Deutsche Verhältnisse überall

Häufig sind die Probleme schlimm genug. In vielen Fällen stellen aber die angeblichen Lösungen ein mindestens genausogroßes Problem dar.

Beispiele ließen sich (zu) viele finden. Wäre eine ehrenvolle Aufgabe, nach solchen zu suchen und bottom-up von diesen zu arbeiten. Gute Autor*innen sind uns stets willkommen 🙂 Nehmen wir stattdessen mal pars Prototo eine schöne Formulierung von 17grad: „Wie läßt sich in Deutschland wieder die soziale Frage stellen, ohne daß sie falsch beantwortet wird“.

Adornit*innen fühlen sich an dieser Stelle schlauer – Zyniker*innen mögen spekulieren, ob nicht genau dies ein Teil des geschilderten Problems sei -, zum einen mit dem der autoritären Persönlichkeit; ein Aspekt dieser ist der inhaltsleere Aktionismus:

„Er [der autoritäre Charakter] will um jeden Preis angebliche, wenn auch wahnhafte Realpolitik betreiben. Er denkt oder wünscht nicht eine Sekunde lang die Welt anders, als sie ist, besessen vom Willen doing things, Dinge zu tun, gleichgültig gegen den Inhalt solchen Tuns. Er macht aus Tätigkeit, der Aktivität, der sogenannten efficiency als solcher einen Kultus, der in der in Reklame für den aktiven Menschen anklingt.1

Das ließe sich btw. auch gut low-level poststrukturalistisch angehen, die Anrufungen an das Erwerbstätigkeitssubjekt, sich als fleißig, engagiert, frustrationstolerant usw. darzustellen, bzw. die Negativfolie von Faulheitsdiskursen unter die Lupe zu nehmen. Problem ist, wenn Diskurs nicht nur Sprache ist, sondern auch damit verzahte Praktik beinhaltet und nicht nur auf der Seite der Anrufungen untersucht werden soll, sondern auch das Wirken in/bei Subjekten, artet sowas in schwierige Arbeit aus.

Vielleicht kann hier eine Art Konservatismus – im Sinne von Skepsis gegenüber Änderungen – sogar hilfreich sein. Sozialdarwinist*innen würden hingegen eine weitere Verbreitung von gefährlichen Gegenständen wie Waffen anstreben, um das Problem evolutionär aus der Welt zu schaffen.

Zum anderen mit dialektischen Denkfiguren. Etwas zu negieren dreht nicht einfach nur den Wahrheitswert eines isolierten Satzes um, wie es sich die logitistische Philosophie erhofft, sondern stärkt damit immer auch Prämissen des Kontextes, aus dem die Negation möglich ist. Extrembeispiel: Mit Verneinung statt Zurückweisung der Frage „Have you stopped beating your wife“ ist nichts Wesentliches gewonnen. Zum anderen die Tendenz von – scheinbaren – Gegensätzen, ineinander umschlagen zu können; klassisches Beispiel wäre die Dialektik der Aufklärung, welche selbst wiederum zum Mythos zu werden droht (Doppelsinn beabsichtigt). Dies ließe sich auch dekonstruktivistisch angehen: Der Gegensatz existiert dadurch, daß zwei Begriffe durch wechselseitige Abgrenzung hervorgebracht werden und mit einer Wertigkeit versehen.

Zurück zur praktischeren – und nervigeren – Seite des Problems. Wir haben also das Problem, daß die Arbeitsideolgie sinnlosen Aktionismus nahelegt; dieses überkreuzt sich mit Denkfallen wie u.a. False Dilemma aus solchen kategorialen Systemen nicht ‚rauszukommen. Extrembeispiel wäre, auf Mißerfolg nur mit more of the same reagieren zu können. Hinzu kommt die antiintellektualistische Tendenz, häufig das Abgelehnte/’Kritisierte‘ nichteinmal verstehen zu wollen, entsprechend verkürzte/problematische Reaktionen vorprogrammiert. Nicht zu vergessen das Problem von Standpunkten, also Politik nicht als Wechselspiel von Interessen zu sehen, sondern das Richtige für alle(tm) oder noch schlimmer: Mehrheiten anzustreben; nur ist das nicht demokratisch, sondern totaliär. Wobei in Standpunkten zu denken auch Sollbruchstellen/Fallstricke – wohlgemerkt keine Mußbruchstellen/Fangnetze – hat. Sei es, Wirkweisen von Sprache/Ideologie/Subjektivierung zu unterschätzen, sei es, ein Partikularinteresse mit Allgemeininteresse gleichzusetzen, sei es, Standpunktverortung(smechanismen) zu essenzialisieren/festzuschreiben, sei es, philosophischen Überbau für Szenenasigkeit zu liefern.

Auch wenn wir es hier mit einem Problemkomplex zu tun haben, der sich wohl der Art nach Patentlösungen entzieht, erinnern wir uns, „Kritisch“ heißt, den Rahmen des Funktionierens in Frage zu stellen2 und für jedes komplexe Problem gibt es eine einfach und leichtverständliche Lösung: Die Falsche.


1. Adorno, Theodor, W.: Erziehung nach Auschwitz; in: ders.: Gesammelte Schriften Bd. 10.2 : Kulturkritik und Gesellschaft; hg. v. Tiedemann, Rolf; Frankfurt/M 2003; S. 674-690, S. 676. (online verfügbar)

Vorsicht: Nostalgieanflug mit Inflation des langweilistmöglichen Wortes („ich“). Irgendwie ist es diskursiv intelligibler über die schlechten Lehrer zu lästern, als die anerkennenswerten zu sprechen. So häufig als Laberfach verstanden, mein Philosophieunterricht hatte in der Schule rückblickend mehr philosophische Momente als manch eine Philosophievorlesung (in your face, Anatuellen). Zum einen wäre da mein philosophisches Aha-Erlebnis zu nennen, einen Einführungstext in den „Radikalen Konstruktivismus“ in die Finger bekommen zu haben (online nicht verfügbar; wobei den geneigten Leser*innen – die ungeneigten mögen sich gehackt legen – sowohl aus Gründen der Philosophie wie der Unterhaltsamkeit eher Heinz von Foerster zu empfehlen wäre); bei aller Kritik an Ernst von Glasersfeld mittlerweile, Antiessenzialismus bleibt mir ein Anliegen. Zun anderen der Epic Moment, als nach Platons Kriton-Dialog (der zum Tode verurteilte Sokrates weigert sich – eine philosophische Lektion erteilend – zu fliehen, denn es wäre Unrecht) der mit „Menschen, die blind in Kollektiv esich einornden“ beginnende Absatz aus Adornos „Erziehung nach Auschwitz“ ‚reingereicht wurde. Einzige philosophische Geste ähnlichen Stils ließ sich vor Ewigkeiten im Philocaphé beobachten. Ein Komilitone – die Nietzsche Fraktion btw. und deshalb asap aus Hamburg abgedampft – las aus dem Anfang von Rousseaus „Der Gesellschaftsvertrag oder die Grundsätze des Staatsrechts“ und spielte im Anschluß „Lieber Staat“.

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