches Getrolle, welches von derartigen Themen stets angezogen wird einmal ausgeklammert. Dies war ein kollateralnutzen: Bequem die richtigen zum blocken präsentiert bekommen.

Ein paar auf Twitter aufgetauchte ernsthaftere „Kritikpunkte“ sollen hier  ‚abzuschmeckend‘ Anlaß für sein, ein paar Gedanken festzuhalten. Um die Bleiwüsten überschaubar zu halten, wurde das ganze thematisch gestückelt, der erste Teil findet sich hier.

  • „Wichtigere Probleme“

Stelle mir vor, daß Ärzt*innen keine Magenprobleme mehr behandeln, da Krebserkrankungen viel schlimmer seien. Will sagen, soetwas mag für die eigenen Prioritäten manchmal praktisch sein, als „Argument“ gegen andererleute Tun oder gar Schreiben ist es eine glatte Fallacy. Hinzu kommt, daß Nebenwiderspruchslogik eigentlich der Vergangenheit – oder Dumpfheit – angehören sollte.

Auch wenn das Framework hierfür nicht immer so klar wird – „Intersektionalität“, das große Unbekannte -, unbestrittenerweise zieht sich die Ökonomie – sagen wir einfach: Folgen der kapitalistischen Produktionsweise – durch viele Problemkomplexe. In der Betrachtung diesen Aspekt auszublenden wäre fatal.

Aber nur die Alternativen „Ausblenden“ oder „Reduktionismus“ – tertium non datur – anzuerkennen wäre auch eine glatte Fallacy (False Dilemma). Und überhaupt: Wider die monokausalen Erklärungen!

  • „Ich bin Materialist*in“, „Macht & Herrschaft sollten nicht bloß noch in sich drinnen gesehen werden“

„Materialism must be a form of idealism, since it’s wrong—too.“ —Sahlins

Polemik am Anfang: Die Denkfigur einer „Klasse an sich“ wirkt – wie so vieles von Marx – schon recht verwurzelt in der idealistischen Philosophie.

Doch Polemtik gibt es hierzu mehr als genug. Leider wird hier mit sovielen gegenseitigen Unterstellungen gearbeitet, daß Argumentieren schwierig ist, zumal unklar, ob nicht längst schon feststeht, was jeweils verstanden werden soll – d.h., wir haben es bestenfalls mit Inkommensurabilität, schlimmstensfalls mit interessierten Mißverständnisse zu tun.

Sicherlich wäre es ein Fehler, strukturelle Probleme durch reine Reflexion – „mit Deinem Geist gegen das System“ – überwinden zu wollen, sicherlich wäre es ein Fehler, Auswirkungen und/oder Ursachen von gesellschaftlichen Strukturen alleine ins Individuum zu verlegen; das ist einer der fiesesten Tricks des Neoliberalismus. Es ist nicht auszuschließen, daß dies nicht auch unter Zuhilfenahme poststrukturalistischer Theorien versucht wird. Der akademische Betrieb vermag die emanzipatorischsten Theorien zu harmlosen Untersuchungsmethoden zu zähmen (hierzu, sowie allgemein zu der Frage des emanzipatorischen Potentials des Poststrukturalismus sei allerwärmstens dieser Text empfohlen); und oftmals gibt sich der karrieristische Distinktionsgewinn als rebellisch. Das ist mit Traditionsmarxismus oder Adornismus sicherlich noch nie passiert. Gehen wir davon aus, wer will wird dies von grundsätzlichem Unbehagen mit der Gesamtscheiße unterscheiden können; es sei denn, derartige Vorwürfe dienen wiederum der eigenen Profilierung.

Auch wenn es verfehlt wäre, eine „eigentliche“ oder „ursprüngliche“ Stoßrichtung von post*Theorien zu konstruieren, sie lassen sich anders deuten als sowas; wir deuten sie anders als sowas: Es geht u.a. darum, gerade das Wirken der Struktur in dem und durch das Individuum aufzuzeigen, d.h., daß die Struktur eben nicht halt an unserer Rationalität oder unseren Empfindungen macht und nur äußerlich zwinge. Das läuft nicht auf „Beliebigkeit“ hinaus, wie es auch einige unreflektierte post*Fans glauben mögen, sondern zunächst einmal darauf, den „God Trick“ (vgl.), sich als von oben auf die Verhältnisse blickend – alles Zombies außer mir – zu imaginieren aufzugeben.

