Geschichtsphilosophie leider mal wieder

Zugegebenermaßen, bisweilen hat Deutschlandfunk sonst im nicht-freien Rundfunk die anspruchsvolleren Beiträge. Folgender gehört nicht dazu und demonstriert, daß auch der Niveaukeller jener Debatte noch Falltüren hat:

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1857910/

Der Autor Stenke[rer] umschreibt Butler als „theoretisierende Lesbe“1, sowie den „Umkreis der Zeitschrift ‚Jungle World'“ als „’sogenannte antideutsche Antifaschisten2 – im Klartext: Steinzeitkommunisten“.

Wenn die bürgerliche Ideologie des 18. Jahrhunderts nicht begreift, wiesehr der Marxismus des 19. Jahrhunderts ein Kind der Moderne3 ist und daß ein Unterschied zwischen menschenverachtenden Formen des Leninismus (Anfang 20. Jahrhundert) und Adornismus (Mitte des 20. Jahrhundert) besteht und obwohl letzterer beknackte Bemerkungen einer Vertreterin des Poststrukturalismus (Ende 20. Jahrhundert) für den Kampf um philosophische Deutungshoheit nutzte, genießen wir einen Augenblick ersteinmal die Ironie, jetzt, dank der nichtlinken Presse doch mit den Adornit*innen in einem „extremistischen“ Boot zu sitzen; und zwar einem Narrenschiff4.

Nicht daß wir Fortschrittsmythen nicht gerne dekonstruieren – und nicht, daß wir nicht gerne mit doppelter Verneinung arbeiten -, doch sollte Deutschlandradio glauben, unsere (d.h.: Die „kritischetheoretisch-poststrukturalistische Querfront“) theoretischen wie physischen Waffen wären Faustkeile, haben sie sich geschnitten …

Angesichts derartiger bürgerlicher Geschichtsphilosophie – eine solche, gleichwohl auf deutlich höherem Niveau, sei auch manchen Frankfurtern angekreidet – greifen wir auf moderne – nicht steinzeitliche, aber dennoch problematische – Psychoanalyse zurück und bemerken, daß Zweifel an „wissenschaftliche[r] Verträglichkeit der Butler’schen Diskurspirouetten“ eine astreine Projektion angesichts solch epochaler Purzelbäume ist. Deshalb entsinnen wir uns auf die 80er und rufen entschlossen: NO FUTURE. Und auf die 70er und fügen hinzu: FOR YOU!


1 Die Kulturellepraxis hofft, daß sich schnellstmöglich ein Verein unter diesem Titel gründet.
2 Die Bezeichnung SAD (sogenannte Anti-Deutsche) dürfte allerdings auf 17grad zurückgehen.
3 „Der Marxismus ruht im Denken des neunzehnten Jahrhunderts wie ein Fisch im Wasser.“, Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge; Eine Archäologie der Humanwissenschaften; Frankfurt/M (8)1989; S. 320.
4 Foucault, Michel: Wahnsinn und Gesellschaft; Frankfurt/M 1973; S. 25.

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One Response to Geschichtsphilosophie leider mal wieder

  1. […] indessen redet sich weiter(1) um Kopf und Kragen; wiegesagt, wird standpunkttheoretisch alles nicht so heiß gegessen wie teilweise gekocht. Wobei es aus […]

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