Nachlese #1 Das Didaktik Dilemma

Wir unterbrechen die Kalauer für ein paar Fingerübungen

Tja, einige Begeisterungen, einige vernichtende „Kritiken“, letztlich keine wirklich produktive Debatte. Damit will ich nicht behaupten, der Artikel mit @sanczny und @yetzt sei ein Fehlschlag gewesen. Nur hatte er kommunikationstechnisch merkwürdige Ergebnisse. Und dabei sei offensichtliches Getrolle, welches von derartigen Themen stets angezogen wird einmal ausgeklammert.

Ein paar auf Twitter aufgetauchte „Kritikpunkte“ sollen hier  ‚abzuschmeckend‘ Anlaß für sein, ein paar Gedanken festzuhalten. Um die Bleiwüsten überschaubar zu halten, wird das ganze thematisch gestückelt und am Ende zusammengefaßt.

#1 Es fehlen die Anknüpfungspunkte „mit den Menschen da draußen“. D.h., der Text sei „zu akademisch“.

Letztlich könnten wir den alten Horkheimer strapazieren, daß „konstruktive Kritik“ immer einen gewissen Rahmen affirmiert, welcher aber auch kritisiert gehört. D.h. unmittelbare Anwendbarkeit oder Anschlußfähigkeit funktioniert nur unter Prämissen, die kritisiert gehören. Alles Zweifelhafte ist anzuzweifeln!

„Zu akademisch“ ist hier in sofern ein merkwürdiger Einwand, alsdaß alle Beteiligten einen gewissen Abstand zur Uni haben, einige gehen sogar „nützlichen“ Tätigkeiten nach. Gleichwohl gewisse akademische Vorkenntnis sicherlich herauszulesen sind. Doch war mir die Idee stets zuwider, für eine abstrakte Masse von Durchschnittsmenschen zu sprechen/schreiben; die wirklich interessanten Leute bleiben bei derartigen Vorstellungen auf der Strecke. Um nicht zu sagen: Antiintellektualismus ist mir zuwider. Hinzu kommt, daß auf Dauer ausschließlich für Publikum mit geringem Vorwissen zu texten zu einer gewissen Art der Denkfaulheit führt.

Nach dem Principle of Charity ein stichhaltiges Argument suchend, dann das, daß hier (welches „hier“ eigentlich, gleichwohl durch Hyperlinks oftmals Decodierungshilfen angeboten werden, Insiderscherze Markenzeichen der Kulturellenpraxis!) massiv Übersetzungsarbeit für Leute mit wenig Vorwissen hätte geleistet werden können. Also noch mehr unbezahlte Arbeit.

Hinzu kommt aber ein Problem, welches „Paradigmengebundenheit“ genannt sei. Nach Kuhn wachse Wissen nicht immer akkumulativ, lediglich in Phasen der s.g. „Normalwissenschaft“, in denen eine Art Probleme zu sehen und lösen – „Paradigma“ genannt, da an Lösungsbeispielen erlernt – unhinterfragbar herrscht. Auch Fleck würde eine Denkstilgebundenheit jeglicher Forschung annehmen, aber diese Denkstile in einem permanenten Prozeß der Verschiebung sehen, sodaß er die Vorstellung akkumulativen Wachstums noch konsequenter zurückweist:

„Wissenschaften wachsen nicht wie Kristalle durch Apposition, sondern wie lebende Organismen, die jede oder fast jede Einzelheit in Harmonie mit der Ganzheit entwickeln.“
–Fleck, Ludwik: Wissenschaftstheoretische Probleme; in: ders.: Erfahrung und Tatsache : Gesammelte Aufsätze mit einer Einleitung; hg.v. Schäfer, Lothar; Schnelle, Thomas; Frankfurt/M 1983; S. 128-146; S. 129.

D.h., wenn mit „Vorwissen“ nicht Rahmen des Denkens (Paradigma/Denkstil) gedacht wird, sondern lediglich zusätzliches Wissen in einem unsichtbaren Denkstil gemeint ist, hilft auch Übersetzungsarbeit nicht. Dann es ist ein Irrtum der Akkumulationstheorie des Wissens, daß Unverständnis schlimmstensfalls komplizierter, bestenfalls komplexer Sachverhalte nur eine Frage des Vorwissens sei. Oder allgemeiner ausgedrückt: Es ist falsch anzunehmen, daß einfaches Begreifen lediglich eine Frage des Vorwissens sein müsse.

Einfach und kurz ausgedrückt werden kann nur das, was nahe-liegend ist. Nun wäre es ein durchaus legitimer Einwand, innerhalb gewisser Denkstile einfach zu fachsimpeln, d.h., die Gedanken paradigmenimmanent keine Tiefe hätten und deshalb für alle, die mit der Materie vertraut sind zu einfach wären. Doch die – leider auch in universitären Kreisen um sich greifende – „zu akademisch“ Denkfigur funktioniert entgegengesetzt und versucht, als übergeordneten Denkstil eine Art Alltagsverstand in Stellung zu bringen. Der beliebte Denkfehler, Mangel an Kenntnis mit Unvoreingenommenheit zu verwechseln. Da ließe sich zunächst fragen: Wessen Alltagsverstand eigentlich? Die Vorstellung von Massen der Normalen(tm) auseinanderzunehmen ist mir hier zu trivial. Falls irgendwelche Zweifel herrschten: Im konkreten Fall ging es darum, daß gewisse Vorstellungen leider hegemonial sind und versucht wurde, diese ein Stück weit aufzubrechen.

