Ordnung des Wissenschaftsdiskurses

Offenbar qualifiziert in vielen diskursiven Kontexten Physik dafür, un-(bzw. nicht relevant)widersprochen im Namen DER Wissenschaft (Familienähnlichkeit anyone?) sprechen zu dürfen.

Philosoph*innen ärgert daran selbstverständlich am meisten, daß sie von Leuten, die sich kein solides wissenschaftstheoretisches Grundwissen erarbeitet haben und statt Überblick über andere Wissenschaftsbereiche Halbbildung, Erkenntnisversprechen  und Verabsolutierung ihres Wissenschaftsverständnisses präsentiert bekommen (vgl.). Wenn das Ganze noch in der Behauptung gipfelt, in der Wissenschaft komme es ja nicht darauf an wer etwas sage, sondern wie die Qualität des Gesagten sei, ist unklar, on gelacht oder geweint werden soll.

Doch ist das ganze noch viel problematischer. Letztlich handelt es sich um eine Ideologie, ein bestimmtes Verständnis von Physik zum eigentlichen zu erklären, den Rest zum Anderen zu machen. Da läßt sich die Dialektik der Aufklärung live bestaunen, zum einen reagieren viele, wenn sie die Grenzen jenes Wissenschaftsideals erkennen damit, das Kind mit dem Bade auszuschütten und nicht diese Wissenschaftlichkeitsvorstellung konkret, sondern „Wissenschaftlichkeit“ abstrakt zu negieren. Zum anderen gerinnt hier vor unseren Augen die Aufklärung zu ihrem eigenen Mythos und wird zu nur noch einem weiteren Glaubenssystem.

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4 Responses to Ordnung des Wissenschaftsdiskurses

  1. Phaidros sagt:

    Da es außerhalb formaler Systeme niemals eine bessere Einheit als die Einheit der Familienähnlichkeiten (oder des Rhizoms, was ziemlich ähnlich ist) geben wird, finde ich die Redeweise von *der* Wissenschaft naiv, aber nicht tragisch. Tragisch ist natürlich der Versuch, die Methoden der Physik in andere Fächer hineinzutragen, ohne zu erkennen, dass sich die Methoden dann ändern müssen. Es gibt aber einen Punkt, an dem der Physik überaus großer Respekt zu zollen ist und wo sie tatsächlich als Vorbild für alle anderen Wissenschaften dienen muss: Es ist ihre Fähigkeit, Theorien fallen zu lassen. Wohlgemerkt: Ich spreche nicht davon, Theorien als falsch zu erkennen, sondern bloß darüber, Theorien aufzugeben. Ich wünschte manchmal, Kolleg*innen würden nicht immer versuchen, alles um jeden Preis argumentativ zu retten, sondern könnten Unsinn auch manchmal einfach Unsinn nennen. Das ist wenig an sich, aber für die wissenschaftliche Praxis ist es sehr viel und schon alles, wo die Physik uns als Vorbild dienen sollte.

  2. Odradek sagt:

    Trockenere Zusammenfassung: Der doppelte Fehler (naiver Auffassungen) des Positivismus ist: Einerseits Physik als einziges Vorbild für Wissenschaftlichkeit, andererseits ein bestimmtes Bild vom Funktionieren der Physik absolut zu setzen.

    Gerade das macht btw. Ludwik Fleck so interessant: Zur Hoch-Zeit des Neopositivismus die Medizin als wissenschaftstheoretisches Beispiel ins Gespräch zu bringen und auf die sozialen Aspekte der Wissensproduktion hinzuweisen.

  3. Fritz sagt:

    In Abwandlung eines Wortes von Hans Eisler könnte man sagen: Wer nur was von Philosophie versteht, versteht auch davon nichts.

    Philosophische Wissenschaftstheorien sind für Naturwissenschaftler relativ uninteressant, da sie nichts mit wirklicher Forschung zu tun haben.

    Ausnahme ist lediglich Quine.

    „The basic conception of philosophy and philosophical practice that informs his discussion of science is commonly know as naturalism, a view that recommends the “abandonment of the goal of a first philosophy prior to natural science” (1981, 67), which further involves a “readiness to see philosophy as natural science trained upon itself and permitted free use of scientific findings” (1981, 85) and lastly, recognizes that “…it is within science itself, and not in some prior philosophy, that reality is to be identified and described” (1981, 21).

    These remarks indicate that Quine rejects the view that philosophy maintains some distinctive perspective, or type of knowledge that distinguishes it from science, and which could further serve as a independent standpoint from which to critically assess or ground the methods and procedures found in science. Consequently, he recommends the pursuit of philosophical issues from within the available resources of the empirical sciences themselves.“

    http://www.iep.utm.edu/quine-sc/#H2

    Im übrigen ist der hochnäsige Ton dieses beitrages völlig unangemessen. Da hat jemand Wittgenstein und Foucualt gelesen und meint, er könne über Physik urteilen. Lachhaft.

    • Odradek sagt:

      Das schöne an solchen Artikeln ist, daß sie immer die Spitze eines Eisberges sind; zu den ‚rausgeflogenen Sachen zählten

      – Duhem-Quine-These
      – Fachsimpel sind auch ihren Fächern Simpel
      – Die meisten Physiker*innen verstehen soviel von Wissenschaftstheorie soviel, wie Fische von Aquadynamik

      Und vielleicht ist von der Philosophie zu sprechen fast so schräg, wie von der Wissenschaft. Den Rant über unmittelbar Verwertbares spare ich mir an dieser Stelle mal. Nur der Hinweis, daß mit normativer Wissenschaftstheorie ohnehin Vorsicht geboten ist; spätestens seit Sir Karl „philosophy of science fiction“ vorgeworfen wurde.

      Denn im Gegensatz zu jenem sollte gute Wissenschaftstheorie sicherlich die untersuchten Felder genauer betrachten. Annahme eines standpunktlosen Standpunkts („God Trick“) gehört auf auch auf die Liste der hier so geliebten Positivismuskritiken. Foucault lesen reicht btw. nicht, Diskursanalyse ist anzuwenden.

      Doch eine solche Herangehensweise an Wissenschaft wäre ein weiterer Grund dafür, besser nicht – zumal aus einem Fach – im Namen der Wissenschaft zu sprechen. Denn sogesehen untersuchen wir entweder spezielle Einzelwissenschaften – im Zoo finden wir kein Tier, welches „Tier“ heißt – oder ein vor- bzw. außerwissenschaftliches Verständnis von Derwissenschaft(tm). Wobei dieses allerdings auf die Einzelwissenschaften zurückwirken könnte.

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