Sogesehen sollte untersucht werden, wie Subjektivierung innerhalb gegebener Verhältnisse funktioniert, wie Wissensproduktion nicht losgelöst von den Verhältnissen zu denken ist: „Ideologie“ ist weit mehr als lediglich Verschleierung des Wahren.

Das macht das Ganze komplizierter. Deal with it, die naheliegenden Lösungen waren für den Arsch.

Nochmal an einem besonders nervigen Beispiel erläutert: Die leninistische Vorstellung „objektiver Interessen“ sollte m.E. klar abgelehnt werden. Es handelt sich um den antidemokratischen Trugschluß der besten Lösung für alle – adornitisch ausgedrückt „Totalität“ -, es essenzialisiert eine Interessenslage als die einzig emanzipatorische und ihre Erkennenden/Vertretenden als Avantgarde im Namen dieser. So steckt in dieser Denkfigur vieles von dem, was den Leninismus – gerade für eine kommunistische Politik – so inakzeptablel macht.

  • Das ist doch nur eine Poly- Schrebergartenlösung

Auch wenn ich nicht für die Mitautor*innen sprechen kann oder will, es ging eben gerade nicht darum, sondern im Gegenteil, Möglichkeitsräume zu eröffnen – oder zumindest die Begrenztheit der bestehenden aufzuzeigen. Die meisten müssen sich bewegen, um zu merken, daß sie in Ketten liegen. Gerade um nicht zuviel Abstraktheit vorgeworfen zu békommen – siehe – läßt sich dies am einfachsten an konkreten Beispielen entwickeln. Wobei Poly* in diesem Fall gar nicht so prominent war; der Verdacht liegt nahe, daß gelesen wurde was erwartet war.

Ja, der „Schrebergarten“, d.h. selbstgenügsam in der eigenen hochregulierten Gruppe zu verbleiben ist immer ein Risiko, wenn sich Leute politisch organisieren wollen. Noch viel schlimmer ist die leninistische Denkfigur der „revolutionären Klasse“, also daß eine Gruppe von Menschen aufgrund irgendwelcher – identitärer? – Eigenschaften zwangläufig dazu ausersehen sind, „die guten“ oder „Träger*innen des Fortschritts“ zu sein. Nun trat „queer“ eigentlich genau mit dem Impetus der Dezentrierung an, d.h., gerade nicht eine Beziehungs- oder Begehrensform als die „eigentliche“ zu setzen. „Emanzipatorische Subjektpositionen“ können also getrost als Queerleninismus abgetan werden.

Szenigkeit gibt es in jeder Szene. Gerade deshalb liegt soviel Potential in Themen, die noch nicht erschlossen und in Fertigergebnisse eingetütet wurden, die sich leider immer wieder einschleichenden Denkgewohnheiten zu verqueeren. Speziell das hier thematisierte „(dauerhaft) kein Sex“ schien dazuzugehören. Dabei ließ sich das letztlich nur gut über Asexualität aufgreifen, denn alleine die Definitionen von Incel und Enthaltsamkeit enthalten idR. ein „Fehlen von …“ oder „Verzicht auf …“; d.h., das Problem steckt hier schon in der Definition. Hinzu kommt, daß viele dies thematisierende Betroffenen auch zu häufig Vollhonks sind. D.h., so lange Asexualität noch nicht – wie Magnus Klaue schonmal vorsorglich behauptet – queerer Mainstream ist, sondern teils Zone der Unbewohnbarkeit, bietet dies Sprengkraft: Den Universalitätsanspruch eigener Denk-, Fühl- und Lebensweisen anzukratzen. Und darum sollte es bei solcher Denkerei doch eigentlich gehen.

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