Was auf ein Problem der Hochschullandschaft verweist – wenn schon zu akademisch, dann richtig. Merkwürdigerweise Parallel zu Unterwürfigkeit, Autoritäten und Hierarchien für nicht hinterfragbar zu halten, treten einige fordernd auf, als hätten sie ein Anrecht auf Ignoranz (Beispiele). Wer also eine mangelnde Geduld gegenüber Unverständnis wahrnimmt: Bedankt Euch bei den Honks, welche Ignoranz als Unwissen tarnen. Hinzu kommt die zeitgemäße Forderung, zu Lernendes müsse einfach und umittelbar praxisrelevant sein.

Was sind die Ursachen?

Zunächst einmal universitäre Strukturen; und damit sind durchaus auch ökonomsiche gemeint. Bei der Einführung von Studiengebühren wurde behauptet, die Studierenden hätten als Kund*innen mehr Rechte. Nun sind in Hamburg die Studiengebühren zwar wieder abgeschafft, daß die Studierenden als Kund*innen einer Ausbildung, nicht Mitglieder einer Bildungseinrichtung gesehen werden ist dadurch ungebrochen.

Was die Nutzbarkeit von Wissen angeht: Auch wenn queer häufig Neoliberalismus vorgeworfen wird, hier könnten wir den Spieß umdrehen, denn ein gewisser Materialismus zeigt sich in diesem Fall durchaus kompatibel zu um sich greifender kapitalistischen Verwertungsrationalität, während alte idealistische Bildungsideologien auch Freiräume für Linkes bedeuten konnten.

Eine weitere mögliche Ursache wäre der Trend zum Auswendiglernen unter permanentem Druck und Zeitdruck. Da ist wirklich Kompliziertes nicht vorsehbar und Lernen zu aufwändig. Interessanterweise könnte dies in einen Teufelskreis führen: Da unter Druck zu lernen kein tiefes Verständnis hervorbringt, werden einfach die Anforderungen, wieviel zu lernen ist hochgesetzt. Problematischerweise gehen also durch Versuche, sich dem Druck der Anforderungen zu entziehen – ein gutes Pferd spring nicht höher als es muß – weitere verbliebene Freiräume möglicherweise verloren; use it or lose it.

Veränderungen im Schulsystem mögen einen Anteil haben, hier fehlt mir der Einblick. Lediglich daß problematische Verständnisse von Pädagogik – inkl. Methoden- und Machbarkeitsglauben – Teil des Problems sein könnten sei als These festgehalten. Beispiel hierfür wäre der um sich greifende Begriff der „Motivation“: Ob die Pädagogikopfer durch Druck oder pädagogische Übertölpelung zum erwünschten Verhalten gebrachten werden ist nur ein Scheingegensatz.

Möglicherweise Ursache, möglicheweise Symptom, jedenfalls guter Kristallisationspunkt ist das Feedback-Ritual. Feedbackgebende sollen anonym sein oder zumindest darf auf ihre Eingabe nicht geantwortet werden. D.h., Meinungen und Erwartungen in der Sprecher*innenposition d* Feedbackgebenden sind nicht zu hinterfragen und gelten als relevant, wenn gehäuft auftretend. Und somit gilt das Wohlbefinden der Mehrheit relevanter, da messbarer – Positivismuskritik, anyone? -, als solch diffusen Absichten wie beispielsweise „Lernen“.

Das Problem daran ist somit, dieses bedenkliche Problem einerseits nicht hinzunehmen – nicht mitzuspielen -, andererseits aber dennoch nicht komplett an jeglichem Publikum vorbeizuarbeiten. D.h., möglichst nur die Ignorant*innen vor den Kopf stoßen und möglichst viele Interessierte anzuregen; beispielweise dadurch, nicht zu wenig Übersetzungsarbeit zu leisten.. Das Dilemma zieht sich bis in solche Textungen.

tl;dr:

  • Nicht alles sollte einfach sein
  • Einfachheit ist nicht immer eine Frage des Vorwissens
  • Übersetzungsarbeit ist Arbeit, also von ehrenamtlichen Schreiber*innen schwer einforderbar
  • „Alltagsverstand“ ist kein neutrale oder allgemeinverbindliche Sprache
  • Feedbackkultur ist ein Kristallisationspunkt einer (auch akademischen) Kultur der Ignoranz
  • Es ist ein Dilemma, einerseits nicht am Publikum vorbeiarbeiten zu wollen, andererseits diese Kultur der Ignoranz nicht nachgeben zu wollen
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One Response to Nachlese #1 Das Didaktik Dilemma

  1. […] Ein paar auf Twitter aufgetauchte ernsthaftere “Kritikpunkte” sollen hier  ‘abzuschmeckend’ Anlaß für sein, ein paar Gedanken festzuhalten. Um die Bleiwüsten überschaubar zu halten, wurde das ganze thematisch gestückelt, der erste Teil findet sich hier. […]

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