Einkaufen in Schland

Abends begab ich mich zum Supermarkt meiner Wahl – d.h., dem einzigen, der zu jener Zeit noch geöffnet hatte – und bekam an der Kasse ungefragt eine mysteriöse Packung in die Hand gedrückt. Auf der Rückseite steht lediglich, daß der Inhalt für Kinder unter 36 Monaten nicht geeignet sei. Nun die Vorderseite betrachtend stellt sich heraus, für mich auch nicht:

Unser Deutschland Eine Liebeserklärung in 180 Stickern! 5 Sammelsticker Gratis!*

WTF?!? Und ja, das schreit nach einer Parodie, bedenken wir zumal, daß sich die als solche dokumentierten Nazi-Morde seit 1990 in dieser Größenordnung bewegen.(1)

Kommentar zu „Gratis!*“ überflüssig, zumal die Homepage der Supermarktkette das Ziel, irgendwelchen Tand zu verticken kaum mit Pseudo-Quizshow-(Halb)Bildungsgelaber verschleiert. Welche Positionen durch welche Art von Bildungskanon fest- & fortgeschrieben werden soll hier nicht ausgewalzt werden. Interessanter ist in diesem Zusammenhang, daß der Inhalt als „Sticker“, nicht als „Aufkleber“ bezeichnet wird. Soll dies eine Distanzierung von Deutschnational(ist)en und Neonazis sein, die sich – Maskulisten nicht unähnlich – der Reinhaltung der deutschen Sprache verpflichtet fühlen? Oder zeigt es lediglich, daß hier sogar habituell nationalistische Ideologie die der kapitalistischen Rationalität untergeordnet ist?

Der Inhalt besteht wenig überraschend aus einigen Stickern, etwa 5x7cm groß. Bei den meisten handelt es sich um Ausschnitte größerer Bilder, die Motive sind also höchstens zu erahnen. Dann ein Berliner Wappen; denke „Berlin hat Deutschland zu dem gemacht das es mal war“ –Ekel Alfred. Auf einem soll wohl ein „Ritter“ (der erste Eindruck entspricht der Aufschrift auf der Rückseite) zu erkennen sein; welch ein Glück, daß wir historische Ritter nicht mehr fragen können, ob diese sich deutsch fühlten und mir ist gerade entfallen, welche Weltanschauung ihre Vorstellung von „deutsch“ bis in tiefste Vergangenheit projiziert hat. Zuguterletzt ein Glitzeraufkleber – nach queerem Identitätsgedöns sollte ich das doch eigentlich mögen – abgebildet wird ein „Deutscher Schäferhund„.

Aber das interessanteste Bild befindet sich auf der Packung: Hintergrund bildet ein in Schwarz-Rot-Gelb gehaltener Umriß aktueller Grenzen der BRD (sollte mal bei gelegenheit lernen die Kartennetzentwürfe bei sowas zu unterscheiden), im Vordergrund ein Gartenzwerg, ein Fußball, ein Teddybär [?], ein Apfel, eine Goethe-Briefmarke und eine weiblich lesbare, wahrscheinlich minderjährige (Werbung an Kinder richten, ich find’s so dreckig, aber wenigstens sparen wir uns so die Anspielung auf die zweite Strophe) blonde, weiße Person, Schwarz-Rot-Gold in Gesicht und um Hals tragend, mit erhobenen Armen. Irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als würde blond-weiß-ableoide (inkl. Gewicht nahe an der Norm) Körper mit „Deutschland“ assoziiert.

Heimwärts gehend sehe ich, ein Flakscheinwerfer strahlt wieder vom Hochbunker, dieses mal gen Osten.

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One Response to Einkaufen in Schland

  1. Odradek sagt:

    Es war eine Steilvorlage, endlich hat sie jepserd realisiert: Schwarz-Rot-Toll

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