Humorloser Kommentar zu „Atom vs. Kern“

Geistreich, nerdig, witzig, eigentlich könnte der Artikel so stehenbleiben. Doch aus selbsterteiltem Bildungsauftrag doch noch mal ein paar humorlose Überlegungen dazu. Eigentlich eher Prokopius‘ Thema, der jedoch leider erwerbsarbeitsbedingt dafür ausfällt.

In den 50ern scheint das Präfix „atom-“ bzw. „atomic-“ für Technologien, die radioaktive Zerfallsprozesse nutzen gebräuchlich gewesen zu sein. Allerdings mit Erstarken der Gegenbewegung wurde dieser Begriff negativ (Assoziation „Atombombe“) belegt. Weshalb die befürwortenden jener Technologien zu „kern-“ bzw. „nuclear-“ überschwenkten, während die Gegner*innen beim „Atom“ blieben.(1) Das wirkt wie eine aktive Abesetzungsbewegung von einer erfolgreichen Begriffsaneignung, wenn nicht gar eine sprachliche PR-Maßnahme.

Und hier geraten wir ins Dilemma: Gesetzt „Kern-“ sei physikalisch wie sprachlich die eindeutig die schönere Lösung, haben wir es immernoch mit einem ideologisch gefärbten – nämlich für diese Technologien – geprägten Begriff zu tun. D.h., ihn nutzend rückt uns sprachlich in die Nähe dieser Positionen. Dann noch die große Frage, wie Sprache als ideologietransportierendes Medium funktioniert. Beispiel: „Wahlcomputer“ statt „Wahlmaschinen“ hat möglicherweise politische Auseinandersetzungen an der Begriffswahl vorentscheiden. Oder das Riesenfaß geschlechtsneutraler Formulierungen …

Bei „Kern-“ liegt das Problem aber v.a. in der – häufig unbekannten – Begriffsgeschichte. Die Nutzung des ‚Anti-AKW-„Atom-„s‘ paßt hingegen hervorragend in das – leider nicht immer unzutreffende – Cliché, daß Atom/Kern-Kraftgegner*innen keine Ahnung von der Materie hätten. Vielleicht Grund genug, nicht mehr von „Atom-“ zu sprechen.

Greifen wir mal willkürlich in den sprachphilosophischen Werkzeugkasten. Wittgensteinianisch könnten wir sagen, die Bedeutung folgt aus der Verwendung und nicht umgekehrt. Also ergibt der wikipedianische Ansatz, kleinlichst nach der „richtigen“ Bedeutung zu suchen wenig Sinn, zumal dieser damit historischem Wandel unterliegt, wie Praxis und Kontext der Verwendung. Nicht daß es nicht unglaublich praktisch sein kann, mit klarem Werkeug, statt – schlimmstenfalls changierenden – Begriffswolken zu operieren und die Totalität funktionierender Kommunikation sicherlich kein Grund ist, die Verwendung nicht weiter zu untersuchen. Weitergraben können wir etwa diskurstheoretisch: Welche historischen Schichten, politischen Konstellationen, Einschreibungen usw. sind sedimentiert. Mit dem Kollateralnutzen, daß gute Geistes-/Kultur-/Sozial-Wissenschaftler*innen Positionierungen häufig bereits an sprachlichen Feinheiten erkennen können (sollten).

Diese ganzen Untersuchungsarten ändern aber nichts an der entscheidenden Frage: Welches Wort sollten wir jetzt also nutzen? Was meint Ihr?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s